Montag, 27. November 2017

Die Ruine Osterburg (von C.A.)

Die Ruine Osterburg liegt auf dem über 400 m hohen Hainberg 3 km nordwestlich von Themar. Die Ersterwähnung der Osterburg geht in das Jahr 1268 zurück. Die Burg wurde zum Zentrum des sich bildenden Hennebergischen Amtes Themar/Osterburg. Bei der Landesteilung 1274 fiel sie an die Henneberg-Hartenberger Linie. Nach zahlreichen Verpfändungen wurde die Osterburg 1459- 1468 schrittweise durch Graf Wilhelm III. (gestorben 1480) für die Schleusinger Linie erworben. Um 1500 war sie offensichtlich schon verlassen, wurde im Bauernkrieg 1525 zerstört und lieferte fortan Baumaterial für die benachbarten Henfstädter Adelssitze. Seit den 1970-er Jahren sichert den noch vorhandenen Bestand der Ruine ein Arbeitskreis Osterburg.
Die rund 100 mal 80 m große Anlage ist mit einem Graben umgeben. Von der ehemaligen Hauptburg, einem unregelmäßigen Viereck von rund 60 mal 40 m im Ausmaß, haben sich noch Teile der Außenmauer und runde Wehrtürme erhalten. Der Bergfried hat heute noch eine Höhe von 19 m. Sein Buckelquader-Mauerwerk sowie der rundbogige Eingang verweisen auf die Erbauung in der ersten Hälfte des 13. Jahrhundert. Soweit in Kurzfassung Fakten der neueren Forschung.

In der älteren Literatur, in Akten und Urkunden, findet man mehr Einzelheiten über die ehemalige Burg der Henneberger. Dieser Beitrag stellt das Wichtigste zusammen.
Um 1820 schrieb ein Justizamtmann Appuun aus Coburg über die Gründung der Osterburg folgendes. „Die Osterburg, ein uraltes Bergschloss der Grafen von Henneberg, liegt eine halbe Stunde von der Stadt Themar auf dem Hainberg oberhalb des Dorfes Henfstädt. Wahrscheinlich wurde sie auch von den Grafen von Henneberg schon vor dem 9. Jahrhundert erbaut, wo Thüringer, Sorben und Wenden immer wieder ins Frankenland zum Plündern und Brandschatzen einfielen. Schon 1187 soll eine adelige Familie mit dem Namen Osterburg (Gerhardus de Osterburg et frater ejus Heroldus) eine Würzburger Urkunde mit unterzeichnet haben. Nach dem Zeugnis des Würzburger Chronisten Lorenz Friesen, gehörte die Burg im Jahre 1202 dem Bischof von Würzburg, Heinrich Kiß.“
Die Meinung, dass die Burg schon vor dem 9. Jh. erbaut wurde, wird jedoch von der Forschung widerlegt. Demnach ist sicher, dass die Burg erst Anfang 1200 gebaut worden ist. Die Bauherren und Besitzer waren um diese Zeit die Grafen von Henneberg. Belegt wird das mit einer Urkunde aus dem Jahr 1268, (das Jahr der schriftlichen Ersterwähnung) in der der Henneberger Graf Berthold III. seiner Gemahlin die Osterburg als Leibgedinge übertragen lässt.

Bei der Teilung der Grafschaft 1274 kommt sie dann in den Besitz der Henneberg-Hartenberger Linie unter Graf Heinrich VI. Er bekam außerdem die Burgen und Schlösser Schwarza und Hartenberg. Alle drei wurden zeitweise als Wohnsitz und Hofhaltung der Hartenberger Grafenfamilie genutzt. Als das nicht mehr der Fall war, saß dann auf der Osterburg ein Burgmann, der im Auftrag der Grafen die Burg zu verwalten und sie auch zu verteidigen hatte.
Als weitere Legende kann die von Spangenberg aufgeschriebene Geschichte abgetan werden: „Auf der festen Burg saß einst ein Burgmann, Dietz Kieseling geheißen, als ein Graf von Henneberg sie berannte. Auf einmal prasselte ein dichter Hagel auf die Angreifer herab, die manche Beule schlug. Erstere vermeinten, der Kieseling droben schickte ihnen ganze Sturzbäche von Kieselesteine auf ihre Platten. Aber dort droben gab es bald keine Steine mehr, und was so hart und schwer niederschlug, das waren steinharte Brote und nicht minder harte Kuhkäse, und damit wurden die Angreifer zurückgeschlagen. Burgmann und Burg erhielten fortan den Spottnamen Burg Käse und Brot.“ - Wohl mehr Dichtung als Wahrheit?
Henneberger Residenz Schleusingen

Um 1378 gehört die Osterburg und das halbe Amt Themar den Grafen von Schwarzburg. Graf Berthold, V. (gest. 1378) der letzte der Hartenberger-Linie, verkaufte die Burg im Jahr 1371 mit seiner ganzen Herrschaft seinem Vetter, dem Grafen Hermann IV. zu Henneberg-Aschach. Berthold geriet deshalb mit Graf Johann von Schwarzburg in eine Fehde. Dessen Gemahlin Richza, sie war die Schwester von Berthold, machte nämlich auf einen Teil der Hartenbergischen Allodial-Güter Erbansprüche geltend, die er aber nicht begleichen wollte. Diese Fehde soll so blutig ausgeartet sein, dass schließlich Kaiser Wenzel beiden Teilen Frieden gebot und sie zur Entscheidung der Erbansprüche nach Nürnberg befahl. Unterdessen vermittelte der Bischof Lambert zu Bamberg einen Vergleich; demzufolge musste Berthold bzw. Hermann von der gekauften Herrschaft Hartenberg nur die Osterburg und das halbe Amt Themar mit den dazu gehörigen Dörfern und Gütern, an die Gräfin und den Grafen Johann zu Schwarrburg abtreten. Für die ehemals Hartenberger-Güter hatten sie außerdem 2950 Gulden an die Schwarzburger Gräfin Richza zu bezahlen.
Schwarzburg

Das Haus Schwarzburg blieb aber nicht lange im Besitz der Erbschaft. Im Jahr 1384 versetzte Johann das halbe Amt Themar an den Herren von Bibra und verkaufte die Osterburg dem Grafen Heinrich V. von Henneberg-Schleusingen, welcher nachher auch die andere Hälfte Themars von Bibra wieder zurück kaufte, so dass schließlich das ganze Amt Themar und die Osterburg wieder zu Henneber- Schleusingen gehörte. So war also die Osterburg im Laufe der Zeit nach und nach Eigentum aller drei Henneberger Linien und diente zeitweise wahrscheinlich auch als Witwensitz.
Das blieb aber beileibe nicht so. 1399 heiratete Margaretha, die Tochter Graf Heinrich V. von Henneberg-Schleusingen, den Grafen Günther zu Schwarzburg, ein Enkel des Grafen Johann von Schwarburg. Und wiederum wurde auch ihr die Osterburg und halb Themar als Mitgabe übereignet. Schon 1416 hat Graf Günther mit Zustimmung seiner Margaretha, dem Grafen Wilhelm I. in Schleusingen, die ganze Mitgabe für eine gewisse Summe Geldes verkauft, welche im Archiv Meiningen vorliegenden Kaufbrief nicht genannt ist. Wilhelm kam 1426 bei einer Wallfahrt nach Palästina ums Leben. Angeblich wurde er von Sarazenen erschlagen.
Stammburg in Henneberg

Im Jahr 1453 hat Graf Wilhelm III. von Henneberg- Schleusingen die Osterburg, nebst der Vogtei Reurieth und einigen Gütern und Einkünften zu Themar, Henfstädt und Gartles = Gertles- (heute eine Wüstung zwischen Dachbach und Schmeheim, 914 als Gertilare ersterwähnt) an die Herren von Bibra für 5500 Gulden verkauft. Er behielt sich aber den Wiederkauf innerhalb von acht Jahren vor, außerdem, dass die von Bibra, nämlich Bartholomeus, Berthold, Hans, Stephan, Heinrich und Thomsen, die oben genannten Güter als ein Mannlehen von Schleusingen empfangen. Diese Pfandschaft dauerte aber über 20 Jahre bis 1474, wo Graf Wilhelm III. beim Rückkauf den Gebrüdern von Bibra, noch 588 Gulden schuldig blieb, die er in Raten zu bezahlen versprach. Die Burg und die oben bezeichneten Güter waren also wieder in Schleusinger Hand.
Themar

Aus den verschiedenen Akten und Urkunden und auch in den Ausführungen der verschiedenen Chronisten ergeben sich eine Reihe von Widersprüchen der jeweiligen Besitzverhältnissen, die wahrscheinlich auch nicht restlos geklärt werden können. So geht aus anderen Unterlagen hervor, dass 1340 Graf Poppo IX. von Römhild/Hartenberg dem Kloster Veßra etliche Zinsen in dem Hain und zur Osterburg verkaufte und er selbst im Jahr 1342 etliche Zinsen von den Rotäckern des Kloster Veßra käuflich erhielt. Auch hier sind die Zusammenhänge unklar.
Nach S. Güth, Meiningen, haben im Bauernkrieg 1525, bald nach Ostern, die Bauern aus Mellrichstadt und Bildhausen, neben vielen anderen Hennebergischen Burgen und Schlössern, auch die Osterburg zerstört. Gebäude, Mauern und auch das oberste Stockwerk des Turmes, wahrscheinlich ein Fachwerkaufbau, wurden eingerissen oder angezündet. Die Burg war aber zu diesem Zeitpunkt offensichtlich schon nicht mehr bewohnt.
Henfstädt
Danach wurde die Burg-Ruine mit den umliegenden Wäldern dem Obernitzischen Gut in Henfstädt zugeschlagen, d.h. dessen Besitzer Caspar von Obernitz hat sie als Lehen übertragen bekommen. Er holte für seine Gebäude in Henfstädt das meiste Baumaterial aus der Burgruine Osterburg. Später kam sie mit den Gütern in Henfstädt an die Adels-Familie von Hanstein, die sie über viele Generationen bis Anfang des 20. Jh. (zeitweise mit anderen) in Besitz hatte. Sie leiteten auch erste Maßnahmen zur Sicherung der Ruine ein. Der Turm der Ruine - lt. Güth „ein betrübter Zeuge des Bauernaufruhrs“- bekam im Jahr 1743 ein neues Stockwerk aus Holz (Fachwerk) aufgesetzt. Das wurde veranlasst und finanziert aus eigenen Vermögen vom ehemaligen Coburgischen Kanzlei-Assessor und damaligen Amtmann Wilhelm Reinhardt von Breitenbach, als Mitbesitzer von Henfstädt und der Osterburg. Das darin eingerichtete Zimmer war auch für Besucher zugänglich.
Soweit das Wichtigste zur wechselvollen Geschichte der Osterburg.
Freunde der Osterburg

Sie muss einmal eine feste Burg gewesen sein. Das bekunden die noch vorhandenen Reste der Burg und die günstige Lage. So war sie an der Südseite durch zum Teil steile Abhänge des Berges, auf der Nordseite aber durch eine tiefe Felsenschlucht, als natürlichen Wallgraben, geschützt. Sie war deshalb in Zeiten des Faustrechts ein sicherer Zufluchtsort bei feindlichen Angriffen und ein Hinterhalt für die im Tal vorbeigehende Handelsstraße. Ob die Burg in ihrer Frühzeit auch von Raubrittern bewohnt war ist kaum zu ergründen. Die Henneberger Grafen haben das Raubrittertum stets rigoros bekämpft.
Noch heute ist der viereckige Turm, gebaut aus gehauenen Quadersteinen, gut erhalten und von seiner Warte aus bietet sich ein eindrucksvolles Bild der Umgebung, insbesondere von Themar, dem Werratal, wo sich der Fluss malerisch durch das Wiesental schlängelt und hart am Dorf Henfstädt vorbei fliest. Dem Dorf gegenüber, wie ein Amphitheater, eine schroffe Felswand, ein Prallhang aus Muschelkalk, oben mit Buschholz besetzt, scheint er das Tal abzuschließen. Fluss und Wiesengrund zwängen sich jedoch durch eine Taleinengung, bilden dann eine Krümmung und gehen hinter dem Berg dem Auge verloren.
Wie bei allen anderen Bergfrieden, war der Eingang zum Turm nicht unmittelbar am Boden, sondern fast ein Stockwerk höher angelegt, so dass das Innere nur über eine Leiter oder Treppe erreichbar war. Im Turm führen fünf Treppen mit zusammen ca. 90 Stufen hinauf zur Plattform. Auf dem Turm befindet sich heute eine Überdachung. Der Fachwerkaufsatz mit Zimmer und Umlauf war 1816 abgebrannt, als man ein Freudenfeuer zum Sieg über Napoleon bei Leipzig auf dem Turm entzündet hatte. In der Nähe des Turmes findet man Steintrümmer, die darauf hinweisen, dass der Turm extra mit einer viereckigen Mauer umgeben war. Ein Teil der Außenmauer sind vier vom Zahn der Zeit stark angenagte, überwölbte runde Türme, die einst viel höher waren. Das gewölbte Eingangstor mit Torhaus lag nach Henfstädt zu. Es war u.a. durch eine Zugbrücke geschützt. Innerhalb der Wälle und auch vor der Zugbrücke sollen einst Häuser gestanden haben. Im Südlichen Teil der Anlage ist ein tiefes Loch, das sicherlich das Burgverlies war. Es ist oben mit Quadersteinen aufgemauert, in der Tiefe aber bilden unbehauene Felsen die Wände. Gleich daneben befinden sich die Reste eines verfallenen tiefen Ziehbrunnens und mehrere verfallene Keller. Die Wohn- und Wirtschaftsgebäude sind von der Erde verschwunden, wie auch der größere Teil der Umfassungsmauer, die jetzt nur noch nach Osten den Burghof abschließt. Der massige Bergfried hingegen ragt noch stolz empor, festgefügt wie für die Ewigkeit.
Umgeben von einem schönen Mischwald bietet heute die Osterburg so recht das Bild einer vom Zauber der Romantik umsponnenen Burgruine.
Henneberger Kloster Veßra



Quellen:
Schultes: „Henneberger Geschichte“, ebenda: „Diplomatische Geschichte des gräflichen Hauses Henneberg“.
Spangenberg: „Historisch statistische Beschreibung der gefürsteten Grafschaft Henneberg“
Güth: „Polygraphia Meiningensis“
Eigene Recherche: Verschiedene Akten im Archiv Meiningen

Sonntag, 22. Oktober 2017

Der Erzgebirgshöhenweg - eine prähistorische Altstraße?


Da hätte man nicht graben müssen...
Ich beginne mit einem Postskriptum: Als ich die erste Fassung dieses Artikels schrieb, lachten mich die Heimatforscher und Historiker in Sachsen aus: Das Erzgebirge sei erst im späten Mittelalter besiedelt worden. Genau ein Jahr später gruben Archäologen da oben 4000 Jahre alte Zinnbergbauschächte aus, 4 Kilometer von der von mir vermuteten frühzeitlichen Höhenbefestigung östlich von Altenberg und 5 Kilometer von der hier postulierten Urstraße entfernt. Sie feierten das als geschichtliche Sensation. Dankeschön!

Halten wir zunächst erst einmal fest: Es geht hier um den Mittelgebirgskamm von der Saalequelle bis an die Elbe und seine Nutzung als Verkehrsweg seit vielleicht 4000 Jahren. Denn das Erzgebirge muss nach archäologischen Erkenntnissen über alle Zeiten wie andere Wasserscheiden Europas als Altstraße funktioniert haben. Indizien:
Bei Google Earth: Kammweg rot; Grenze gelb
Zinn aus Britannien während der Bronzezeit in Böhmen gefunden, identische Grabbeigaben in den Urnenfeldern von Frankenwald und westlich der Weichsel, keltische Luxusgüter in der Lausitz, die Südwest-Ausbreitung von Germanen und Slawen. Während der mutmaßlichen Katastrophenzeit um 1200 v. Chr. könnte die Kammlinie sogar ganzen Völkern als trockener Pfad aus der Schlechtwetterzone gedient haben. Aus dem 4. Jhd. v. Chr. sind identische keltische Silbermünzen an der böhmischen Elbe und auf der Alteburg über Arnstadt gefunden worden. Die schmückenden Glasringe von den Römhilder Gleichbergen könnten auch von dort stammen. Vladimir Salac, Archäologe aus Tschechien sieht in der Latenezeit einen Warenaustausch von Keramik nicht nur zwischen Mitteldeutschland und Böhmen sondern auch über einen „Nordweg“ von Böhmen nach Hessen und sogar bis zum Niederrhein. Die kürzeste, trockenste und sicherste Route kann dabei nur über die Kämme der Mittelgebirge verlaufen sein. Das alles bedeutet in unserem Fall:
Höhenwege entlang der Mittelgebirgskämme
Von der Donau über Böhmerwald und der Elbe über Erzgebirge müssen zu allen Zeiten Fernstraßen herangekommen sein, die sich im Fichtelgebirge trafen und über Frankenwald, Schiefergebirge, Thüringer Wald, Hessisches Bergland, Eggegebirge und Teutoburger Wald bis an die Küsten des Ärmelkanals nach England führten. Es sind nicht nur die effektivsten Verbindungen, von Decin an der Elbe bis Hörschel an der Werra brauchte man nicht ein Bächlein überqueren. Noch im 14. Jhd. könnten Luxemburger Ministerialen diesen Weg benutzt haben, um die Böhmische Krone in Prag zu vertreten. Querungen des Erzgebirges werden schon in der Antike beschrieben. So soll hier ein Strang der Bernsteinstraße verlaufen sein, später der Salzweg von Halle nach Prag, dann im 13. Jhd. die „antiqua Bohemiae semita“ von Sizilien bis an die Ostsee führend, oder der Alte Böhmersteg. Archäologen gestehen der Region nördlich und südlich des Erzgebirges eine kontinuierliche Besiedlung zu, in den warmen Klimaperioden sogar bis in die Höhenlagen. Das wird auch durch archäologische Funde (Beile, Äxte, Gräber) aus der  Stein-, Bronze- und Eisenzeit belegt. Die werden zwar immer als Beweis für Gebirgsübergänge benutzt, treten aber auch anderenorts auf.
Die Passweeg sind gut bei Wikipedia beschrieben.
Prähistorisch Reisende

Als erste Stammesvertreter nennen römische Historiker 100 Jahre vor der Zeitrechnung die keltischen Boier. Nicht viel später scheinen schon die ersten Germanen über unser Mittelgebirge gekommen zu sein: die Sueben. Nach der verlorenen Schlacht gegen Drusus, im Jahre 9 v. Chr. sollen sich die germanischen Markomannen nach Böhmen zurück gezogen haben. Am Ende der Völkerwanderung im 6. Jhd. müssen dann die Slawen in die gen Westen verlassenen Gebiete der Germanen eingesickert sein. Im 7. Jhd. stoßen sie bis an die Saale vor und reiben sich an den gebietssichernden Franken. Über die Linie Elbe, Saale, Regnitz sollen sie aber nie dauerhaft hinaus gekommen sein. Auch Karl der Große scheiterte 805 mit seinem Böhmenfeldzug. Erst im 13. Jhd., nach dem Wendenkriegen, sollen Deutsche begonnen haben, im Erzgebirge zu siedeln. So richtig losgegangen scheint es aber erst mit dem Erzbergbau im 16. Jhd. Dass bis dahin eine spärliche Besiedlung vermutet wird, kann aber auch an der völligen Abwesenheit moderner Archäologie ab 500 Meter Höhe liegen. Die Tschechen scheinen sich recht gut mit ihrer Geschichte auszukennen, leider ist die kaum ins Deutsche übersetzt. Also habe ich mich selbst aufs Fahrrad gesetzt. Und wie erwartet: allerorts Zeugnisse aus schriftloser Zeit. Herausgekommen ist eine prähistorische Kammwegkarte. (Bitte anklicken!) Ich habe versucht, alle potentiellen und gesicherten frühzeitlichen Zeugnisse einzuzeichnen. Denn die Muster, nach denen die Bronze- und Eisenschmiede unterwegs waren, sind überall gleich. Ob Heidenstraße, Hellweg, Rennsteig oder eine der vielen Hohen Straßen in Deutschland: Folgt man den Spuren der Archäologen und Flurnamenforscher, müssen die meisten außerdem viel älter gewesen sein.
Waldstein auf der Höhenlinie über Zell
Auch auf unserer Höhenlinie Vogtland-Erzgebirge sind Befestigungen mindestens seit der Urnenfelderzeit nachgewiesen: der im Mittelalter ummauerte Felsklotz Waldstein über Zell im Fichtelgebirge, der Mednik beim Kupferdorf Medenec und der Große Schneeberg über Decin. Dazwischen aber es muss es viel mehr  frühzeitliche Siedlungsplätze gegeben haben, denn das
Tagespensum eines Ochsenkarrens beträgt nur 20 Kilometer. Und genau in diesem Abstand finden sich künstliche Wall- und Schanzstrukturen, sowie eindeutig kennzeichnende Flurnamen. Von der Größe her stehen sie den andernorts in Deutschland archäologisch untersuchten befestigten Höhensiedlungen in nichts nach, wie der Ehrenbürg über Forchheim oder der Funkenburg bei Westgreußen: unbewachsene eingeebnete Bergspitzen oder -sporne, mit Sicherungskanten und -aufwürfen zum Berg hin, guter Rundumsicht, Quelle und Ackerland. Die oft felsigen Kuppen an unserem Weg waren prädestiniert dafür, konnten sie doch mit Palisaden zwischen den Steinen schnell hergerichtet werden (Am Waldstein nachgewiesen). Überhaupt scheinen alle Flurbezeichnungen mit "Stein" auf Befestigungen hinzuweisen, wie eine Namenskombination mit "Galgen" auf frühzeitliche Gräber. "Alt" wiederum muss Objekte bezeichnen, die schon da waren, als die ersten germanischen Siedler kamen. Außerdem gibt es da die extrem tiefen Hohlwege überall entlang des Kammes, die aus dem Frühmittelalter stammen müssen. Sie machen nur als Handels- oder Heerstraße Sinn, wie am Hohen Stein nördlich von Kirchenlamnitz, nach Oberbrambach hoch, am Hassberg über der Talsperre Prisecnice oder nach Decin runter. Sie sind auch andernorts in den Hochlagen des Erzgebirges trotz mittelalterlichem Bergbau, extremer Industrialisierung, touristischer Infrastruktur und ehemaligen Grenzanlagen erhalten geblieben.
Kammwegsymbol
Der Gebirgskamm von Fichtelgebirge über Elstergebirge und Erzgebirge bis zur Elbe ist mit seinen 228 Kilometern nicht nur länger und höher als der Thüringer Wald, sondern auch breiter. Einen durchgehenden Rennsteig gibt es da nicht und der Suchende wird manchen Gipfel umsonst besteigen. Nur selten ist die als „Kammweg“ ausgeschilderte Wasserscheide mit unserer Altstraße identisch, obwohl sie manchmal als „Fahrstraße aus dem Mittelalter“ beschildert ist. Besonders in Tschechien gibt es eine durchgehend beschriebene Fahrradroute, man muss nur deren Sprache verstehen, um eine Ideallinie zu finden. Denn anders als im Thüringer Wald, wo die Germanen viele Altnamen von den Kelten übernommen hatten, wird es hier ja ab 500 slawisch und die heutigen deutschen Bezeichnungen mit Endungen wie -dorf, stein, -bach, kamen erst im Hochmittelalter dazu.
Vielleicht haben sich in den slawischen Flurbezeichnungen ja solche Urbegriffe erhalten, leider kann ich das nicht einschätzen. Nur selten werden auf Hinweistafeln fremd klingende Eigennamen wie Seifen als altgermanisch (Erzauswaschen) entlarvt. Doch wir wissen ja, dass die Germanen vor allem Richtung Westen aktiv waren.
Wer interessiert sich schon für Frühgeschichtliches im Wald?
So kann es hier in den Höhen auch nur ganz wenige "-ing-Orte" geben, die den Sueben zugeschrieben werden (Geising, Satzung), oder "-stedt-Siedlungen" wie Jöhstadt, die mit den Hermunduren in Verbindung gebracht werden können. Anders als im Thüringer Wald fehlen im Erzgebirge auch die kleinen Wallburgen aus dem Frühmittelalter ab 600 fast völlig. Ich habe nur einen Wartberg östlich von Selb gefunden. Diese Warten und Wachen sollen ja hauptsächlich von den Franken zur Sicherung ihrer Invasionsstränge gebaut worden sein. Hier im Osten setzte der Burgenbau erst nach 1250 ein, natürlich dann aus Stein und scheinbar unter Nutzung der lausitzer- (urnenfelderzeitlichen) und vielleicht auch slawischen Strukturen. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass sich viele der prähistorischen Siedlungen an schon damals wichtigen Passübergängen befunden haben müssen.

Radeln wir also mal los: Der Erzgebirgskamm zweigt von der Donau-England-Höhenlinie nach Nordosten in der Nähe der größten Erhebung des Fichtelgebirges - dem Schneeberg - ab. Der Übergang ist trotz des Anstiegs nicht ohne Weiteres zu erkennen.
Wasserscheiden als kontinentale Urwege
Höchstens die dreifache Wasserscheide dort, mit Main-, Eger- und Saalequelle, deuten ein mehrfach symbolisches Areal an. Ebenso magisch erscheint nämlich der in der Nachbarschaft liegende mutmaßliche alte Siedlungsplatz Haidberg, an dem wegen einer starken Erzader jeder Kompass verrückt spielt. Er ähnelt dem Oppidum Schellenberg im Altmühltal. Kennzeichnend hier sind mehrere Schanzterrassen um den Berg, der überbeanspruchte Magerrasen am Hang und der inzwischen voll Wasser gelaufene Steinbruch. Hier könnten, wie z. B. an den Gleichbergen bei Römhild nachgewiesen, Neuzeitler zuerst die Wallsteine für den Häuserbau weggetragen haben, um sich später, als die alle waren, in die Tiefe schlagen zu müssen.
Weiter oben erwartet uns der schon mehrfach erwähnte Waldstein. Hier wurden nicht nur in der mittelalterlichen Ruine Keramikscherben aus der Urnenfelderzeit gefunden, sondern es präsentieren sich im Umfeld gleich 3 Anwärter für die damals typischen Kultplätze mit den bizarren Felsformationen „Teufelstisch“, Arndstein und Druidenfels.
Teufelstisch-Kultplatz?
Solche geologischen Besonderheiten lagen, wie z. B. bei der Giechburg über Scheßlitz mit dem vormals heidnischen Gügel, immer dicht neben den prähistorischen Siedlungen und sie zeigen durchweg Abnutzungserscheinungen über das witterungsbedingte Maß hinaus. Die Steinmauern am Waldstein muss man sich aus Holz denken - und schon ist eine keltische Sicherungsstation fertig. Solche großen Felsen wie hier begleiten uns nun beständig, viel mehr übrigens als im Thüringer Wald. Kaum einer ist archäologisch untersucht.
Das sich nun anschließende Waldgebiet strotzt geradezu von Felsenfesten: Bergkopf, Steinklatze, Wolfsfelsen, Schnittchen. Auf dem Kleinen Waldstein ist sogar eine Burg belegt und der Epprechtstein zeigt immer noch seine mittelalterlichen Mauern. Der Höhenweg führt hier die Schlossleite hinunter und südlich an Kirchenlamitz, Niederlamnitz vorbei, über Wellersberg und Wolfsgarten weiter. Eine Alternative wäre stattdessen der Bergrücken über den Kleinen Kornberg, dessen mögliche frühzeitliche Akropolis mit hoher Quelle trotz des gewaltigen Steinbruchs noch gut zu erkennen ist.
Halb Ruine, halb Felsen
Der Reisende müsste dann aber durch die Lamnitz waden, könnte dafür aber mehrere verdächtige Felsen streifen u.a. die Felsenruine Hirschstein. Der ganze Weg dorthin ist ein einziges Blocksteinfeld, gut für Wallanlagen, wie wir sie von der Steinsburg bei Römhild kennen. Oben aber, auf dem Großen Kornberg, war nichts dergleichen zu finden. Die nun näherkommende, unseren Altweg immer wieder tangierende Staatsgrenze, ist auch nur in Ausnahmefällen mit selbiger identisch. Ob das hier vor 3.000 Jahren bewaldet war, weiß natürlich kein Mensch.
Unser Weg schlängelt sich nun im Elstergebirge durch ein heute dicht besiedeltes, damals für Reisende sicher vor allem lästiges Quellengebiet. Auch hier finden sich einige Siedlungsverdachtsplätze, wie der Gaipelu-Park in Asch, der Skaivanci Vrch und der Hengstberg mit seinen typischen Terrassenfeldern am. Auch den Hohen Stein östlich von Erlbach umgeben diese aufwendigen Ackerstufen, die von Historikern gerne ins 13. Jhd. gelegt werden.
Typische Feldterrassen am Südhang des Erzgebirges
Das scheint mir aber weder der Witterungssituation damals, noch der Anzahl der zu jener Zeit dort lebenden Siedler zu entsprechen. Vielmehr finden sich diese Stufenstrukturen hauptsächlich rund um bekannte oder mutmaßliche spätbronzezeitliche Befestigungen, wie an der Hohen Geba in der Rhön, dem Staffelberg oder beispielsweise auf der Alten Wart bei Gumpelstadt. Der extreme Aufwand um Humusboden vor Abschwemmung zu retten, setzt extremen Regen voraus. Das schlimmste derartige Wetter scheint nach jetziger Erkenntnis um 1200 v. Chr. in ganz Europa geherrscht zu haben.
Beispiel einer bronze- oder früheisenzeitlichen Höhensiedlung
Erst ab 800 v.Chr. beschreiben Experten wieder ein deutlich milderes Klima, das selbst rund um die hallstattzeitlichen Salzabbaugebiete in den Alpen Landwirtschaft erlaubte. Umso mehr könnte Ackerbau und Viehzucht auch in den Höhenlagen des nicht so mächtigen Erzgebirges damals möglich gewesen sein.
Von unserem Hohen Stein aus konnte man auch gut den sich nun teilenden Weg bewachen. Die Höhenlinie schlägt hier nämlich einen großen Bogen nach Norden, scheint mir aber mit der mutmaßlichen befestigten Siedlung auf der Hohen Reuth über Schöneck, Schwertweg, Königsweg, Kammweg und Königshübel deutlich ausgeschrieben.
Beispiel einer frühmittelalterlichen Siedlung
Die alternativen Abkürzungen durchs Tal bei Klingenthal machen aber mit dem Burgstall Kraslice und den Schanzringen um Bleiberg und Aschberg einigen Sinn für das verkehrstechnisch besser ausgerüstete Mittelalter. Bei Letzterem stößt man dann auch wieder auf den Höhenweg.
Leider habe ich nach dem Aschberg nun wirklich 35 Kilometer lang kein offensichtliches Lager mehr gefunden. Folgt man aber dem "Ruhe- und Versorgungszwang" von Mensch und Tier müsste spätestens der Buchkamp über Oberwildenthal, der Buchschachtels- oder der Scheffelberg befestigt gewesen sein. Nirgends dort aber entsprechenden Geländedeformationen! Henneberg und Jugel sind ebenfalls nur flaches Land! Die markante Bergnase, auf der heute Johanngeorgenstadt liegt, scheint mir zu weit ab. Erst der mit Schanzkanten versehene Plattenberg über Horni Blatna kommt wieder in Frage.
Wagnerberg
Meinen Frust zerstreute aber besonders der Wagnerberg zwischen Schwarzenberg und Abertamy. Kilometerlang umlaufende Steinwälle machen hier eine große frühmittelalterliche Siedlung wahrscheinlich, wie sie oben symbolhaft dargestellt ist. Viel anders sehen die Steinpferche in der Hochrhön auch nicht aus. Und die werden sogar den Kelten zugeschrieben. Hier wie dort: Die weiten Hochflächen rundherum hätten genug Raum für Äcker und Weide geboten. Der mittelalterliche Zinnabbau zu Füßen des Wagnerberges wird verdächtigt, bereits in der Bronzezeit betrieb worden zu sein. Auch der weiter südlich liegende Pleßberg scheint mit seinen eindeutigen Schanzkanten eine Wachstation getragen zu haben. Diesen "bloßen", also ehemals gerodet vorgefundenen Berg gibt es mehrfach in Deutschland und jedes mal werden die künstlichen Verwerfungen auf ihnen als keltisch eingestuft. Überhaupt begegnen dem Reisenden im Erzgebirge beständig Flurnamen, die er aus anderen Teilen des Landes kennt. Da diese hier im Osten nicht germanischer Ausgangspunkt sein können, müssen sie die alten Siedler mitgebracht haben.
So kann auch der Spitzberg vor Gottesgabe mit einiger Sicherheit eine Befestigung getragen haben. Wie bei Dieburg und Alte Mark in der Rhön haben wir hier eine künstliche Abflachung der Bergspitze, aufwendig gestaltete Schanzkanten, eine hohe Quelle und wieder ein regelrechtes Meer an künstlich platzierten Bruchsteinen (z. B. Pfostensteine der Häuser).
Befestigte Siedlungen auf Fichtelberg und Klinovek?
Dahinter kommen wir an den Giganten Fichtelberg und Klinovek vorbei. Zwischen den beiden scheint schon immer eine wichtige Verkehrstrasse über das Erzgebirge geführt zu haben. Inwieweit die heute völlig überbauten Gipfel Siedlungen getragen haben, lässt sich kaum sagen. Ausschließen möchte ich das nicht. Doch auch wenn diese Berge nicht besiedelt waren - dahinter warten schon wieder einige potentielle Schanzen, wie Wirbelstein und Mednik.
Der alles überragende Spitzberg am Stausee Prisecnice zeigt hingegen keinerlei Siedlungsstrukturen: Er ist viel zu schmal und Wasser gibt es auch nicht. Der Hassberg oder Jeleni Hora nebenan, als Hasiburg ausgeschildert, präsentiert sich aber wieder mit deutlichen Schanzstrukturen, Basaltbruchpotential und der typischen Konzentration an Steinen um den einzigen Zugang herum. Es muss eine starke und lange bewohnte Feste gewesen sein.
So genau rekonstruieren Historiker Altstraßen
Sie könnte die alte Salzstraße von Halle nach Prag bewacht haben, die seit der Hallstadtzeit, also 800 v. Chr., bestanden haben soll. Auch diesen querenden Weg habe ich versucht, von der Furt in Flöha aus mit dem Fahrrad  nachzuvollziehen. Der Höhenrücken Augustusburg, Marienberg war schnell gefunden. Danach aber verlor sich seine Spur auf der schier endlosen Hochfläche südlich von Reitzenhain, dessen Name auf eine vorchristliche Kultstätte hinweist. Am ehesten scheint die Altstraße noch mit der hier heraufkommenden B13 identisch, die - denkt man sich die heutigen Entwässerungsgräben weg - fast trockenen Fußes nach Komotau und weiter führt. Rechts und links liegen auch viele Hohlwege. Ich biete in der Karte eine Wegführung an, die gänzlich ohne Bachquerung in der sumpfigen Gegend auskommt. Unsere Salzstraße stünde dazu im Genuss der Bewachung durch Reizenstein, Hirtstein und unserer o.g. Hasiburg. Der Hirtstein mit seinem markanten Basaltfächer, ist zwar der höchste Punkt im mittleren Erzgebirge, zeigt aber keinerlei Schanzpotential. Trotzdem kann es kein Zufall sein, dass zu seinen Füssen das Dörfchen Satzung liegt, einer von nur zwei Orten, die hier oben sicher auf altgermanische Siedler hinweisen. Die Salzstraße würde dann auf einem Bergrücken nach Kadan hinab führen, das älter als Komotau scheint. Schon Karl der Große soll diese Stadt 805 vergeblich berannt haben.
Doch wir wollen ja weiter nach Osten! Auf dem eigentlich recht flachen Lesna finden sich wieder verdächtige Schanzstrukturen, noch mehr am benachbarten Eduartstein oder dem St. Katharinaberg. Der Bärenstein oder Bernsteinberg in der Nähe würde eigentlich nur durch seine markanten Felsen hervorstechen, wenn da nicht die großzügigen Feldterrassen weiter unten um Gebirgsneudorf wären. Und so geht es weiter: Die künstlichen Abstufungen werden immer großflächiger, die möglichen dazu gehörenden prähistorischen Siedlungsplätze flacher.
Das böhmische Becken von der Jerabina aus
Ähnlich bildet sich die Situation am Jerabina, zu Deutsch Haselstein, mit seinem Turm aus dem 19. Jhd. ab. Die nördlich anschließenden Felder über Einsiedel lassen zumindest eine Wüstung auf der Anhöhe vermuten. Die gleiche Situation finden wir am Zamanek über der Talsperre Flaje (alpine Landwirtschaft noch im letzten Jahrhundert), am Cerny Vrch und am Loucna, zu Deutsch Wirbelstein. Auf lokalen Informationstafeln wird der Übergang der Salzstraße bei Deutscheinsiedel festgemacht. Das kann aber erst im Mittelalter gewesen sein, denn ich habe weder trockene Trassen noch eindeutige Sicherungsburgen gefunden.
Erst der Bournak oder Stürmer bildet sich wieder als eine über allem thronende Schanzsiedlung par excellence ab. Trotz der gnadenlosen Überbauung erinnert er mich an den urnenfelderzeitlichen Herrenberg über Schalkau. Weiter um Zinnwald/ Cinovek herum könnten wieder mehrere frühzeitliche Siedlungen gestanden haben. Nirgends habe ich mehr Hohlwege gefunden als hier.
Altenberg mit Geisingberg
Viel interessanter aber erscheint mir nördlich die Bollwerk-Kombination von Altenberg und Geisingberg. Die Namen deuten auf einen Sitz suebischer Germanen hin, die Geländedeformation in eine noch frühere Zeit. Deutlich lassen sich auf der „Akropolis“ Geisingberg Ringwälle, steineren "Torschwellen" und Bruchsteinkonzentrationen ausmachen. Der Bergrücken davor, bis zum riesigen Steinbruchloch Binge mitten in der Stadt, erinnert an die Situation auf dem Haidberg am Anfang unserer Tour. Rundherum sind noch die Schanzkanten einer möglichen Siedlung auszumachen. Über den Pass Altenberg-Zinnwald muss schon in der Frühzeit eine Heer- und Handelsstraße von der Dresdner Furt Richtung Prag geführt  haben.
Langsam kommen wir zum Ende unserer Tour. Die Berge Traugotthöhe, Homari Hurka, Mravency Vrch und Vyhledy scheinen mit ihren kaum mehr wahrnehmbaren Schanzen wieder eine gigantische Hochfläche terrassierter Felder zu bewachen. Bei letzterem könnte sogar ein Hügelgrab liegen. Zu diesem Ensemble muss auch der Kegel Spitzniak zählen, der wieder mit Steinwällen, künstlichen Flächen und Torsteinen glänzt.
Tyssaer Wände
Auf dem Felsenlabyrinth "Tyssaer Wände" gibt es wieder mehrere prädestinierte Verteidigungsplätze. Sie gehören geologisch schon ins nördlich anschließende Elbsandsteingebirge. Dort liegen ja die Paradebeispiele prähistorischer Siedlungsfelsen, nachgewiesen auf Pfaffenstein, Königsstein, Görisch, Lilienstein und den beiden Zschirnsteinen. So treffen wir am Ende unserer Reise noch einmal auf ein Prachtexemplar solcher Wallanlagen: den Hohen Schneeberg. Dergestalt muss der Königstein gewesen sein, bevor seine Felsspalten im Mittelalter zugemauert wurden. Nur viel größer! Auch wenn archäologische Funde aus der Bronzezeit nur aus dem zu seinen Füßen liegenden Decin bekannt sind: wenn sich überhaupt irgendwelche keltischen Boier über andere aufgeschwungen haben - hier müssen sie gewohnt haben. Vom Hohen Schneeberg aus beherrschte man den Elbdurchbruch, hatte ausreichend Wasser, genug Platz sogar für Landwirtschaft und Vieh. Die Hohlwege zum Plateau sind zu schmal für Steinbruchkarren und zu tief, um von moderneren Wanderschuhen abzustammen. Deutlich auch die Torwälle an den wenigen Zugängen. Wie beim Königsstein verwette ich wieder meine ganze Reputation, dass hier irgendwann Scherben mindestens aus der späten Bronzezeit gefunden werden.
Hoher Schneeberg über das Elbtal weg
Hinter dem Hohen Schneeberg führt unser Erzgebirgs-Höhen-Weg dann runter nach Decin, wo sich auf einem der vielen umwallten Kegelspitzen um die Stadt noch eine Wache für den Elbübergang befunden haben könnte. Erst um 1000 wird eine der typisch hölzernen slawischen Burgen genannt.
Und wohin ging es weiter? Der ganze Osten stand dem Reisenden nun offen, beginnend mit der Lausitz, die eine eigene frühzeitliche Kultur beschreibt. Über die "Böhmische Brücke" kam man zur Nord-Ostsee- bzw. Oder-Elbe-Wasserscheide, die auch Altstraßen nach Norden führte. Wahrscheinlich gab es auch einen Strang ins Riesengebirge. Über die Rolle solcher Fernwege im Rahmen der Völkerbewegungen kann nur spekuliert werden. Die Hunnen beispielsweise mit ihren Beutezügen zu Pferd waren bestimmt nicht hier oben. Bei den zielgerichteten Westwanderungen von Burgunden im Jahr 278, Vandalen 330 und Terwingen um 400 wäre ich mir aber nicht mehr so sicher. Von offizieller Seite werden diese Südwestwanderung zwar immer mal wieder wahrgenommen, welche Wege dabei aber benutzt wurden, ist unbekannt. Am sichersten, schnellsten und bequemsten aber ging es über unseren Erzgebirgshöhenweg! Er liegt übrigens auf einer Geraden mit Warschau, Minsk und Moskau, die es damals natürlich noch nicht gab, aber vielleicht mit solchen Bewegungen befruchtet wurden?

Als Nichteinheimischer habe ich sicher manches Schmuckstück übersehen und andere überbewertet. Die Masse aber der alten Befestigungen und gerade ihre Stärke am Anfang und am Ende machen einen durchgehenden Urweg am Erzgebirgskamm mehr als wahrscheinlich.

Samstag, 7. Oktober 2017

Wie das Zinn in der Brozezeit von Britannien nach Mitteleuropa kam (Mit Google Maps Anleitung)

Vermutete Handelswege in der Bronzezeit aus GEO
Gerne proklamieren Archäologen europaweite Handelsverbindungen schon in der Vorzeit. Wenn es aber konkret wird, schieben sie gerne die Weitergabe der Güter von Dorf zu Dorf vor. Die Wege, auf denen die Güter transportiert wurden, bleiben sowieso unbekannt. Dabei ist es nicht schwer, die alten Trassen exakt nachzuzeichnen. Die kürzesten, trockensten und sichersten Strecken können nämlich nur über die Höhenzüge der Mittelgebirge verlaufen sein, die unseren Kontinent wie ein Netz durchziehen. Und entlang genau dieser Routen fanden auch die großen archäologischen Funde statt.
Das britische Zinn beispielsweise soll um 2200 vor Christus bereits von der Aunjetitzer-Kultur in Mitteldeutschland für Bronzelegierungen benutzt worden sein. Das zeigt nicht nur die Himmelsscheibe von Nebra.
Kammwege als Autobahnen?
Die für Schiffe in Frage kommenden Flüsse wie Elbe und Weser fließen dem Zinnstrom alle entgegen und Treideln kann an den wilden Ufern damals kaum möglich gewesen sein. Über die Kämme aber der Gebirgsketten gelangte man damals schon trockenen Fußes vom Ärmelkanal bis ins thüringische-, böhmische- und ungarische Becken. Dass auch im Erz- und im Fichtelgebirge damals schon Zinn für die Aunjetitzer geschürft worden sein könnte, spricht hier nicht gegen, sondern für dessen Transport über die Höhenzüge.
Wie prähistorische Autobahnen fressen sie sich tief ins Herz Europas: Teutoburger Wald, Eggegebirge, Hessisches Bergland, Thüringer Wald, Frankenwald, Erzgebirge, Oberpfälzer und Böhmer Wald. Bis an die Donau wird der Weg nur von 2 großen Flüssen unterbrochen: Fulda und Werra. Und wo die gequert wurden, ist bekannt: Kassel und Hörschel. Auch die alten Kammwege kennt man bis heute. Sie heißen Hermannsweg, Eggeweg, Rhein-Weser-Wasserscheide, Barbarossaweg, Rennsteig oder einfach Kammweg. Nach Tausenden von Jahren könnte man sie immer noch durchgehend mit einer zweirädrigen Kutsche befahren. Selbst die alten Hohlwege längs dieser Höhenrücken sprechen eine eindeutige Sprache. Ich habe sie alle - etappenweise - mit dem Fahrrad abgeklappert. Immer das gleiche Bild: Entsprechend dem Durchhaltevermögen der Zugtiere mussten alle 20 - 25 Kilometer befestigte Versorgungs- und Wachposten eingerichtet werden. Man erkennt sie heute auch ohne archäologische Funde an gesicherter Höhenlage, Befestigungsstrukturen wie Abschnittswälle oder Schanzkanten, Sichtkontakt untereinander, Quelle, potentielles Ackerland, Gräberfeld und Kultplatz. Wenn dann noch die Flurnamen passen, kann man sicher sein, auf den Pfaden der Altvorderen zu lustwandeln.
Ohne Zinn keine Bronzezeit
Das Zinn von der Insel legt nahe, dass die befestigten Höhensiedlungen schon während des milden Klimas der Bronzezeit benutzt wurden. Umso mehr natürlich während der Katastrophenzeit um 1200 v. Chr. als die norddeutsche Tiefebene und die Flusstäler allerorts unter Wasser gestanden haben müssen (Siehe Blog Prähistorisches Europa). Der Höhenweg auf dem Teutoburger Wald hätte sich jedenfalls als Fluchtweg vor den Tsunamis der Nordsee angeboten. Mindestens bis Zeitenbeginn scheinen die Mittelgebirgsrücken wegen der versumpften Täler als Fernreisewege dominiert zu haben. Als man aber das Tiefland wieder für Siedlungen nutzen konnte, spätestens seit den Invasionszügen der Franken um 500, scheinen die Hochstraßen an Bedeutung verloren zu haben. Dafür wurden die querenden Pässe über die Mittelgebirge aber immer wichtiger.
Die wegebegleitenden Stationen können sogar als Indikatoren für deren zeitliche Nutzung fungieren.
Befestigte Höhensiedlung
Wie heute brachte nämlich jede Zeit ein bestimmtes Muster menschlicher Bautätigkeit hervor: Das waren die trockenen Bergrücken des Neolithikums (erste Bauern), die großen meist leicht befestigten Höhensiedlungen der Bronzezeit, heute erkennbar an den Magerrasenkuppen, Hügelgräbern und fundträchtigen Kultplätzen in der Nähe. Nach den Klimakollaps und dem Urnenfelderumbruch 1200 v. Chr. scheinen die erosionshemmenden Ackerterrassen und die großen Fachwerk-Trockenmauern hinzugekommen zu sein, die heute zu Bodenwällen verfallen sind.
Henneburg seit der Bronzezeit
Leicht identifizierbar sind aber auch die kleinen hölzernen Burgen des Frühmittelalters mit Erdwällen, auf denen die Palisaden standen und tiefen Gräben. Bei andauernder Benutzung der Wege überlagern sich die Befestigungen und nicht selten konnten sich aus ihnen die Steinburgen des Mittelalters entwickeln. Doch selbst als Treideln auf Elbe, Weser und Rhein Usus war, benutze man für den Warentransport von der Nordsee ins Erfurter Becken vorrangig den Landweg: Siehe Via Regia!
Mit einer frühen Nordwest-Südost-Trasse hatte sich bereits Horst Braukmann in seinem Skript „Alte Heer- und Handelsstraßen zwischen Westfalen und Nordhessen beschäftigt“ Siehe "Römerfreunde". Er bezieht sich dabei vor allem auf Messtischblätter von 1805, in deren Mittelpunkt Altstraßen zu Füßen von Taunus und Hessischem Bergland stehen. Sie tangieren alle mittelalterlichen Siedlungen dort, womit ihre zeitliche Einordnung klar wird. Die Braukmann-Wege querten damit hunderte Wasserläufe, waren dreimal so lang wie die Wasserscheiden und kamen für den frühen Fernverkehr also kaum in Frage.
Der Zinnweg auf ein paar Meter genau bei Google Maps
Begleiten wir also die Reisenden von damals ein Stück auf ihrem von der Natur vorgegebenen Weg (Siehe hier bei Google Maps). Da ich Thüringer bin, den Rennsteig und den erzgebirgischen Kammweg schon geschichtlich aufgearbeitet habe (siehe Posts in diesem Blog), beginne ich umgekehrt in Eisenach und steige schließlich an der Ems bei Rheine in die Norddeutsche Tiefebene hinab. Ein Kontinentalweg von 276 Kilometern wartet auf uns, gespickt mit prähistorischen Fundstätten wie der Hünenburg, den Externsteinen, den Megalithgräbern von Scherfelde und der Wallanlage Dörnberg. Bei einem Tagespensum von 20 Kilometern ist er in 138 Tage zu schaffen. Natürlich haben das früher nur wenige Wagenlenker in einem Stück absolvieren können, weder bei den frühzeitlichen noch den mittelalterlichen Handels- und Heerzügen. Auch regional wird die Frequentierung der Teilstücke unterschiedlich gewesen sein. Wieder habe ich bei Google-Maps alle bekannten und verdächtigen prähistorischen und frühmittelalterlichen Befestigungen und vorchristlichen Kultplätze eingetragen. Mittelalterliche Burgen werden nur dann angegeben, wenn sie mutmaßlich oder gesichert aus einer frühen Anlage hervorgegangen sind. Die Karte sollte eigentlich für sich sprechen, hier nur ein paar Besonderheiten:
Alte Werrafurt bei Hörschel
Experimentaler Ochsenkutscher

Da kamen die Kutscher Richtung England also vom Rennsteig die spätere Braugasse in Hörschel bzw. aus dem Erfurter Becken über die Oleite oder den Langen Graben bei Spichra herunter. In beiden Fällen musste nun die Werra gefurtet werden, um über den Höllgraben auf die gegenüberliegende westliche Höhe zu gelangen. Dieses Urwege-Dreieck war wie üblich durch mutmaßlich frühzeitliche Befestigungen auf Kleinem Eichberg, Birkkuppe, Hörschelberg, Tellberg und die Höhe auf dem Kielforst (zerstörtes Hügelgrab) gesichert. Sicherlich nicht alle zur gleichen Zeit. Aber auf allen ist die Bergspitze künstlich abgeflacht, gibt es Terrassen, die nur als Schanzkanten Sinn machen, teilweise auch künstliche Stein- und Wallstrukturen, hohe Quellen. Befestigte Siedlungen hatten bis zur Zeitenwende mindestens die Größe eines heutigen Fußballfeldes für vielleicht 100 Menschen plus Häusern und Nebengelassen und natürlich war bevorzugtes Baumaterial verwitterbares Holz. Solche Anlagen begleiten uns jetzt auf der Hochfläche Richtung Nordwesten permanent. Dazu kommen Hohlwege bei Archfeld und Altefeld, teilweise mit Namen wie Stegliethe, also einer Bergleite. Die große Senke des Ringgaus wird sicher nur in feuchten Zeiten umfahren worden sein, sonst bietet sich die Abkürzung über Renda an. Die Ruine Boyneburg ist als vorzeitliche „Fliehburg“ bekannt. Das Besondere: Der ehemalige Zugang vom Berg aus ist zu schmal für einen Wagen und die Wallanlage scheint nur mit Eseln versorgt worden zu sein. Weiter geht es ins Tal über den Heidenberg mit seinen für Altsiedlungen typischen Magerrasenterrassen nach Wichmannshausen.
Hohlweg
 Dort wird die Sontra beim Altegraben gequert und über Hohlwege die Hubertusliete erobert. Oben gibt es wieder Schanzkanten und ein zerstreutes Hügelgrab. Wir sind jetzt auf dem Barbarossa- und dem Elisabethpilgerweg, Referenz an die alten Reisenden. Vorsicht aber: Der Touristenweg ist nicht identisch mit dem alten Höhenweg. Wer den sucht, muss kurz nach der Lauseeiche ins Unterholz immer Richtung Westen. Er beschreitet den hier eingezeichneten Umweg, der mit mutmaßlichen Wachstationen geradezu gespickt ist. Archäologisch scheint mir besonders die namenlose Anhöhe über Mitterode mit 398 m interessant, die eine mit Bruchsteinen übersäte Innenfläche besitzt, eine eindeutige Schanzkante und einen zerfurchten aber schmalen Zugang. Von Opferberg und Ziegenküppel kann man bis zum Inselsberg im Thüringer Wald schauen. Exzellente Motivation für die alten Zinn-Händler!
Natürlich wird man zu allen Zeiten diesen Umweg nach Waldkappel gemieden haben. Davon zeugen die extrem vielen Hohlwege in den Tälern dazwischen, wahrscheinlich bewacht durch Posten auf Kittersberg und Mäuseberg.
In Waldkappel ging es über den schmalen Schämmerbach. Hier kreuzten im Mittelalter der s.g. Lange Hessen von Frankfurt und die Brabanter Straße von Antwerpen, beide nach Leipzig. Sie verliefen weiter über Datterode, Ifta und Creuzburg, also nördlich parallel zu unserem Höhenweg. Dieser könnte also ihr prähistorischer Vorläufer gewesen sein.
Auf der anderen Seite geht es anschließend nach Nordwesten den im wahrsten Sinne Langen Graben zum Taufstein hoch. Der Wehrberg wird seinen Schutz übernommen haben. Der nun folgende Bergrücken ist zu schmal für eine Besiedlung; nur auf dem Wollstein könnte ein alter Lagerplatz gelegen haben.
Großen Steine bei Reichenbach
Dafür dürften die s.g. Großen Steine eine vorchristliche Kultstätte par excellence gewesen sein. Die 5 Meter hohe Wummis, heute auf dem Gelände einer Jugendeinrichtung, sind nach 2 Seiten doppelt mit tiefen Graben und Wall abgesichert. Sowohl Kindelberg als auch Großer Rohrberg mit überstrapazierten Terrassenfeldern, Schanzkanten und steinübersäten künstlich abgeflachten Kuppen kommen als dazugehörige Bergsiedlungen in Frage. Dort findet man sogar diese kleinen schnurgeraden Rinnen vom Tal zur Spitze hoch, wie am Suhler Domberg. Wahrscheinlich nutzte man sie, um Wasserbehälter auf Schlitten zum Berg hinauf zuziehen. Der Weg führt anschließend in tiefen Hohlwegen weiter zur mächtigen mittelalterlichen Burgruine Reichenbach, sicher auch bereits frühzeitlich genutzt. Von hier hat man einen herrlichen Blick bis Hessisch-Lichtenau, unserm nächsten Ziel.
Dort kreuzte im Mittelalter der Sälzer Weg, auf dem das Salz von Bad Sooden-Allendorf in alle Himmelsrichtungen transportiert worden sein soll. Dahinter geht es trockenen Fußes durch ein großes Waldgebiet mit nicht weinigen prähistorischen Verdachtsplätzen und bestätigten Grabanlagen.
Fulda in Kassel
In Kassel, wo es nur spärliche vorchristliche Funde gibt, kreuzt unser Zinnweg die Fulda und die berühmte Haidenstraße, ebenfalls von Leipzig nach Köln. Dahinter folgen mehrere Varianten, wie sie von Braukmann beschrieben wurden. Ich schlage den in der Karte eingezeichneten Höhenweg vor, den ein Potpourri prähistorischer und frühmittelalterlicher Anlagen begleitet. Dabei mussten die Warme bei Laar und die Diemel bei Warburg überquert werden. Geht es nach den archäologischen Funden dort, muss die Region seit dem Neolitikum ein Kreuzweg der Völker gewesen sein. Während der römischen Okkupation und im Mittelalter sollen sich hier Handelsstraßen aus allen Richtungen begegnet sein.
Hinter Scherfede geht es wieder die Berge hoch. Nun konnte man sich nicht mehr verlaufen. Der weitere Weg wird durch die relativ schalen Gebirgszüge von Egge und Teutoburger Wald vorgegeben. Von den tangierenden vorzeitlichen Sicherungsplätzen sind die meisten gut erforscht und ich kann mich kurz fassen. Sie treten besonders konzentriert rechts und links von Pässen spätmittelalterlicher Altstraßen über die Gebirge auf. Das sind bei:

- Bethel: die Kölner Straße nach Bremen
- Hörster Bruch: Hellweg vor dem Sandforte
- Detmold: eine Via Regia von Frankfurt nach Bremen.
- Horn bei den Externsteinen: Hellweg von Paderborn an die Weser, wahrscheinlich auch die Wein-, Wäng- oder Wagenstr.
- Bad Driburg: Westfälischer Hellweg vom Rhein an die Elbe
- Scherfelde, Warburg: Plackweg nördlich der Ruhr, Haar- und Bördenweg, sowie der Eiserweg (nach Braukmann)

So ging es fast 7 Tausend Jahre lang...
Herrmans- und Eggeweg sind zwar in aller Munde, aber nicht als prähistorische Kontinetalstraße. Im Teudoburger Wald scheinen alle Historiker auf die Varusschlacht und dementsprechend die Heimatforscher auf Römer und Germanen fokussiert. Grabhügel und Großwälle aber müssen aus einer ferneren Zeit stammen. Auffällig auch: Die mittelalterlich beurkundeten Städte rechts und links der Höhenzüge scheinen dem Namen nach viel früher entstanden zu sein, wahrscheinlich noch vor der Zeitrechnung während der ersten Germanenzüge Beispiele sind Paderborn, Detmold, Lippspringe, Horn, Driburg, usw. Nicht wenige dieser Kommunen tragen Namen, die schon anderen Ortes vergeben sind: Detmold, Horn, Meinberg, Driburg, Bethel, Halle, Werther, Dissen, Hilter, Iburg, Hagen, Wittenberg, Dörenberg, Tecklenburg, Hörstel, Rheine usw. Sind der Teutoburger Wald und das Eggegebirge also Anfang oder Ende von unbekannten Völkerbewegungen? Dass die Archäologen außerstande scheinen, die besondere Beziehung zwischen prähistorischen Höhensiedlungen, geologisch markanten Kultplätzen und Hügelgräbern herzustellen, kennt man ja. Nirgends aber tritt diese Kombination so deutlich hervor wie hier. Auch die Vereinnahmung ehemals heidnischer Berge durch das Christentum ist selten so augenfällig wie hier: Johannisberg, Petersbrink, Heidebrink, Gröpelloh, Gottesberg, Bußberg, Jakobsberg, Oelberg usw.
Bis heute heidnische Kultstätte: die Externsteine
Was wurde z.B. den Externsteinen nicht alles angedichtet. Dass sie eine ganz normale Kultstätte der mutmaßlichen Höhensiedlungen auf Bärenstein, Waldschlösschen, Preußischer- oder Lippischer Vermerstot gewesen sein könnten, wird nirgends diskutiert. Den Bärenstein beispielsweise klassifiziert man lediglich als Altsteinbruch. Egal aber wie man zu den Ausführungen in megalith-pyramiden.de steht, die endlosen Trockenmauern dort können unmöglich aus der Neuzeit stammen. Verfälschende Steinbrüche an frühzeitlichen Stein-Wallanlagen gibt es nämlich überall in Europa. Auch unter den riesigen Kalkbrüchen zwischen Lengrich und Lienen müssen frühzeitliche Befestigungen gestanden haben. Zwischen ihnen müssen nämlich sowohl der Hilinci- als auch der Pickerweg von Münster nach Osnabrück verlaufen sein. Beide Städte hatten im Mittelalter eine Bedeutung als Handelsknoten wie Warburg. Der Pass scheint zischen den Siedlungsverdachtsplätzen Künst und Höste verlaufen zu sein. Doch wer recherchiert da schon!
Die Grotenburg unter dem Hermannsdenkmal
Das Hermannsdenkmal kennen alle. Wer aber weiß, dass darunter eine Ringwallamlage namens Grotenburg stand? So scheinen die meisten prähistorischen und frühmittelalterlichen Höhensiedlungen auf Egge und Teutoburger Wald in Vergessenheit geraten zu sein. So denkt bestimmt auch niemand über die Endpunkte des Hermannsweges hinaus und erforscht seine strategische, ja kontinentale Bedeutung seit der Bronzezeit.
Wir dagegen, quasi von der Donau kommend, gelangen nun bis an die Nordsee. Witziger weise endet unsere Straße in einem Ort ähnlichen Namens unseres Einstieges: Hörstel/ Hörschel. Wo die Zinn-Händler aus Britannien an Land gegangen und wo sie ins Mittelgebirge hochgestiegen sind, ist bei den ewigen zerstörerischen Sturmfluten am Nordmeer kaum zu rekonstruieren. Es gibt da mehrere Möglichkeiten, auf jeden Fall musste die Ems gefurtet werden. Entweder passierte das auf der Linie Rheine, Arnheim, Utrecht und Amsterdam oder über Lingen Richtung irgendeines untergegangenen Hafens. Wenn man die Linie des Teutoburger Höhenzuges einfach verlängert, landet man erst in Nordhorn (vergleiche Horn, am Knick des Teutoburger Waldes) dann in Hardenberg, zwei Orte, deren Namen uns auf unserer Reise schon einmal begegnet sind. Weiter kommt man anschließend nach Genemuiden, dem vor der Eindeichung weitesten Vorstoß der Nordsee ins Hinterland. Wer also weiß, wo in der Frühzeit die Küste verlief, weiß, wo das Zinn von den britischen Inseln an Land gekommen sein muss. Ausgegraben wurden megalithische Steinanlagen, bronzezeitliche Erdwerke und frühmittelalterliche Ringwälle in der Region „en masse“. Vielleicht nehme ich mir die Gegend ja irgendwann mal vor.

Dienstag, 26. September 2017

Der Schwedenkönig Gustav Adolf in Mitteldeutschland (1630 - 1632) von C.A.

Gustav Adolf
Der Notschrei der im 30- jährigen Krieg hart bedrängten evangelischen Truppen Deutschlands fand bekanntlich beim König der Schweden Gehör. Er beschloss den deutschen Glaubensbrüdern Hilfe zu bringen. Bereits am 4. Juli 1630 landete er mit einem Heer von 18 000 Mann auf der Insel Usedom. Das Eingreifen Gustavs II. Adolf geschah aber nur zum Teil aus religiöser Solidarität. Es ging auch gegen den deutschen Kaiser und die Sicherung der schwedischen Machtstellung an der Ostsee. Am 20. Juli zog er in Stettin, der Hauptstadt Pommerns ein. Er kündigte an, dass er Pommern als Pfand behalten wolle, wenn die von Herzog Bogislaw versprochenen Gelder nicht eingingen.
Kurfürst Johann Georg von Sachsen
Um zu verstehen, was sich in den nächsten 2 Jahren in Deutschland abspielte, muss man wissen, dass der eigentliche ideologische Feind Gustav Adolfs nicht Kaiser Ferdinand war, sondern Johann Georg von Sachsen. Seine Feinde waren nicht die Katholiken, sondern alle, die für die Festigung Deutschlands eintraten. Ihr Führer war Herzog Johann Georg.
Der Weiter- und Durchzug wurde ihm aber vorerst von den misstrauischen deutschen Landesfürsten und dessen Furcht vor dem mächtigen deutschen Kaiser Ferdinand verweigert. Gustav Adolf überwinterte in Pommern und in der Mark Brandenburg. Er musste aber bereits im Januar 1631 wegen Mangel an Nachschub seinen Feldzug fortsetzen und zog nach Frankfurt an der Oder. Er war am 23. Januar 1631 in Bärwalde, empfing dort die Abgesandten Richelieus und unterzeichnete den seit langen geplanten Bündnisvertrag (Subsidenvertrag) mit Frankreich. (Subsidien = Hilfeleistung durch Geld ) In seinem Kampf gegen die Habsburger beabsichtigte Richelieu sich Gustav Adolf zum Verbündeten zu machen.

Bei allem ging kostbare Zeit verloren, und am 20. Mai 1631 brach das Unheil über das evangelische
Erstürmung Magdeburgs
Magdeburg herein. Nach langer Belagerung eroberte Tilly die Stadt. Seine Truppen waren nicht mehr im Zaum zu halten, sie mordeten und plünderten. Die Stadt wurde in Brand gesetzt. In dem Flammeninferno kamen insgesamt 24 000 Männer, Frauen und Kinder, aber auch viele betrunkene Soldaten Tillys ums Leben. Angesichts des schrecklichen Schicksals von Magdeburg erlaubten schließlich die Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen den Durchzug und wurden sogar Verbündeten der Schweden. Vereint gingen sie gegen Tilly vor.
Ende August 1631 erreichte der nordische König an der Spitze seines Heeres das rechte Elbufer bei Coswig. Von da an wandte er sich nach Wittenberg und überschritt am 3. September die Elbbrücke um Tilly zu folgen, der mit seinen Truppen ins Kurfürstentum Sachsen eingefallen war und sich an die Eroberung des Landes machte. In der Lutherstadt wurde der Schweden-König von den Einwohnern herzlich empfangen. Von Wittenberg aus zog das schwedische Heer auf der alten, nach Leipzig führenden Heerstraße durch das Heidegebiet nach Düben, wo sich die sächsischen Truppen des Kurfürsten Johann Georg nur widerwillig den Schweden anschlossen. Gustav Adolf verfügte nun über 26000 Mann Fußvolk, 13000 Reiter und 75 Geschütze.
Tilly
Das Heer der kaiserlichen Armee unter Tilly hatte 25000 Soldaten, 11000 Mann zu Pferde und 26 Geschütze. Am 15. September besetzte Tilly Leipzig und seine Söldner machten ungeheure fette Beute. Trotz seiner Übermacht zögerte Gustav Adolf die Kaiserlichen anzugreifen, weil die sächsischen kurfürstlichen Söldner nicht gut ausgebildet und wenig zuverlässig waren. Auf Drängen des Kurfürsten Johann Georg brach das Heer jedoch am 16. September von Düben auf und marschierte in Richtung Leipzig, wo er am 18. September 1631 auf seinen Gegner stieß. In der weiten Ebene des Breitenfeld wurde die blutige Schlacht ausgetragen, bei der das schwedische Heer einen glänzenden Sieg davontrug, obwohl die auf dem linken Flügel stehenden Sachsen bald Reißaus genommen hatten und erst in Eilenburg vom Kurfürsten aufgehalten und wieder gesammelt werden konnten. Tilly, im Kampf verwundet, begab sich nach Halle, wo er sich im Gasthof „Zum goldenen Ring“ von einem Barbier verbinden ließ. Am anderen Tag floh er nach Aschersleben und dann nach Halberstadt. General Pappenheim blieb zurück, um das kaiserliche Heer zu retten. Die Überreste der Armee trennten sich. Tilly wich gegen Süden nach Nördlingen zurück und Pappenheim zog an die Weser, um den Vormarsch der Hilfstruppen des Schwedenkönigs zum Stillstand zu bringen.
Am 19. September 1631 zog Gustav Adolf mit seinem siegreichen Heer über Skeuditz und Merseburg nach Halle, wo er einige Tage blieb und dort mit den Fürsten der Region zusammen traf.
Erfurt
Einer davon, Christian II. von Anhalt-Bernburg, berichtet über den Eindruck, den der Schwedenkönig auf ihn machte: „Er ist eine schöne heroische Person, leutselig und gravitätisch. Der König dankte Gott für seinen Sieg bei Breitenfeld und wünschte, dass sie dem evangelischen Glauben, derweil er keinen anderen Vorteil davon hege als die Ehre Gottes und die Erhaltung der evangelischen Religion. Er wolle gern sterben, wenn nur seine Absicht zu Gottes Ehre gereiche.“
Am 20. September 1631 war Gustav Adolf über Querfurt, Allstedt und Artern bis Leublingen, nördlich von Sömmerda, vorgerückt, wo er vorübergehend rastete, um von hier aus sein eigentliches Ziel, die Stadt Erfurt zu erreichen. Diese bedeutsame Stadt in Thüringen wollte er als festen Stützpunkt für seine Machtstellung in Mitteldeutschland sichern. Über Thüringen war Herr, wer mit hinreichenden Streitkräften die zentrale Stadt des Landes besetzt hielt. Von hier aus konnte man die Saalelinie, die Eichsfeldgrenze, den Harz wie auch den Thüringer Wald gleich gut schützen. Als weiteren Verbündeten gab sich auch Herzog Wilhelm von Weimar zu erkennen.
In Erfurt schlugen zwar die Herzen dem Sieger von Breitenfeld freudig entgegen, doch machte seine Forderung der Aufnahme einer schwedischen Garnison und der Proviantlieferung für das 40000 Mann starke Heer den auf das Wohl der Stadt besorgten Rat der Stadt Erfurt ziemlich bestürzt. Eine Abordnung wurde deshalb ins Feldlager des Königs nach Leublingen und auch nach Weimar zum Herzog entsandt, um weitere Verhandlungen zu führen. Es halfen aber weder Verhandlungen noch Bitten. Am 22. September 1631 hielt Gustav Adolf seinen Einzug in Erfurt, wo Herzog Wilhelm schon die nötigen Vorbereitungen getroffen hatte. Dazu der überlieferte Bericht eines Zeitzeugen:
Der Deutsche Kaiser Ferdinand
“Kopf an Kopf gedrängt, harrte die Volksmenge seit Mittag in den Straßen, welche der König mit seinem Heer vom Andreastor nach dem Domplatz berühren musste. Da dröhnte um die vierte Stunde feierlich ehern ein Willkommensgruß vom Dome herab: Maria gloriosa , die 275 Zentner schwere Glocke, hallt tief ausklingend ihr „Salve“ dem großen König entgegen und im wohlgestimmten Chor fallen alle anderen Glocken ein. Bald mischen sich Drometerfanfaren in jener feierlichen Weise, und jetzt übertönt tausendstimmiger Jubel selbst das Rasseln der Geschütze. An der Spitze seiner finnischen Panzerreiter erblickt man den Heldenkönig. Wie einfach aber doch herzgewinnend seine Erscheinung. Auf seinem Schlachtrosse reitet er daher, mit grauem Hut und grüner Feder, eine kräftige Gestalt im blühenden Mannesalter, wohl um Haupteslänge die anderen überragend. Aus dem Munde der frohbewegten Bürgerschaft erklang es „Heil! Heil!“ und der königliche Gast rief: „Gott mit Erfurt!“ Aus dem bogigen Tore „Zur hohen Lilie“ traten die abgeordneten Ratsältesten hervor, den König zu begrüßen.“
König Gustav Adolf besichtigte die Festungsanlagen der Stadt und gab Befehle an die Offiziere heraus. Etwa ein Viertel der schwedisch- sächsischen Armee war in Erfurt einquartiert, der größere Teil war aber in den umliegenden Ortschaften untergebracht worden. Auch Herzog Ernst der Fromme und seine Brüder, Bernhard, der spätere Führer des sächsischen. Heeres, und Albrecht schlossen in Erfurt, dem Beispiel Herzog Wilhelms folgend, ein festes Schutz- und Trutzbündnis mit Gustav Adolf. 4 Tage blieb Gustav Adolf in Erfurt; die Stadt musste den Vasalleneid auf den Schwedenkönig leisten.

Einzug Gustafs in Schleusingen
Am 26. September 1631 vormittags begann der Weiterzug in Richtung Westen über Arnstadt. Ilmenau, Schleusingen. Rittmeister von Recklingen war mit einer Abteilung voraus geschickt worden, um den Weg über den Thüringer Wald, die sog. Frauenstraße zu erkunden und in Franken die dortigen Fürsten und Stände günstig für Gustav Adolf zu stimmen.
Zwei Kolonnen der verbündeten Streitkräfte, aus 40 Kompanien zu Pferd und etliche Regimenter zu Fuß unter Feldmarschall Horn waren über Gotha nach Meiningen marschiert, nahmen die bisher von den Kaiserlichen besetzte Festung Untermaßfeld, zogen weiter nach Franken und dem besetzten Nürnberg. Der vom König geführte Heereshaufen setzte am 26.9.1631 seinen Marsch von Arnstadt über Ilmenau, Frauenwald nach Schleusingen fort. Am 28. September quartierte sich die oberste Heeresleitung mit Gustav Adolf an der Spitze im alten Residenzschloss in Schleusingen ein. Zwei Tage hatte die schwierige Überquerung des Thüringer Waldes gedauert, weil die Wegverhältnisse überaus ungünstig waren. Vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein, beim Schein von Fackeln, die man an die Bäume nagelte, mussten die vordringenden Truppen, erst einmal die Wege in Ordnung bringen und Bahn machen. Mehrere Munitionswagen und Geschütze zerbrachen und blieben liegen. Ernst der Fromme hatte jedoch in Tälern und Schluchten diesseits des Rennsteigs Geschütze und Stückkugeln verborgen gehalten, die nun die Verluste ausgleichen konnten.
In Schleusingen wurden nun diplomatische Verhandlungen von tiefgreifender Bedeutung und kirchenpolitischer Tragweite geführt. Hier warteten in geheimer Mission der Abgesandte Wallensteins, Jaroslaw Sesina Raschin und der böhmische Graf Thun in besonderer Mission auf Gustav Adolf.
Wallenstein
Wallenstein war auf dem Kurfürstentag zu Regensburg vom Kaiser entlassen worden und wollte nun sein eigenes Süppchen kochen, Rachsucht beherrschte seine Politik. Er ließ durch seine Abgesandten die Erklärung überbringen, dass er bereit sei der kaiserlichen Armee, die er zuvor befehligt hatte, im Verein mit Gustav Adolf in Böhmen einen empfindlichen Schlag zu versetzen, nach Wien vorzudringen, beim ersten starken Frost die Donau zu überschreiten, weitere Feindseligkeiten gegen den Kaiser zu eröffnen und ihn dabei aus seinem angestammten Land zu vertreiben. Der französische Minister Richelieu - ein Feind Habsburgs - wäre mit im Bund. Er ging bei diesem Plan von der Voraussetzung aus, dass ihn auch Gustav Adolf unterstützt und ihm 12 000 Mann und 18 Geschütze überlässt. Wallenstein schmiedete damit in Schleusingen ein hochverräterisches Komplott gegen seinen Kaiser. Der Schwedenkönig erklärte gegenüber den Abgesandten Wallensteins sein Einverständnis.
Drei große politische Vordenker, Vertreter der schroffsten Gegensätze untereinander, Gegner auf kirchlichem und politischem Gebiet, wollten die habsburgische Monarchie zu Boden werfen: Ein protestantischer König, nämlich Gustav Adolf, der abgesetzte kaiserliche Generalissimus Wallenstein und ein katholischer Minister-Kardinal, nämlich Richelieu, der schon länger seine Hand dabei mit im Spiele hatte. Es lag schließlich an Gustav Adolf, dass der Plan nicht zur Ausführung kam. Im letzten Augenblick überkamen ihm Bedenken sich Wallenstein unterzuordnen. Wallenstein war ihm zu undurchsichtig und unergründlich; ein Mann mit verräterischen Plänen gegen seinem ihm noch immer wohlgesinnten Kaiser.

Schwedenlager
Von Schleusingen aus knüpfte nun Gustav Adolf mit den evangelischen Adeligen Frankens nähere Beziehungen, indem er mit einem huldvollen Schreiben der gesamten fränkischen Ritterschaft seine fürstliche Gunst und besondere Gewogenheit versicherte.
Danach brach der König mit seinem Heereshaufen von Schleusingen in Richtung Westen auf, zog quer durchs Werratal und erschien am 14. Oktober vor Würzburg. Die Stadt wurde am 18. Oktober eingenommen. Die schwedischen Söldner machten die gesamte Besatzung aus Rache für das Gemetzel in Magdeburg nieder; die Einwohner blieben jedoch verschont. Hanau wurde am 11.11., Aschaffenburg am 22.11. eingenommen und am 27.11. zog er in Frankfurt am Main ein. Schließlich überschritt er bei Oppenheim den Rhein und besetzte Mainz, um hier sein Winterquartier aufzuschlagen.
Bis Weihnachten 1631 hatte der König die Herzöge Wilhelm und Bernhard von Sachsen- Weimar im Dienst seines Heeres, den Landgrafen von Hessen- Kassel und den Herzog von Braunschweig- Lüneburg zu bewaffneten Verbündeten und den Landgrafen von Hessen- Darmstadt, den Regenten von Württemberg, die Markgrafen von Ansbach/Bayreuth sowie die freie Stadt Nürnberg und den fränkischen Kreis unter seinem Schutz.
Plünderungen
Er verfügte innerhalb des Reiches über sieben Heere und beinahe 80000 Mann. Am Rhein standen 15000 unter seinem persönlichen Befehl, in Franken, unter Marschall Horn, 8000, in Hessen 8000, in Mecklenburg 4000, im niedersächsischen Kreis 13000, bei Magdeburg 12000, in Sachsen-Weimar 4000, und der Rest war in Besatzungen über das Land verstreut. Seine Eroberungen machten die Rekrutierung wie auch die Verpflegung eines so gewaltigen Heeres verhältnismäßig leicht.
Der Name des Königs wurde nach dessen Erfolgen in den evangelischen Gebieten Deutschlands mit Freude und Hochachtung genannt; man betete für ihn in den Kirchen. Für den Winter erwartete er auch seine Frau, Königin Marie Eleonora Regina. Sie trafen sich am 22. Januar 1632 in Mainz. Die Königin, eine große, schöne, schlanke Frau, begrüßte den Eroberer, dem sie vor allen Versammelten die Arme um den Hals schlang, mit den Worten: „Nun bist du mein Gefangener.“
Im Frühjahr, am 3. März 1632, zog der König wieder ins Feld. Er ließ Bernhard von Sachsen- Weimar zum Schutz des Rheins zurück und marschierte nach Schweinfurt, um sich wieder mit den Truppen unter Marschall Horn in Nürnberg zu vereinen. Das Heer aus 40000 Mann zog dann nach Süden, das Ziel war Augsburg und damit unvermeidlich Bayern. Tilly zog sich, von Gustav Adolf verfolgt, nach Osten an den Lech zurück, um diese Flusslinie zu halten.
Unterdessen hatte Wallenstein ein neues Söldnerheer von 20000 Mann aufgestellt und lagerte an der böhmischen Grenze. In seiner Not - Gustav Adolf hatte den Lech überwunden und Tilly geschlagen - holte der Kaiser Wallenstein als Heerführer mit allen Machtbefugnissen zurück. Wallenstein, der die Lage auf katholischer Seite völlig beherrschte, griff jedoch Gustav Adolf nicht an, sondern versuchte den Sachsen Herzog Johann Georg auf seine Seite zu bringen und ihn aus Böhmen, das er besetzt hielt, heraus zu locken. Er verweigerte dem Schweden König die Schlacht.
Augsburger huldigen Gustaf
Vorläufig ging aber der Siegeszug des Königs weiter. Am 24. April zog er unter dem Beifall der protestantischen Bürger in Augsburg ein, wo er eine Ansprache an die Bevölkerung hielt. Er verlangte von ihnen den Huldigungseid und monatlich 30000 Taler an Kontribution. Fünf Tage später belagerte er das stark befestigte Ingolstadt, wo der verwundete Tilly im Sterben lag. Nach einer Unterredung mit dem französischen Gesandten, der die bayrische Neutralität gesichert haben wollte und mit Gustav Adolf darüber in Streit geriet, wurde die Belagerung von Ingolstadt abgebrochen und der König stieß, die Franzosen brüskierend, nach Kurbayern hinein. Mitte Mai stand er vor den Toren Münchens. Die Stadt erkaufte sich mit der ungeheuerlichen Summe von einer viertel Million Talern vom Eroberer ihre Schonung.

Der König zog sich danach wieder nach Fürth bei Nürnberg zurück. Nun folgte Wallenstein und bedrohte Gustav Adolfs Stellung. Hier geriet der König in eine schwierige Lage. Sein Heer war stark geschwächt, es war kaum noch Nahrung für Pferde und Söldner vorhanden und die Soldaten starben in Massen. Trotzdem griff er am 3. und 4. September die feindlichen Stellungen an, nachdem er Verstärkung herbeigeholt hatte. Es war vergeblich, er musste sich unter schweren Verlusten zurückziehen. Sein Ansehen schwand sehr schnell, auch wegen der schlechten Zucht unter seinen vor allem deutschen Truppen. Es ging das Gerücht, dass seine Verbündeten ihn verließen. Seine Macht beruhte ja nicht auf seinen eigenen (schwedischen) Untertanen, sondern auf die von Fremden; nicht auf seinem Geld, sondern das Geld der Fremden. Er hatte Deutschland noch nicht sicher in seinem Besitz.
Heereslager
Diese üble Lage versuchte der König im September in Nürnberg zu beseitigen. Er bot Wallenstein Friedensbedingungen an. Er verlangte, dass alle Länder, die jemals den protestantischen Glauben eingeführt hatten, protestantisch bleiben und in allen Ländern des Reiches einschließlich der kaiserlichen, freie Religionsausübung möglich sein müsse. Wallenstein sollte Franken bekommen, Maximilian von Bayern Oberösterreich gegen die Pfalz austauschen, er selbst wollte Pommern, der Kurfürst von Brandenburg sollte Magdeburg und Halberstadt erhalten. Diese Bedingungen zeigten deutlich das Ausmaß der Pläne des Königs. Die Kirche und die Habsburger sollten rücksichtslos ausgeschaltet werden, und ein Reich, in dem weltlichen Fürsten vorherrschen, sollten dem König von Schweden unterstehen. Wallenstein, der sich jetzt auf seine militärische Überlegenheit verließ und wusste, dass die Bündnisse des Königs zusammenbrachen, ging auf diesen Vorschlag nicht ein.
Unterdessen verschlimmerte sich die Lage für das Heer, für Mensch und Tier noch mehr. Der Mangel an Nahrung und Quellwasser vermehrte die Seuchen, die schon immer im Lager geherrscht hatten. Die Reiterei allein war fast um drei Viertel ihres Bestandes zusammengeschrumpft. Das Land war restlos ausgeplündert und gab nichts mehr her. Am 18. September beschloss der König die Stellung auf gut Glück zu verlassen und in Richtung Österreich zu ziehen. Er musste aber seine Pläne bald ändern.
Coburg
Wallenstein zog nämlich, ohne sich dem Kampf mit Gustav Adolf zu stellen, an den oberen Main, berannte die Feste Coburg und bereitete einen verheerenden Einfall nach Sachsen vor. Seine Heerscharen zogen sengend und mordend durch die Saalepforte Richtung Sachsen und auch der kaiserliche General Pappenheim schwärmte wieder nach Thüringen hinein. Es stand ein Angriff der beiden Heere auf Kursachsen bevor. In Eilmärschen eilte Gustav Adolf von Kitzingen her über Schweinfurt, Königshofen und Römhild herbei, traf am 1. Oktober wieder in Schleusingen ein, um auf der Frauenstraße zunächst seinen Marsch nach Erfurt fortzusetzen. Er musste allerdings mehrere Tage in Arnstadt rasten, um die Ankunft der Hauptmasse seiner Armee, die General Knyphusen nachführte, abzuwarten. Von hier schrieb er einen Brief an seinen Kanzler Oxenstierna mit ausführlichen Weisungen zur Verwaltung und Besteuerung der besetzten Länder. Hier traf er auch Herzog Bernhard von Sachsen- Weimar mit seinen Truppen. Am 28. Oktober kam er dann nach Erfurt, wo auch seine Gemahlin Marie Eleonore auf ihn wartete.
Aus abgefangenen Briefen Wallensteins erfuhr der Schwedenkönig, dass die Kaiserlichen Leipzig besetzen wollten. Um das zu verhindern, blieb keine zeit mehr zu verlieren. Beim Abschied empfahl er seine Gemahlin in die Obhut der städtischen Behörden. In Buttstätt machte er Rast. Hier wurden Briefe mit einheimischen Fürsten ausgetauscht. In und abwärts von Kösen querte der König die Saale und am 31. Oktober bezog das Heer bei Naumburg ein festes Lager.
Am 6. November 1632 vereinigten sich die Heere Wallensteins und Pappenheims und diese brachten nun 26000 Mann zusammen. Gustav Adolf hatte nur 16000 Mann, seine Reiterei war schwach und der Sächsische Kurfürst Joh. Georg, der immer zwischen zwei Feuern stand, machte keine Anstalten, sich ihm anzuschließen. Da Wallenstein glaubte, der König würde in dieser Situation keine Schlacht wagen, schickte er Pappenheim mit seinem Heer nach Halle. Diese Gelegenheit durfte sich Gustav Adolf nicht entgehen lassen. Er rückte eilig vor und überraschte die Kaiserlichen, die sich in Lützen, 25 km westlich von Leipzig, verschanzt hatten. Wallenstein sandte Hals über Kopf einen Kundschafter aus, um Pappenheim zurückzuholen.

Massengrab Lützen
Der Morgen des 16. November war klar, aber ab 10 Uhr zog sich über dem flachen Land ein dichter Nebel zusammen. Wallenstein hatte nur höchstens 15000 Mann, die, wie er nachher eingestand, sehr schlecht bewaffnet waren. Der König entfaltete seine Truppen und hatte Lützen links vor sich. Er befehligte selber den rechten Flügel, und Bernhard von Sachsen- Weimar den linken, die Leitung der Schlacht war aber völlig in der Hand des Königs.
Es war gegen 8 Uhr als die Schlacht begann. In den nächsten 2 Stunden kam keines der Heere in Bewegung. Die Schweden machten ein- oder zweimal den schwachen Versuch, Wallenstein aus seiner Stellung herauszuschmeißen. Gegen 10 Uhr griff der König am rechten Flügel die Holkschen Reiter an. Es kam zu einem scharfen Zusammenstoß, bei dem die kaiserliche Reiterei zurück gejagt und die Musketiere aus ihren Stellungen geworfen wurden. Die entsetzten Reserven stoben auseinander und ließen Tross und Zugpferde in Stich. So wogte der Kampf hin und her.
Dann wurde gegen Mittag das herrenlose Pferd des Königs von Schweden gesehen, das wild ausschlagend und durch eine Halswunde vor Schmerz wie toll über das Schlachtfeld raste. Die Kaiserlichen schrien, dass Gustav Adolf gefallen sei und tatsächlich befehligte der König das Heer nicht mehr. Bernhard von Sachsen-Weimar übernahm nun das Kommando. Seine Truppen griffen wieder an, trieben Wallensteins Leute gegen das brennende Lützen zurück und eroberten ein Großteil der feindlichen Geschütze. Auf der rechten Seite eroberten die Schweden, die über den Tod ihres Königs außer sich waren, einige Stellungen der Kaiserlichen und schlugen Pappenheims wilde Reiter in die Flucht. Pappenheim war am späten Nachmittag mit einem Teil seiner Truppen wieder bei Wallenstein eingetroffen und hatten in den Kampf eingegriffen. Er erhielt dabei einen Lungenschuß, an dem er in seiner Kutsche auf dem Weg nach Leipzig starb. Als die Nacht hereinbrach, war die Schlacht entschieden. Wallenstein, von Gicht gelähmt und vor Schmerz und Erniedrigung wütend und aufgebracht, zog sich unter dem Schutz der Nacht in Richtung Halle zurück. Kundschafter versuchten Reste der geschlagenen Truppe zu sammeln.
Der Tod des Schwedenkönigs
In der nasskalten Novembernacht suchten die Schweden nach dem Leichnam ihres Königs. Sie fanden ihn endlich. Er war an einer Schusswunde zwischen dem rechten Ohr und Auge gestorben, wies aber noch andere Wunden auf, einen Dolchstoß und einen Schuss in die Seite, zwei Kugeln im Arm und eine – was wilde Gerüchte von Verrat zu Folge hatte – im Rücken. Er lag auf der feindlichen Seite nackt unter einem Haufen Toter.

Damit war der protestantischen Partei die Seele genommen. Freund und Feind konnten nicht fassen, dass der König tot sei. Die Königin erhielt die Kunde auf der Rückreise nach Schweden. Die entstellte Leiche des nordischen Königs wurde über Weißenfels, Eilenburg, Kemberg, Wittenberg und Spandau nach Pommern gebracht und im Frühjahr 1633 nach Stockholm eingeschifft.
Doch der Krieg in Deutschland ging weiter. Allein die Sachsen hatten die bisherigen Kämpfe mit einem Verlust von fast einer Million Menschen bezahlt, die auch durch Seuchen und Hunger gestorben waren. In Magdeburg hatte Pappenheim die Überreste der Stadt niedergebrannt, als er sie im Frühjahr 1632 räumte und die schwedischen Truppen einzogen. Zu Frankfurt a.d. Oder raffte die durch verwesenden Leichen ausgebrütete Seuche die Überlebenden dahin. Die Schweden hatten die Pest in Stettin und Spandau, in Durlach und Würzburg sowie in Württemberg eingeschleppt. In den Städten lagen die Leichen unbeerdigt auf den Straßen und überall herrschte Hungersnot. Die Ernte war 1632 zwar vielversprechend, aber in Bayern und Schwaben wurde sie von den durchziehenden Truppen niedergetrampelt, in Bayern gab es für das kommende Jahr kein Mahl- und Saatgetreide mehr. Seuchen und Hungersnot vernichteten ganze Dörfer, tollwütige Hunde fielen ihre Herren an, und die Behörden stellten Schützen auf, um die angesteckten Opfer niederzuschießen, bevor sie ihre Mitmenschen anstecken konnten; hungrige Wölfe kamen aus den Wäldern und Bergen, streiften durch die verlassenen Ortschaften, wo sie die Sterbenden und Toten auffraßen.
Das schwedische und auch das kaiserliche Heer waren zusammengebrochen. Abgesehen von der schlechten Disziplin und Zucht der Truppe, plünderten vor allem die Schweden, wie niemand zuvor in diesem Krieg geplündert hatte, um die Hilfsquellen der anderen Seite zu vernichten. Alle Truppen lebten sich überdies in einer gesteigerten Rohheit aus. Sollte der Krieg andauern, schrieb Herzog Joh. Georg, so wird das Reich völlig zerstört werden.
Gustav Adolf konnte in den zwei Jahren die stumpfe Bereitwilligkeit der deutschen Protestanten, vernichtet zu werden, nicht ändern; er konnte zwar das Reich der Habsburger zerschlagen, aber nichts Neues aufbauen, und er ließ die deutsche Politik genauso zurück, wie die deutschen Schlachtfelder: als Scherbenhaufen.
Wallenstein wurde  vom Kaiser 1633 erneut abgesetzt und geächtet, weil er eigenmächtig Verhandlungen mit den Schweden aufgenommen hatte. 1634 wird er in Eger ermordet.
Schlacht bei Nördlingen
Im Laufe des Jahres 1634 verliert Schweden nach der Schlacht bei Nördlingen ganz Süddeutschland. Auch in Franken kommt es nun immer wieder zu Kampfhandlungen und den Durchzug von kaiserlichen und protestantischen Truppen, die sich an Räuberei, Grausamkeit, Mord und Totschlag kaum noch unterscheiden. Das Aufbringen der Verpflegung für die Truppen in einem verhungernden Land war zur Hauptsorge der Kriegführung geworden. Truppenbewegungen konnten nicht mehr nach rein strategischen Erwägungen befohlen werden. Große Heeresteile der einen oder anderen Seite besetzten gewöhnlich einen Landstrich und blieben dort von der Aussaat bis zur Ernte, wobei sie in Gegenden, die zu wenig Bauern hatten, um die Felder zu bestellen, ihr eigenes Getreide ansäten und ernteten und etwaigen Überschuss verkauften. Über ganz Deutschland waren zerlumpte Banden verstreut, die sich nicht um die Sache ihres Feldherrn scherten, sondern bloß die eine Sorge hatten, etwas Essbares aufzustöbern und einen Kampf zu vermeiden.
Dezimierte Bevölkerung
Diese Erscheinungen verursachten die unübersichtlichen Feldzüge im letzten Jahrzehnt des Krieges. Die Kämpfe waren zusammenhangslos und stoßartig. Während die Heere wie kriechende Parasiten das Reich kahlfraßen, plante Kaiser Ferdinand Frieden zu machen. Aber erst 1648 wird, nach vielen weiteren nutzlosen Kämpfen, der Dreißigjährige Krieg durch den westfälischen Frieden beendet. Durch diesen Friedensvertrag wird der Religionskrieg beendet und eine Zeit zunehmender religiöser Toleranz in der Politik eingeleitet. Einher geht das mit einer Schwächung des Reiches durch Zerstückelung in souveräne Herrschaftsgebiete, Niedergang der habsburgischen Vormachtstellung und Aufstieg neuer Großmächte wie Frankreich, Schweden, die Niederlande und Brandenburg. Das Reich war verwüstet und in manchen Gebieten überlebte nur ca. 1/3 der Bevölkerung, was eine soziale Umschichtung und Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur bewirkte.


Quellen: Henneberger Heimatblätter Juli 1932, Daten der Weltgeschichte 1992, C.V. Wedgwood: „Der 30-jährige Krieg“ 1990


Anhang:

Gustav II. Adolf
Auszüge aus einer Biografie der Autorin C.V. Wedgwood


Zur Zeit der Landung in Pommern war Gustav Adolf 36 Jahre alt. Er war hochgewachsen, doch ließ seine übermäßige Breitschuldrigkeit ihn kleiner erscheinen. Er hatte männliche schöne Züge, eine frische Gesichtsfarbe, einen rötlich blonden Spitzbart und ebensolche kurz geschorene Haare. Er wurde „Löwe des Nordens“ genannt, weil er derb gebaut und über eine ungeheure Kraft verfügte. Dabei bewegte er sich langsam und ziemlich ungelenk, konnte es jedoch im Gebrauch des Spatens und der Spitzhacke mit jedem Soldaten seines Heeres aufnehmen. Hingegen war seine Haut, soweit nicht vom Wetter gebräunt, weiß wie die eines Mädchens. Er hielt sich aufrecht, jeder Zoll ein König, gleichgültig was er unternahm. Mit den Jahren bekam sein Kopf eine nach vorne geneigte Haltung, und seine kurzsichtigen hellblauen Augen verkniffen sich. Er aß herzhaft und kleidete sich einfach, trug mit Vorliebe das sämischfarbene Lederkoller und den Biberhut des Soldaten und belebte sein Kostüm nur durch eine scharlachrote Schärpe oder einen Mantel von gleicher Farbe. Er nahm sich ebenso gut im Ballsaal wie im Feld aus, was ihn jedoch nicht hinderte, die Strapazen eines Feldzuges mitzumachen. Er schwitzte, hungerte, fror und dürstete mit seinen Soldaten und saß bisweilen fünfzehn Stunden ohne Unterbrechung im Sattel. Blut und Schmutz kümmerten ihn nicht – die königlichen Stiefel hatten bis über die Knöchel in beiden gewatet.
Doch würde man sich irren, wenn man Gustav Adolf, weil er eine Soldatennatur war, für einen einfältigen Menschen hielte. Botschafter, die von seinem zu sorglosen Umgangsformen und der taktlosen Geradheit seiner Meinungsäußerungen entsetzt waren, überwanden ihre anfängliche Abneigung, wenn sie entdeckten, welch angespanntes Denken und brauchbares Wissen sich hinter seinen schnell gefällten Urteilen verbargen. Höflinge, die seine Freundlichkeit missbrauchten, brachten ihn so in Wut, dass sie ihn selten beruhigen konnten. Diener, die sich damit aufhielten, unnötige Fragen zu stellen, wurde barsch befohlen, ihren Auftrag auszuführen, und Gesandte, deren Beglaubigungsschreiben an den König nicht die genaue Aufzählung seiner Titel enthielten, fanden keinen Zutritt, bevor der Fehler nicht gutgemacht war.
Seit seiner frühesten Kindheit für die Aufgaben des Königtums erzogen, hatte er im Arbeitsraum seines Vaters während der Abwicklung von Staatsangelegenheiten gespielt, als er kaum stehen konnte. Mit 6 Jahren war er mit dem Heer im Felde gewesen, mit 10 saß er am Ratstisch und gab seine Meinung kund, und er war noch nicht 20, als er selbst und alleine Gesandte empfing. Er besaß eine oberflächliche Kenntnis von 10 Sprachen, war von einer vielleicht nicht tief gehenden Wissbegierde und hatte eine Vorliebe für angewandte Philosophie; stets hatte er einen Band Grotius bei sich. Nicht einmal Richelieu oder der unter seinen Zeitgenossen so sehr gepriesener Maximilian von Bayern kamen Gustav Adolf als dem in der Verwaltung eines Staates erfolgreichsten Herrscher Europas gleich. Während seiner 19-jährigen Regierungstätigkeit – er wurde mit 17 Jahren König - hatte er die Finanzangelegenheiten Schwedens in Ordnung gebracht, Wohlfahrtseinrichtungen, Spitäler sowie das Post- und Erziehungswesen ausgestaltet und ein sorgsam ausgearbeitetes, erfolgreiches Militärpflichtsystem geschaffen. Er nam ferner die Beseitigung der aus der Untätigkeit des ehrgeizigen Adels erwachsenen Schwierigkeiten dadurch in Angriff, dass er mit dem „Riddarhus“ eine Adelskammer schuf, die der Krone und der Regierung Schwedens gegenüber verantwortlich war. Er war absolut kein demokratischer König; seine politische Theorie war aristokratisch, aber unter seiner Führung des Adels erfreuten sich anderthalb Millionen Menschen in Schweden und Finnland der reibungslosesten Regierung in Europa. Überdies hat er den Handel gefördert und die Nutzung der Naturschätze des Landes, insbesondere des Reichtums der Mineralien, zur Entfaltung gebracht. Schweden besaß die Rohmaterialien zur Herstellung seiner Kriegsausrüstung und bediente sich ihrer auch. Seit Gustav Adolfs Regierungsantritt war fast kein ganzes Jahr Friede gewesen. Unter solchen Umständen ist es kaum verwunderlich, dass die schwedischen Stände im Jahr 1629 einhellig die Mittel für den Krieg in Deutschland bewilligt hatten.
Gustav Adolf widmete sich dem Krieg mit den gleichen begeisterten und abenteuerlustigen Verständnis, das er auch für die Angelegenheiten des Friedens an den Tag gelegt hatte. Er bewunderte den Prinzen Moritz von Oranien und hatte dessen Taktik weiterentwickelt, um aus seinen Truppen das Äußerste an Beweglichkeit und Tüchtigkeit herauszuholen. Er ließ holländische Berufsoffiziere kommen, um seine Truppen im Gebrauch der Artillerie und im Belagerungskrieg auszubilden.
Wie alle großen Führer glaubte Gustav Adolf sowohl an sich selbst, wie auch an seine Sache. Er war der Überzeugung, dass Gott mit ihm sei. Obwohl er lutherisch erzogen war, hatte seine Duldung der Calvinisten unter seinen Untertanen und Verbündeten des öfteren Zweifel aufkommen lassen. Er war aber trotzdem von der Richtigkeit seines eigenen großzügigen Protestantismus überzeugt und konnte nur schwer einsehen, wie jemand mit Gewalt überredet werden könnte, seinen Glauben zu wechseln. Er war gewillt, den Besiegten jeglichen Glaubens zu erlauben, wie in ihren Irrtümern zu verharren.
Sein bester Freund war sein grauhaariger Kanzler Axel Oxenstierna, von dem allein er Rat und Tadel annahm. Er war der Sachkundige, der die hochfliegenden Ideen seines Herren in Tatsachen übertrug. Er verfügte über dieselbe gewaltige Tatkraft, Schnelligkeit im Urteil und geistiger Geschmeidigkeit, über ein gleich gutes Gedächtnis und über eine ebensolche Organisationsgabe. Beide Männer erfreuten sich derselben robusten Gesundheit.
Niemals zuvor hatte Deutschland ein Heer gesehen wie das, mit dem Gustav Adolf landete. Vor der pommerschen Küste ankerten 28 Kriegsschiffe und ebenso viele Transportschiffe mit 16 Schwadronen Reiterei und 22 Kompanien Infanterie samt einem starken Artilleriedetachement, insgesamt 18000 Mann. Es war für Schweden ein kleines Heer, der König warb aber bereits Rekruten in Deutschland. Im Gegensatz zu den angeworbenen buntsprachigen Söldnerhaufen, wussten die Schweden wofür sie Kämpfen sollten. Von den großen muskulösen Männern Südschwedens, bis zu den gedrungenen, dunkelfarbigen Lappländern und den schlanken farblosen Finnen, waren sie alle gleichermaßen Untertanen und Mitkämpfer des Königs. Er war ihr Herrscher, ihr Feldherr und fast ihr Gott.
Gustav Adolf hatte vor seiner Abreise aus Schweden eine Bekanntmachung in fünf Sprachen an die Bevölkerung seines Landes und die Herrscher Europas veröffentlicht, in der er die Unterstützung der protestantischen Sache durch die Schweden rechtfertigte. Er erklärte unter anderem, dass er vergeblich versucht habe, sich mit Kaiser Ferdinand friedlich auseinander zusetzen und da auch die deutschen Kurfürsten ihre eigene Kirche nicht verteidigen wollten, habe er für die Unterdrückten zu den Waffen gegriffen.