Dienstag, 5. Januar 2016

Die Franken kommen nach Franken

Während die Entstehung des großen Frankenreiches im Westen durch die Notizen der Gallorömer hinlänglich gut beschrieben ist, bleibt die fränkische Annexion des Gebietes zwischen Harz und Donau recht unübersichtlich. Dieser Raum aber soll mindestens von 500 vor bis 500 nach Chr. einheitlich besiedelt gewesen sein, erst mit keltischen Volcae, dann mit germanischen Hermunduren und später Thüringern. Da wir aber im Süden heute einen anderen Dialekt sprechen, als nördlich des Thüringer Waldes, muss etwas schief gelaufen sein.
Die Franken waren bekanntlich ein Zusammenschluss alter germanischer Volksstämme, die ab 200 etwa in wechselnden Allianzen aus dem Norden über das Römische Reich hergefallen waren. Später hatten sie sich der mediterranen Großmacht als Verbündete geradezu aufgezwungen. Mit dem Zusammenbruch der Römischen Zivilisation in Westeuropa richteten sie sich ab 498 nach der Einnahme Kölns in den gallischen Provinzen häuslich ein. Durch stetige Expansion schufen sich die Franken unter der Königsdynastie der Merowinger ein riesiges Reich. Jedes Frühjahr im März, wenn die erste Saat in den Boden gebracht worden war, trafen sich die fränkischen Bauernkrieger, berieten, wer als nächstes "an der Reihe" sei und zogen in die Schlacht. Die geölte Kampfmaschinerie besiegte im 6. Jhd. auch die Thüringer und Alemannen. Von Gregor von Tours wissen wir, dass Franken und Thüringer schon zuvor aneinander geraten waren. Wahrscheinlich als die Thüringer um 400 von den Karpaten bis an den Rhein vorgestoßen waren (Siehe Post „Thüringer - die letzten Goten?“). Nun aber fiel den Franken nach der Schlacht an der Unstrut 531 nicht nur das Thüringer Becken, sondern auch das Gebiet zwischen Thüringer Wald und Donau in die Hände.
Die meisten Historiker gehen davon aus, dass die Franken nur zögerlich in den Osten vorgerückt waren, massiv erst gegen 700. Sie wären "militärisch noch in Gallien gebunden" gewesen. Wie es aber scheint, hatte es nur wieder keiner explizit aufgeschrieben. Denn die damalig Schriftkundigen am Rhein geben so manchen versteckten Hinweis auf den dunklen Osten. Rheinhold Andert hat einmal ausgerechnet, mit wie vielen Kriegern die Franken nach der Schlacht 531 wie lange in Thüringen gehaust haben müssen. An- und Abreise sind bekannt. Er kommt auf maximal 2.000 Mann. Um das Heer 5 Monate lang zu versorgen, waren sie gezwungen, jedes der vermuteten 750 Gehöfte in ganz Thüringen abzuklappern. Sollen sie danach wirklich komplett abgezogen sein? Die Archäologen finden unmittelbar seit 531 in den Gräbern der Thüringer keine Männer mehr mit Waffen oder Frauen mit Schmuck. Diese Beigaben tauchten jetzt in den fränkischen Grabstätten am Rhein auf. Die damals übliche Deportation gefangener Krieger - man entdeckte Gräber von Thüringern an Rhein und Donau - weist isotopentechnisch genau in die Zeit von 530 bis 550. Bereits 555 musste erneut ein fränkisches Heer nach Thüringen ziehen, um einen Aufstand niederzuschlagen. Historiker streiten, ob die Entscheidungsschlacht von König Chlothar „bei Nablis“ im Südharz oder an der Donau stattgefunden hat. 566 treten die Franken an der Elbe gegen die asiatischen Awaren an, 594 gegen die in Thüringen lebenden Warnen. Warum sollten die Merowinger wieder und wieder Tausende Kämpfer aus dem Pariser Becken in den Osten schicken, wenn ihnen Mitteldeutschland nicht sofort nach dem Sieg 531 lieb und teuer gewesen wäre?
Für den Süden Thüringens postulieren Historiker in diesem 6. Jhd. immer noch einen Tiefpunkt der Bevölkerung. Nur im Werra-, Jüchse- und im Ulstertal hätten sich wenige Siedlungen der Alteingesessenen halten können.
Die so genannte fränkische Staatskolonisation vom Main herauf wird frühestens für das 7. Jhd. angenommen. Dabei lag Südthüringen direkt an der fränkischen Heerstraße ins Zentrum der Unruhestifter im Thüringer Becken. Nach Aussagen von Gesichtsschreibern jener Zeit zogen die Franken-Krieger zunächst nach Mainz, wo es noch eine römische Brücke über den Rhein gegeben haben soll. Dann durchquerten sie in „Frank-Furt“ den Main, marschierten über Gelnhausen und Steinau Richtung Fulda, um bei Eisenach ins Thüringer Kernland vorzustoßen. Dieser Weg entsprach der späteren Via Regia und ist archäologisch gut belegt: Alle 20 Kilometer (dem Tagespensum eines Ochsenfuhrwerkes) bauten oder übernahmen sie Wachstationen, aus denen sich später Siedlungen entwickelten: Die "-hausen und -heim-Orte waren geboren! Historisch interessant erscheint dabei die Tatsache, dass die Heerstraßen nicht mehr auf den Höhenzügen, sondern im Tal verliefen. Entsprechend dieser Wegführung müssen die fränkischen Kolonnen bei Vacha die Werra gequert haben und da ist man - noch dazu ohne Widerstand - auf dem Sprung ins Werratal nach Südthüringen gewesen. Der Einmarsch in die neuen Gebiete muss sofort und planmäßig erfolgt sein: Zuerst galt es den Weg, besonders an Flussübergängen mit Militärposten zu sichern. Manchmal geschah das in oder bei vorhandenen Siedlungen wie in Harras an der Werra, manchmal auf freistehenden, leicht zu sichernden Geländeerhebungen, wie die Habichtsburg, nordwestlich von Mendhausen.
Man kann davon ausgehen, dass viele Dörfer an Werra und Hasel aus solchen Posten hervorgegangen sind, wie Wernshausen, Einhausen, Ellinghausen, Dietzhausen, Vachdorf, Hildburghausen und Veilsdorf. Verdächtig sind insbesondere Orte mit romanischen Kirchtürmen aus Feldstein, die mit Schiescharten und Mauern bewehrt sind und deren Kirchenschiffe sichtlich erst später angebaut wurden. Am Anfang werkelte man aber nur mit Holz. Doch dazu später. Auch die mittelalterlichen Königspfalzen Breitungen, Walldorf und Rohr müssen vordem solche Wachstationen gewesen sein. Die Invasoren setzten auch verlassene Wallanlagen der Kelten instand, wie auf der späteren Henneburg oder der Heldburg. 
In Würzburg muss auf und um den ehemals keltischen Marienberg früh ein fränkisches Zentrum entstanden sein. Von dort aus wird bereits im 6. Jhd. eine regelrechte Zangenbewegung in unsere Richtung fassbar. Mehrere Routen sind an den Militärstationen noch gut auszumachen. Man braucht nur die „-hausen“-Orte nordwärts miteinander zu verbinden und kommt fast schnurstracks über Schweinfurt, Königshofen bis über den Thüringer Wald. In Bad Königshofen wurden so auch Gräber aus der Zeit um 600 gefunden. An der Petersstirn in Schweinfurt, dem nördlichsten Ausschlag des Mains und fast schon in Südthüringen wird eine frühmittelalterliche Burgstelle festgemacht. Auf dieser Strecke liegen auch die Überreste solcher Wach-„Häuser“, die sich nicht zu Dörfern entwickeln konnten: die Wallanlage nördlich von Bibra, die oben erwähnte Habichtsburg, die Völlersburg nahe Herbstadt und wahrscheinlich auch der merkwürdige Wall westlich der ehemaligen Grenzübergangsstelle Henneberg. Sie sehen fast wie keltischen Wallburgen aus, sind nur viel kleiner, besitzen einen tiefen Graben  und geben ausschließlich fränkische Artefakte her. In landwirtschaftlich fruchtbaren Gegenden tastete man sich von diesen Posten aus sternförmig ins feindliche Umfeld vor. Dabei entstanden mehrere so genannte "-heim"-Nester um ein Mitteldorf herum, wie Kaltennord-, Kaltenwest- und Kaltensundheim.
In den Gräbern der Neusiedler kamen Waffen, kostbarer Schmuck und Trachten zum Vorschein, wie sie damals an Rhein und Main getragen wurden. Auch der Kleine Thüringer Wald scheint für die Franken eine wichtige Rolle gespielt zu haben, wie uns seine beziehungsvollen Flurnamen verraten. Von hier aus war man ja via Friedberg auch schnell über das große Mittelgebirge gehuscht. Alle Zugangsrouten dorthin sind so mit diesen Wachstationen gesichert: Die Burgberge bei Lengfeld und Tachbach, die Osterburg, sicher auch anfangs Schleusingen. Wenn, so frage ich mich, niemand mehr da war, warum mussten die neuen Herren solchen Aufwand zu ihrer Sicherheit betreiben? Neben den Unterjochten müssen da anfangs also auch noch Widerständler gewesen sein. Doch die Versklavung der Besiegten ließ sich nicht aufhalten. Man behielt sie aber im Land. Jemand musste ja die Arbeit machen.
Die merowingischen Könige setzen in den neuen Gebieten ihre Heerführer, die Herzöge, als Stellvertreter ein. Südthüringen gehörte zu dem ab 650 nachgewiesenen Herzogtum Würzburg. Die königlichen Würdenträger untergliederten ihre Territorien nach den alten germanischen Gau-Grenzen und ließen sie durch Grafen verwalten.
Unser Grabfeldgau beispielsweise erstreckte sich damals zwischen Rhön, Thüringer Wald, Fichtelgebirge und Main. Es deutet einiges darauf hin, dass Thüringen und Mainfranken anfangs ein einheitliches Herzogtum war. Denn nun kommen die ersten Namen der eingesetzten Fürsten hoch. In der so genannten Fredegar-Chronik taucht 634 ein gewisser Radulf als Herzog von Thüringen auf. Er soll den vornehmsten Kreisen am Pariser Königshof entstammen und - nach anderen Quellen - in der alten Thüringer Königsburg von Herbsleben residiert haben. Dieser Radulf nun habe sich gegen den fränkischen König Sigibert III. „empört“. Hintergrund scheinen schon damals Streitigkeiten unter dem fränkischen Hochadel um Pfründe und Einfluss gewesen zu sein. Als der König wie üblich mit seinem Heer an der Unstrut erschien, soll sich Radulf mit seinen Mannen auf der Tretenburg - dem alten germanischen Thing-Platz nordöstlich von Gebesee - verschanzt haben. Er schlug die Angreifer nicht nur zurück, der König musste auch einen demütigenden Handel eingehen, um überhaupt unbehelligt abziehen zu dürfen. Damals war ein König noch „Gleicher unter Gleichen“. Dann aber scheinen sich seine adeligen Stellvertreter schnell verselbständigt zu haben. Denn nun verbündete sich Herzog Radulf vorsichtshalber mit den östlich benachbarten Slawenstämmen (Slawen: von „Sklaven der Hunnen/ Awaren“). Diese hatten sich während der Völkerwanderung bis auf die Linie Elbe, Saale, über den Thüringer Wald, Main, Regnitz und Regensburg nach Westen vorgeschoben. An dieser Grenze muss es zu Radulfs Zeiten recht friedlich zugegangen sein: Die Slawen sollen mit den gleichen Rechten wie die Franken ausgestattet gewesen sein. Sie durften sogar in ganz Thüringen Siedlungen gründen. Diese tragen heute - vom Wortstamm „Wenden“ abgeleitet - irgendein „Wind“, „Wenigen“, später aus Unwissenheit auch „Klein“ im Namen. Rüdenschwinden bei Frankenheim wäre ein Beispiel in der Rhön, Herbartswind bei Eisfeld in Thüringen. Die Einwohnerzahl unserer Region soll sich damals verdoppelt haben, in unsere Sprache flossen slawische Bezeichnungen wie Kummet, Halunke, Gurke oder Jauche ein.
Nun könnte man fragen, was gehen uns die Herzöge nördlich des Thüringer Waldes an. Wenn Mainfranken und Thüringen in jenen Jahren ein einheitliches Herzogtum waren - viel! Dieses Gebiet war ja traditionell ein einheitliches Reich, erst bei den keltischen Volcae, dann bei den germanischen Hermunduren und Thüringern. Auch wenn sich die Geister über die genauen Grenzen streiten. Jedenfalls taucht in den Quellen zur gleichen Zeit wie Radulf ein gewisser Hruodi in Würzburg auf. Viele Historiker glauben, die beiden waren identisch. Unser Herzog Radulf scheint außerdem zwei Söhne gehabt zu haben: Theotbald und Heden. Von letzterem wissen wir, dass er im Thüringer Becken residierte und von einer Reise nach Paris nicht wieder nach Hause kam. Königliche Rache lässt grüßen! Er wird in den Analen schon als Herzog in Würzburg und in Thüringen genannt. Außerdem hinterließer einen Sohn mit Namen Gosbert, der wiederum am Main regiert haben soll. Fränkische Söhne erbten dem Brauch nach immer den gleichen Anteil Land, was eine Teilung von Thüringen und Mainfranken bewirkt haben könnte. Offiziell wird eine "Rückeroberung" Thüringens durch Gosberts Sohn, Heden II., vermutet. Doch da ist viel im Dunkeln.
Historiker streiten z.B., ob er nicht der Sohn o.g. Theotbalds war, aber das tut hier nichts zur Sache. Der neue Heden jedenfalls unterzeichnete 704 in Virteburch - dem heutigen Würzburg - eine berühmte Urkunde. Sie gilt als das älteste Schriftstück, das Thüringen betrifft. Darin vermacht er Güter in Arnstadt, Mühlberg und Monhore, vielleicht Monraburg, an einen Bischof Willibrord. Bezeugt von seiner Frau Theotrada und Sohn Thuring. Noch einmal beurkundet Heden II. oder der Jüngere in Würzburg 716. Diesmal geht es um Besitz im mainfränkischen Hammelsburg. Thüringen und Mainfranken scheinen also ein vormals einheitlich regiertes Herzogtum gewesen zu sein, dass die Hedensippe im Erbe teilte. Doch es kommt, wie es kommen musste: Chronist Fredegar spricht von „Gottes Zorn“, der Herzog Theotbald hinwegraffte und von „Volkes Wille“, der seinen Sohn Heden II. vertrieb. So etwas kennen wir von heute! Jedenfalls wurde das Herzogtum Thüringen nach Radulfs Tod bereits im späten 7. Jhd. von Karl Martell wieder aufgelöst.
Die Verbindung zwischen Thüringer Becken und Mainfranken kann heute linguistisch und archäologisch belegt werden. Entlang der Altwege zwischen Würzburg und Unstrut über den Thüringer Wald finden sich verstärkt fränkische Siedlungen (-hausen, -heim und -dorf-Orte), Kriegergräber und Kleinburgen aus jener Zeit. Außerdem führt noch jetzt eine „thüringische Sprachbrücke“ bis tief in die Rhön hinein. Und damals sollen sich ja die Mundart-Unterschiede herausgebildet haben: „Thüringisch“ in dem zwar fränkisch besetzten, aber von Thüringern dominierten Becken nördlich des Mittelgebirges und südlich die totale Übermacht der neuen Herrensprache aus dem Westen. (Dass der Thüringer Dialekt später fälschlich als Sächsisch bezeichnet wurde, soll uns hier nicht irre machen.)
Die gewaltige Landnahme der Franken wäre ohne parallele Christianisierung nicht denkbar gewesen. Die Oberen im Westen hatten schnell die verwaltungs- und gehorsamsfördernde Rolle der Kirche erkannt. Die Missionierung erreichte ihren Höhepunkt, als die karolingischen Hausmeier den Merowingern nach und nach die Macht im fränkischen Reich entrissen. Die Jahre von 718 bis 720 verbrachte Karl Martell in Sachsen, um mit dem Schwert seine Machtansprüche durchzusetzen. Sachen hieß hier auch immer Thüringen. Dabei zog er Ländereien und Ämter ein und verteilte sie neu, sicher auch bei Anhängern der Heden-Sippe. 722 schickte er den frisch zum Bischof geweihten Bonifatius nach Hessen und Thüringen, um das Wort des Herrn zu verkünden. Denn bisher hatten es nur wenige Adlige ihrem König gleichgetan, und sich taufen lassen. Aber auch die Altbekehrten nahmen es mit dem Glauben nicht so genau. Sie hatten zwar kleine so genannte Eigenkirchen gebaut und mit hörigen Laienpriestern besetzt. Aber die Herzöge setzten nach Gutdünken Bischöfe ein, die Grafen als Richter "sündigten" je nach Bedarf und die Masse der Bauern betete in freier Natur weiter die alten germanischen Götter an. Nun galt es, eine einheitliche Staatsreligion durchzusetzen.
Mit Freibrief und Söldnern ausgerüstet, muss Bonifatius so rabiat vorgegangen sein, dass ihn selbst fanatische Amtsbrüder zu Mäßigung riefen. Die Missionierung scheint wie eine erneute Invasion über die Menschen gekommen zu sein. 724 fällte Bonifatius in Geismar die Donareiche. Auch auf dem Altenstein bei Bad Liebenstein soll er der Sage nach gepredigt haben. In „erphesfurt“ wettert er gegen die Vorgängerpriester aus der Hedenzeit. Der Zent wurde eingeführt, neue Kirchenzentren entstanden mit dankbaren Ämtern und ergiebigen Pfründen. 741 gründete Bonifatius, nun schon als Bischof in Mainz, drei neue Bistümer: für Südthüringen und Mainfranken das „castellum“ Würzburg, in Hessen Büraburg und für Zentralthüringen Erfurt. Jetzt erst werden eine Trennung des einheitlichen Herzogtums Thüringen und die Profilierung von Würzburg und Erfurt greifbar. Damals nicht mehr als ein Dorf, war letzteres 50 Jahre später unter Karl dem Großen bereits ein bekannter Handelsplatz. An der Heerstraße zwischen Erfurt und Würzburg weisen heute noch viele Flurnamen darauf hin, dass jetzt auch die Könige ihren Weg direkt über den Kamm nahmen: Königsknübel und Königswasser nördlich von Suhl, Königsleite bei Dreißigacker und natürlich das heutige Bad Königshofen. An dieser Strecke ließ Bonifatius in Ordruf auch das erste Kloster Thüringens errichten.
Eine Hoch-Zeit für Opportunisten! Die in einer Urkunde benannten fünf Thüringer Edlen, die Bonifatius ausdrücklich unterstützten, sind als hohe Würdenträger bis ins späte Mittelalter anzutreffen. Und: jetzt wurden fleißig Kirchen gebaut. Auf Geheiß des Papstes Gregor I. vereinnahmte man zuerst die alten Kultplätze der keltischen und germanischen Heiden. Viele der neugebauten Kapellen und christlichen Symbole hatten bei uns einen Bezug zum Erzengel Michel oder der Heiligen Ottilie: Die Steinsburg auf den Gleichbergen, der Ehrenberg und der Steinshaug bei Themar, die alte (!) Kapelle auf dem Suhler Domberg, den Wall Laurenze zwischen Schmeheim und Wichtshausen usw. Bei Gumpelstadt wurde der Gottesdienst noch bis ins hohe Mittelalter auf dem Heiligenberg zelebriert, der vormals als Kultplatz zur prähistorischen Siedlung Alte Warth gehörte. In Mainfranken haben sich so viele Bergkirchen erhalten, dass man gar nicht zählen mag. Gleichzeitig errichtete man Schritt für Schritt Gotteshäuser auch in Siedlungen, teilweise schon aus Stein. Dabei griff man praktischer weise auf Vorhandenes zurück.
Mal waren das die vorhandene Eigenkirche des lokalen Herrn, wie in Marisfeld, mal die verlassene Kemenate eines Dorfgründers wie in Leutersdorf, oft die Steintürme der frühen Wachstationen, wie in Jüchsen. Natürlich wurde auch neu gebaut. Das konnte man aber nur, wenn noch Platz im Dorf war. So erkennt man heute die Siedlungen, die vor dem 7. Jhd. gegründet wurden: Die Kirche musste dort am Rande der Ortschaft gebaut werden. Das Prinzip gilt auch für Würzburg, wo der fürs Grabfeld zuständige Bischof saß, für das Archidiakonat Münnerstadt, welches Südthüringen betreute, selbst für die Mutterkirche Leutersdorf im Werratal. Bonifatius initiierte auch den Bau der beiden Reichsklöster Fulda und Hersfeld. Die konnten nun Jahrhunderte um die Seelenheil versprechenden Schenkungen des Adels in Thüringen und Mainfranken konkurrieren.
Mit der Kirche im Rücken hatten auch die Nachfolger Karl Martells eine starke Stütze bei der Konsolidierung des Fränkischen Reiches.
Höhepunkt dieser Politik war die Regierungszeit Karls des Großen, der zwischen 768 und 814 effektive Verwaltungsstrukturen, Klosterschulen, verlässliche Gesetze und jede Menge Kirchen, Klöster und Königshöfe schuf. Das hatte auch Strahlkraft auf die Provinzen. Aus den Militärstationen wurden Siedlungen und Pfalzen. Zu Altenbreitungen gesellte sich Königs(hof)breitungen, später Frauenbreitungen sowie Burg-, später Herrenbreitungen. Dörfer entwickelten sich langsam zu Städten, Straßen und Kanäle wurden gebaut, jetzt auch im wilden Osten, sogar südlich des Thüringer Waldes. Um näher an das Byzantinische Reich zu rücken, ließ Karl sogar den Main und die Donau miteinander verbinden. Nach neuesten Erkenntnissen muss der Kanal, mehrere Jahrhunderte lang in Betrieb gewesen sein. Karls Kriege brachten uns mit den angesiedelten Gefangenen neue Nachbarn, wie in Sachsenbrunn oder Almerswind. Die alten Stammesgesetze wurden niedergeschrieben, wie das „Gesetz der Angeln und Warnen also der Thüringer“. Demnach hatte man hierzulande drei Stände, Adlige, Freie und Unfreie. (Bei den Sachsen gab es noch die halbfreien Liten - Unterworfene, die das freiwillig getan hatten.) Adel und Gemeinfreie versammelten sich im Thing und berieten Wohl und Weh des Volkes. Während der Zeit des Thüringer Reiches unterschied man noch Kriegeradel, freie Bauern und versklavte Hermunduren. Nun waren die Mehrheit unfreie Thüringer, als frei galten die fränkischen Siedlungskrieger, deren Anführer stellten den Adel. Die Stände wurden vererbt, Heiraten war nur innerhalb des Standes erlaubt, ihr Wert drückte sich in „Wergeld“ aus: Für die Tötung eines Adligen musste man 600 Schillinge an dessen Familie bezahlen, für einen Freien 200 und für einen Unfreien 30.
So hielten, trotz eines spürbaren Fortschrittes oder gerade deswegen, auch unter Karl die Thüringer nicht still. Ein gewisser Hardrad beschwerte sich mit anderen Adeligen beim König, angeblich wegen eines nicht gezahlten Brautgeldes. Es sollen durchweg Nachfolger des Heden-Clans gewesen sein und sicher ging es ihnen um die damaligen Enteignungen. Der König reagierte prompt: Erst schickte er ein Heer, dann gab er den in Fulda Kirchenasyl suchenden freies Geleit, danach ließ er sie entweder umbringen oder blenden. Doch die Tage der Zentralmacht waren gezählt.
Karls Nachfolger schlugen sich im Streit um ihr Erbe wieder die Schädel ein. Intrigen, Frömmelei und Adelsfehden waren an der Tagesordnung, das Reich wurde geteilt, die Gaue lösten sich auf. Slawische Überfälle auf die Ostmarken (Grenzgaue) nahmen wieder zu. Mit der Reichsteilung trennte sich auch die offizielle Geschichte von Frankreich und Deutschland. Ludwig der Deutsche war der letzte fränkische König der eine Heerfahrt nach Thüringen unternahm. Mit der Schwächung der Zentralgewalt erstarkten die regionalen Kämpen. Im Grabfeldgau waren das die altfränkischen Babenberger Grafen, 976 benannt nach ihrer Burg in Bamberg, auf dem heutigen Domplatz. Sie scheinen von Anfang an in Rivalität zum Bistum Würzburg, dem früheren Zentralort, gestanden zu haben. Die Familie wird auch als Popponen bezeichnet, nach ihrem ersten Sprössling Poppo, der 819 Graf im Grabfeld und im Saalgau war. Sein Sohn Heinrich erscheint schon als Markgraf in Franken und Herzog der Austrasier. Sein Bruder, Poppo II., wurde 892 als Herzog von Thüringen bezeichnet. Wieder scheint eine Adelsfamilie Thüringen und Mainfranken erst gemeinsam regiert und dann unter ihren Söhnen aufgeteilt zu haben. Obwohl inzwischen die meisten fränkischen Adelshäuser versippt und verschwägert waren, bekriegten sie sich leidenschaftlich. Man musste nur zusehen, auf den richtigen Thronfolger zu setzten. Im Streit der Königsanwärter Karl der Dicke und Arnulf von Kärnten gerieten 903 unsere Popponen mit den Konradinern aneinander. In der so genannten Babenberger Fehde kämpften beide Adelshäuser um die Vorherrschaft in Mainfranken. Dabei ging es so heftig zur Sache, dass die Babenberger fast ausgerottet wurden. Ihr Gegner Konrad der Jüngere avancierte zum Herzog von Franken.
Die Popponen, so heißt es, hätten sich auf den nordwestlichen Teil ihres Stammlandes zurückgezogen, wo sie die Grafschaft Henneberg gründeten. Doch da ist wieder viel Rätselraten dabei. Trotzdem wird Boppo - jetzt mit „B“ geschrieben - des Namens wegen als Graf von Henneberg den Popponen zugerechnet. Jedenfalls taucht er 1011 an der Seite Königs Heinrich IV., in der Schlacht bei Mellrichstadt und Oberstreu auf. Sein Sohn Godebold wird 1096 bereits als Burggraf von Würzburg genannt. Sie waren zwar keine Bischöfe, werden aber entscheidenden Einfluss gehabt haben. Die Henneberger versuchten nun durch Kauf, Heirat, Erbe und Gewalt ganz Südthüringen zusammenzuraffen. Sie machten sich den lokalen Adel untertan, wie die Herren von Heßberg, Kühndorf, Wasungen, Frankenstein (bei Salzungen) und Neidhartshausen. Dabei bekamen sie es natürlich mit den Reichsäbten von Fulda und Hersfeld sowie den nördlich sitzenden Grafen in Thüringen zu tun. Die sahen nämlich ihre Sprengel bei uns in Gefahr. Außerdem soll es Rangeleien mit den Sachsenherzögen gegeben haben, die inzwischen die Königsdynastie im ostfränkischen Reich stellten und irgendwo auch mal als „Grafen in Südthüringen“ bezeichnet werden.
So blieb der Henneberger Besitz immer ein Fleckendeppich. Darunter befand sich auch der Forst am fast menschenleeren Thüringer Wald. Die Grafen administrierten um die erste Jahrtausendwende dessen zielgerichtete Rodung und Besiedlung. Die mit niedrigen Steuern im Westen angelockten Neubauern hatten nun niemanden mehr, den sie so einfach versklaven konnten. Es waren freie Bauern, die sich in Gütergemeinschaften mit genossenschaftlichen Strukturen wie in Gethles organisierten. Damit begann sich auch die ansässige Landwirtschaft zu verändern. Die traditionelle „Salwirtschaft“ mit zentralem Herrenhof, auf dessen Feldern die Leibeigenen schufteten, löste sich auf. Für die Noblen wurde es rentabler, das Land stimulierend als erbliches Lehen zu verpachten. Denn die Geldwirtschaft setzte sich auch beim Gemeinen durch, nicht nur Kirche und Adel machten plötzlich Profit. Aus Gehöften entwickelten sich Dörfer, vormals kleine Siedlungen erhielten Marktrecht, Handwerker spezialisierten sich, der lokale Handel blühte. So konnten die Henneberger nun ein halbes Jahrtausend lang große Teile Mainfrankens zusammen halten, doch das ist schon der nächste Post.
Fazit: Das Frühmittelalter wird für die Menschen wohl auch hierzulande kein Paradies gewesen sein. Es gab keine nennenswerte Entwicklung der Produktivkräfte, erst recht nicht für Gesellschaft und Kultur. Immerhin hatte sich um 1.000 rum die Bevölkerung bei uns wieder vervielfacht und die Zivilisation jenen Stand erreicht, den die Römer vor Einfall der germanischen Barbaren entwickelt hatten. Zumindest für die Oberschicht! Mehr kann man von Geschichte wohl auch nicht erwarten.