Sonntag, 6. Dezember 2015

Als die Kelten abgezogen waren

Ausbreitung der Kelten
Nicht wenige Archäologen waren bisher von einer weitgehenden Entvölkerung Südthüringens, ja des ganzen Obermain-Gebietes beginnend ab 500 vor bis 500 nach Christi ausgegangen. Sie machten das an dem mageren Fundaufkommen zwischen der Kelten- und der Germanenzeit fest. Diese Sicht revidiert sich aber in den letzten 20 Jahren mehr und mehr.
Ausgangspunkt im 1. Jahrtausend v. Chr. scheint eine weitgehend homogene Bevölkerung in Mitteleuropa gewesen zu sein, die sich nahtlos von der Urnenfelder-, Hallstatt bis zur keltischen Latènekultur entwickelt hatte. In dieser Zeit sollen die alteuropäisch sprechenden Menschen bei uns durch Vermischung auch die indogermanische Sprache von unseren östlichen Nachbarn übernommen haben. Das  Zentrum dieser sich entwickelnden Hochkultur könnte irgendwo in Süddeutschland gelegen haben, vielleicht um das spätere Oppidum Manching an der Donau herum. Wir lagen mit unseren vielen großen Wallanlagen an Werra, Fränkischer Saale und Obermain mittendrinn, nicht als innovativer Impulsgeber, aber auch nicht in einflussloser Randlage. Diese muss sich weit im Norden befunden haben. Wo genau, darüber streiten die Gelehrten. Die Verbindung von dort in den Süden scheint aber so schwach gewesen zu sein, dass sich sprachlich bei ihnen eine so genannte Lautverschiebung vollziehen konnte. Diese wurde fürderhin zum wichtigsten
Altes Weltbild
Unterscheidungsmerkmal zwischen Kelten und Germanen. Obwohl sich die Kulturen südlich und nördlich des Rennsteiges kaum unterschieden haben können, vermeiden es die Archäologen, dort späterer von Kelten zu sprechen.
Anfangs - bis 500 v. Chr. - scheinen beide Gruppen friedlich in einer Art Mischzone nebeneinander her gelebt zu haben, was sich sowohl im Thüringer- als auch im Leipziger Becken archäologisch gut nachweisen lässt. Die nördlichen Nachbarn werden dabei als so genannte Jastorf-Kultur beschrieben. Bei deren Gebrauch von Drehscheibenkeramik beispielsweise wird deutlich, dass sie der Laténekultur im Süden zivilisatorisch unterlegen war. Auch mit der sog. Oppida-Kultur (gesellschaftliches Zentrum auf einer befestigte Höhensiedlung mit vielen Gehöften drum herum) sollen sie nichts am Hut gehabt haben. Trotzdem tauchten diese Germanen noch vor der Zeitenwende südlich des Rennsteigs auf. Warum?
Bei römischen und griechischen Geschichtsschreibern zu jener Zeit lesen wir von heftigen Völkerbewegungen im Norden. Nach einer Studie der Uni Göttingen fand um 500 v. Chr. in Europa ein starker Kälteeinbruch statt.  Das muss eine generelle Bewegung der landwirtschaftlich abhängigen Kulturen jeweils in wärmere Regionen ausgelöst haben. Die Archäologen vermelden ab der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends vor Christi eine vorsichtige Diffusion der Germanen Richtung Süden: Auf der Steinsburg und der Widderstatt in Südthüringen wurden neben den keltischen auch solche Fibeln gefunden, wie sie eigentlich nördlich des Thüringer Waldes modern waren. Ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. wird dann in den schriftlichen Quellen explizit eine Südwanderung der Kelten vermerkt. Sie strömten zunächst auf den Balkan, fielen 279 v. Chr. in Griechenland ein und gründeten später in Kleinasien Galatien. 380 v. Chr. hatten die Kelten unter Brennus bereits das noch junge Rom geplündert. Es erscheint logisch, dass sowohl die keltische als auch die germanische Südwanderung gleichzeitig stattfanden.
Natürlich waren damals nicht alle Kelten ausgewandert. In unserer Gegend sind sie archäologisch bis etwa 50 v. Chr. fassbar. Im Gebiet zwischen Rhein, Main und Leine soll der keltische Großstamm der Volcae gelebt haben. Auch um den Thüringer Wald herum! Nach der keltischen Auswanderung wurden um 120 jetzt unserer Zeit deren Abkömmlinge sowohl in Anatolien als auch in Südfrankreich gesichtet. Damals schon unter den Römern. Denn um die Zeitenwende war Cäsar nach Norden in Gallien eingefallen - übrigens zeitgleich mit einer Klimaerwärmung bei uns.
Deckungsgleich mit dem Abzug der Kelten von ihren Wallburgen scheinen auch die Germanen mit Kind und Kegel südwärts marschiert zu sein. Dafür stehen die historisch belegten Züge der Semnonen, Markomannen, Hermunduren, Quaden, Langobarden und Kimbern. Die meisten Historiker postulieren so generell einen Rückzug der Kelten vor den nach Süden und Südwesten strömenden Germanen. Das berühmte Oppidum auf dem Staffelberg weist um 350 v. Chr. einen Brandhorizont auf, was auf Kampfhandlungen schließen lässt. Es soll danach aber wieder keltisch aufgebaut worden sein. In Südthüringen fehlen solche Hinweise auf kriegerische Auseinandersetzungen prinzipiell. So gehen manche Archäologen davon aus, dass die Germanen lediglich in die witterungsbedingt verlassenen Regionen der Latène-Kelten vorgestoßen waren. Tacitus berichtet allerdings von Galliern am Rhein, die vor Germanen geflohen waren. Auch Cäsar macht den Schicksalsfluss zur Kulturscheide zwischen Germanen und Kelten. Selbst für Böhmen wird erst ein langsames Einsickern, dann eine Invasion aus dem Norden diskutiert.
Formelle Einteilung der Germanen
Aber wer waren diese germanischen Bauernkrieger? Nördlich und südlich des Thüringer Waldes verortet die Geschichtsschreibung ab der Zeitenwende die Hermunduren. Alle anderen scheinen in den 500 Jahren zuvor nur durchmarschiert zu sein. Spuren hinterließen sie kaum. Die Hermunduren waren als Elbgermanen die Nachfolger der Jastorfkultur und nahmen kurz nach Christi Geburt genau die Gegenden in Besitz, die vordem von den Volcae besiedelt waren. Historiker streiten über ihre Wechselbeziehung mit jenen Germanen zischen Weser und Rhein. Im Thüringer Becken sollen sie im Heiligen See von Niederdorla ein "Rundheiligtum" angelegt und auf dem Jechaberg bei Sondershausen Opfer dargebracht haben. Mit befestigten Höhensiedlungen, wie bei den Kelten, hatten sie nichts am Hut. Die vielzitierte "germanische" Funkenburg bei Westgeußen wäre also die große Ausnahme: Alle Funde stammen vom 3. Jahrhundert vor, bis zum 1. Jahrhundert nach Christi. Wahrscheinlicher ist einen germanische "Nachnutzung". Bei Großromstedt zwischen Jena und Apolda wurde ein großes germanisches Brandgräberfeld der späten vorrömischen Eisenzeit (2. Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr.) und der frühen Römischen Kaiserzeit entdeckt. Die Forschung bestätigt, dass die darin enthaltenen Artefakte nur von den Hermunduren stammen können. Und genau die gleichen Kulturgüter kommen um die Zeitenwende in Gräbern von Böhmen und Mainfranken zum Vorschein. Und natürlich in Südthüringen! Große Ausgrabungsstätten in unserer Gegend sind das Gräberfeld von Aubstadt im Rhön-Grabfeld, im oberfränkischen Altendorf, in Hopferstadt, Gaukönigshofen oder zu Füßen des Staffelberges. Beim fränkischen Aubstadt hat man nahe des antiken Friedhofes auch die dazugehörige Siedlung gefunden. Dabei kam heraus, dass die neuen germanischen Herren sich friedlich neben den Alteingesessenen niedergelassen hatten. Zu dieser Zeit aber waren die bekannten Keltenoppida von Steinsburg, Dolmar, Milseburg usw. von ihren Bewohnern bereits verlassen gewesen. Das muss die Kriegerelite gewesen sein, die sich inzwischen im Süden neu angesiedelt hatten. Aber nach und nach gingen nun auch bei uns in der Breite die keltischen Scherbenfunde - und damit die Kultur - zurück.
Alles deutet darauf hin, dass die Hermunduren, wie ihre Kumpels in Böhmen, nach zögerlichem Einsickern zur Annexion übergegangen waren. Tacitus berichtet außerdem, dass im Jahr 1 n. Chr. Teile der Hermunduren durch die Römer in das von den Markomannen verlassene Gebiet am Main umgesiedelt worden waren. So etwas konnte nur geschehen, wenn man die Hermunduren vordem auch besiegt hatte. Es gehörte zur Expansionspolitik der Römer, vorpreschende Germanen nicht nur zurückzuschlagen, sondern auch umzusiedeln. Die Markomannen jedenfalls zogen nach Böhmen. Manche Forscher glauben, da seien sie auch hergekommen. Um 51 n. Chr. sind dann noch mal Kämpfe der Hermunduren an der Donau belegt, in denen sie unter ihrem Fürsten Vibilius erwähnt werden.
Die ersten Stämme zeichnen sich ab
In Südthüringen direkt hat man aus der so genannten Römischen Kaiserzeit germanische Artefakte in den Niederungen bei Henfstädt, Sülzdorf und Altenrömhild gefunden. Nach Lage der Dinge scheinen sie also auf den alten Pfaden der Kelten lustwandelt zu sein. Deren große und verlassene Oppida auf den Gleichbergen und in der Rhön jedenfalls geben keine germanischen Überbleibsel her. Wahrscheinlich existierte in der Gegend  niemand mehr, vor dem sie sich fürchten mussten. Wenn wir davon ausgehen, dass die meisten Dörfer mit keltischem Fundhorizont und Eigennamen, wie Jüchsen, Vacha, Herpf oder Milz bereits bestanden haben, müssten jetzt die Germanen Siedlungen mit der Endung -städt, und in Flussniederungen mit -ing und -ung gegründet haben. Salzungen beispielsweise könnte der Ort sein, den Tacitus 58 mit einer Schlacht zwischen Chatten und Hermunduren um Salinen beschreibt. In Breitungen herrschte wegen der Landfülle rundherum geradezu Siedlungszwang, Schwallungen gilt als alter Flussübergang, südlich von Wasungen wimmelt es geradezu von historischen Hohlwegen zur Werra hinab und auf der anderen Seite wieder hoch. Meiningen lag an einer alten Nord-Süd-Route (Weinstraße), wo ständig die Werrafurt wechselte und auch hinter Schleusingen zog sich ein Urweg über das später Thüringer Wald genannte Mittelgebirge. Doch das sind Spekulationen. Heimatforscher ordnen -ing und -ung gerne den Alemannen zu. Diese - ebenfalls Elbgermanen - sollen noch vor der Zeitrechnung über den Thüringer Wald ins heutige Baden-Württemberg gezogen sein. Als sich ab 58 unserer Zeit hinter Rhein und Donau die Römer breit machten, werden sie bereits im Limes-Grenzgebiet verortet. Sie selbst scheinen sich als Suebi bezeichnet zu haben, denn später setze sich der Name "Schwaben" durch. Noch im 4. und 5. Jahrhundert werden sie um Würzburg herum festgemacht. Es deutet also einiges darauf hin, dass zunächst die Alemannen und später erst die Hermunduren aus dem Thüringer Becken nach Süden vorgerückt waren. Den ersteren weisen Heimatforscher hin und wieder "-ing" zu, den anderen "städt". Die Historiker halten sich da bedeckt. Wir wissen nur sicher, dass ab 50 v. Chr. kein Kelte mehr da war, ab 400 ein paar Thüringer einsickerten und ab 600 die Franken in Massen kamen. Es blieb immerhin ein halbes Jahrhundert und da können eine Menge Ingen, Ungen und Stedt entstanden sein.
Die Hermunduren jedenfalls bewegten sich durchweg im Dunst- und Interessenkreis des Limes. Sie waren übrigens die einzigen Germanen, denen die Römer Handelsfreiheit in Reich gewährten. Der Main gilt als römisches Einfallstor nach Osten. Handelsfahrten
entgegengesetzt sind auch von Germanen belegt. Das  römische Legionslager Marktbreit am Main zeigt nicht nur, dass der ehemals keltische Marienberg über dem späteren Würzburg eingenommen war, sondern auch, welchen Einfluss man auf das Grabfeld gehabt haben könnte. Die Römer zählten den Thüringer Wald damals zum so genannten Herkynischen Wald. Einige Historiker sehen in dem vergleichsweise geringen Fundaufkommen jener Jahre auch die Durchsetzung jener römischer Befehle, die große germanische Stammesverbände im Vorfeld des Limes nicht duldeten. Bei Trostadt kam ein Münzschatz zutage, der zumindest den Kontakt mit den Römern beweist. Damals waren die großen Raubzüge der Germanen ins Römische Reich schon an der Tagesordnung. Man hört auch von wechselnden Koalitionen der Hermunduren, mal gegen Römer, mal mit ihnen gegen andere Germanen.
Das letzte Mal werden unsere Hermunduren zwischen 166 und 180 heutiger Zeitrechnung in den Markomannen-Kriegen erwähnt. Dann gibt es 300 Jahre keinerlei Nachricht über unsere Heimat. Tatsächlich brechen Mitte des 4. Jhd. auch die archäologischen Funde ab. Das bringt nicht wenige Geschichtsschreiber zu der Überzeugung, dass niemand mehr da war. Nonsens, sagen andere, es gab nur niemanden mehr, der sich für die Gegend interessierte. Die schriftkundigen Römer hatten andere Sorgen: Immer mehr germanische Völker berannten das Reich. Im 3. Jhd. musste die Weltmacht bereits Teile des Limes aufgeben und sich hinter Rhein und Donau zurückziehen. In der Neujahrsnacht 406/7 überschritten große Verbände von Vandalen, Sueben und Alanen das Eis des Rheins und begannen sich Schritt für Schritt Westeuropa untertan zu machen. Zu den gegen die Römer marschierenden Sueben werden auch die Hermunduren gezählt. 487 schließlich besiegte der fränkische König Chlodwig den letzten römischen Befehlshaber in Gallien, Syagrius. Solche Heerzüge sollen hierzulande ihren Niederschlag gefunden haben: "Kehraus" im Dreieck zwischen Rhön, Thüringer Wald und Main. Die Fundsituation hier erkläre sich, so Altgeschichtler, eher durch Leute auf Wanderung. Tatsächlich könnte Südthüringen als Durchzugsgebiet für Burgunden, Langobarden oder Vandalen gedient haben. Jedenfalls lag unsere Region auf deren Marschroute Richtung Südwesten und Wanderer hinterlassen nun mal keine Dörfer und Gräberfelder. Trotzdem werden in den letzten Jahren immer mehr germanische Siedlungsreste bei uns ausgegraben. Schon sind einzelne Archäologen zu der Überzeugung gekommen, dass in den Tausend Jahren nach Abzug der Keltern südlich des Rennsteiges gar kein wesentlicher Siedlungsrückgang stattgefunden hat. Detaillierte Ausführungen dazu liefert das Internationale Kolloquium zur keltisch-germanischen Besiedlung im Mittelgebirgsraum 1990 in Weimar aus der Digitalen Bibliothek Thüringen.

Doch noch bleibt die Völkerwanderung eine dunkle - sprich schriftlose - Zeit. Dennoch können wir davon ausgehen, dass auch damals niemand Haus und Hof aus Jux und Tollerei aufgegeben hat. Kriegszüge beutegieriger Kämpen ja, aber wenn viele losziehen, muss ein elementares Drama vorausgegangen sein. Das kann um 500 v. Chr. nur das Klima angerichtet haben. Auch nach der "Warmzeit" der römischen Okkupation deutet sich in Mitteleuropa ein erneuter Kälteeinbruch mit Südwanderung der Völker an. Im Thüringer Becken sollen spätestens im 3. Jahrhundert Angeln und Warnen in das Siedlungsgebiet der Hermunduren eingesickert sein. Gemeinsam hätten sie "irgendwie" das Thüringer Reich gegründet. Höchst spekulativ (Siehe Post „Thüringer - die letzten Goten?“)! Besser überzeugt die neue Theorie von Heike Grahn-Hoek über die Herkunft der Thüringer. Demnach sollen die gotischen Terwingen mit den späteren Thüringern identisch gewesen sein. Um 400 wären sie aus den Karpaten heraus nördlich des Erzgebirges ins Thüringer Becken vorgestoßen. Immerhin war das Thüringer Reich wieder fast identisch mit dem des Hermunduren-Gebietes, respektive dem der Volcae. Also dürften sie auch bei uns gewesen sein! Bei Streufdorf wurde sogar eine thüringische Fibel gefunden. Von Angeln und Warnen südlich des Rennsteiges ist nichts bekannt. Historiker rechnen den Thüringern Gründungen mit der Endsilbe -leben zu, manche auch mit -feld. Während wir für erstere bei uns nur das Beispiel Dingsleben finden - immerhin an den Gleichbergen - verbreitet sich damals -feld geradezu explosionsartig in ganz Deutschland. Das lässt uns "-feld" eher als fränkisch erkennen. Denn die Thüringer haben sich nur eineinhalb Jahrhundert gehalten, bis die Franken kamen. Doch das ist schon der nächste Post…