Mittwoch, 29. Januar 2020

Rennwege - überall Rennwege!

Rote Punkte: Renn-Orte, -wge
Populäre Trassen im urzeitlichen Straßennetz Europas

Der Altstraßenforscher trifft oft auf wiederkehrende Bezeichnungen: Renn-, Rain-, Run, -stiege, -wege, -steige, -täler, -orte nehmen mit ca. 200 Einträgen einen besonderen Umfang ein. Die Herkunft von Renn muss indogermanisch sein, also sicher nach 1200 v. Chr. aus dem Osten stammend, der sich über die Sachsen bis in englische „run“ und französische „cours“ entwickeln konnte. Über die Nutzung unseres Rennsteiges in Thüringen habe ich hier schon vor Jahren gepredigt (Siehe: Der Rennsteig als Urweg). Inzwischen gibt es erfreulicherweise auch einen Wikipedia-Artikel dazu. Dort wird er ebenfalls als frühester Verkehrsstrang interpretiert. Außerdem tauchen in dem Beitrag noch andere Mehrfachnennungen auf, wie Hell-, Deit-, Folk-, Haar- und Reuterwege. Auch sie sollen alte Handels- und Heerstraßen gewesen sein. Trägt man sie alle in eine Karte ein, entsteht zunächst ein Linienwirrwarr ohne jedes System. Die Wegerelikte scheinen sich über ganze Europa zu verteilen, nur stückchenweise durch Zufall erhalten. Fügt man jetzt der Karte noch die bekannten mittelalterlichen Altstraßen hinzu, so genau wie möglich, also Heidenstraße, Kupferstraße, Ortesweg usw., kommt Struktur in den Laden: Wir erkennen ein System von Trassen und Wegenetzen, das sich an Wasserscheiden-Höhenwegen orientiert, im Westen in Römerstraßen und im Osten in das mittelalterliche Altstraßensystem aufgeht.
Gleiche interaktive Karte mit Satelliten-Hintergrund

Wieder habe ich also nach meinen Reisen eine interaktive Karte bei Google-Maps veröffentlicht, die eigentlich selbsterklärend sein sollte. Für diejenigen Leser, die meine anderen Altstraßen-Posts nicht kennen, hier noch einen kurze Zusammenfassung der Erkenntnisse, die ich in den letzten Jahren gewonnen habe: Alte Verkehrsstränge sollten spätestens von der neolithischen Besiedlung bis ins Frühmittelalter nachweisbar sein. Sie scheinen prinzipiell in der sinnfälligen Verknüpfung wasserscheidender Höhenlinien bestanden zu haben. Das können die Kammwege der Mittelgebirge gewesen sein (Thüringer Wald, Rothaargebirge, Erzgebirgskamm) aber auch unscheinbare Höhenzüge im Flachland (spätere Kupfer- und Weinstraßen, Via Regia, Via Imperii). Alle 20 Kilometer, dem Tagespensum eines Ochsenkarrens, müssen außerdem strategische Versorgungs- und Sicherungsstationen errichtet worden sein, aus denen sich manchmal heutige Kommunen entwickelten (Winterberg, Oberhof, Neumarkt, Ulmen). Meist sind die Abstände geringer, weil über alle Zeiten neu gebaut wurde. Besonders augenfällig wird dieses Prinzip am Keltenerlebnisweg von Bad Windsheim nach Meiningen oder an der Heidenstraße von Köln nach Leipzig. Entsprechend den geografischen Gegebenheiten waren das natürlich oft nur Korridore, die die verschlungenen Launen der Natur durch Abkürzungen umgingen. Es gab auch immer mehrere Varianten, wie uns Hohlwege, Flussübergänge, Flurnamen verraten.
Rennweg am Katschenberg
Im Hochgebirge, wie den stark frequentierten Alpen, konnten natürlich nur die Talränder genutzt werden. Immer dort, wo die Kammwege die Wasserscheiden verließen und deshalb Flüsse queren mussten, entstanden an deren Sandbänken in Flusskurven die späteren Furten. Und nur dort! Die dienstleistungsintensiven Flussquerungen ließen die heutigen Dörfer und Städte entstehen, wie Straßfurt, Frankfurt, Dietfurth, aber auch Kassel, Leipzig und Dresden. Gerade die jeweils dort gefundenen neolithischen Ringgrabenanlagen deuten darauf hin, dass diese Zwangsführungen seit den ersten Siedlern bestanden haben müssen (Siehe Post-Schwerpunkt „Altstraßen“). Hinter (oder vor) diesen Furtniederlassungen ging es über Bergsporne oder trockenen Täler wieder zu den Wasserscheiden hinauf. Die späteren Vorspanndienste mit zusätzlichen Zugtieren für Trecks erkennt man an den hunderten „Ausspannen“ in Europa. Die meisten Altstraßenforscher ordnen die bis zu 20 Meter tiefen Hohlwege dem Mittelalter zu, obwohl viele von ihnen entgegen der bekannten Altstraßen verlaufen, z. B. parallel zu den Kammwegen. Alle archäologisch bekannten Befestigungen der Ur- und Frühzeit orientieren sich an diesen Linien. Selbst die Orte mit den ausgegrabenen Leitkulturen: Michelsberg-, Rössen, Wartberg-, Hallstatt-, La Tene.
Überall verbinden sich die Rennwege zu 
wasserscheidenden Kammwegen
Doch nun zur Rennweg-Karte: Wie üblich werde ich auf Einzelheiten hinweisen. In das Wegenetz habe ich neben den wichtigsten Wasserscheidenwegen einige logische Verknüpfungen und sinnfältige Abkürzungen eingefügt. Und siehe da: In dem so entstandenen Urwegenetz scheinen die alten „gemeinen Fernstraßen“, besonders aber die Rennwege und -orte wichtige Verteilerfunktionen zu übernehmen. 
Legende:
  • rote Linien: urzeitliche Fernwege entlang von Wasserscheiden, die meisten vergessen, viele aber auch urkundlich belegt und hier größtenteils in anderen Posts beschrieben (große Furten extra ausgewiesen)
  • lila Linien: bekannte Römer- und Altstraßen des Mittelalters, meist auf heutigen Trassen, deshalb nur nach durchzogenen Orten markiert (hierzu gehört auch die Route des Alfred von Stade, siehe weiter unten!)
  • orange Linien: logische Zwangsverbindungen bei Lücken im System, ebenfalls auf Höhenrücken, nachgewiesen an wegbegleitenden Relikten
  • pinke Linie: Europäische Hauptwasserscheide, die außer in den Hochgebirgen Pyrenäen, Alpen und Hohe Tatra, selbst ein urzeitlicher Höhenweg gewesen sein muss (Siehe entsprechender Post)
  • violette Linie: verwandte Deitwege
  • gelbe Linie: Reuterwege
  • grüne Linien: Hellwege
  • dicke rote Linie: die hier beispielhaft untersuchte prähistorische N-S-Kontinentalstraße „Rennweg“
  • roter Ikon: Rennweg-Namen, die anderen sind entsprechend ihrer Linie gefärbt
  •  blaue Ringe: archäologisch untersuchte Befestigungen (mit Zeitangabe) und solche, die nach den heute noch sichtbaren Bodendeformation oder Flurnamen als solche verdächtigt werden können (zeitlich hier nicht einordenbar, die Bezeichnung Schanze bezieht sich dabei auf Wälle oder künstlich versteilte Abhänge, oft mit alten Feldterrassen, wie sie seit frühbronzener Zeit typisch sind)
  • blaue Burg: frühmittelalterliche Befestigung, mutmaßlich über einer urzeitlichen Schanze erbaut
  • blauer Ikon: weitere Hinweise auf den Weg, wie Menhire, Kreuze oder beziehungsvolle Flurnamen
  • drei blaue Punkte: Altgräber (Neben bekannten Großstein- und Hügelgräbern auch Galgen-und Richtberge, Brand- und Ascheplätze, weil überall dort, wo man gegraben hat, diese entsprechend als Körper- oder Brandgräber enttarnt wurden)
Rennstieg im Hainich
Nun kann ich nur hoffen, dass Sie sich durch das entstandene Chaos nicht abschrecken lassen. Zoomen Sie einfach auf eine Gegend, die Ihnen bekannt vorkommt, und überprüfen Sie die Eintragungen. Rein technisch ist Google hier sowieso an seinen Grenzen der grafischen Beweglichkeit angekommen. Oft hilft bei der Orientierung den Hintergrund zu verändern.
Wegerelikte habe ich hier nur an solchen Strecken eingetragen, die ich bisher noch nicht in diesem Blog behandelt habe. Überall dort, wo Sie keine wegbegleitenden Ikons finden, muss es also bereits einen Post geben. Die alte Kupferstraße, der Keltenerlebnisweg, die prähistorische Oppida-Route durch Franken, die Hedenwege zwischen Würzburg und Gotha, die Via Claudia Augusta usw. usw. Neben den archäologisch untersuchten Orten fanden aber auch solche in die Karte Eingang, die durch Wall- und Schanzreste als Siedlungsverdachtsplätze in Erscheinung treten, bzw. durch Flurnamen, die anderenorts als eindeutiger Wegebezug erkannt wurden. Die hohe Konzentration solcher Artefakte besonders an Kreuzungen und ihre ständige Wiederkehr geben den hier eingezeichneten Strecken einige Sicherheit. Durch den Wegebezug erhalten plötzlich auch viele Städte- und Flurnamen endlich Sinn: Straß-burg, Laufen, Vils-eck, Eller-bruck usw. Die hohe Anzahl verweist auf die Bedeutung der Altstraßen bei der Herausbildung unserer heutigen urbanen Strukturen hin!
Rennweg in Wien
Die Karte offenbart so - weitab heutiger Kunststraßen - eine völlig neue Welt, in der sich aber damals das Leben zugetragen hat. Gleichwohl scheinen die dabei strategisch verknüpften Macht- und Wirtschaftszentren weitgehend mit den heutigen identisch zu sein. Wie kann das passieren?
Nun müssen viele dieser mittelalterlichen Wege nach den begleitenden archäologischen Funden bereits in frühester Zeit begangen worden sein. Das wird heute auch nur noch selten in Frage gestellt. Altwegeforscher suchen nach Urkunden und Hohlwegen, Archäologen nach Scherben und Knochen. Es geht aber auch anders, nämlich nach den Mustern der vergleichenden Archäologie: Nun habe ich hier schon so viele bekannte und unbekannte Urstraßen beschrieben, dass ich mir Details über die Gesetzmäßigkeiten ihres Verlaufs schenken möchte. Nur so viel: Das Prinzip war so lange zwingend, wie Waagen von Nutztieren gezogen wurden und die meisten Niederungen versumpft waren. Die alten Pfade mussten sich so immer an Wasserscheiden orientieren (Siehe: Vergessene Urstraßen durch Mitteldeutschland). Ihre sinnfällige Verknüpfung zwischen wirtschaftlich erfolgreichen Regionen entwickelten sich zu regelrechte Zwangstrassen, die notwendigen Flussfurten zu reichen Gemeinwesen. Die Wege und ihre begleitenden Sicherungsstationen (Siehe: Wo die nächsten archäologischen Funde gemacht werden) tragen sehr oft sich immer wiederholende diesbezügliche Flurnamen (Siehe: Flurnamen im archäologischen Vergleich). Ihre Wortverbindungen sagen uns wer da reiste: Römer- Hermes-, Königs-, Kaiser-, Karl-, Franken-, Herren- und Heere-; wo es genau lang ging: Leite-, Trift-, Hardt-, Furt-, Hohe- oder Hohle-; wann gereist wurde: Winter-, Sommer-, usw. Nördlich des Harzes zeigt sich deutlich, wie selbst noch im relativ trockenen Mittelalter die Straßen zwischen Magdeburg und Hildesheim immer wieder Wasserscheiden aufgriffen. Und die machen dort am Rand zur Norddeutschen Tiefebene wahrlich verrückte Zickzack-Linien. 

Neuhaus am Rennweg der eigentlich Rennsteig heißt
Der Rennweg von Norddeutschland nach Italien
Machen wir das Ganze an einem Beispiel fest. Als Thüringer nehme ich die Renn-Orte (roter Ikon). Wir erkennen zunächst deren Konzentrationen in Nordrhein-Westphalen, in Franken und in den Alpen. Logisch, denn bekannt sind uns ja die Wanderungen indogermanischer Sprecher von Nordost nach Süden und Westen. Man findet sie sowohl auf wasserscheidenden Höhen, oder als Zubringer zu ihnen in breiten Auen. Renntäler jedenfalls scheinen die absolute Ausnahme zu sein. Das ist übrigens ein weiter wichtiger Hinweis: Erst um Christi Geburt waren die Fernwege ja nach und nach in die Täler gewandert. 
Eine Renn-Trasse, die auch Furten in Anspruch nimmt, sticht in unserer Karte sofort hervor. Von der Nordsee bis nach Italien lassen sich mehrere entsprechend ausgerichtete Rennwege miteinander verbinden. 
  • Der Rennsteig im Leinebergland weit im Norden,
  • die Kreuzung mit der Verlängerung des Kyffhäuser Rennweges,
  • der Rennstieg im Hainich,
  • die Querung des Rennsteigs im Thüringer Wald,
  • er sog. Urrennsteig nach Breitungen runter,
  • das Renntal westlich Sulzfelds als Zuführung zu unserer Straße,
  • die Alternative Rennweg in den Haßbergen und
  • die Kreuzung mit dem Rennweg am Vogelherd, von Forchheim nach Würzburg, sowie
  • letztlich auch der Rennweg in Meerane hinter dem Alpenkamm.
Rennsteig im Leinebergland hoch im Norden
Hier sind wir auch auf der strategischen Wanderungsrichtung der indogermanischen Italiker und der Sueben nach Schwaben unterwegs. Handel mit Bernstein südlich der Alpen und Mittelmeermuscheln an Saale und Elbe sind ja bereits seit dem Neolithikum bekannt (Siehe Posts über Özi). Selbst im Mittelalter scheinen Teile dieser Strecke noch genutzt worden zu sein, besonders südlich von Donauwörth und in den Alpen (Römerstraßen). Dort allerdings konnten nicht Höhenrücken die Straßenführung übernehmen, sondern die höher gelegenen Talränder. Die Prinzipien des Reisens aber waren immer die gleichen. Der Abt Albert von Stade pilgerte 1236 von der Elbestadt ins päpstliche Rom (blaue Linie ab Stade). Er machte auf dem Hinweg einen großen Bogen durch Frankreich, auf der Rückreise nahm er die kürzeste Verbindung über den alpinen Brenner und - den Rennsteig zwischen Meiningen und Gotha. Er benutzte dabei vorrangig schon die auch heute noch gängigen Trassen in den Tälern. Die also müssen damals schon weitestgehend trockener und melioriert gewesen sein. Die Rennwege jedoch verliefen parallel der mittelalterlichen Stade-Route auf den benachbarten Höhenzügen. Sie müssen also älter sein. In Insbruck, Würzburg und im Thüringer Wald könnte der Abt sie aber tangiert haben. Auch die möglichen Alternativen für die Pilger damals strotzen nur so von alten Renn-Bezeichnungen: 
Wer dem Rennsteig im Thüringer Wald ein Stück nach Osten gefolgt wäre, käme am Rennweg in Nürnberg raus, wer die Via Claudia bei Schöngau verlassen hätte, wäre bald am Rennweg in Insbruck (Via Imperii). Kutscher, die die Nord-Süd-Schwarzwald-Route nutzten, hätten den Rennweg in den Strombergen gekreuzt, bevor sie am Rennweg in Freiburg im Breisgau herausgekommen wären oder am Rennweg in Basel. Weiter muss es dort über die Alpen gegangen sein, denn einen Endpunkt hat es für Reisende nie gegeben. Der Schwarzwaldkamm muss auch weiter zum Rennweg in Zürich und sicher weiter über den Septimerpass nach Mailand geführt haben. Wer hingegen ins Karpatenbecken oder nach Konstantinopel wollte, musste über Regensburg den Rennweg in Wien nehmen, respektive in den Balkan den Rennweg am Katschberg. Kann die sich so abzeichnende Struktur Zufall sein? Selbst wenn es die ganzen Warten, Wachen, Burgen, Schlossberge und Schanzen am Weg nicht gäbe, die Bezeichnungen als Rennweg durch ganz Europa macht ein strategisches System zwingend. Und: der wiederkehrende Name, sowie die Ausrichtung der Wege geben damit über weite Strecken den exakten Verlauf der Gesamtroute als Zwangsführung vor.
Rennweg in Zürisch
Typische Verästelungen besonders über den Thüringer Wald sind logisch. Wer die Strecke abgefahren ist, weiß: Er ist augenscheinlich das komplizierteste Stück auf der gesamten Kontinentalstrecke, auch gegenüber den Alpen (Siehe: Via Claudia Augusta und Ötzi im Blog!). Selbst die „quer“ verlaufende Donau scheint keine große Herausforderung für Pilger, Händler und Heere gewesen zu sein. Ihre Umfahrung über den Schwarzwald hätte ja zuvor die Furt über Main und Neckar erzwungen. So laufen nach einer Laune der Natur fast alle Wasserscheidenwege in nord-südlicher Richtung durch Franken bei Donauwörth und Regensburg zusammen. Dazu gab es an beiden Orten für die Querung günstige Sandbänke. Und, um das Wunder komplett zu machen: Die Höhenwege, die anschließend nach Süden führen, vereinigen sich nicht nur bei Augsburg, sondern sie führen über Füssen auch zum einfachsten und ältesten bekannten Alpenpass bei Reschen. Die Römer haben uns diesen Verkehrsweg in ihrem Einflussgebiet als Via Claudia Augusta hinterlassen (Siehe wieder entsprechender Artikel hier!). Sie waren aber bestimmt nicht die ersten, wie das keltische Oppidum Manching nahe legt.
Vachaer Stein am Rennsteig
Es scheint also jede Menge Verbindungen zwischen Skandinavien und dem Mittelmeer gegeben zu haben. Die Entscheidung, welcher genutzt werden sollte, musste vor - respektive hinter - dem Harz getroffen werden. Dieses Haufengebirge konnte im Gegensatz zu den anderen „Querriegeln“ nach Süden (Thüringer Wald, Alpen) einfach umfahren werden. (Wem das jetzt zu verworren scheint, soll einfach in die Karte schauen!). Der östliche „Ausweich“ mündete in die bereits früher beschriebene Kupferstraße mit Rennsteigquerungen bei Oberhof und Ilmenau. Die westliche - nämlich die hier beschriebene - landete über Hainich und Rennsteig in der Rhön. Die Konsequenz für die schon immer auf Effizienz getrimmten Wagenlenker führte sie nach Würzburg/ Marktbreit, respektive später Ochsenfurt. Allerdings wartete dort weiter südlich der Neckar mit seinen Zuflüssen auf sie. Es blieb also nur wieder die „Zuflucht“ auf den bekannten Kupferweg-Strang. Es gibt dabei wieder mehrere Varianten.
Die archäologischen Highlights an unserer Rennwegroute von Norden nach Süden geben uns die zeitliche Nutzung vor: Die vielen Großsteinsetzungen scheinen aus einer Zeit zu stammen, lange bevor sie den indogermanischen Namen Renn- verpasst bekommen haben können. Die nicht weniger zahlreichen Hügelgräber aus der mittleren Bronzezeit rechnen einige Historiker bereits den Indogermanen zu. Ein Urnenfund in einem Großsteingrab an der Landzunge von Cuxhafen muss dann schon zwingend mit den neuen Sprechern verbandelt sein. Die Tangierung von Bremerhaven und Bremen weist auf den Einfluss hin, den unser Weg auf die jeweilige wirtschaftliche Entwicklung genommen hat. Ein Stück weiter, der Burgberg in Stade, soll auch seit der Steinzeit bewohnt gewesen sein. Die Schlacht am Harzhorn scheint die Bedeutung der Trasse in der Antike zu untermauern. Überhaupt könnten viele Sicherungsposten über mehrere Siedlungskulturen belegt gewesen sein, wie der Kapellenberg über Marktbreit, mit Schnurkeramikern, Kelten, Römern und Franken. Die Unübersichtlichkeit der Wegführung im Dreieck Rhön, Thüringer Wald und Grabfeld, sowie um Würzburg herum, erklärt sich mit der extremen Vielzahl auflaufender Altstraßen. Quasi jeder Ausläufer des Thüringer Waldes ist mit diesen tiefen Hohlwegen gesegnt. Entsprechend könnte jeder verteidigungsfähige Höhenrücken mit Quelle als Lager oder befestigte Siedlung genutzt worden sein. Bergabflachungen, Schanzreste, Flurnamen, Altsteinbrüche, Gräber und Nutzsteinkonzentrationen geben das jedenfalls her. 

Und was ist mit den anderen Rennwegen, -tälern und -orten? 
Waren nicht nur Händler und Heere sondern 
ganze Völker auf den Rennwegen unterwegs?
Die Elbgermanen jedenfalls zogen auch nach Nordrhein-Westphalen und weiter nach Westen. Noch Cäsar musste sich mit ihnen in Gallien herum schlagen. Ohne Ausnahme lassen sich deshalb auch dort die alten Renn-Namen den beurkundeten Altstraßen und frühen Fernwegenetzen zuordnen, bzw. als Zuführungen zu ihnen. Um Koblenz herum bildet sich ein regelrechter Ring mit ihnen ab. Wer die Flurnamen dort studiert, denkt er ist im Thüringer Wald. Im Gegensatz zu den Hohen Straßen, deren Bezeichnung etwa zur gleichen Zeit entstanden sein muss, konnte ja auch in den Niederungen „gerannt“ werden. Die typische Bezeichnung in der Niederung von Kelheim, scheint aber eine Ausnahme gewesen zu sein: Die Zusammenführung der Wasserscheiden dort lässt einfach keine andere Wahl. Trotzdem: Die Zeit der großen Überschwemmungen scheint vorbei gewesen zu sein. An einigen Furten in breiten Auen und unbekannten Verbindungen im Gebirge konnte ich die Strecke nur vermuten (z. B. in Lohstadt bei Regensburg, Übergänge am Hochrhein, in der Schweiz oder im Breisgau). Die Rennkombinationen an der Eder können auch durch späte Wege entlang des Flusses entstanden sein. Schon die Römer waren hier gegen die Chatten unterwegs. Die Lage der Rennwege und -orte sowohl in Kammlagen, als auch am Rande der Gebirge, sowie ihre Konzentrationen lässt die Vermutung aufkommen, dass die Namen östlich des Limes noch vor der Zeitrechnung aufkamen und sixch während der Völkerwanderung nach Westen verbreiteten.
Altstraßen: Elementare Vorrausetzung 
menschlicher Entwicklung
Der Rennweg grenzt sich damit deutlich von den anderen „gemeinen“ Altstraßen ab. Die ebenfalls hier untersuchten Deitwege scheinen nämlich jünger zu sein. Sie verlaufen prinzipiell durch Niederungen und fast immer auf Gewässer zu bzw. von ihnen weg. Da Deit und Deutsch gleiche Wurzeln haben sollen, Deit erst im 4. Jhd. erstmals auftaucht, bestätigt sich unsere Renn-Einordnung. Der Name könnte damit bei den ersten germanischen Zügen entstanden sein, also noch vor der Zeitrechnung. Ich würde ihn sogar den Sueben zuschreiben, also vielleicht is 1. vorchristliche Jahrhundert. Was nicht heißt, dass die so bezeichneten Strecken nicht älter waren. Dass „Renn“ heute östlich von Elbe und Saale nicht mehr erscheint, könnte mit der slawischen Überlagerung erklärt werden. Die Deutschen Könige scheinen es bei ihren Ost-Feldzügen jedenfalls nicht mehr im Sprachgebrauch gehabt zu haben. Im Westen und Süden macht ihr Benehmen mit den Römerstraßen eine ältere Nutzung wahrscheinlich, auch wenn sie den Namen erst später verpasst bekamen. Bei Freiburg im Breisgau und an den Rheinübergängen am Kaiserstuhl zeigen sich die Rennfragmente Richtung Schwarzwald als älter wie die Römerstraßen, aber jünger als die keltischen.
An der Wasserscheide des Haarweges kann man zwischen Dortmund und Rüthen wieder schön erkennen, wie sich aus den wasserscheidenden Kamm- die mittelalterlichen Talverbindungen von Ort zu Ort entwickelten: der Plackweg im Süden und nördlich mehrere Hellwege. Bei den Hellwegen schließe ich mich der Interpretation „lichter, breiter Weg“ an, weil sie über weite Strecken trockene Erhebungen suchen.
Immer mehr Heimatforscher beschäftigen
sich mit Altstraßen
Der Westfälische Hellweg wird ja mit einem Alter von 5000 Jahren angegeben. Der Hellweg vor dem Sandforte scheint die frühmittelalterliche Variante des bronzezeitlichen Kammweges auf dem Wiehengebirge zu sein. Zeitlich würde dazu auch der Übergang von Hellweg zu Deitweg in Höxter passen. Der Ort Hellwege scheint sogar auf unserem Nord-Süd-Rennweg zu liegen. Bei den vielen Reuterwegen bin ich unsicher, ob es sich nicht einfach nur um extrem schlechte Straßen handelt. Bis auf einen sind auch alle ziemlich kurz. Der lange Reuterweg von Lathen nach Uelzen findet ebenfalls kaum Höhen. Die sog. Folkwege lassen sich schon gar nicht mehr an der Geografie festmachen.
Ich könnte mir vorstellen, dass sich dieses System auch in den Nachbarländern fortgesetzt hat. So wie sich englische Basiswörter selbst in Ostdeutschland finden (Artern, Camp, Hard) setzen sich renn und run in Frankreich fort. Dort liegt selbst das indogermanisch verwandte cours (Strecke, Ross Rennen) auffällig oft an bekannten Römerstraßen. Sprachbarrieren und mangelndes Werkzeug legen mir da aber Zurückhaltung auf. Hier kommt es ja auf Feinheiten an: Z.B. Flur- und Ortsnamen, die auf eilige Bewegung hinweisen: Störmede, Eiligsen, Eilsburg, Runneburg. Auch der Begriff Laufen scheint in dieses System zu passen. Wer sich über die Formulierung Renn wundert, sollte sich erst mal mit Begrifflichkeiten wie Schneller Markt (Wallanlage in Chemnitz), Rechtsupweg, Butter- und Brotberge oder den Hetz- und Hatz-Orten beschäftigen. 

Und was sind solche Untersuchungen wert? 
Selbst die berühmte Via Claudia Augusta mündet
nördlich und südlich in Rennwegen
Die alten Verkehrslinien erklären, warum in bestimmten Regionen bedeutende Zivilisationszentren entstehen konnten und in anderen nicht. In Mitteldeutschland z. B. angefangen beim Erectus von Bilzingsleben, der bronzezeitlichen Himmelsscheibe von Nebra, über das Fürstengrab von Leubingen, den hallstattzeitlichen Oppida auf und um die Gleichberge, die suebischen Ortsgründungen mit der Endungen Ungen oder Ingen, letztlich auch den Sängerkrieg auf der Wartburg. Sie alle liegen an unserem beispielhaften Rennweg. Auch die Varusschlacht konnte nur an der bedeutenden Wegekreuzung dort geschlagen werden.
Umgekehrt können Voraussagen gemacht werden, wo demnächst ur- und frühzeitliche Entdeckungen gemacht werden. Dafür kommen, nicht nur, aber insbesondere Siedlungsverdachtsplätze an den Kreuzungen der Altstraßen in Betracht, wie um Winterberg im Norden des Rothaarkamms, auf dem Orlishäuser Hügel neben dem Fürstengrab von Leubingen oder unter Schloss Schillingsfürst im Naturpark Frankenhöhe. Bekannte Völkerwanderungen zeigen uns, welche archäologischen Kulturen wir an den Wegen erwarten dürfen. Sie erklären aber auch, warum Siedlungen an ihren Kreuzpunkten und Furten immer so erfolgreich waren (an unserem kontinentalen „Rennweg“: Bremen, Würzburg, Augsburg). Wenn wir die Glanzzeit der Bezeichnung Renn ins Frühmittelalter legen, wird das Alter mancher Städte im Osten weit nach hinten geschoben, wie Nürnberg, Sulzfeld am Main oder Vilseck. Und da haben wir noch nicht berücksichtigt, dass die meisten Rennwege ja noch viel älter sind. Dass die Franken bei ihrer Okkupation des Ostens im 5. und 6. Jahrhundert den Namen mitgebracht hätten, schließe ich aus: Schaut man sich ihre Kriegszüge an, so scheinen sie den Kammwege nicht mehr gefolgt zu sein, sondern sie nur noch gequert zu haben.
Die Henneberger Grafen als Wege-Fürsten?
Die Urwege weisen aber genauso daraufhin, warum bestimmte Fürstengeschlechter im Mittelalter so mächtig werden konnten, ja mussten, wie die eher unbedarften Grafen von Henneberg, die aber auf Grund der günstigen Lage an unserem aufgelisteten Rennweg das Burggrafenamt in Würzburg einheimsten. Danach aber war Schluss. Die Hoch-Zeiten hielten nämlich nur so lange an, wie sie von den großen Handelsrouten profitieren konnten. Anschließend war bestenfalls Stillstand angesagt (hier z. B. Stade, Heiligenstadt, Donauwörth). Die vielen mittelalterlichen Wüstungen am Weg zeichnen ein noch schlimmeres Bild. Schon am Ende des Mittelalters gab es andere Wege und damit andere Zentren. Die Rennwege jedenfalls müssen größtenteils vergessen worden sein.