Sonntag, 18. März 2018

Wirrwar in den Kleinherrschaften am Vorabend des 30-jährigen Krieges (von C.A.)


Marisfeld



Wir lesen in den Henneberger Heimatblättern 7/1928: "Der katholische Herr, Adam Melchor, Marschalck von Ostheim, dem damals das Rittergut zu Marisfeld gehörte (heute Kreis Hildburghausen), suchte, wegen eines Schafknechts, im Jahr 1615 beim kaiserlichen Kammergericht in Spayer, seine Rechte als Reichsfreiherr gegenüber der evangelischen Hennebergischen Regierung zu Meiningen durchzusetzen. Denn, ob Schafknecht oder Adelsperson, auf keinen Fall durfte der Meininger Staatskanzler in dem, der Justizhoheit des Herrn v. Ostheim unterstehendem Gutsbezirks in Marisfeld, eine Amtshandlung vornehmen lassen. Mit bewaffneter Hand und auf gewalttätiger Weise, durfte niemand in Marisfeld einfallen, einen dortigen Untertanen beleidigen, ihn schädigen, pfänden, fangen oder vertreiben. Ein Reichsfreiherr von fränkischem Adel brauchte sich auf seinem Rittergut dergleichen nicht bieten zu lassen."
Was war geschehen ?
Dem Reichsrecht schnurstracks zuwider, hatten sich die Herren von Meiningen „angemaßt“, einen Schafknecht, der beim Marisfelder Schäfer diente, in Ehesachen nach Meiningen zu zitieren. Da der Knecht auf solche widerrechtliche Aufforderung hin nicht erschien, vielmehr sagen ließ, „wer etwas von ihm wolle, solle ihn bei seiner ordentlichen Obrigkeit zu Marisfeld suchen,“ hatten sie ihn durch ausgeschickte Hennebergische Häscher nachts auf einem Feld, auf Marisfelder Territorium im Schafpferch überfallen und mit Gewalt herausgeholt, als wäre er ein großer Übeltäter. Durch einen Landsknecht wurde er mit Stricken hart gebunden und nach Dillstädt gebracht. Hier hat man ihn im Wirtshaus sogar in Ketten geschlossen, ins Amt Kühndorf und dann nach Meiningen geführt, hier in einen Turm geworfen und niemand zu ihm gelassen.
Fron im Schatten der Bur

Der Gebietsherr von Marisfeld war über einen solchen schnöden Eingriff in seine Hoheitsrechte entrüstet. Sofort verlangte er vom Meininger Amt die Freilassung seines Schafknechts – ohne Erfolg. Er wiederholte sein Gesuch mehrmals schriftlich; es erfolgte keine Antwort. Der Schafknecht wurde längere Zeit in Meiningen gefangen gehalten, wurde aber vom Gericht in Meiningen schließlich freigesprochen, weil die Angaben der ihn beschuldigenden Magd als unrichtig befunden wurden. Der Schafknecht, nun aus der Gefangenschaft entlassen, musste trotzdem zwei Gulden und fünfzehn Kreuzer Gerichtsgebühren bezahlen. Auch das wollte die Obrigkeit von Marisfeld nicht hinnehmen.
Das angerufene kaiserliche Kammergericht zu Speyer gab der Marisfelder Obrigkeit in einem richterlichen Schreiben Recht, rügte noch besonders, „daß die Gefangennahme des Schafknechts an einem Feiertag, zu Peter und Paul, vorgenommen worden sei, womit in die geistlichen Vorschriften des Ostheimer- bzw. Marisfelder Gebiets frevelhaft eingegriffen worden sei.“ Die Henneberger Regierung in Meiningen sollte sich deshalb vor Gericht verantworten.
Nun wandten sich die Meininger Schutz suchend an ihre Regierung, den Kurfürsten von Sachsen, und alsbald erging vom Kurfürsten die Aufforderung an das Gericht, die Gerechtsame des fürstlichen Hauses Sachsen zu beachten und er erkannte eine Fehlhandlung und Verantwortung des Meininger Amtes nicht an.
Der Streit hatte von Anfang an auch einen kirchlichen Beigeschmack, weil hier evangelische und katholische Widerspenstigkeiten aufeinander trafen. Der Marschalck von Ostheim war katholisch geblieben und wollte seinen Glauben auch bei seinen Untertanen in seinem Herrschaftsgebiet – dazu gehörte Marisfeld - beibehalten bzw. durchsetzen. Die Hennebergischen Oberkonsistorialräte (= kirchliche Oberbehörde) waren deshalb am Ausgang des Streits stark interessiert, weil sie Marisfeld als zum evangelischen Gebiet gehörig betrachteten. Das Gericht, vor das der Schafknecht in Meiningen zitiert worden war, war aber das geistliche evangelische Ehegericht. Es hatte den Schafknecht beschuldigt, Georg Lotzens Tochter Martha zu Benshausen, die Ehe versprochen und nicht gehalten zu haben. Und deshalb hatte das geistliche Konsistorium den Schafknecht Walter Eckhardt von Oberkatz vor das kirchliche Gericht zitiert, auch den Herrn von Ostheim mehrmals aufgefordert, den Beklagten nach dem Hennebergischen Ehegericht zu schicken, aber Herr und Knecht hatten Widerstand geleistet.
Landleben im Mittelalter

Der Gutsherr ließ durch seinen Vogt in Marisfeld dem Pfarrer z.B. das Verlesen der Gerichtsladung von der Kanzel verbieten und verbot den Superintendenten zu Schleusingen, den Pfarrer in Marisfeld dazu anzuhalten. Der adlige Herr war nämlich auch katholischer Kirchenpatron auf seinem Gebiet und fühlte sich berechtigt, eventuell die Kirche zu schließen und den Schlüssel an sich zu nehmen, wenn die evangelische Geistlichkeit in seine Herrschaftsrechte eingriff. Auch in seinem Schreiben an die Hennebergische Regierung in Meiningen wird in diesem Zusammenhang vom bedrohten „Religionsfrieden“ geredet. Die Spannungen, die sich nach der Reformation zwischen Katholischer- und evangelischer Kirche aufgebaut hatten, waren ganz eindeutig in diese Auseinandersetzung eingeflossen.
Beim ersten Verhandlungstermin vor dem Kammergericht in Speyer argumentierten die Meininger wie nachfolgend beschrieben:
"Das Hennebergische Konsistorium bestritt dem Herrn zu Marisfeld das oberste Kirchenrecht, denn die Grafen zu Henneberg hätten einst auch in diesem, zwischen den Ämtern Kühndorf und Themar gelegenen Gebiet, das jus patronatus wie die jura Episcopolia (= Schirmherrschaft bzw. bischöfliche Aufsicht) inne gehabt. In Kirchen-und Ehesachen sei stets von Meiningen aus auch in Marisfeld die Aufsicht geführt worden. Das Konsistorium hatte deshalb den Befehl erwirkt, den Schafknecht im Felde bei der Herde oder sonst wo auszuheben, zu verwahren und nach Meiningen zu schaffen. Auf dem Gebiet des Amtes Kühndorf sei es gelungen, den Widerspenstigen habhaft zu werden."
Von ihrem Rechtsvertreter, Sebastian Wolff, wurden auch alle Akten in Kopie vorgelegt, aus denen hervorging, dass der Abt vom Kloster Veßra schon seit früher Zeit das Visitationsrecht in Kirchen-und Ehesachen zu Marisfeld ausübte und das dies durch Befehl des Kurfürsten auf die Hennebergischen Konsistorialien übergegangen und mit der Reformation evangelisch geworden sei. Sie wollten außerdem mit einer Urkunde von Anno 1578 beweisen, dass die Marisfelder Kirchen-und Schulbestellungen der Grafschaft Henneberg übergeben worden sei." Wolff wurde also mit einem umfangreichen Schriftmaterial über Fälle der bisherigen kirchlichen Herrschaft im Hennebergischen ausgestattet.
Ostheim

Aber auch der Marschalck von Ostheim war nicht müßig und stöberte in seinem Gutsarchiv etliche alte Urkunden auf. So ausgerüstet gingen die bestellten Rechtsvertreter in Speyer mit scharfen Waffen aufeinander los. Der Marisfelder Herr begab sich sogar persönlich mit seinen Urkunden zu seinem Advokaten nach Frankfurt, um ihn den Rücken zu stärken. Am 11. April 1616 erging vom Gericht der Bescheid, dass die Rechtsvertreter der beiden Seiten erneut vor Gericht zum nächsten Termin am 5. Mai zugelassen seien und dass alsdann die Streitsache entschieden werde. Aber beim „Wollen“ blieb es auch, denn einig wurden sich die Parteien nicht und auch das Gericht fand, entgegen seinen Vorstellungen, so schnell keine Entscheidung.
Inzwischen entbrannte in Marisfeld ein neuer Streit, der die ganze nähere Umgebung erregte. Der adelige Grundherr begann eigenmächtig einen katholischen Kirchenbau, ohne sich um die Kirchenbehörde zu scheren. In der ganzen Grafschaft Henneberg ging das Geschrei, die Bauern sollten mit Gewalt zu Fronleistungen beim illegalen Kirchenbau in Marisfeld herangezogen werden. Auch hieß es, am Tag „Peter und Paul“, der nach der Reformation im Hennebergischen als Festtag abgeschafft worden war, dürften die Bauern in Marisfeld nicht auf den Feldern arbeiten, da der Marschalk von Ostheim „Peter und Paul“ als Feiertag weiterhin auf seinem Gebiet beibehalten hatte. Nun wurde auch der Kurfürst in Sachsen erneut in diese Auseinandersetzung einbezogen, ohne dass damit eine Klärung der Zuständigkeiten herbeigeführt werden konnte und rein gar nichts war auch in Speyer entschieden worden. Der Konflikt ging weiter und inzwischen hatte auch der Hass unter den einander bekämpfenden Religionen in ganz Europa zugenommen.
Kleines führt zu Großem

Und so kam der 23. Mai 1618 heran, der alles auf den Kopf stellte. Was in Meiningen und Marisfeld, also in einem kleinen Herrschaftsgebiet schwelte, entlud sich zu diesem Zeitpunkt in Europa in einer mit politischen und kirchlichen Konflikten geladenen Atmosphäre in einen Krieg, der 30 Jahre dauern sollte. Während die 40 Millionen Bauern, auf denen das Gefüge der Zivilisation damals ruhte, ihre Felder bestellten, ihre Garben banden (oder eben ihre Schafe hüteten) und sich nicht darum kümmerten, was ihre weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten in ihren Residenzen für Machtspiele inszenierten, braute sich über ihren Köpfen das Unheil zusammen. So flog am oben genannten Datum in dieses Explosionsgemisch die Kriegsfackel hinein, alles ging in Flammen auf und das Schwert entschied und nicht mehr der Gänsekiel.
Was sagt uns das für heute?

Dienstag, 13. März 2018

Stadtilm - ein spätbronzezeitliches Siedlungszentrum am kontinentalen Urweg?

Stadtilm zwischen unscheinbar wirkenden Bergen
2018 feiert Stadtilm 750 Jahre Ersterwähnung. Da kann man gleich mehrfach gratulieren: einmal wäre da das mittelalterliche Jubiläum selbst, andererseits wegen des außergewöhnlichen Geschichtsverständnisses dort. Die kleine Thüringer Stadt gehört zu den ganz wenigen Kommunen in Deutschland, die ihre Historie aus vorschriftlicher Zeit überhaupt in Erwägung zieht: In der Stadtchronik wird auf die urnenfelderzeitlichen Scherben auf dem Haunberg nebenan vergewiesen (1200 bis 700 v. Chr.). Ich kann den Stadtilmern versichern, der Haunberg ist wahrscheinlich nur ein winziger Teil spätbronzezeitlicher Höhensiedlungen, von denen es um die Stadt herum geradezu wimmelt. Darauf weisen Flurnamen, Schanzen, Wälle, Gräben, Hohlwege und große Hügelgräber hin. Doch der Reihe nach.
Maps-Karte früher Relikte um Stadtilm
Zur Illustration habe ich eine Karte bei Google-Maps entwickelt: „Stadtilm in der Spätbronzezeit“ (Bitte Markierung anklicken). Wenn man diese in einem zusätzlichen Browser-Fenster hier „daneben“ legt, hat man eine schöne Übersicht. Obwohl ich nur relevante Relikte verwende, ist deren Konzentration um Stadtilm herum bemerkenswert. Hintergrund scheint der urzeitliche Fernweg von Italien nach Skandinavien gewesen zu sein, der hier die Ilm gefurtet haben muss. Der reicht entsprechend den archäologischen Funden am Weg bis in die Zeit der ersten Bauern um 4500 v. Chr. zurück. In Schleswig-Holstein heißt er Ochsenstraße, dann Alte Heerstraße, in Niedersachen wird er als eine der vielen Salzstraßen identifiziert, durch Thüringen führt er als sog. Kupferstraße, in Franken wurde er zum heutigen Keltenerlebnisweg ausgebaut und als Vorgänger der römische Via Claudia Augusta zieht er von Donau-Wörth über die Alpen bis ins etruskische Altinum an der Adria (ab 800 v. Chr. belegt).
Bsp. Ochsenkarren, mindestens seit 4000 v. Chr.
Stadtilm - ein frühzeitliches Zentrum an einem prähistorischen Fernweg? Lächerlich? Bei wissenschaftlichen Autoren, wie Michael Köhler, kommt die Stadt fast gar nicht vor. Bernd Bahn, ausgewiesener Kupferstraßenexperte, legt die einzelnen Wegestränge der Kupferstraße östlich und westlich von Stadtilm, auf die Trassen Erfurt-Arnstadt-Oberhof bzw. Weimar-Rudolstadt-Neuhaus am Rennweg. Er vergisst dabei aber scheinbar die jeweilige zeitliche Zuordnung zwischen 4500 vor und vielleicht 500 nach der Zeitrechnung. Nach den Mustern, wie solche Trassen über lange Wasserscheiden angelegt wurden, muss es mehrere Hauptstränge gegeben haben. Man findet z. B. generell alle 20 Kilometer, dem Tagespensum eines Ochsenkarrens, frühzeitliche Befestigungen. Außerdem tauchen Hohlwege auf, die nicht auf den bekannten mittelalterlichen Trassen liegen. Dazu kommen Hinweise von Flurnamen, Gräberfeldern und Menhiren an Kreuzungen, die während der Christianisierung von Kreuzen abgelöst wurden. Wenn man die bekannten großen und bereits neolithisch besiedelten Fixpunkte „Steinsburg“ bei Römhild im Süden und „Monraburg“ auf der Schmücke bei Beichlingen nimmt, und sie mit Zwangsführungen über Höhenrücken durch Thüringen verbindet, zeigt sich:


  1. Der bekannteste Strang der Kupferstraße zieht über Erfurt, Arnstadt zur Steinsburg bei Römhild. Dabei kreuzt er den Rennsteig - ebenfalls ein prähistorischer Fernweg par excellence (Siehe entsprechender Post in diesem Blog). Der Oberhofer Pass ist aber erst seit Kupferzeit (3000 v. Chr.) belegt. Die wichtigste Befestigung auf dieser Strecke, die Alteburg bei Arnstadt, endet aber in der Urnenfelderzeit (Späte Bronze).
  2. Die Strecke über Rudolstadt könnte zwar die älteste sein, führt aber als Umweg zu weit nach Osten und hatte eher die Urwege in Ostfranken zu bedienen (Siehe Post „Urwege durch Franken“). Möglich war aber auch eine durch Wachstationen begleitete „Rückführung“ dieses Zweigs auf den unter 1. genannten Kontinentalweg (hier eingezeichnet). Diese Route zwingt aber zusätzlich zum queren der, gegenüber der Ilm, viel breiteren Schwarza bei Rudolstadt. 
  3. Der effektivste, weil kürzeste und am wenigsten steilste Weg am Thüringer Wald führt die Reisenden - zumindest in der Urnenfelderzeit - durch unsere Stadt und Furt an der Ilm. Im weiteren Verlauf steigt sie über Wasserscheiden nach Neustadt am Rennsteig hoch oder nimmt die Abkürzung über Altenfeld. Weiter gelangte man an den Oberlauf der Werra bei Harras , nachgewiesen seit 4000 v. Chr. oder bei Hildburghausen-Bedheim, seit der frühen Eisenzeit besiedelt. An der ganzen Strecke gilt die 20-Kilometer-Regel für prähistorische Stationen (Siehe Posts „Kupferstraße“ und „Keltenerlebnisweg“). Im Mittelalter wurden Teile dieser Strecke noch als Hanseatische Straße von Nürnberg über Erfurt nach Hamburg genutzt.
Urne mit typischer Steinpackung
Die Begrenzung „Urnenfelderzeit“ ist dabei so wichtig, weil damals ein Klimakollaps um 1200 v. Chr. mit Dauerregen unsere Täler und Niederungen unpassierbar gemacht haben soll. Klimaforscher und Archäologen beschreiben die Flussauen in Europa nach 1200 v. Chr. als praktisch menschenleer.
Der mäanderreiche Abschnitt der Ilm, wie er heute noch rechts und links der Stadt anzutreffen ist, muss aber gute Furten angeboten haben. Und egal welchen Namen die Urstraße damals getragen haben könnte, die tiefen Hohlwege aus dem Ilmtal heraus zum Schweinskopf oder Haunberg hoch sprechen Bände.
Die archäologisch nachgewiesenen Wegestationen vor und nach Stadtilm wären dann im Süden der Singener Berg - mindestens seit der Bronzezeit besiedelt und 20 Kilometzer weiter im Norden der Riecheimer Berg - ebenfalls seit der Bronzezeit belegt.
prähistorischer Singener Berg
Damit haben wir auch die besten Beispiele, wie solche Wallanlagern ausgebildet waren: Einmal den spitzen Kegel mit seinen Ringschanzen, der andere ein typischer Abschnittswall, als mehrfach verriegelte Bergnase. Von diesen aus ging es dann weiter zu den spätbronze- sprich urnenfelderzeitlichen Höhensiedlungen um Erfurt (Katzenberg, Herrenberg, Domhügel etc.).
Solche prähistorischen Sicherungsposten wurden immer nach dem gleichen Prinzip angelegt: trockene, sicherungsfähige Anhöhe, Weitblick, künstlich abgeflachte Kuppe, übersät mit flachen Bruchsteinen (u.a. ehemalige Pfostensteine für die Hütten), rundum führende Schanzkanten, oft mit Resten von Trockensteinmauern (wahrscheinlich für Palisaden), die im Gegensatz zu den darunter liegenden Feldterrassen nur als solche Sinn machen, dazu eine hoch liegende Quelle und gleich nebenan ein Gräberfeld. Durch diese Muster kann man solche Befestigungen auch finden, wenn sie nicht archäologisch erkannt wurden. Diese Highlights menschlicher Siedlungsarchitektur müssen aber, jeden Höhenunterschied meisterhaft ausnutzend, von sehr vielen Menschen über mehrere Jahrhunderte angelegt worden sein. Um Stadtilm finden sich dutzende solcher vergessener Anlagen.
Beispiel Schanzen und Terrassen an früher Befestigung
Denn zum typischen Bild der Urstraßen gehörte auch, dass eine Furt auf beiden Seiten eines Flusses zusätzlich durch Befestigungen gesichert war. Bei Stadtilm scheinen dazu nicht nur einzelne Bergkuppen okkupiert worden zu sein, sondern ganze Plateaus. Das sind die Hochflächen um den „Großen Hund“ und den „Schweinsberg“. Jede einzelne hier heraustretende Bergnase müsste entsprechend eine befestigte Höhensiedlung getragen haben, jedes Tal zusätzlich abgesperrt gewesen sein. Dazwischen lagen die Felder. Solch eine Form der „Rundum-Kollektivverteidigung“ von Höhenzügen findet sich alleine in Thüringen ein halbes Dutzend Mal und wurde um Erkenbrechtsweiler in Baden-Württemberg wissenschaftlich nachgewiesen. Hier um Stadtilm aber sind die künstlichen Deformationen viel besser zu erkunden, weil sie im Mittelalter nicht überbaut wurden. Sogar die Flurbezeichnungen sprechen Bände, benannt von den ersten Germanen, die hier eintrafen, als die Erbauer bereits nach Süden gezogen waren. Später wurden die Namen verschliffen und verballhornt. Nach all dem wären die Befestigungen um den Großen Hund:
Haunberg mit sog. Abschnittswällen
  1. Der Haunberg natürlich, mit jenen Tonscherben aus der Spätbronzezeit, zwei rundum führenden kleinen Schanzkanten, flachen Wallresten und 2 kleineren Steinhügelgräbern, die zwar angegraben, aber wie rekonstruiert aussehen,
  2. der Edelmannskopf mit Ölberg als typische bronzezeitliche Kombination von Siedlungs- und Kultplatz, mit großen Schanzen, Steinwällen und Terrassen,
  3. der Kaffenberg über der Saline mit deutlichen Resten eines Abschnittswalls nebst Graben,
  4. die Höhe um den „Spitzen Hügel“ als wahrscheinlich noch ungeöffnetes, Hügelgrab, dass von der Größe her dem berühmten Fürstengrab von Leubingen Konkurrenz machen könnte.
    künstlicher Erdaufwurf: Spitzer Hügel
    Es ist lediglich ein künstlicher Erdaufwurf zu erkennen - der sonst geologisch notwendige Felsen fehlt. Hier scheint archäologisch der interessanteste Platz zu sein. Daneben reihen sich weitere Großsteingräber auf, die aber wegen der außen liegenden großen Bruchsteine schon geplündert sein dürften.
  5. Am Döllstedter Berg finden sich die größten erhaltenen Steinwälle, die am stärksten mit „Fremdsteinen“ übersäten Schanzkanten (nach Norden und Osten), sowie die meisten typischen Altsteinbrüche. Über letztere wird noch zu sprechen sein.
  6. Auch der südlich davon gelegene Sperlingsberg weist einen starken flachen Wall und Altsteinbruch auf.
  7. Selbst das heftig geneigte Loh scheint ein Abschnittswall gewesen zu sein. In den oberflächlichen Steinansammlungen dort fand ich trotz Schnee eine zerbrochene aber typische steinerne Malschale.
  8. Der Große Hund selbst könnte auch befestigt gewesen sein, die Struktur ist aber verschwommen.
  9. Weitere gesicherte Höhen werden auf Luftbildern wie Google-Earth sichtbar: in den Feldern zwischen Läuseberg und Eichberg über Geilsdorf und auf der Höhe zwischen Döllstedt und Nahwinden.
Keine Hinweise habe ich auf dem Weinberg Richtung Kalm entdeckt; wahrscheinlich war der Höhenrücken zu schmal.
Der nun gegenüber dem Großen Hund liegende Schweinskopf über der Ilm ist zwar weniger schroff strukturiert, zeigt aber immer noch deutlich mutmaßliche befestigte Bergsporne an:
Schweinskopf mit Schanzen und Terrassen
  1. Der Schweinskopf selbst, mit Schanzen, Terrassen und dem typischen Magerrasen. Einige Biologen begründen diesen Bodentyp über Kalkstein mit alter landwirtschaftlicher Überbeanspruchung.
  2. Der stark künstlich aabgeflachte Weinberg, in der Altwegeforschung hundertfach abgeleitet vom indogermanischen Way, als Weg- oder Wagenberg, mit Feld- und Schanzterrassen und wieder Magerrasen,
  3. der Sperlingsberg im Westen mit deutlichen Schanzen und Feldstufen,
  4. die Berge Katzenzahl und Osterberg über Großhettstett, deutlich mit Steinwällen zum dahinterliegenden Berg abgesichert, vielleicht das Kitztal als Zugang bewachend,
  5. und der Meichlitzer Berg, mit seinen Schanzen.
  6. Weitere sicherungsfähige Höhen sollten sich um das „Große Holz“ gruppieren, die später frühmittelalterliche Burgen getragen haben sollen („Gommerstedt“, „Wahl“ und einen Burgwüstung südlich von Witzleben)
Beispiel eines noch aufrecht stehenden Dolmengrabes
An allen den eben genannten Siedlungsverdachtsplätzen finden sich mutmaßliche Gräberfelder, bestehend aus „geordneten“ oft noch kreisrunden Bruchsteinhaufen, die als willkürliche Ansammlungen von „Lesesteinen“ aus der Bodenbearbeitung keinen Sinn machen. An anderen Stellen liegen „körpergroße“ Einzelsteine, immer mehrere konzentriert zusammen. Manche sind einfach in der Furche verblieben, andere wurden scheinbar bewusst an den Feldrain gezogen. Von der Anzahl her und ihrer Größe entsprechen sie durchweg den sog. Dolmengräbern aus megalithischer Zeit.
Am spannendsten aber finde ich jene schmalen kerzengeraden Rinnen, jeweils bis auf halbe Höhe von Edelmannskopf, Haunberg und „Spitzer Hügel“, die weder einem Bachlauf, Hohlweg oder Altbergbau zugeordnet werden können. Solche Kerben diskutiert man anderen Orts als Schlittenspuren (im Stein „Felsengleise“) für den Trinkwassertransport (Domberg in Suhl, Odilienberg in Frankreich, Meca in Spanien). Auch um den Großen Hund herum beginnen diese Kerben erwartungsgemäß an potentiellen Quellen und enden am ersten mutmaßlichen Schanzring. Auffallend sind auch Flurnamendopplungen auf beiden Anhöhen: Sperlingsberg, Weinberg, Kaffenberg, Osterberg, Katzenberg. Deuten sich hier die Beziehungen zwischen den jeweiligen Bewohnern an?
Kopfschmerzen bereiten mir allerdings die Altsteinbrüche auf Döllstedter Berg, Sperlingsberg nebenan und Eichberg. Normalerweise wurden allerorts die Trockenmauern der Spätbronzeschmiede (ab 1200 v. Chr.), der Hallstadtsiedler (ab 800 v. Chr.) und später der La Tene-Kelten (ab 500 v. Chr.) von den ersten fränkischen Steinhäuslebauern ab 800 jetzt unserer Zeit abgeräumt. Erst trug man die herrenlosen Steinwälle ab und als die zur Neige gingen, grub man sich in die Tiefe. So entstanden die meisten frühen Altsteinbrüche. Deshalb sind auch 80 Prozent aller nachgewiesenen Höhensiedlungen durch solche Abbaugruben „angeknappert“. An manchen Wallanlagen baggert man da heute noch rum (Dietrichsberg neben Öchsen in der Rhön). Das alles kann aus archäologischen Indizien oder alten Urkunden erschlossen werden. Nicht so am Großen Hund. Keine Unterlagen in der Stadt, kein Hinweis auf Bergbau, kein Abtransport von Material. Die ausgehobenen Gräben scheinen 1 zu 1 als Wall dahinter wieder aufgeschichtet worden zu sein.
Trockenmauern im Altsteinbruch am Döllstedter Berg
An manchen Stellen sieht man sogar noch kleine Trockenmauern (Döllstedter Berg). Das verrückte aber: Dieses Wall-Graben-System verläuft exakt an jenen Stellen, wo der ebene Übergang von der mutmaßlichen Siedlung zum dahinter liegenden Berg abgesichert werden musste. Haben wir die alten Verteidigungsgräben und -wälle der Urnenfelderleute gefunden? Dann wären sie aber unvollendet. Oder sind es deren Steinbrüche? Irgendwoher müssen die ja auch ihr Material bekommen haben. Ich wage es gar nicht zu glauben: das wäre einmalig und überhaupt sehen die Anlagen so aus, als wären sie vorgestern erst verlassen worden.
In diesem Stil geraten zu den oben genannten Bergsiedlungen auch andere Hügel im Umfeld von Stadtilm unter Siedlungsverdacht: Kleiner Kalm am Kalmberg, Herrenberg, Arlsberg, Willinger Berge, Husarenberg, typischerweise wieder unter einem Altsteinbruch.
künstlich stark abgeflacht: Weinberg
Neben unserem prähistorischen Urweg muss es weitere Alttrassen um Stadtilm herum in West-Ost-Richtung gegeben haben, darauf deuten Namen wie Hohes Kreuz und Morgenleite sowie das Kreuz am Maichlitzer Berg hin. Logisch wäre sogar eine „Vorgebirgsverbindung“ zwischen den drei Strängen der Kupferstraße. Diese Trassen sollten zu Altwegekreuzungen mit unserem Nord-Süd-Kontinentalweg auf dem Schweinskopf und am Kaffenberg bei Zeppelinmühle geführt haben. Schon deswegen muss es dort mustergültige Wachen gegeben haben. Die beiden extremen Hohlwege von Stadtilm nach Wüllersleben hoch, könnten hingegen aus dem Mittelalter stammen. Es wäre der kürzeste Weg nach Erfurt, allerdings durch ein paar Senken. Einige wahrscheinlich ebenfalls frühmittelalterliche Wüstungen auf den Höhen um Stadtilm zeigen das wankelmütige Siedlungspotential hier an (Maichlitz, sowie Rotenhaus zwischen Geilsdorf und Großliebringen ).
Hohe Terrassen und Schanzen um Stadtilm
Weiterhin beeindruckt die hohe Zahl von Flur- und Ortsbezeichnungen, die für unser „deutsches“ Ohr fremd klingen, oder von unseren germanischen Vorfahren ab etwa 100 v. Chr. verballhornt worden sein müssen. Linguisten sind sich nämlich einig, dass Haupt- oder Bestimmungswörter wie Hund, Katze, Hahn oder Schwein als Ortsnamen unlogisch sind. Im Gegensatz zu den Namensforschern aber, die oft genug im Trüben fischen müssen, benutze ich gerne gleichlautende Nennungen, die anderenorts im deutschsprachigen Raum mit archäologischen Funden in Zusammenhang gebracht werden können:

  • Döllstedt - vergleiche z. B. Döllberg über Suhl mit „Heidnischem Grab“
  • Katz- tausendfach in topografischen Karten anzutreffen - vergleiche Oberkatz mit bronzezeitlichem Wünscheberg
  • Loh - vergleiche dutzende Lohs, wie der Hohe Loh über Suhl, als Heiliger Ort auch bei M. Köhler
  • Kaffenberg - vergleiche Kaffenburg, ganz in der Nähe über Barchfeld (unter den 5 übereinander liegenden Befestigungen wird wohl auch eine frühzeitliche gelegen haben)
  • Ellichleben - vergleiche Ellenbogen, Altstraßenkrümmungen bei Oberweid, Wiesbaden und Erlangen
  • Tännreisig - vergleiche später überbauten Schlossberg über Tännes
  • Kleiner und Großer Hund - vergleiche mehrere „Hundsrück“ als Höhenwege in Thüringen und Rheinland-Pfalz
  • Spielberg - vergleiche dutzende Spielberge, z. B. die bronzezeitliche Schanze über Neustadt bei Nordhausen
  • Singener Berg - vergleiche Singen im Hohentwiel, mit bedeutender frühbronzezeitlicher Kultur.

Magerrasenabhänge am Weinberg
Das alles nun deutet auf heftige Umtriebigkeit der Spätbronzezeitler um Stadtilm herum hin. Was war davor, was danach? Singener und Richheimer Berg scheinen auch schon davor besiedelt gewesen zu sein. Während der klimatischen und gesellschaftlichen Umbrüche um 1200 v. Chr. könnte es einen starken Völkerzustrom aus Norden und Westen in der Region gegeben haben. Deshalb dieser ungewöhnliche Ausbau! 700 Jahre später - so die Archäologen - trieben wieder Unbilden im Norden die Menschen nach Süden und Westen. Auch Kelten und Germanen! Die meisten Siedlungen wurden ohne Kampf verlassen und die Höhen dienten ab vielleicht 100 v. Chr. als Felder für die langsam entstehenden germanischen Dörfer im Tal (Hermunduren, Thüringer, Franken). Nach den Erkenntnissen der Flurnamenforschung müssen die aufgegebenen Schanzen damals noch als „Rodungen“ erkennbar gewesen sein (Bestimmungswort „Rot- oder Rode“).
Sicher können - ohne archäologische Grabungen - einzelne Interpretationen hier meinem Eifer geschuldet sein. Eher aber glaube ich, dass Einheimische noch viel mehr versteckte Merkmale kennen. Solche alten Siedlungszentren gibt es im Freistaat sonst nur um Erfurt, Gotha, Weimar, Jena, Gera, und eben um die Monraburg im Norden und die Gleichberge im Süden. Alle älter als 3200 Jahre! Nach Erkenntnissen der Theoretischen Archäologie kann sich die kleine Stadt an der Ilm hier nun einreihen! Demnach wäre um 500 dann, nach der Völkerwanderung, die Kommune aus der notwendigen Infrastruktur an der Furt entstanden. Dort ist aber längst alles überbaut. Ich empfehle den Bürgern und Gästen der Stadt, sich die Hinterlassenschaften unserer Altvorderen auf den Bergen ringsum schnell noch einmal anzuschauen. Denn die Neuzeit setzt ihnen böse zu. Nachdem die Landwirtschaft für Großflächen schon so manchen Wall geschliffen hat, werden aktuell die Schanzen im nördlichen Bereich des Haunberges von einem Forstwirtschaftsbetrieb gnadenlos zusammengefahren. Kein Archäologe weit und breit, um dem Einhalt zu gebieten.
Und nun? Sollen die Stadilmer ihr Jubiläum ändern? Keine Angst! Menschen brauchen greifbares, Schriftliches, Gemäuer. Für Prähistorisches interessiert sich sowieso nur einer von 100.000. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Feiern!

Dienstag, 6. März 2018

Slawische Siedlungen in der Grafschaft Henneberg (von C.A.)

Östlich der Saale werden ab 550 Slawen identifiziert
Nach dem Untergang des Thüringer Reiches um 531 lässt sich seit Mitte des 7. Jh. eine stärkere Einbeziehung Thüringens in das Fränkisch-Karolingische Reich an Hand von archäologischen Funden ablesen. Im Gegensatz zur Siedlungsentwicklung im Thüringer Becken erfolgte in Südwestthüringen – also in unserer Gegend - ein staatlich gelenkter fränkischer Landesausbau. Mit der systematischen fränkischen Landnahme entstanden hier neue Ortschaften, die mit den bestehenden Ansiedlungen in das fränkische Verwaltungssystem einbezogen wurden. Diese Eingliederung führte nicht nur zu einer strafferen politischen Ordnung, Hand in Hand damit ging auch eine zunehmende Christianisierung der Bevölkerung, die allerdings anfangs nur die adelige Oberschicht erfasste. Im 9. Jh. führte der ausgedehnte Grundbesitz der Klöster Fulda und Hersfeld, der Abteien Bamberg und Würzburg im Südthüringer Raum und in Franken zur Ausbildung geistlicher Grundherrschaften, welche die politische und ökonomische Entwicklung wesentlich mitbestimmten. Seit der Mitte des 8. Jh. wurde das noch gestärkt durch Schenkungen, die einflussreiche Grundbesitzer an die Kirche vornahmen und die dadurch immer mächtiger wurden. Neben Grund und Boden gehörten dazu auch ganze Dörfer, wie z.B. 784 Milz, 785 Jüchsen und auch andere, die meist an Würzburg verschenkt wurden.
Im 13. und 14. Jh. wird die politische Entwicklung Südthüringens wesentlich durch die Grafen von Henneberg und die Herren von Frankenstein bestimmt, die in dieser Zeit zu großem Einfluss gelangten. Mit der Herausbildung des niederen Adels und der damit verbundenen Entstehung von Kleinherrschaften, versuchten diese mit planmäßigen Rodungen und Ansiedlungen ihren Machtbereich weiter auszubauen. Gleichzeitig werden in der klassischen Zeit des Burgenbaus neben größeren Grafenburgen wie Burg Henneberg, Frankenstein, Osterburg, Straufhain usw., auch eine große Anzahl von kleineren Anlagen errichtet, wo die Herren wohnten oder sich bei Gefahr zurückziehen konnten. Zum Schutz der Bevölkerung wurden neben Wehrkirchen, die sich aber nur reiche Ortschaften leisten konnten, auch Dorfbefestigungen angelegt, die aus Gebäuden, Wall-und Graben, festen Zäunen und Hecken oder aus einer Kombination von allem bestanden..
Unterschiede gab es eigentlich nur in der Sprache
Bei den Neugründungen von Ortschaften griff man bald auch auf slawische Bevölkerungsgruppen zurück. Vor allem die Mönche von Fulda zogen slawische Hörige und Kriegsgefangene heran. Das ist nunmehr auch durch archäologische Ausgrabungen und aufgefundenen schriftlichen Nachweisen bestätigt worden. Lange Zeit wurde unter Heimatforschern und Autoren noch heftig darüber gestritten, welche Ansiedlungen slawische Wurzeln haben. Aber auch nicht immer konnte beim Öffnen von Gräberfeldern z. B. in Bad Salzungen, Brattendorf, Poppenwind, Reurieth, Wallrabs, usw., an Hand von Geweberesten in jedem Fall entschieden werden, ob es sich um deutsche oder slawische Siedler handelt, die dort beigesetzt worden waren. Die Grabungen bestätigten jedoch, dass die ethnische Zugehörigkeit bei der Anlage und Nutzung der damaligen Friedhöfe gar nicht so im Vordergrund stand, weil die Bestattungsplätze von einheimischen deutschen als auch von zugewanderten oder ins Land geholten slawischen Bevölkerungsgruppen genutzt worden sind. Historisch bezeugte Slawen sind weiterhin in zahlreichen Orten des oberen Werragebietes und der Rhön in Schenkungsurkunden des 8./9. Jh. an das Kloster Fulda genannt, z.B. in Bibra, Henfstädt, Steinbach, Kloster Rohr und anderen Orten. Schriftliche Quellen sichern weiterhin deren Anwesenheit für das Ende des 10. Jh.. in Reurieth, wo nach 1186 ein slawischer Ortsteil bezeugt ist. Und schließlich lassen sich aus den Ortsnamen mit -...winden -, slawische Siedlungen erschließen. Slawen wurden in der Hauptsache zwischen dem 9. und 11. Jh. in den fränkisch-thüringischen Grundherrschaften angesiedelt.
Die archäologische und historische Grenze verlief 
weit östlich vom Henneberger Land
Für das 7. bis 8. Jahrhundert hat auch der Autor E. Fritze den slawischen Einfluss im Werratal von Eisfeld bis Salzungen als überwiegend hingestellt, in dem er die Burgen und befestigten Kirchen in den Dörfern damit erklärt, dass das Werratal noch lange als eine Art Militärgrenze gegolten habe. Slawische Siedlungen, so Fritze, wie Heid bei Eisfeld, wird 795 urkundlich als „in Slavis“ erwähnt, Wallrabs bei Hildburghausen, 908 als Walchrameswinda bezeugt und auch Sigritz verraten sich durch ihre Namen, die auch in rein slawischen Gegenden vorkommen. Im oberen Schleusegebiet wurden in noch späterer Zeit durch die Henneberger Grafen versklavte Slawen angesiedelt: Graf Poppo II. z.B. gründete Oberwind und Poppenwind als reine slawische Ansiedlungen. 
Manche Autoren schossen auch bei ihren Hinweisen auf slawische Siedlungen über das Ziel hinaus. So auch der Coburger Rektor Joh. Christian Tomae. In einem Vortrag über „Schleusingen und die Schleus“ versuchte er 1912 den Namen Slusungen (Schleusingen) vom Namen des slawischen (wendischen) Stammes der Sliusler abzuleiten. Der Stamm war zwischen der unteren Mulde und der Elbe angesiedelt und versuchte, wie andere slawischen Stämme auch, in Richtung Westen vorzudringen. Der slawische Druck ging ja noch am Anfang des 12. Jahrhunderts bis unmittelbar an die Grenze des Grabfeldes heran, da das obere Maingebiet bis etwa Bamberg von den Wenden besetzt war (Mainwenden).
Schleusingen als mittelalterliche Residenz
Tatsache ist jedoch, dass Schleusingen keine slawische Gründung ist und der Name Schleusingen oder Slusungen, wie die Stadt am Anfang genannt wurde, aber auch gar nichts mit den o.g. Sliusler zu tun hat, obwohl der Gedanke nicht neu ist. Schon vor über 200 Jahren hat der Kurfürstliche Sächs. Historiograph Wilhelm Ernst Tentzel – ein Geschichtsgelehrter - allen Ernstes „es als zweifellos hingestellt, dass Schleusingen vom slawischen Stamm der Sorben gegründet worden ist,“ Auch weiteren Ansiedlungen, wie z,B. Suhl und auch Gethles dichtete er einen slawischen Ursprung an. Seine Argumente sind jedoch längst widerlegt (Siehe auch den Beitrag zum Namen Schleusingen - Slusungen - die villa Slusungen).
Während die neuen Ansiedlungen mit den Namensendungen -berg, -rod, - städt und -hof mit Sicherheit fränkische (deutsche) Gründungen waren und meist auch nach den Gründern benannt wurden, konnte man scheinbar mit den Namen Getelinges und auch anderen, nichts anfangen denn auch die ganz und gar nicht fränkische Hufeisenform unseres Dorfplatzes mit einer Linde, weist tatsächlich auf slawischen Einfluss hin. Nach den Forschungen der Historiker Th. Lorentzen und E. Koch wurde jedoch auch Gethles von einem Getelinc (heute in der Namensform Göttling) gegründet, der als Anführer mit anderen Rodungsbauern aus Mainfranken kam. Auch hat man übersehen, dass die Häuser um den Dorfplatz herum erst gebaut wurden, als sich das Dorf vergrößerte.
Slawisches Gethles?
Bei der Dorfgründung wurde es als fränkisches Haufendorf angelegt. Die ersten 4 Häuser (heute die Häuser. Dorfplatz 8, 8a, 8b und 10) mit den Stallungen und Scheunen standen oben rechts vom Dorfplatz um einen größeren Platz (Dorfplatz?) herum, was auch heute noch gut zu erkennen ist. Ob eine Linde in der Frühzeit des Dorfes den sog. Marktplatz zierte, ist nicht bekannt. Die Linde, die bis 1946 dort stand und die einem Sturm zum Opfer fiel, wurde erst 1815 gepflanzt, zum Andenken an den Huldigungsakt, mit dem unsere Region zu Preußen kam.
Festzuhalten bleibt:: Slawen waren maßgeblich am Landesausbau – also der Neugründung von Ortschaften dieser Zeit beteiligt und haben einen nicht geringen Anteil an der Entwicklung des Gebietes zwischen Rhön und Thüringer Wald

Quelle:: Th. Lorentzen, Ursprung und Anfänge der Stadt Schleusingen