Sonntag, 22. Oktober 2017

Der Erzgebirgshöhenweg - eine prähistorische Altstraße?

Bei Google Earth: Kammweg rot; Grenze gelb
Zunächst halten wir fest: Es geht hier um den Mittelgebirgskamm von der Saalequelle bis an die Elbe und seine Nutzung als Verkehrsweg seit vielleicht 4000 Jahren. Denn das Erzgebirge muss nach archäologischen Erkenntnissen über alle Zeiten wie andere Wasserscheiden Europas als Altstraße funktioniert haben. Indizien: Zinn aus Britannien während der Bronzezeit in Böhmen gefunden, identische Grabbeigaben in den Urnenfeldern von Frankenwald und westlich der Weichsel, keltische Luxusgüter in der Lausitz, die Südwest-Ausbreitung von Germanen und Slawen. Während der mutmaßlichen Katastrophenzeit um 1200 v. Chr. könnte die Kammlinie sogar ganzen Völkern als trockener Pfad aus der Schlechtwetterzone gedient haben. Aus dem 4. Jhd. v. Chr. sind identische keltische Silbermünzen an der böhmischen Elbe und auf der Alteburg über Arnstadt gefunden worden. Die schmückenden Glasringe von den Römhilder Gleichbergen könnten auch von dort stammen. Vladimir Salac, Archäologe aus Tschechien sieht in der Latenezeit einen Warenaustausch von Keramik nicht nur zwischen Mitteldeutschland und Böhmen sondern auch über einen „Nordweg“ von Böhmen nach Hessen und sogar bis zum Niederrhein. Die kürzeste, trockenste und sicherste Route kann dabei nur über die Kämme der Mittelgebirge verlaufen sein. Das alles bedeutet in unserem Fall:
Höhenwege entlang der Mittelgebirgskämme
Von der Donau über Böhmerwald und der Elbe über Erzgebirge müssen zu allen Zeiten Fernstraßen herangekommen sein, die sich im Fichtelgebirge trafen und über Frankenwald, Schiefergebirge, Thüringer Wald, Hessisches Bergland, Eggegebirge und Teutoburger Wald bis an die Küsten des Ärmelkanals nach England führten. Es sind nicht nur die effektivsten Verbindungen, von Decin an der Elbe bis Hörschel an der Werra brauchte man nicht ein Bächlein überqueren. Noch im 14. Jhd. könnten Luxemburger Ministerialen diesen Weg benutzt haben, um die Böhmische Krone in Prag zu vertreten. Querungen des Erzgebirges werden schon in der Antike beschrieben. So soll hier ein Strang der Bernsteinstraße verlaufen sein, später der Salzweg von Halle nach Prag, dann im 13. Jhd. die „antiqua Bohemiae semita“ von Sizilien bis an die Ostsee führend, oder der Alte Böhmersteg. Archäologen gestehen der Region nördlich und südlich des Erzgebirges eine kontinuierliche Besiedlung zu, in den warmen Klimaperioden sogar bis in die Höhenlagen. Das wird auch durch archäologische Funde (Beile, Äxte, Gräber) aus der  Stein-, Bronze- und Eisenzeit belegt. Die werden zwar immer als Beweis für Gebirgsübergänge benutzt, treten aber auch anderenorts auf.
Die Passweeg sind gut bei Wikipedia beschrieben.
Prähistorisch Reisende

Als erste Stammesvertreter nennen römische Historiker 100 Jahre vor der Zeitrechnung die keltischen Boier. Nicht viel später scheinen schon die ersten Germanen über unser Mittelgebirge gekommen zu sein: die Sueben. Nach der verlorenen Schlacht gegen Drusus, im Jahre 9 v. Chr. sollen sich die germanischen Markomannen nach Böhmen zurück gezogen haben. Am Ende der Völkerwanderung im 6. Jhd. müssen dann die Slawen in die gen Westen verlassenen Gebiete der Germanen eingesickert sein. Im 7. Jhd. stoßen sie bis an die Saale vor und reiben sich an den gebietssichernden Franken. Über die Linie Elbe, Saale, Regnitz sollen sie aber nie dauerhaft hinaus gekommen sein. Auch Karl der Große scheiterte 805 mit seinem Böhmenfeldzug. Erst im 13. Jhd., nach dem Wendenkriegen, sollen Deutsche begonnen haben, im Erzgebirge zu siedeln. So richtig losgegangen scheint es aber erst mit dem Erzbergbau im 16. Jhd. Dass bis dahin eine spärliche Besiedlung vermutet wird, kann aber auch an der völligen Abwesenheit moderner Archäologie ab 500 Meter Höhe liegen. Die Tschechen scheinen sich recht gut mit ihrer Geschichte auszukennen, leider ist die kaum ins Deutsche übersetzt. Also habe ich mich selbst aufs Fahrrad gesetzt. Und wie erwartet: allerorts Zeugnisse aus schriftloser Zeit. Herausgekommen ist eine prähistorische Kammwegkarte. (Bitte anklicken!) Ich habe versucht, alle potentiellen und gesicherten frühzeitlichen Zeugnisse einzuzeichnen. Denn die Muster, nach denen die Bronze- und Eisenschmiede unterwegs waren, sind überall gleich. Ob Heidenstraße, Hellweg, Rennsteig oder eine der vielen Hohen Straßen in Deutschland: Folgt man den Spuren der Archäologen und Flurnamenforscher, müssen die meisten außerdem viel älter gewesen sein.
Waldstein auf der Höhenlinie über Zell
Auch auf unserer Höhenlinie Vogtland-Erzgebirge sind Befestigungen mindestens seit der Urnenfelderzeit nachgewiesen: der im Mittelalter ummauerte Felsklotz Waldstein über Zell im Fichtelgebirge, der Mednik beim Kupferdorf Medenec und der Große Schneeberg über Decin. Dazwischen aber es muss es viel mehr  frühzeitliche Siedlungsplätze gegeben haben, denn das
Tagespensum eines Ochsenkarrens beträgt nur 20 Kilometer. Und genau in diesem Abstand finden sich künstliche Wall- und Schanzstrukturen, sowie eindeutig kennzeichnende Flurnamen. Von der Größe her stehen sie den andernorts in Deutschland archäologisch untersuchten befestigten Höhensiedlungen in nichts nach, wie der Ehrenbürg über Forchheim oder der Funkenburg bei Westgreußen: unbewachsene eingeebnete Bergspitzen oder -sporne, mit Sicherungskanten und -aufwürfen zum Berg hin, guter Rundumsicht, Quelle und Ackerland. Die oft felsigen Kuppen an unserem Weg waren prädestiniert dafür, konnten sie doch mit Palisaden zwischen den Steinen schnell hergerichtet werden (Am Waldstein nachgewiesen). Überhaupt scheinen alle Flurbezeichnungen mit "Stein" auf Befestigungen hinzuweisen, wie eine Namenskombination mit "Galgen" auf frühzeitliche Gräber. "Alt" wiederum muss Objekte bezeichnen, die schon da waren, als die ersten germanischen Siedler kamen. Außerdem gibt es da die extrem tiefen Hohlwege überall entlang des Kammes, die aus dem Frühmittelalter stammen müssen. Sie machen nur als Handels- oder Heerstraße Sinn, wie am Hohen Stein nördlich von Kirchenlamnitz, nach Oberbrambach hoch, am Hassberg über der Talsperre Prisecnice oder nach Decin runter. Sie sind auch andernorts in den Hochlagen des Erzgebirges trotz mittelalterlichem Bergbau, extremer Industrialisierung, touristischer Infrastruktur und ehemaligen Grenzanlagen erhalten geblieben.
Kammwegsymbol
Der Gebirgskamm von Fichtelgebirge über Elstergebirge und Erzgebirge bis zur Elbe ist mit seinen 228 Kilometern nicht nur länger und höher als der Thüringer Wald, sondern auch breiter. Einen durchgehenden Rennsteig gibt es da nicht und der Suchende wird manchen Gipfel umsonst besteigen. Nur selten ist die als „Kammweg“ ausgeschilderte Wasserscheide mit unserer Altstraße identisch, obwohl sie manchmal als „Fahrstraße aus dem Mittelalter“ beschildert ist. Besonders in Tschechien gibt es eine durchgehend beschriebene Fahrradroute, man muss nur deren Sprache verstehen, um eine Ideallinie zu finden. Denn anders als im Thüringer Wald, wo die Germanen viele Altnamen von den Kelten übernommen hatten, wird es hier ja ab 500 slawisch und die heutigen deutschen Bezeichnungen mit Endungen wie -dorf, stein, -bach, kamen erst im Hochmittelalter dazu.
Vielleicht haben sich in den slawischen Flurbezeichnungen ja solche Urbegriffe erhalten, leider kann ich das nicht einschätzen. Nur selten werden auf Hinweistafeln fremd klingende Eigennamen wie Seifen als altgermanisch (Erzauswaschen) entlarvt. Doch wir wissen ja, dass die Germanen vor allem Richtung Westen aktiv waren.
Wer interessiert sich schon für Frühgeschichtliches im Wald?
So kann es hier in den Höhen auch nur ganz wenige "-ing-Orte" geben, die den Sueben zugeschrieben werden (Geising, Satzung), oder "-stedt-Siedlungen" wie Jöhstadt, die mit den Hermunduren in Verbindung gebracht werden können. Anders als im Thüringer Wald fehlen im Erzgebirge auch die kleinen Wallburgen aus dem Frühmittelalter ab 600 fast völlig. Ich habe nur einen Wartberg östlich von Selb gefunden. Diese Warten und Wachen sollen ja hauptsächlich von den Franken zur Sicherung ihrer Invasionsstränge gebaut worden sein. Hier im Osten setzte der Burgenbau erst nach 1250 ein, natürlich dann aus Stein und scheinbar unter Nutzung der lausitzer- (urnenfelderzeitlichen) und vielleicht auch slawischen Strukturen. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass sich viele der prähistorischen Siedlungen an schon damals wichtigen Passübergängen befunden haben müssen.

Radeln wir also mal los: Der Erzgebirgskamm zweigt von der Donau-England-Höhenlinie nach Nordosten in der Nähe der größten Erhebung des Fichtelgebirges - dem Schneeberg - ab. Der Übergang ist trotz des Anstiegs nicht ohne Weiteres zu erkennen.
Wasserscheiden als kontinentale Urwege
Höchstens die dreifache Wasserscheide dort, mit Main-, Eger- und Saalequelle, deuten ein mehrfach symbolisches Areal an. Ebenso magisch erscheint nämlich der in der Nachbarschaft liegende mutmaßliche alte Siedlungsplatz Haidberg, an dem wegen einer starken Erzader jeder Kompass verrückt spielt. Er ähnelt dem Oppidum Schellenberg im Altmühltal. Kennzeichnend hier sind mehrere Schanzterrassen um den Berg, der überbeanspruchte Magerrasen am Hang und der inzwischen voll Wasser gelaufene Steinbruch. Hier könnten, wie z. B. an den Gleichbergen bei Römhild nachgewiesen, Neuzeitler zuerst die Wallsteine für den Häuserbau weggetragen haben, um sich später, als die alle waren, in die Tiefe schlagen zu müssen.
Weiter oben erwartet uns der schon mehrfach erwähnte Waldstein. Hier wurden nicht nur in der mittelalterlichen Ruine Keramikscherben aus der Urnenfelderzeit gefunden, sondern es präsentieren sich im Umfeld gleich 3 Anwärter für die damals typischen Kultplätze mit den bizarren Felsformationen „Teufelstisch“, Arndstein und Druidenfels.
Teufelstisch-Kultplatz?
Solche geologischen Besonderheiten lagen, wie z. B. bei der Giechburg über Scheßlitz mit dem vormals heidnischen Gügel, immer dicht neben den prähistorischen Siedlungen und sie zeigen durchweg Abnutzungserscheinungen über das witterungsbedingte Maß hinaus. Die Steinmauern am Waldstein muss man sich aus Holz denken - und schon ist eine keltische Sicherungsstation fertig. Solche großen Felsen wie hier begleiten uns nun beständig, viel mehr übrigens als im Thüringer Wald. Kaum einer ist archäologisch untersucht.
Das sich nun anschließende Waldgebiet strotzt geradezu von Felsenfesten: Bergkopf, Steinklatze, Wolfsfelsen, Schnittchen. Auf dem Kleinen Waldstein ist sogar eine Burg belegt und der Epprechtstein zeigt immer noch seine mittelalterlichen Mauern. Der Höhenweg führt hier die Schlossleite hinunter und südlich an Kirchenlamitz, Niederlamnitz vorbei, über Wellersberg und Wolfsgarten weiter. Eine Alternative wäre stattdessen der Bergrücken über den Kleinen Kornberg, dessen mögliche frühzeitliche Akropolis mit hoher Quelle trotz des gewaltigen Steinbruchs noch gut zu erkennen ist.
Halb Ruine, halb Felsen
Der Reisende müsste dann aber durch die Lamnitz waden, könnte dafür aber mehrere verdächtige Felsen streifen u.a. die Felsenruine Hirschstein. Der ganze Weg dorthin ist ein einziges Blocksteinfeld, gut für Wallanlagen, wie wir sie von der Steinsburg bei Römhild kennen. Oben aber, auf dem Großen Kornberg, war nichts dergleichen zu finden. Die nun näherkommende, unseren Altweg immer wieder tangierende Staatsgrenze, ist auch nur in Ausnahmefällen mit selbiger identisch. Ob das hier vor 3.000 Jahren bewaldet war, weiß natürlich kein Mensch.
Unser Weg schlängelt sich nun im Elstergebirge durch ein heute dicht besiedeltes, damals für Reisende sicher vor allem lästiges Quellengebiet. Auch hier finden sich einige Siedlungsverdachtsplätze, wie der Gaipelu-Park in Asch, der Skaivanci Vrch und der Hengstberg mit seinen typischen Terrassenfeldern am. Auch den Hohen Stein östlich von Erlbach umgeben diese aufwendigen Ackerstufen, die von Historikern gerne ins 13. Jhd. gelegt werden.
Typische Feldterrassen am Südhang des Erzgebirges
Das scheint mir aber weder der Witterungssituation damals, noch der Anzahl der zu jener Zeit dort lebenden Siedler zu entsprechen. Vielmehr finden sich diese Stufenstrukturen hauptsächlich rund um bekannte oder mutmaßliche spätbronzezeitliche Befestigungen, wie an der Hohen Geba in der Rhön, dem Staffelberg oder beispielsweise auf der Alten Wart bei Gumpelstadt. Der extreme Aufwand um Humusboden vor Abschwemmung zu retten, setzt extremen Regen voraus. Das schlimmste derartige Wetter scheint nach jetziger Erkenntnis um 1200 v. Chr. in ganz Europa geherrscht zu haben.
Beispiel einer bronze- oder früheisenzeitlichen Höhensiedlung
Erst ab 800 v.Chr. beschreiben Experten wieder ein deutlich milderes Klima, das selbst rund um die hallstattzeitlichen Salzabbaugebiete in den Alpen Landwirtschaft erlaubte. Umso mehr könnte Ackerbau und Viehzucht auch in den Höhenlagen des nicht so mächtigen Erzgebirges damals möglich gewesen sein.
Von unserem Hohen Stein aus konnte man auch gut den sich nun teilenden Weg bewachen. Die Höhenlinie schlägt hier nämlich einen großen Bogen nach Norden, scheint mir aber mit der mutmaßlichen befestigten Siedlung auf der Hohen Reuth über Schöneck, Schwertweg, Königsweg, Kammweg und Königshübel deutlich ausgeschrieben.
Beispiel einer frühmittelalterlichen Siedlung
Die alternativen Abkürzungen durchs Tal bei Klingenthal machen aber mit dem Burgstall Kraslice und den Schanzringen um Bleiberg und Aschberg einigen Sinn für das verkehrstechnisch besser ausgerüstete Mittelalter. Bei Letzterem stößt man dann auch wieder auf den Höhenweg.
Leider habe ich nach dem Aschberg nun wirklich 35 Kilometer lang kein offensichtliches Lager mehr gefunden. Folgt man aber dem "Ruhe- und Versorgungszwang" von Mensch und Tier müsste spätestens der Buchkamp über Oberwildenthal, der Buchschachtels- oder der Scheffelberg befestigt gewesen sein. Nirgends dort aber entsprechenden Geländedeformationen! Henneberg und Jugel sind ebenfalls nur flaches Land! Die markante Bergnase, auf der heute Johanngeorgenstadt liegt, scheint mir zu weit ab. Erst der mit Schanzkanten versehene Plattenberg über Horni Blatna kommt wieder in Frage.
Wagnerberg
Meinen Frust zerstreute aber besonders der Wagnerberg zwischen Schwarzenberg und Abertamy. Kilometerlang umlaufende Steinwälle machen hier eine große frühmittelalterliche Siedlung wahrscheinlich, wie sie oben symbolhaft dargestellt ist. Viel anders sehen die Steinpferche in der Hochrhön auch nicht aus. Und die werden sogar den Kelten zugeschrieben. Hier wie dort: Die weiten Hochflächen rundherum hätten genug Raum für Äcker und Weide geboten. Der mittelalterliche Zinnabbau zu Füßen des Wagnerberges wird verdächtigt, bereits in der Bronzezeit betrieb worden zu sein. Auch der weiter südlich liegende Pleßberg scheint mit seinen eindeutigen Schanzkanten eine Wachstation getragen zu haben. Diesen "bloßen", also ehemals gerodet vorgefundenen Berg gibt es mehrfach in Deutschland und jedes mal werden die künstlichen Verwerfungen auf ihnen als keltisch eingestuft. Überhaupt begegnen dem Reisenden im Erzgebirge beständig Flurnamen, die er aus anderen Teilen des Landes kennt. Da diese hier im Osten nicht germanischer Ausgangspunkt sein können, müssen sie die alten Siedler mitgebracht haben.
So kann auch der Spitzberg vor Gottesgabe mit einiger Sicherheit eine Befestigung getragen haben. Wie bei Dieburg und Alte Mark in der Rhön haben wir hier eine künstliche Abflachung der Bergspitze, aufwendig gestaltete Schanzkanten, eine hohe Quelle und wieder ein regelrechtes Meer an künstlich platzierten Bruchsteinen (z. B. Pfostensteine der Häuser).
Befestigte Siedlungen auf Fichtelberg und Klinovek?
Dahinter kommen wir an den Giganten Fichtelberg und Klinovek vorbei. Zwischen den beiden scheint schon immer eine wichtige Verkehrstrasse über das Erzgebirge geführt zu haben. Inwieweit die heute völlig überbauten Gipfel Siedlungen getragen haben, lässt sich kaum sagen. Ausschließen möchte ich das nicht. Doch auch wenn diese Berge nicht besiedelt waren - dahinter warten schon wieder einige potentielle Schanzen, wie Wirbelstein und Mednik.
Der alles überragende Spitzberg am Stausee Prisecnice zeigt hingegen keinerlei Siedlungsstrukturen: Er ist viel zu schmal und Wasser gibt es auch nicht. Der Hassberg oder Jeleni Hora nebenan, als Hasiburg ausgeschildert, präsentiert sich aber wieder mit deutlichen Schanzstrukturen, Basaltbruchpotential und der typischen Konzentration an Steinen um den einzigen Zugang herum. Es muss eine starke und lange bewohnte Feste gewesen sein.
So genau rekonstruieren Historiker Altstraßen
Sie könnte die alte Salzstraße von Halle nach Prag bewacht haben, die seit der Hallstadtzeit, also 800 v. Chr., bestanden haben soll. Auch diesen querenden Weg habe ich versucht, von der Furt in Flöha aus mit dem Fahrrad  nachzuvollziehen. Der Höhenrücken Augustusburg, Marienberg war schnell gefunden. Danach aber verlor sich seine Spur auf der schier endlosen Hochfläche südlich von Reitzenhain, dessen Name auf eine vorchristliche Kultstätte hinweist. Am ehesten scheint die Altstraße noch mit der hier heraufkommenden B13 identisch, die - denkt man sich die heutigen Entwässerungsgräben weg - fast trockenen Fußes nach Komotau und weiter führt. Rechts und links liegen auch viele Hohlwege. Ich biete in der Karte eine Wegführung an, die gänzlich ohne Bachquerung in der sumpfigen Gegend auskommt. Unsere Salzstraße stünde dazu im Genuss der Bewachung durch Reizenstein, Hirtstein und unserer o.g. Hasiburg. Der Hirtstein mit seinem markanten Basaltfächer, ist zwar der höchste Punkt im mittleren Erzgebirge, zeigt aber keinerlei Schanzpotential. Trotzdem kann es kein Zufall sein, dass zu seinen Füssen das Dörfchen Satzung liegt, einer von nur zwei Orten, die hier oben sicher auf altgermanische Siedler hinweisen. Die Salzstraße würde dann auf einem Bergrücken nach Kadan hinab führen, das älter als Komotau scheint. Schon Karl der Große soll diese Stadt 805 vergeblich berannt haben.
Doch wir wollen ja weiter nach Osten! Auf dem eigentlich recht flachen Lesna finden sich wieder verdächtige Schanzstrukturen, noch mehr am benachbarten Eduartstein oder dem St. Katharinaberg. Der Bärenstein oder Bernsteinberg in der Nähe würde eigentlich nur durch seine markanten Felsen hervorstechen, wenn da nicht die großzügigen Feldterrassen weiter unten um Gebirgsneudorf wären. Und so geht es weiter: Die künstlichen Abstufungen werden immer großflächiger, die möglichen dazu gehörenden prähistorischen Siedlungsplätze flacher.
Das böhmische Becken von der Jerabina aus
Ähnlich bildet sich die Situation am Jerabina, zu Deutsch Haselstein, mit seinem Turm aus dem 19. Jhd. ab. Die nördlich anschließenden Felder über Einsiedel lassen zumindest eine Wüstung auf der Anhöhe vermuten. Die gleiche Situation finden wir am Zamanek über der Talsperre Flaje (alpine Landwirtschaft noch im letzten Jahrhundert), am Cerny Vrch und am Loucna, zu Deutsch Wirbelstein. Auf lokalen Informationstafeln wird der Übergang der Salzstraße bei Deutscheinsiedel festgemacht. Das kann aber erst im Mittelalter gewesen sein, denn ich habe weder trockene Trassen noch eindeutige Sicherungsburgen gefunden.
Erst der Bournak oder Stürmer bildet sich wieder als eine über allem thronende Schanzsiedlung par excellence ab. Trotz der gnadenlosen Überbauung erinnert er mich an den urnenfelderzeitlichen Herrenberg über Schalkau. Weiter um Zinnwald/ Cinovek herum könnten wieder mehrere frühzeitliche Siedlungen gestanden haben. Nirgends habe ich mehr Hohlwege gefunden als hier.
Altenberg mit Geisingberg
Viel interessanter aber erscheint mir nördlich die Bollwerk-Kombination von Altenberg und Geisingberg. Die Namen deuten auf einen Sitz suebischer Germanen hin, die Geländedeformation in eine noch frühere Zeit. Deutlich lassen sich auf der „Akropolis“ Geisingberg Ringwälle, steineren "Torschwellen" und Bruchsteinkonzentrationen ausmachen. Der Bergrücken davor, bis zum riesigen Steinbruchloch Binge mitten in der Stadt, erinnert an die Situation auf dem Haidberg am Anfang unserer Tour. Rundherum sind noch die Schanzkanten einer möglichen Siedlung auszumachen. Über den Pass Altenberg-Zinnwald muss schon in der Frühzeit eine Heer- und Handelsstraße von der Dresdner Furt Richtung Prag geführt  haben.
Langsam kommen wir zum Ende unserer Tour. Die Berge Traugotthöhe, Homari Hurka, Mravency Vrch und Vyhledy scheinen mit ihren kaum mehr wahrnehmbaren Schanzen wieder eine gigantische Hochfläche terrassierter Felder zu bewachen. Bei letzterem könnte sogar ein Hügelgrab liegen. Zu diesem Ensemble muss auch der Kegel Spitzniak zählen, der wieder mit Steinwällen, künstlichen Flächen und Torsteinen glänzt.
Tyssaer Wände
Auf dem Felsenlabyrinth "Tyssaer Wände" gibt es wieder mehrere prädestinierte Verteidigungsplätze. Sie gehören geologisch schon ins nördlich anschließende Elbsandsteingebirge. Dort liegen ja die Paradebeispiele prähistorischer Siedlungsfelsen, nachgewiesen auf Pfaffenstein, Königsstein, Görisch, Lilienstein und den beiden Zschirnsteinen. So treffen wir am Ende unserer Reise noch einmal auf ein Prachtexemplar solcher Wallanlagen: den Hohen Schneeberg. Dergestalt muss der Königstein gewesen sein, bevor seine Felsspalten im Mittelalter zugemauert wurden. Nur viel größer! Auch wenn archäologische Funde aus der Bronzezeit nur aus dem zu seinen Füßen liegenden Decin bekannt sind: wenn sich überhaupt irgendwelche keltischen Boier über andere aufgeschwungen haben - hier müssen sie gewohnt haben. Vom Hohen Schneeberg aus beherrschte man den Elbdurchbruch, hatte ausreichend Wasser, genug Platz sogar für Landwirtschaft und Vieh. Die Hohlwege zum Plateau sind zu schmal für Steinbruchkarren und zu tief, um von moderneren Wanderschuhen abzustammen. Deutlich auch die Torwälle an den wenigen Zugängen. Wie beim Königsstein verwette ich wieder meine ganze Reputation, dass hier irgendwann Scherben mindestens aus der späten Bronzezeit gefunden werden.
Hoher Schneeberg über das Elbtal weg
Hinter dem Hohen Schneeberg führt unser Erzgebirgs-Höhen-Weg dann runter nach Decin, wo sich auf einem der vielen umwallten Kegelspitzen um die Stadt noch eine Wache für den Elbübergang befunden haben könnte. Erst um 1000 wird eine der typisch hölzernen slawischen Burgen genannt.
Und wohin ging es weiter? Der ganze Osten stand dem Reisenden nun offen, beginnend mit der Lausitz, die eine eigene frühzeitliche Kultur beschreibt. Wahrscheinlich führte auch ein Strang ins Riesengebirge. Über die Rolle solcher Fernwege im Rahmen der Völkerbewegungen kann nur spekuliert werden. Die Hunnen beispielsweise mit ihren Beutezügen zu Pferd waren bestimmt nicht hier oben. Bei den zielgerichteten Westwanderungen von Burgunden im Jahr 278, Vandalen 330 und Terwingen um 400 wäre ich mir aber nicht mehr so sicher. Von offizieller Seite werden diese Südwestwanderung zwar immer mal wieder wahrgenommen, welche Wege dabei aber benutzt wurden, ist unbekannt. Am sichersten, schnellsten und bequemsten aber ging es über unseren Erzgebirgshöhenweg! Er liegt übrigens auf einer Geraden mit Warschau, Minsk und Moskau, die es damals natürlich noch nicht gab, aber vielleicht mit solchen Bewegungen befruchtet wurden?

Als Nichteinheimischer habe ich sicher manches Schmuckstück übersehen und andere überbewertet. Die Masse aber der alten Befestigungen und gerade ihre Stärke am Anfang und am Ende machen einen durchgehenden Urweg am Erzgebirgskamm mehr als wahrscheinlich.