Samstag, 30. Mai 2015

Wüstungen um Schleusingen (Von C.A.)

Um 1400 war in unserer Gegend, die zur Grafschaft Henneberg gehörte, der Höhepunkt der Siedlungsgeschichte erreicht. Eine ganze Reihe von Ansiedlungen wurden auch wieder aufgegeben und sind heute nur noch als Wüstung bekannt.
Nach den Befreiungskriegen kam das Henneberger Land von Sachsen an Preußen. Die Ämter Schleusingen, Suhl, Kühndorf und Benshausen wurden 1816 zum Königl. Preußischen Kreis Schleusingen zusammengeschlossen.
In diesem Gebiet, mit damals noch meist bäuerlicher Bevölkerung, sind auch über 20 Wüstungen bekannt, also Dörfer, die wieder aufgegeben wurden. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und heute für die einzelnen Wüstungen nicht mehr bekannt. Hauptursachen waren jedoch die spätmittelalterliche Agrarkrisen und die seit 1349 in unserer Region grassierende Pestepidemie sowie die beginnende Abwanderung in die entstehenden und wachsenden Städte. Außerdem legten die Siedler im frühen Mittelalter ihre Dörfer an ungünstigen Stellen an, die in Zeiten wirtschaftlicher Not wieder verlassen werden mussten. In höheren Regionen angelegte Dörfer sind meist aus Wassermangel eingegangen.
Andere sind in den Wirren der Ritterfehden, des Bauern- und des 30-jährigen Krieges wüst geworden oder durch Seuchen und andere Krankheiten regelrecht ausgestorben. Eine Rolle spielten sicher auch die Habsucht und Anmaßungen der adeligen Grundherren, die teilweise Bauernstellen einzogen (Bauernlegen), ja, sie regelrecht von ihrem Land vertrieben. Klöster und andere kirchliche Institutionen bemächtigten sich des freiwerdenden Grund und Bodens. Vielfach wurden aber auch umliegende Gemeinden und Bauern mit den kultivierten Böden des jeweiligen wüst gewordenen Dorfes belehnt. Sie hatten dafür Zinsen und Abgaben an den Grundherren zu zahlen.
Nachfolgend werden Wüstungen aufgezählt, die mir bekannt sind und von denen die meisten heute nicht mehr urkundlich belegt werden können, sondern nur durch Flur- und Forstbezeichnungen oder mündlich überliefert sind.
B r u n s t e d t : Eine Siedlung oder ein Hof. Lag am Ufer der Nahe im Wiesental oberhalb des Schleusinger Schmimmbades. Er ist auf dem Messtischblatt als „Dorfstätte Braunstedt“ eingezeichnet. Mit Sicherheit war es aber kein Dorf sondern eine Einzelsiedlung. Es ist anzunehmen, dass sich ein Bauern, namens Bruno schon vor der Gründung von Schleusingen (vor 1232) in der Waldeinsamkeit, aber angelockt durch das ergiebige Wiesengelände der Nahe, ein bescheidenes Heim gegründet hat. Die Namensendung auf – stedt in Verbindung mit einem Personennamen, könnte auf ein höheres Alter hinweisen. Der Pfarrer Nathanael Caroli, der um 1600 sehr emsig der Vorzeit von Henneberg nachgeforscht hat, erzählt folgende Geschichte:
„Hier sollen ehemals „die von der Preunscht“ (henneb. Mundart) oder Braunstedt, ein vornehmes adeliges Geschlecht, gewohnt haben, welche, nachdem sie Tyranney und Räuberey getriben, von den hennebergischen Grafen auf kayserlichen Befehl vertrieben worden sein.“ Die Flurbezeichnung „Braunstedter Rain“ für das am Badeteich bis an die Gemarkung von Hinternah sich hinziehende Wiesengelände, ist allgemein bekannt. Noch heute existiert dort, in einem Gebüsch verborgen, ein gemauerter Ziehbrunnen, welcher aber auch zur Wallfahrtskapelle am Einfürst gehört haben könnte. In dem „liber dominorum meorum“ von 1360, einem Verzeichnis aller Einkünfte aus den Ansiedlungen für die Henneberger (in dem Gethles erstmals urkundlich erwähnt wird) ist auch ein Besitz „bie Brüningstorf“ genannt. 1427 empfängt Otto von Berlstete von Graf Wilhelm II. zu einem rechten Bürgerlehen, u.a. auch den „Hof zu Brünstorf.“ Die genaue Lage des Hofes, der auch in der Sage über die Gründung von Schleusingen genannt wird, und wann er aufgegeben wurde, ist nicht bekannt.
D i e m a r s h a i n : Dorfanlage, wurde später auch Dietrichshain genannt und lag zwischen Kühndorf und Schwarza. Ersterwähnung 1269 in einer Urkunde, mit der dem Kloster Rohr das Dorf neben „anderen Gütern“ geschenkt wird. 1348 vertauscht der Komtur von Kühndorf, Berthold von Henneberg, dem Kloster Herrenbreitungen einige Güter zu Diemarshain gegen ein Lehnrecht in Utendorf. Zeitpunkt der Aufgabe des Dorfes ist nicht bekannt, wird aber bereits in einer Urkunde vom März 1455 als Wüstung Diemersheim bezeichnet.
D ö l l e n d o r f : In der Nähe von Christes. Keine weiteren Angaben bekannt.
D o l m a r s d o r f , auch Unter- Tholmannsdorf : 1259 erstmals urkundlich erwähnt. Lag am Nordabhang vom Dolmar bei Utendorf, ebenso gab es in dessen Nähe ein Tränkried, von dem aber auch keine Angaben bekannt sind. Ober- Tholmarsdorf, lag in der Flur Kühndorf.
Taubendorf und Schwadendorf – auch Wenigenschwarza genannt - erstreckten sich neben Diemershain zwischen Kühndorf und Schwarza.
Gerod oder Rödles lag zwischen Kühndorf und Rohr. 1409 beleiht Graf Friedrich I. Von Henneberg- Römhild den Herrn am Berge mit dem Dorf zum Rödlins.
Die vor genannten Dörfer am Dolmar werden in einer Urkunde vom, 20. März 1455 bereits als Wüstung bezeichnet und von Jörg Truchseß, Komtur der Johanniter, mit einem Viertel Teil des Schlosses Kühndorf an den Grafen Georg von Henneberg- Römhild verkauft.
D ö r f l e s zwischen Kloster Veßra und Themar am westlichen Ufer der Werra und unterhalb des Iltenberg gelegen. Gegründet wird das Dorf vom Kloster Veßra und 1137 als Dorphelen erstmals urkundlich erwähnt. Am 3.4. 1595 um 7:00 Uhr erfolgte der Einsturz des Iltenberges (damals Öltenberg) und dabei wurde Dörfles verschüttet. (Siehe Dörfles-Sage!)
E l t e r s f e l d: lag bei Dillstädt. Es sind keine weiteren Angaben bekannt.
E s c h r o d e : lag zwischen Rohr und Dillstädt, keine näheren Angaben bekannt.
G e r m e l s h a u s e n : lag zwischen Dillstädt und Marisfeld. Schon 825 als Gerwineshuson urkundlich erwähnt und kommt noch 1267 als Dorf vor. Zeitpunkt der Aufgabe des Dorfes ist nicht bekannt. (In Germelshausen spielt eine Novelle von Friedrich Gerstäcker)
G e r t l e s : lag zwischen Tachbach und Schmeheim in einem gegen Norden fortlaufenden, schmalen Wiesengrund und wird schon im Juli 914 als Gertilare urkundlich erwähnt. Die Marschalle von Ostheim besaßen hier einige Güter und Einkünfte, welche sie 1309 dem Grafen Berthold von Henneberg- Schleusingen lehnbar machten. Wann das Dorf schließlich wüst wurde ist nicht bekannt. Um 1796 sind die 8 Güter der Wüstung in Besitz der Marschalle von Marisfeld, die aber einen gewissen Anteil davon unter Marisfelder Bauern gegen Leistung der Pferde- und Handfron aufgeteilt haben. (Vielfach wurde der Ort – wahrscheinlich wegen der Ähnlichkeit der Namen - mit Gethles verwechselt. Manche Autoren nehmen an, dass Einwohner von Gertles nach Aufgabe des Ortes die hiesige Ansiedlung Getelinges (Gethles) gegründet haben, was natürlich nicht zu belegen ist.
J ä r k e r s : lag bei Christes. Keine näheren Angaben bekannt.
K o r n i t z r o d auch Cornetzrod : Die Ansiedlung lag zwischen Gethles bzw. Neuhof und Kloster Veßra, am Anstieg der Straße über den Kuhberg nach Gethles, die an der ehemaligen Holzladestation der Eisenbahn an der Straße nach Schleusingen beginnt. Das Dorf wurde 1137 erstmals urkundlich erwähnt und ist vom Kloster Veßra angelegt worden. Wahrscheinlich als Einzel- oder Viehhof um Vorspannleistungen für Frachtwagen anbieten zu können, die die Werra- und Schleusefurt bei Grimmelshausen bzw. Veßra benutzten und, von Würzburg kommend, über Gethles und die Eiserne Hand nach Suhl- Oberhof- Erfurt unterwegs waren. Wann und warum das Dorf aufgegeben wurde, ist nicht bekannt. Die gerodeten und kultivierten Äcker bzw. Wiesen der Gemarkung Kornitzrod – später und heute noch als Schmitzrod bekannt – wurden weiterhin bis 1879 von Bauern der umliegenden Dörfer, auch aus Gethles, bewirtschaftet. Die Äcker und Wiesen der Wüstung sind wieder aufgeforstet.
K r ö h l e s : Lag im Kröhlesgrund bei Benshausen. Keine weiteren Angaben bekannt.
L a u e r s r o d : Lag zwischen Rappelsdorf und Zollbrück. Keine weiteren Angaben bekannt.
L i c h t e n a u : Wurde 1267 erstmals urkundlich bezeugt. Es lag zwischen Schwarza und Ebertshausen. Es gibt keine weiteren Angaben zum Dorf.
S i e h o l z : Lag in der Gemarkung Dillstädt unterhalb der Kapelle Laurenze. Ersterwähnung 944 als Sihiterode, später auch Syholz, Sichildes, Sychilds; war bis 1460 ein Dorf und wird dann ab 1482 als Wüstung bezeichnet. Gehörte als Würzburger Lehen den Grafen von Wildberg, dann den Herren von Heldritt, die es 1255 mit Bewilligung des Würzburger Bischofs dem Kloster Rohr übergaben. 1320 verkauft Graf Poppo zu Henneberg- Hartenberg seinem Waffenträger Hermann von Mansfeld einige Einkünfte zu Sieholz für 5 Pfund Helle, später für 30 Pfund Heller. Graf Friedrich der Aschacher Linie verschrieb das Dorf 1393 seiner Gemahlin als Leibgedinge.. Dann wieder war das Dorf um 1400 dem Kloster Rohr zins- und lehnbar. 1781 kommt die Gemarkung und Wüstung Sieholz zum Amt Kühndorf und damait später zu Preußen
E i t e r s f e l d : Lag in der Schmeheimer Flur auf einer leicht bewaldeten Fläche im Löhlein (= Kleines Wäldchen) am Knotenberg. Gründung ist unbekannt. Lt. Lehnbuch bestand das Dorf 1359 aus 5 Gütern. Sie hatten Erbzinsen nach Kühndorf zu entrichten. Der Schultheiß zu Schmeheim war auch für Eitersfeld zuständig. Für seinen Dienst erhielt er jährlich 13 Malter u. 4 Achtel Korn und 21 Malter, 4 Achtel Hafer aus Eitersfeld. Das Dorf wird dann schon 1527 als Wüstung bezeichnet . Die Felder und Wiesen werden von umliegenden Bauern weiter bewirtschaftet. Die Wüstung gehörte dann mit Lehn und Zins dem Kloster Rohr, dann dem Amt Kühndorf. Wegen Grenzstreitigkeiten der Ämter Themar und Kühndorf kommt es 1642 zum Vergleich und die Wüstung Eitersfeld wird dem Amt Themar, die Wüstung Sieholz dem Amt Kühndorf zugeschlagen. Die Flur der Wüstung ist heute wieder aufgeforstet.
L o r e n z e, heute Laurenze: Lag zwischen Wichtshausen und Schmehheim. War keine Dorfanlage sondern bestand aus einer mittelalterlichen Kapelle, umgeben von einer Ringwallanlage. Archäologische Funde sind: Fundamente der Kapelle, Kalkputzreste, Flachglasscherben usw.). Die urgeschichtliche Ringwallanlage stammt aus der Zeit der Kelten, hat einen Umfang von 200 Meter und war wahrscheinlich eine keltische Kultstätte. An der östlichen Seite ist ein Zweitwall und Graben vorgelagert. Von hier aus hat man einen freien Blick zum Dolmar, zu den Gleichbergen und dem Ruppberg. Im Zuge der Christianisierung wurde dann schon sehr früh, wie meist üblich, an Stelle der heidnischen Kultstätte eine Kapelle gesetzt. Der Zeitpunkt der Gründung der St.- Lorenzkapelle (lat. St.- Laurenzius) ist nicht nachzuweisen. Vermutet wird sie im Zusammenhang mit der Gründung der Siedlung Sieholz um 944. Die Kapelle war dem heiligen St.- Lorenz geweiht, der auf einem Feuerrost zu Tode gemartert wurde. Die Kapelle war Wallfahrtskirche, unterstand der Mutterkirche in Leutersdorf und war ein Aufenthaltsort für Mönche vom Kloster Rohr. Für die nebenan liegenden Siedlungen Sieholz und Eitersfeld war die Laurenze Dorfkirche und ist wahrscheinlich mit diesen Dörfern untergegangen. Um 1500 wird die auf der Silbachshöhe zwischen Schmehheim und Dirthausen in der Flur der Wüstung Sieholz gelegene St.- Lorenzkapelle noch sakral genutzt. 1511 findet am 10. August eine Kirchweihfeier statt. Es gibt Streitigkeiten wegen der Landesherrschaft Henneberg-Römhild und Henneberg-Schleusingen. Durch den Zentgrafen wird bestätigt, dass die Kapelle zu Schleusingen gehört. 1565 gilt die Laurentiuskapelle als abgerissen. Mauerreste sollen noch im 17. Jh. zu sehnen gewesen sein. Diese wurde dann als Baumaterial von den umliegenden Dörfern abgefahren.
Die Umgebung von Schwarza und Schmehheim ist altes Siedlungsland, das schon die Kelten für sich entdeckten und wo noch folgende Wüstungen und verschwundene Dörfer bekannt sind, die z.T. auch nicht zum ehemaligen Kreis Schleusingen gehörten:
S c h n e e b a c h : Nachgewiesen durch archäologische Funde, wurde 1111 urkundlich erwähnt und hatte auch eine Kirche. Sicher ist, dass das Dorf zu Beginn des 30-jährigen Krieges nicht mehr vorhanden war. Zeitpunkt und Ursache seines Unterganges sind im Dunkeln der Geschichte eingehüllt.
L e i p z i g e r R a s e n – eine Bergsiedlung : (570 m über NN) auch als Eubisch, Leubisch, Leubach bezeichnet. Das Bergdorf nahm offenbar eine Sonderstellung am Westhang des Ehrenberges dicht unterhalb des Kammes ein. Hier waren auf einer ca. 2,5 ha großen Fläche 20 Hausstellen um eine heute noch fließenden Quelle locker verstreut. 1982-1985 wurde dort ein Anwesen ausgegraben. Zur Siedlung gehörte auch eine Kapelle und die hatte den spätmittelalterlichen Wüstungsprozess erst einmal überstanden. Die 20 Bauern lebten von Anfang an von der Weidewirtschaft. Es gab dort eine Viehtränke für die Diethäuser, Mäbendorfer und Schmeheimer Kuhherden. Die noch intakten Holztränken wurden 1985 bei Forstarbeiten zerstört. Zeitpunkt der Gründung und des Untergangs sind nicht bekannt.
L a n g e B a h n - ein Berghof : Die Ruine des Berghofes liegt unweit der heutigen Bergbaude, zwischen dem Kammweg und der Wüstung Dreisbach, am Fuße des Ehrenberges. 1111 wurde der Berghof erstmals in einem Dokument des Klosters Reinhardbrunn erwähnt und war seit 1556 fast ununterbrochen bewohnt. Eine wesentlich frühere Besiedlung durch die Kelten wird durch archäologische Funde bestätigt. Steinwälle, die als Pferche gedient haben, bestätigen, dass hier Viehzucht und Weidewirtschaft betrieben wurden. Im Jahr 1291 sollen die Gebäude der Langen Bahn von den Henneberger Grafen dem Johanniterorden zur Nutzung übergeben worden sein. Die eigentliche Geschichte des Berghofes beginnt 1556 als sich der Fronhof zum Freigut mauserte. Die Johanniter verlehnten den Hof an verschiedene Adelige und auch Bauern. Schultes berichtet 1794, dass 8000 Gulden Handgeld für den Berghof samt Gehölz, Schafstrifft, Brau- und Schankrecht von dem Renommierten Herren Stumpf bezahlt wurden. Er setzte Gebäude, Wiesen und Äcker instand und nutzte den Hof so gut, dass er 50 Schafe, 8 Kühe, 20 Ochsen und in der Sommerzeit noch 150 Stück Zutrieb-Vieh auf der Weide halten konnte. Stumpf verstarb 1627 und hinterließ Schulden in der enormen Höhe von 29000 Gulden. Die Regierung in Meiningen beschlagnahmte das Anwesen und schrieb den Berghof zum Verkauf aus. Erst 1688 gelang es, den Hof wieder in die Hände des Johanniter-Ordens zu bringen. Das Freigut besaß alle Rechte einer ritterlichen Kommende, auch Bier zu brauen und auszuschenken, sowie „Gäste mit Speis und Trank zu traktieren.“ Eine Blüte erlebte der Berghof unter Leitung des Komturs Baron von Bourscheid.

Es sorgte nun für bequeme Behausungen nebst Stadel, Scheunen und Stallungen. Das Wasser vom Silberbrunnen wurde mit einer 2,5 km langen Holzleitung zum Berghof geleitet. Zum Berghof gehörten 150 Acker Feld, eine Schäferei mit 259 Tiere, 9 Tagewerke Wiesen und ansehnliche Waldungen, die mit 1800 Acker angegeben wurde. Am 3. Dezember 1800 trat Graf Philipp Hartmann von Andlau sein Amt als Komtur an. Er war auch in der Komturei Schleusingen tätig, liebte die Geselligkeit und hatte enorme Körperkräfte. An den sog. „Gehtagen“ bewirtete er auch Arme und Behinderte. Andlau starb 1814 auf dem Berghof . Allerdings hatte sich der Kurfürst von Sachsen schon 1805 den Berghof unter den Nagel gerissen, er hatte ihn eingezogen. 1815 kam auch das Amt Suhl an Preußen. Da es keine Pächter gab, verfiel der Hof und wurde 1835 abgetragen.
D r e i s b a c h - auch Treizbach, Treißbach, Tresbach geschrieben: Eines der ältesten Dörfer in unserer Gegend, wird schon 821 urkundlich erwähnt. 1634 von Kroaten zerstört, wird es Wüstung. 1703/04 entstand dort noch einmal ein Gutshof, erbaut vom Förster Melßheimer aus Altendambach. Wegen dessen Überschuldung und Unterschlagung von Holz, gerät der Hof in die Hände des Staates. In Dreisbach wohnt nun ein Hirte, der für die Pächter (Kloster Veßra, Rittergut Keulrod, Clauer Schleusingen) das Vieh betreut. Nachdem um 1820 der Hof nicht mehr verpachtet werden kann, wird er verkauft und in den 1820-er Jahren abgerissen.
D e r Z i e g e l h o f :  lag links der Straße zwischen Gethles und Ahlstädt im Wiesengelände rechts der Straße, die nach Neuhof abzweigt. In einem Erbzinsbuch aus dem Jahre 1520 wird die Ziegelhof erstmals urkundlich erwähnt. Die Bezeichnung lautet: „ Die Ziegelhütte hinter dem Getlingß zum Hoff“ und wird bis 1587 noch zu Gethles gerechnet. Der Ziegelhof hatte neben der Ziegellei drei Wohnhäuser, war ein Lehen der Grafen von Henneberg- Schleusingen und wird 1533 einem Gilg Guntzel (Egidius Güntzel), aus Schleusingen und dessen Gattin Anna mit einer Urkunde vom 21. April 1533 zum erblichen Lehen vermacht. Damit durfte er Ziegel und Kalk brennen. Das Holz dazu bekam er zu günstigen Konditionen aus dem Wald am Roten Haak. Als Erbzinsen hatte er um 1520 folgende Abgaben zu erbringen: „ Ein fasenacht huhn, Tausend deckziegel, vierzehn malter Kalks.“ Im Waldbereitungsbuch der Henneberger Grafen aus dem Jahr 1587 wird das Waldstück „Löhle“ beschrieben: „Es liegt zwischen der Neunhöffer, Ziegelhöffer und der Gettlescher Versteinerung.“ Zwischen 1533 und 1587 wurde also der Ziegelhof vermessen und versteint, hatte nun seine eigene Gemarkung und war die selbständige Ortschaft Ziegelhof geworden, zu deren Feldmark ca. 180 Morgen Wiesen, Wald und Äcker gehörten. Laut Chronik Neuhof wurde der Ziegelhof 1792 aufgegeben, das Feld an Gethleser, Ahlstädter und Lengfelder Bauern verkauft, den Wald übernahm die Gütergemeinde Neuhof. Noch 1960 konnte man Fundamente erkennen und behauene Steine dort liegen sehen.




Quelle: Chronik Schmeheim, Henneberger Heimatblätter
Eine Chronik der Dorfgemeinde Gethles



Freitag, 29. Mai 2015

Altstraßen durch Südthüringen (Mit Google-Maps-Anleitung)

Wie hier durchkommen? Thüringer Wald und Rhön
Der Thüringer Wald scheint Reisende schon immer magisch angezogen zu haben. Seit der ausgehenden Steinzeit, also irgendwas um 3000 v. Chr., sind entsprechende Funde an seinen Höhenwegen belegt. Das muss an der geografischen Lage des Mittelgebirges als Bollwerk auf der Route zwischen dem schon immer reicheren Süden und dem Mitteldeutschem Becken liegen. Dort gab es Kupfer aus dem heutigen Mansfeld, Zinn aus dem Erzgebirge oder später Salz aus Halle. Dafür konnte man sich im sonnigen Süden technisches Knowhow und Luxusgüter holen. Per Pedes scheint es auch nicht schwer, das Mittelgebirge zu überqueren, mit einem Ochsen- oder Pferdegespann über zugewachsene Abhänge schon. Trotzdem gibt es Indizien für überregionale Kontakte hier bereits aus einer Zeit als "Ötzi" lebte. Kleine Steinwerkzeuge aus jenen Tagen ziehen sich als Fundgut wie eine Perlenschnur von Bad Königshofen über das Mittelgebirge bis nach Arnstadt. Das setzt sich in der Eisenzeit auf gleicher Trasse mit entsprechenden Funden am Oberhofer Pass fort. Bis heute haben die alten Handels- und Heerstraßen ihre Spuren als Hohlwege, Flurnamen oder Furten hinterlassen. Nach welchen Mustern sich solche Führungen quasi zwangsweise entwickeln mussten, ist im Post "Altstraßen selber finden" beschrieben. Wie andernorts in Deutschland auch hießen sie hierzulande Hohe Straße, Salzstraße, Königsstraße, Kupferstraße, Weinstraße usw. An Abhängen finden sich oft regionale Eigennamen in Verbindung mit der Bezeichnung Leite, in Rennsteignähe auch gerne „Loipe“. Manchmal wechseln die Altstraßen-Bezeichnungen auf scheinbar gleicher Strecke.
Die Via Regia von Vacha bis Eisenach durch Südthüringen
Die berühmteste und gleichzeitig längste Altstraße bei uns wird die Via Regia gewesen sein, die Südthüringen zwischen Vacha, Mark Suhl und Eisenach tangierte. Über sie wird ausreichend publiziert. Älter und bedeutender allerdings muss die Weinstraße ("Wein" vom indogermanischen Weg oder Wagen) gewesen sein. Denn an ihr liegen dutzende frühzeitliche Siedlungen und Hügelgräber. Sie scheint in Kleineibstadt die Urwege von Würzburg, den Haßbergen herunter, aufgegriffen zu haben. Von dort muss sie über Schwickershausen, Meiningen, Christes und Rotterode über den Rennsteig verlaufen sein. Die Werra könnte sie einmal hinter der Salzbrücke bei Obermaßfeld, oder der alten Furt bei Walldorf überquert haben. Ziel scheinen die prähistorischen Höhensiedlungen um Gotha gewesen zu sein. Später, im Frühmittelalter, ging sie als Weinstraße durch Südthüringen in die Analen ein (Bitte Link anklicken und in einem separaten Browser-Fenster öffnen).
Die Alte Weinstraße südlich des Rennsteiges
Alleine über sie könnte man Bücher füllen. Sie ist nur eine von mehreren in der Region und wird detailliert im Post "Der Rennsteig..." behandelt. In der Karte sind alle Punkte mit archäologischen und historischen Bezügen zum Weg eingetragen und solche mit frühzeitlichen Flurnamen oder künstlichen Geländeveränderungen.
Viele Informationen findet man über weitere Altstraßen hierzulande nicht. Beim Heimatbund Thüringen existiert zwar eine Sektion gleichen Namens, aber ihre Veröffentlichungen bleiben meist sehr lokal; Karten gibt es kaum. Auf der Thüringer Altstraßenseite www.via-regia.org hört der Freistaat typischerweise südlich des Rennsteiges auf. Dabei scheint die Zahl der Altwege hier grenzenlos. Kaum ein bewaldeter Bergrücken oder ein trockenes Tal, in der Hohlwege und begleitende Wüstungen nicht die Jahrhunderte überdauert hätten. Interessierte wissen natürlich, dass alte Fernwege bis etwa zur Zeitenwende prinzipiell auf trockenen und sicheren Höhenzügen verliefen. Danach verlegte man, wahrscheinlich witterungs- und meliorationsbedingt, die Straßen mehr und mehr ins Tal. Die Franken jedenfalls benutzten um 600 herum nur noch die Ränder der großen Flussauen. Aber für solche Brocken, wie den Thüringer Wald, hatten auch sie keine Alternative.
Ohne Bremsbalken ging da nichts
Die tief ausgefahrenen Fahrrinnen entlang solcher Strecken entstanden auf abschüssiger Strecke, hauptsächlich durch die Schürfkraft der Bremsbalken vor den Rädern. Wegen der Masse des Verkehrs sollen die meisten aus dem Mittelalter stammen. Dann müssten sie aber Vorgängerrouten gehabt haben: Bereits seit der Bronzezeit reihen sich nämlich befestigte Höhensiedlungen wie Perlenketten an ihnen auf. Diese Stationen lagen jeweils nicht nur in Sichtweite, sondern auch in Abständen von etwa 20 Kilometern, dem Tagespensum eines Ochsenkarrens. Oft finden sie sich auch in kürzeren Abständen, die ja zu unterschiedlichen Zeiten gebaut worden waren. Das genaue Alter können natürlich nur die Archäologen ergaben. Die meisten sind denen aber unbekannt, obwohl es Vergleichsmuster zu ihrer Identifizierung gibt.
Ab der Urnenfelderzeit nämlich, um 1200 v. Chr., wurden diese Befestigungen dann nicht nur deutlich verstärkt, sondern es kamen auch viele neue hinzu. Während der Hallstadt- und Latenezeit baute man viele zu großen befestigten Siedlungen für mehrere hundert Menschen mit entsprechender Infrastruktur aus. Beide Gleichberge, die Zwillingskuppen Öchsen und Dietrichsberg sowie der Dolmar und die Geba scheinen die größten frühzeitlichen befestigten Siedlungen in Südthüringen gewesen zu sein.
Die frühen Siedlungszentren um das Grabfeld:
Öchsen/ Dietrichsberg, Gleichberge, Dolmar, Geba
Die vorstehende Karte zeigt eine logische und in der Landschaft nachvollziehbare Verbindung untereinander und deren Weiterführung zu anderen großen Siedlungen der Keltenzeit an. Diese Trassen sind aber genauso mit Hohlwegen gespickt, wie oben beschrieben, liegen aber außerhalb der späteren mittelalterlichen Routen. Sie müssen also schon von den Kelten begangen worden sein. Ich unterscheide damit Urwege und Altstraßen, wonach die formale Grenze zur Zeitenwende anzusetzen ist. Die Symbole in der Karte bezeichnen:
  • Kleine Bergspitze: befestigte Siedlungen aus Bronze-, Urnenfelder- und keltischer Zeit, die entweder archäologisch bestätigt sind oder noch heute schanzartige Bodenstrukturen aufweisen. Manchmal wurden sie aber später überbaut. 
  • Kleine Burg: altgermanische und frühmittelalterlicher Befestigungen, die anfangs aus Holz, später aus Stein angelegt wurden. Aus ihnen entwickelten sich viele der heutigen Schlösser, Städte und Dörfer. Diese habe ich aber nicht markiert. Da es nur wenige archäologische Ausgrabungen bei den Bodendenkmälern gibt, sind zeitliche Überlappungen nicht auszuschließen.
  • Drei Punkte: Weitere Besonderheiten die mit dem Weg in Verbindung stehen könnten, wie Flurnamen, erforschte Gräberfelder oder archäologische Funde. Grabhügel (GH) stammen zumeist aus der Bronzezeit, also zischen 2200 - 1000 v. Chr.
Schaut man sich das Ganze in der wirklichen Landschaft an, wird deutlich, dass die Altvorderen gar keine andere Route wählen konnten, wollten sie sicher und trockenen Fußes ihre Nachbarn besuchen (Die größten sind rot hervorgehoben).  Und: Wir finden auf den Urwegen so gut wie keine frühmittelalterlichen Bodendenkmale, sieht man von den vielen Kapellen ab, die nach der Christianisierung bewusst vereinnahmend auf keltische Kultplätze gesetzt wurden. Immer wieder fügen sich in der Karte uralte Flurnamen, frühzeitliche Bodendenkmale und archäologische Funde auf wundersame Art und Weise zusammen.
Beispiel Frühzeitliche Wallanlage
(Neolitikum bis La-Tene-Zeit)
Als die Kelten ab 400 v. Chr. - wahrscheinlich wieder wegen des Klimas - begannen nach Süden abzuziehen, verfielen diese Anlagen. Die nachfolgenden Germanen ließen sie auf ihren Völkerwanderungszügen meist links liegen. Erst die ab 550 jetzt unserer Zeit hier einmarschierenden Franken benutzten wieder einige von Ihnen, wie die Henneburg, die Coburg oder die Heldburg. Der Rest kann heute als Ringwall, Schwedenschanze oder Abschnittswall besichtigt werden. (Namen, wie "offengelassene Burgstelle" oder "Burgstall" deuten auf das Frühmittelalter hin.) In Südthüringen und Franken gibt es so viele davon, dass jeder Versuch sie zu zählen, unvollständig wäre. Die meisten sind heute im Gelände kaum mehr auszumachen. Manche aber kann man noch an ihren Flurnamen erkennen: Burgsteig, Herrenberg, Rittersporn, Hohe Wart usw. Diese Namen stammen natürlich erst aus germanischer Zeit, die archäologischen Funde aber weisen oft viel weiter zurück, wie auf dem Herrenberg bei Schalkau oder dem Ritterrain bei Wachenbrunn.
Altwege und Sicherungsburgen in Südthüringen
Wenn man nun Hohlwege, Höhenzüge, Wallanlagen, Artefakte und verdächtige Flurnamen geografisch sinnvoll in Karten überträgt, kommt zunächst ein unübersichtliches Netzwerk zustande, bei dem immerhin die Nord-Süd-Verbindung über den Thüringer Wald zu dominieren scheint. Verfolgt man diese Altstraßen aber weiter, wird eine überregionale Verbindung der alteuropäischen Residenzen deutlich. Dazu zählen Keltenhochburgen wie Manching oder Paris, Römerstädte wie Trier und Augsburg, aber auch die Frankenzentren wie Wetzlar und Mainz. Von all diesen Orten führten Altstraßen zu uns ins fruchtbare Grabfeld. Ich will versuchen, sie nach und nach in diesem Blog vorzustellen.
Entwirrt haben dieses Wege-Chaos bei uns zwei leider schon verstorbene Heimatforscher aus Südthüringen: Ernst Fischer aus Suhl („Urwege zwischen Grabfeld und Thüringer Wald“) und Armin Ender aus Meiningen („Auf uralten Wegen nach Meiningen“).
Beispiel frühmittelalterliche Befestigung
Beide müssen nicht nur gefühlte Jahre in Archiven zugebracht haben, sondern scheinen die Wege auch wirklich im Gelände zumindest teilweise abgegangen zu sein. Ich bin die Hauptstrecken in den letzten Jahren mit dem Fahrrad abgefahren und kann ihre Ergebnisse nicht nur im Wesentlichen bestätigen, sondern auch neue hinzufügen. Denn oft traf ich auf unbekannte Hohlwege und Geländeanomalien, die mit keiner bekannten Altstraße in Verbindung zu bringen waren. Doch Alter, Bedeutung, Anfangs- und Endpunkte lassen sich ja aus der Geschichte ableiten. Natürlich sind die Urwege zum größten Teil erodiert, untergepflügt und überbaut. Die Reste verzweigen sich ständig, überschneiden und überlagern sich mit Verbindungswegen zwischen den Dörfern oder den s.g. Kunststraßen aus dem 19. Jhd. In den Wäldern aber blieben sie uns oft erhalten!
Frühe Relikte im Kleinen Thüringer Wald
Alleine bei den Altstraßen-Verästelungen im Kleinen Thüringer Wald könnte man leicht die Übersicht verlieren. Kurios: Alle kommen von einer Linie über die Gleichberge herauf und vereinen sich wieder nach Überquerung des Haseltales auf dem Höhenzug von Rohr-Kloster nach Oberhof. Heimatforscher Fischer vermutet hier eine Eisenstraße von den Bergwerken um Suhl zu den Keltenfesten um die Steinsburg. Das verrückte aber: Die vielen Hohlwege im Kleinen Thüringer Wald führen bis auf einen alle um Suhl herum! Und: es sind die größten in ganz Thüringen und Franken!
So bildeten sich im Dreieck Rennsteig-Rhönhöhenweg-Grabfeld mehrere Altwegekreuzungen, auf denen es in der Frühzeit hoch hergegangen sein muss: der Ellenbogen (indogermanisch vielleicht "Streckenabzweig") nördlich Frankenheims, der Pass östlich von Melpers und Dreißigacker über Meiningen. 
Altstraßenkreuzungen in Südthüringen
Ein herausragender Knotenpunkt alter Heer- und Handelsstraßen war das heute völlig abgelegene Dorfes Christes. Es wurde 833 als Königsgut genannt, wobei ein herrschaftlicher Tross nur auf der Hochebene westlich des Dorfes untergekommen sein dürfte. Es trafen sich hier die Hohe Straße nach Tambach-Dietharz, eine Altstraße nach Schmalkalden, teils ebenfalls Hohe Straße genannt, außerdem die Fuldaer Straße, die wiederum ein Stück Weinstraße hieß, von der der Ortesweg abzweigte, der zum Teil als Roter Weg bezeichnet wurde. Man fragt sich, wie die Fuhrleute damals klar gekommen sind. Als die Wege um die Zeitenwende ins Tal wanderten, musste der einstige Glanz solcher Zentren verblassen.
Wie viel muss hier "durchgeschrammt" sein...?
War ein Weg ausgefahren, wurde nebenan ein neuer angelegt; es entstanden regelrechte Hohlwegebündel. Die meisten gibt es um Schleusingen herum, der Mittelalterlichen Residenzstadt, die tiefsten Rinnen fand ich südlich der „Eisernen Hand“ auf dem Weg nach Suhl, die breitesten nahe dem Stellberg in der Rhön und die längsten Hohlwege wären wohl die in der Nähe der „Langen Bahn“ vom Kleinen Thüringer Wald ins Haseltal hinunter. Daraus lässt sich aber noch nicht viel über ihre Benutzung ableiten.
Konkreter wird es, wenn man den Archäologen folgt: Für die Kupferzeit – hier etwa ab 3.000 v.Chr. - zieht sich die oben erwähnte Fundkette von Steingeräten aus dieser Zeit vom Raum Bad Königshofen über Herbstadt, Milz, Haina, an den Gleichbergen vorbei nach St. Bernhard, Trostadt, Schleusingen und Suhl bis Arnstadt. Wenn man Höhenzüge und Hohlwege zwischen den Orten verbindet, sie mit Bodendenkmählern, Geländemerkmalen und Flurnamen abgleicht, entsteht eine Urstraße über den Thüringer Wald aus der Kupferzeit.
archäologisch nachvollzogener Weg aus der Kupferzeit
Nach den Quellen ist sie nicht identisch mit der sog. Kupferstraße, die Bernd Bahn in seinen Büchern beschreibt. Gleichwohl zweigt sie von dieser Nord-Süd-Tangente bei Arnstadt ab und scheint ein Strang dieses nach dem mittelalterlichen Erztransport benannten Altweges darzustellen. Sie wird nur einmal nördlich der Gleichberge als Heerstraße  bezeichnet, ansonsten ist kein Altstraßenname überliefert. Es scheint, als ob man sie verschiedenen Epochen zuordnen muss:
  • Rot: Urstraße aus neolithischer, megalithischer und Bronzezeit
  • Blau: Alternative aus Urnenfelder- bis Keltenzeit
  • Gelb: frühmittelalterliche Artefakte
Auch über diesen Pfad lohnt es sich zu debattieren: Warum dieser Umweg nach Schleusingen, lange bevor sich die Henneberger hier niederließen? Warum quälten sich die Bronzeschmiede durch das Tal von Suhl, wo man via Friedberg viel schneller auf den Rennsteig kommen konnte? Als Begründung fallen mir nur vergessene frühzeitliche Siedlungen um Schleusingen ein und ein Erzabbau um Suhl bereits in der Kupferzeit.
Interessant besonders: Das Prinzip der Pausen-Stationen nach 20-Ochsenkilometern scheint seit der Bronzezeit Anwendung gefunden zu haben: Alteburg-Arnstadt, Schlossberg-Oberhof, Steinsburg-Suhl, Steinsburg-Römhild, Alte Schanze-Sulzfeld - jeweils der gleiche Abstand. Diese Trasse zeigt mit ihren Veränderungen über die Jahrtausende auch die überregionale Bedeutung unserer Heimat.
20 Kilometer schafft ein Ochsengespann am Tag,
unabhängig vom Gelände
Sie liegt nämlich exakt auf der uralten Route von Skandinavien über den mitteldeutschen Raum bis Italien. In Jütland heißt sie Ochsenstraße, in Niedersachen Salzstraße, zwischen Harz und Thüringer Wald Kupferstraße, und bei uns wird sie als Keltenerlebnisweg aufgegriffen. Der führt offiziell von Meiningen bis Bad Windsheim und heißt über weite Strecken Rennweg. Tatsächlich aber muss es nach den Gleichbergen, Hassbergen und dem Steigerwald weiter ins Nördlinger Ries, die Schwäbische Alb, über die Donau, Augsburg und über die Alpen gegangen sein (Spätere Via Claudia Augusta). Die Muster, wie oben beschrieben, begleiten uns auf dem gesamten Nord-Süd-Urweg durch Europa. Ich habe für diesen Post hier nur die begleitenden Relikte durch unsere Heimat und die möglichen Endziele eingezeichnet. Die Trasse scheint bis in Neuzeit hinein benutzt worden zu sein, denn selbst die frühmittelalterlichen Burgen an ihr sehen so aus, als würden sie auf alten Keltenschanzen zu stehen. Ein Kontinentalweg, wie er im Buche steht! Wieder finden die o.g. Prinzipien Anwendung, wieder habe ich versucht, alle relevanten Spuren zu erfassen.
Südthüringen auf der alten Route in den Norden
Alles kann bis heute auf den Meter genau nachvollzogen werden! Immer ging es über die trockenen Höhenzüge. Nur ganz selten waren Flüsse oder Bäche zu überqueren. Mindestens nach einem Tagesmarsch finden sich strategisch angelegte Wachen und Versorgungsstationen. Bei Donauwörth trifft dieser kontinentale Weg nach Süden auf die mittelalterliche Via Imperii, die schon von den Römern als Via Claudia Augusta über die Alpen befestigt wurde. Die Kelten, die um 390 v. Chr. gegen Rom zogen, müssen sie auch schon gekannt haben.
Heute hat die Werra kaum noch Mäander
Selbst kleine Umwege oder extrem steile Anstiege lassen sich nach der nächsten Wegbiegung leicht erklären, beispielsweise wegen eines unüberwindlich sumpfigen Tals oder einem noch steileren Berg. "Begünstigte Wegführung" oder Zwangsführung nennen das die Experten. Wer sich für die Weiterführung des kontinentalen Urweges von Skandinavien nach Italien interessiert, sollte "Die alte Kupferstraße..." oder die "Via Claudia Augusta" in diesem Blog lesen.
Trotzdem veränderte sich nicht selten der komplette Verlauf solcher Linien – abhängig von Klima, Jahreszeit, Witterung oder Wasserstand der Flüsse. Manchmal galt es sogar Zollbarrieren zu umgehen. Hauptproblem in Südthüringen muss immer die Überwindung der Werra gewesen sein. Bei Kloster Veßra, im Dreieck von Werra und Schleuse, finden sich so viele Hohlwege zu den Furten hinab, dass das Prinzip leicht erkennbar wird: Die Reisenden konnten entsprechend den Bedingungen variieren. Auch zwischen Walldorf und Wasungen scheint es alle paar hundert Meter eine Furt gegeben zu haben. Wie es aussieht, scheinen die meisten Orte an der Werra aus solchen Furten hervorgegangen zu sein, besonders die mit den Endungen -ing oder -ung. Man brauchte dort Handwerker, Vorspanndienste, Wachpersonal - und alle hatten Familie.
Mindestens 3 Werraübergänge südlich von Wasungen
Wahrscheinlich wichen Händler und Militärs bei hohem Wasserstand der Werra Richtung Oberlauf und Quelle aus, selbst wenn sie dafür noch andere Flüsse wie Jüchse oder Schleuse überqueren mussten. Anders wären die vielen frühzeitlichen Furten und später mittelalterlichen Brücken zwischen Meiningen und Eisfeld nur schwer zu erklären. In Urkunden aus dem Frühmittelalter finden sich direkt benannte Flussübergänge nahe Walldorf, bei Obermaßfeld, Henfstädt und Trostadt. Die vielen frühzeitlichen Befestigungen um Eisfeld lassen aber auch eine östliche Umfahrung der Werra zur Überquerung des Thüringer Waldes  vermuten. Wenn es ganz "dicke" kam, hatten Wein- und Kupferstraße eine trockene Alternative.
Im Frühmittelalter scheint man peu a peu so weit als möglich in den Tälern gegen das Mittelgebirge vorgerückt zu sein, um erst ganz zum Schluss auf die Höhenrücken hinauf zu müssen. So deuten die Wallreste auf dem Ruppberg bei Zella-Mehlis auf eine Wache am Höhenrücken von Schwarza über den Hundsrück zum Oberhofer Pass hin. Die sicher nicht unbedeutende Altstraße könnte eine Weiterführung des Ortesweges aus dem Westen sein. Dazu in einem meiner nächsten Posts.
Der Rennsteig als prähistorischer Höhenweg
Auch der Rennsteig selbst weist alle Merkmale eines frühzeitlichen Fernweges auf (Siehe Post: "Der Rennsteig - ein Urweg seit der Bronzezeit). Die Diskussion über die Herleitung des mittelalterlichen Namens - Grenze, Feldrain, Reiter - kann nur akademisch gemeint sein. Wir behandeln hier eine Zeit, die mindestens 1000 Jahre früher liegt. Wer die vielen tiefen Wagenrinnen entlang des Höhenkammes und die Verschanzungen dort gesehen hat, wird kaum Zweifel haben. Der Rennsteig könnte so auch Teilstück einer Fernverbindung vom Niederrhein ins Böhmische gewesen sein, wobei nur ganz wenige Flüsse durchquert werden mussten (Siehe Post "Der Zinnweg...").
Talschloss Bibra
An der Lage der wegbegleitenden Sicherungsburgen von Urwegen lassen sich auch Rückschlüsse auf historische Zusammenhänge ziehen. Um Bibra gibt es beispielsweise mehrere zeitlich kaum zu verifizierende Nord-Süd-Trassen. Schaut man sich aber die frühen Befestigung um das Dorf an, wird vieles klarer: In der Frühzeit muss ein Weg die hallstattzeitliche Siedlungskombination oben auf dem Queienberg und dem Büchelberg gequert haben, danach einer die wesentlich tiefer liegende, als „karolingisch“ eingestufte Wallanlage am Jüchsener Wald und im Mittelalter dann muss es direkt am Bachlauf an der kleinen Burg mitten in Bibra entlang gegangen sei. Das zeigt anschaulich, wie die alten Wege noch vor der Zeitenwende nach und nach in die jetzt trockeneren Täler „gewandert“ sein müssen. Nur die alten Fernstraßen über das Mittelgebirge hinweg scheinen auch nach der Völkerwanderung auf den Höhenrücken geblieben zu sein. Das zeigen bekannte Stationen von Luther, Wallenstein oder Napoleon bei uns an.
Seit im Hochmittelalter alles aufgeschrieben wurde, waren dann auch die Namen der Altstraßen bekannt. In Verbindung mit Königshöfen und "festen Häusern" lassen sie sich heute nach den bekannten Mustern rekonstruieren. Beispiel: Das mittelalterliche Rohr:
Rohr als Zentrum des Heiligen Römischen
Reiches Deutscher Nation
Das winzige Dörfchen am Fuße des Dolmars spielte im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation eine überregionale Rolle als Treffpunkt der Mächtigen:815 erstmals als Benediktinerkloster erwähnt, dann als Reichshof bestätigter Aufenthaltsort mehrerer Könige (hier wurde z.B. eine königliche Geisel ausgetauscht) und – noch wichtiger - hier fanden mehrere deutsche Reichstage statt. Der Personen- und Gütertransport aus allen Himmelsrichtungen muss immens gewesen sein, denn so üppig ist das lokale Versorgungspotential nicht. Die Wahl des Ortes war dennoch genial: Rohr ist der südlichste Punkt, vom Thüringer Becken aus gesehen, zu dem man ohne eine einzige Talquerung gelangen konnte. Für die sächsischen Könige auf ihren Lieblingsresidenzen um den Harz herum ein echter Vorteil. Auch den anderen Reichsfürsten standen sichere und trockene Wege zur Verfügung:
Mittelalterliches Rohr
Der Erzbischof von Mainz mit seinen Besitzungen in Erfurt kam sicher von Fulda herüber. Das Kloster dort hatte ja auch reichlich Güter in Südthüringen. Er ritt bestimmt über den schon erwähnten Ortesweg und den Rhönpass bei Frankenheim ein. Das war eine Fernverbindung vom Rhein über das Marburger Land, Rhön und Grabfeld nach Bamberg. Geht es nach der Masse an Grabhügeln entlang dieser Strecke, muss sie ebenfalls schon in der Bronzezeit genutzt worden sein. Die Würzburger Herzöge hingegen, von denen ja Verwaltung und Christianisierung Südthüringens ausgegangen sein soll, hatten gleich zwei Möglichkeiten, um nach Rohr zu gelangen. Entweder nutzten sie den Höhenrücken zwischen Fränkischer Saale und Streu, die wir ab dem Knotenpunkt Mellrichstadt als Weinstraße kennen. Oder sie zogen an der Wasserscheide des Mains entlang über Schweinfurt und Königshofen (Siehe auch Post: "Die Heden-Wege..."). Die südlichen Reichstagsstände wiederum werden um 800 noch die alte uns bekannte Keltenroute von Augsburg und Windheim herauf genommen haben. Aus dem Osten (Böhmen) kam man am besten über die Verlängerung des Rennsteiges angereist. Auch der östliche Keltenweg von der Donau herauf, mit seinen Sicherungs-Wallanlagen entlang der fränkischen Alb, wie Ehrenbürg, Staffelstein und die mittelalterlich überbaute Coburg, könnte noch eine Rolle gespielt haben (Siehe Post "Prähistorische Urwege durch Franken"). Erst vor dem Herrenberg nahe dem keltischen Bleßberg werden die Edlen nach Rohr abgebogen sein. Von Bamberg herauf scheint der Höhenrücken zwischen Ebern und Altenstein prädestiniert.
Die Altstraßen um Henneberg greifen vormalige Urwege auf
Auch die Umtriebigkeit der Henneberger Grafen lässt sich leicht nachzeichnen, besonders zu Beginn ihrer Regentschaft im10. Jhd. Denn sie scheinen vorwiegend auf den Trassen der Kelten stattgefunden zu haben. Wer der erste vom fränkischen König im Grabfeldgau belehnte Verwalter dieser Sippe war, ist strittig. Ab 1057 jedenfalls hatten die Henneberger das Burggrafenamt in Würzburg inne. Immerhin 300 Jahre lang! Entsprechend tief gravierten sich die Hohlwege in die Landschaft zwischen der Mainmetropole und ihrer Stammburg über Henneberg. Auch nach Erbteilung und Verlegung der Hauptlinien-Residenz nach Schleusingen 1226 scheint diese Dynamik erhalten geblieben zu sein, mit Altstraßen zu Henneberger Besitzungen in Salzungen, Suhl, Ilmenau, Königshofen, Heldberg, Sonneberg und Coburg. Mehr und mehr aber verliefen die Altstraßen später entlang der heutigen Talsiedlungen. Interessierte Einheimische kennen die mittelalterlichen Highlights am Weg, wenn ich mal Zeit habe, werde ich sie einzeichnen. Man hat den Eindruck, dass der ganze gräfliche Klüngel bis zu seinem Aussterben 1583 nur ständig unterwegs gewesen sein muss.
Kehrweg
Natürlich gibt es weitere vergessene Altstraßen durch Südthüringen, wie die Harrasser-Urweg-Route, die ich im gleichnamigen Post beschreibe. Andere tangieren unsere Region nur, z. B. die Kupferstraße (Siehe Posts "Altstraßen durch Franken" und "Die Kupferstraße"). Auf sie werde ich ebenfalls nach und nach eingehen.
Auf ein Kuriosum aus der Zeit gegen Ende des Mittelalters sei noch hingewiesen: Zwischen Hildburghausen und Ebenhards finden sich sogar mal Reste einer Altstraße im Tal, überraschender Weise direkt an der Werra. Es ist der so genannte Kehrweg, für den die Coburger bis Themar militärisches Geleit zu stellen hatten.
Wie es auf den Altstraßen im Mittelalter zuging, kann dem Reisebericht eines anonymen Fuhrmanns entnommen werden, der 1522 von Hamburg nach Nürnberg reiste. Der wurde zwar erst im vorigen Jahrhundert verfasst, klingt aber recht authentisch: Die Sorgen des Kutschers waren bestimmt die gleichen, die schon in der Bronzezeit ganze Völkerscharen beschäftigt hatten. Erst im 19. Jhd. baute man dann befestigte Straßendämme, die so genannten Kunststraßen.
Das sicher platonisch gefärbte Thema Altstraßen macht doppelten Sinn, wenn man ihren Zustand heute kennt. Bald wird nicht mehr viel von ihnen übrig geblieben sein. Seit Jahrhunderten werden sie unterpflügt und in den Wäldern mit Abfall aus den Dörfern ringsum zugeschüttet. Heute übrigens mehr als früher. Die industrielle Forstwirtschaft nutzt zwar einige, muss sie aber für ihre Monstermaschinen verbreitern und verändert so ihren historischen Charakter. Der Rest wird gnadenlos plattgefahren. Topografische Karten, auf denen man Altwege am besten nachvollziehen kann, sind selbst im Informationszeitalter noch nicht für jedermann zugänglich. Wenn es nach mir ginge, würden sämtliche Wege unserer Vorfahren unter Flächendenkmalschutz gestellt. Geht es aber nicht...

Samstag, 23. Mai 2015

Die Herrschekloese in Gethles (von CA)

Gethles
In Gethles ist - neben anderen - der uralte Brauch der Herrschekloese erhalten geblieben oder er ist irgendwann wieder aufgelebt. Obwohl unsere Region zu Thüringen gehört, sind Brauchtum und Sprache fränkisch geprägt, denn das Dorf ist eine fränkische Gründung. Auch der Name Herrschekloese kommt aus der ostfränkisch- hennebergischen Mundart, ist ein reines Dialektwort und damit nur schwer ins Hochdeutsche zu übersetzen. Name und Aussprache bedürfen deshalb einer Erläuterung: „Herr Sankt Nikolaus“ soll die Ursprungsform von Herr- sche- kloes und von dessen Namen hergeleitet sein. Nach Meinung von W. Köhler (Ratscher) ist es sehr wahrscheinlich, dass im Wortstamm „Herrsche“... eine Verballhornung des Wortes „heischen“ zu sehen ist, was lt. Duden so viel wie fordern, verlangen, bitten bedeutet. Das angehängte Wort ...„kloes“ oder ...„kloas“ kommt von Nikolaus.
Herrschekloese
Also könnte man übersetzen: „Heischender Nikolaus“. Aber eine solche Wortschöpfung ist im Hochdeutschen nicht bekannt. Bei der Aussprache des Wortes Herrschekloes - entsprechend dem Gethleser Zungenschlag- werden „o“ und „e“ am Ende für sich gesprochen, also nicht als „ö“, bzw. wird das „e“ hinter dem „o“ nur leicht betont oder man verschluckt es ganz. Auch der Suhler Mundartdichter und Sprachenforscher J. Kober bezeichnete den Nikolaus oder Ruprecht und auch die ströhernen Gesellen in Gethles als Herrschekloese, wobei in den wenigen fränkischen Ortschaften, in denen sie ebenfalls noch auftreten, je nach örtlichem Dialekt, Herrschekloas, Herrscheklos, Herrschekloasch oder ähnlich genannt werden. Die Schreibweise Herrschekloes findet sich auch im Begleitheft des Instituts für Deutsche Philologie der Universität Würzburg zur Wanderausstellung „Heimat und Arbeit in Thüringen und Franken“.
In jedem Jahr im Advent beginnt in halb Europa eine Zeit uralter Riten und geheimnisvoller Bräuche und das Dorf Gethles, wo der Brauch der Herrschekloese wie nachfolgend beschrieben zelebriert wird, gehört dazu: Am 23. Dezember haben die Herrschekloese ihren großen Auftritt:
Alle Jahre wieder...
Wenn es Nacht wird, durchziehen in Stroh eingebundene Jugendliche das Dorf. Ihre Gesichter haben sie hinter einer Maske verstecken, damit man sie nicht erkennt. Über den Kopf haben sie einen bis zu 1 Meter hohen „Storm“ gestülpt, der die Form einer großen Zuckertüte hat, die mit Papierstreifen beklebt ist. Lärmend, mit Ruten um sich schlagend gehen sie von Haus zu Haus. Dabei geben sie tiefe, rollende, furchterregende und drohende Laute von sich: Rrrr, Rrrr, Rrrr tönt es aus ihren Kehlen. Am Körper tragen sie dumpf klingende Schlitten- oder Kuhglocken, die sog. „Rollen“. Einige Strohmänner, die sog. „Schleicher“, tragen diese jedoch nicht. Fast lautlos durchstreifen sie das dunkle Dorf, spüren Jugendliche auf, die sich außerhalb der Häuser verstecken. Für diese ist es eine Herausforderung, den ströhernen Gesellen einen Streich zu spielen, mit ihnen ihren Schabernack zu treiben, sie bei ihrem Umzug im Dorf zu ärgern und zu stören.
Kinderschreck?
Wehe, sie lassen sich erwischen... Den Zug durchs Dorf begleiten Männer - sog. „Batscher“ - die mit Fuhrmannspeitschen in die Nacht hinein knallen. Das gruselige und gespenstische Szenario beim Auftritt der Herrscheloese, noch dazu bei abgeschalteter Straßenbeleuchtung, ist gewollt. Sie verschaffen sich so bei den Einwohnern, Kindern und Jugendlichen den nötigen Respekt und schüchtern sie ordentlich ein. Leider ist wahrscheinlich heute das Geheimnisvolle und ein bisschen „Schiss“ vor den Strohmännern nur noch bei den Kindern vorhanden; obwohl das auch ein Trugschluss sein kann.
2 Stunden einbinden...
Zuvor hatte es stundenlang gedauert und viele Helfer waren nötig, bis die 10 oder 12 jungen Burschen in Stroh eingebunden waren. Das geschieht heute immer in der Scheune auf dem Reinhardts-Hof beim Scholzekann (= Schulzen Johann) im Oberdorf. Früher im jährlichen Wechsel auch in der Scheune des Bauern Ehrsam. Nach Einbruch der Dunkelheit kommt dann der Zug der Herrschekloese aus der sog. „Höll“, einem Hohlweg, der auf den Dorfplatz führt. Sie umkreisen ihn drei Mal und auf ein Zeichen des anwesenden Dorfschulzen ziehen sie die Dorfstraße entlang, um an die Türen der Häuser zu pochen. Ab diesem Zeitpunkt ist es Zeit für alle, die sich noch im Freien aufhalten, schleunigst in den Häusern zu verschwinden oder aus der Reichweite der Ruten zu kommen. Zum Umzug der Herrschekloese gehört auch die sog. „Hollefraa“.
Hollefraa
Das ist ein in Frauenkleider (einer alten Tracht) steckender Bursche, der vor dem Gesicht eine Hexenmaske trägt und ein kreischendes hohes Jii, Jii, Jii, ertönen lässt. Auf dem Rücken trägt sie eine „Kütze“ (Huckelkorb), in der früher Nüsse waren, heute außerdem mit Lebkuchen, Apfelsinen und anderen Süßigkeiten gefüllt ist. Damit beschenkt sie Kinder, die mit einem Gedicht oder einem kleinen Gebet die Herrschekloese milde stimme können. Früher war es gang und gäbe und galt unter den Jugendlichen als besonders mutig, den Strohmännern wenig schmeichelhafte und derbe Verse vorzutragen, auch wenn man hinterher seinen blauen Rücken kühlen musste. Auch wenn Kinder, nach Meinung der Eltern, das Jahr über nicht folgsam und unartig waren, bekamen sie schon mal eins auf den verlängerten Rücken. Natürlich ist das heute nicht mehr so. Da hilft meist schon eine energische Drohgebärde der nicht gerade zimperlichen, wilden Gesellen. Vielfach wird noch heute von Eltern gegenüber unfolgsamen Kindern der „erzieherische“ Satz gebraucht: „Warte nur bis die Herrschekoese kommen!“ Erwachsene versuchen auch mit einem Glühwein oder Schnaps die Herrschekloese zu beeinflussen.(Der in anderen Dörfern, wie z. B. Schnett, geübte Brauch, dass einige Schläge auf den Rücken der Erwachsenen, viel Glück im neuen Jahr bringen sollen, ist hier nicht bekannt.) Die Herrschekoese wurden und werden für ihr Auftreten meist reichlich belohnt. Früher gaben die Bauern Naturalien wie Speck, Würste, Eier, Kuchen oder Plätzchen, mitunter auch etwas Geld, das dann gemeinsam im Wirtshaus auf den Kopf geschlagen wurde. Heute, wo im Dorf kaum noch geschlachtet wird, geben die Einwohner meist einen kleinen Geldbetrag. Mit dem Geld wird am Ende des Umzugs eine Tanzveranstaltung im Festzelt finanziert.
Bis auf dieses Tanzvergnügen hat sich an dem uraltem Ritual wenig geändert. Aber durch Presse und sogar Fernsehen(1) propagiert, ist in den letzten Jahrzehnten aus diesem Brauch ein kleiner Volksauflauf oder gar ein Volksfest geworden. Bekannte und Verwandte besuchen aus diesem Anlass Angehörige im Ort, um das Spektakel mitzuerleben. Auch viele Jugendliche und Einwohner aus der Umgebung, wollen sich die Vorgänge an diesem Abend im Dorf nicht entgehen lassen und am Tanzvergnügen teilnehmen. Neuerdings können sie sich bei diesem Treiben in der alten Mosterei Glühwein, Bock- oder Bratwürste schmecken lassen.
Vor dem Auftritt
Der Ursprung dieses Brauches liegt im mythischen Dunkel der Geschichte und es ist leider nicht überliefert, seit wann und warum genau dieser Winterbrauch in Gethles zelebriert wird. Tatsächlich sind stichhaltige Abhandlungen auch in der heimatkundlichen Literatur oder Veröffentlichungen über diese Rituale, wie sie in der Advents- und Weihnachtszeit auch in Siegritz, Schnett, Königshofen und in über ein Dutzend Orte in Franken oder anderswo ablaufen, nur dünn gesät und es gibt auch unter Experten noch unterschiedliche Meinungen über die Herkunft und den Sinn dieser Bräuche.
Meist werden sie jedoch mit den abergläubischen Raunächten in Verbindung gebracht. Den 12 Nächten zwischen dem 25. Dezember und den 6. Januar, wo sie lt. Universität Salzburg tatsächlich ihren Ursprung haben. Sie galten im Volksglauben als unheimlichste Zeit des Jahres, weil sie die Differenz zwischen dem kürzeren Mond- und den längeren Sonnenjahr bilden. In dieser Zeit befragte man Orakel zu Wetter, Glück und Unglück im neuen Jahr und es gab auch besondere Verhaltensregeln für die abergläubische Bevölkerung.
Die viel geäußerte Vermutung es könnte sich in Gethles um einen Brauch germanischen Ursprungs aus vorchristlicher Zeit der Wintersonnenwende handeln, mit der nun die dunklen Nächte der täglich höher steigenden Sonne weichen müssen, wird deshalb für abwegig gehalten. Ethnologen sind der Meinung, dass es keine Belege für einen Zusammenhang zwischen germanisch- heidnischen und den heutigen Bräuchen gibt. Die meisten stammen erst aus dem 15. Jahrhundert. Hier im Ort hat sich bekanntlich die Meinung verfestigt und durchgesetzt, dass mit diesem Brauch am 23. 12., Geister und Dämonen sowie das Böse der langen Winternächte aus dem Dorf vertrieben werden sollen. Sind diese dann davon gejagt, ist ab Heiligabend Ruhe in der Gemeinde eingekehrt und so eingestimmt, steht dem Weihnachtsfest nichts mehr im Wege.
Glaube und Aberglaube in der Advents- und Weihnachtszeit sowie in den 12 Heiligen- oder Rau- Nächten, sie gehen noch heute fließend ineinander über. Nur langsam hatte sich der Wechsel von heidnischen Glaubensvorstellungen zum Christentum vollzogen und in Hinblick auf das örtliche Brauchtum und manchen Aberglauben unter den Menschen scheint dieser Wechsel noch immer nicht völlig abgeschlossen zu sein.
Perchten
Wissenschaftler der Universität Salzburg gingen der Frage nach: „Was sind das überhaupt für Geister, die da in den dunkelsten Nächten des Jahres von Polen bis Portugal als „Wilde Jagd“ oder eben als Herrschekoese durch Ortschaften und Fluren ziehen? Und das nicht nur hier bei uns und in Franken, sondern auch in ähnlicher Verkleidung und Gestalt in vielen Gemeinden Süddeutschlands und den Alpenländern. wo die „Perchten“, „Tschäggättä, „Klökklern“, „Schnappviecher“ und wie sie alle heißen, auftreten. Auch sie in Stroh eingebunden, vielfach verkleidet, auch im Fellkostüm, mit Glocken behangen und mit furchterregenden Teufelsmasken vor dem Gesicht. Dabei laufen von Ort zu Ort ganz unterschiedliche Zeremonien ab.
Buttnmandln
Zum Beispiel, ähnlich den Herrschekloesen: In Stroh eingebunden und Kuhglocken tragend, die „Buttnmandln“ in Berchtesgaden. Mit wildem Gefolge und mit ohrenbetäubendem Lärm sollen sie die Dämonen des Winters und überhaupt alles Böse vertreiben. Mit ihrem ungezügelten Treiben in den Raunächten jagten sie so manchen kreuzbraven Bürger einen gehörigen Schrecken ein, so dass es auch der Kirche zu viel wurde. Waren doch maskierte und zügellose Untertanen der Kirche und der Obrigkeit schon immer suspekt. Konnte man sie auch nicht ganz verbieten, verlegte die Kirche den Brauch kurzerhand von den abergläubischen Raunächten in den Advent und brachten den Heiligen Nikolaus mit ins Geschehen.
Tschäggättä
Dem entsprechend wurden nicht alle, aber viele derartigen, ungezügelten Umzüge „reformiert“. So, wie man an Stelle eines heidnischen Kultplatzes meist eine Kapelle oder Kirche setzte. Mitunter nun inmitten der wilden Gesellen mit ihren Teufelsmasken, der Heilige Nikolaus.
Oder auch in der Steiermark (Bad Mitterndorf), wo junge Burschen heute für einen Nikolausbrauch kunstvoll in Stroh eingebunden werden, die Peitschen knallend und mit großem Lärm durch den Ort ziehen und in Gasthöfen ein altes Jedermannspiel aufführen, Geschenke verteilen, aber auch Almosen für sich fordern.
Ein Vergleich dieser Gestalten mit unseren Herrschekloesen ist durchaus möglich, denn es ist lt. Universität Würzburg in unserer Region ähnlich abgelaufen. In den meisten Dörfern, die eine fränkische Gründung nachweisen, gab es einst und schon sehr früh - von der kath. Kirche anfangs geduldet - diese archaischen Bräuche, die dann auf Drängen der Kirche verändert, d.h. christianisiert oder abgeschafft wurden, in etlichen Dörfern dann aber wieder auflebten.
Schnappviecher
Alle diese Brauchtumsfiguren hatten und haben gemeinsam, dass sie von Haus zu Haus gehen, dass dort evt. noch derbe Sprüche vorgetragen, aber immer Almosen gefordert werden. Meist gebärden sich die unheimlichen Gestalten zur Einschüchterung wild und ungebändigt, mahnen zu christlichem Verhalten und freizügigem Geben. In den Alpenländern werden solche Veranstaltungen und Umzüge in der Adventszeit als christliche „Heischebräuche“ bezeichnet. Sie waren schon in früher Zeit weit verbreitet und brachten ärmeren Leuten ein Zubrot. In dieses Konzept der Heischebräuche passen auch unsere Herrschekloese oder wie sie anderen Orts auch immer genannt werden. Sie haben womöglich nichts mit einer Herrschaft oder einem Herrn zu tun, sondern es sind lediglich heischende, = fordernde, verlangende, bittende Gesellen, die heute im Advent und unter dem „Deckmantel“ des Nikolaus Nüsse oder kleine Geschenke verteilen, aber mit ihrem bizarren und wildem Auftreten eine abergläubische Aufgabe erfüllen ( in Gethles: Geister vertreiben) und dafür Almosen erbitten oder fordern.
Ethnologen der Uni Salzburg sehen darin die simple und nahe liegende Erklärung für das Entstehen und den Ursprung dieser Bräuche: Es waren die ärmeren Leute in den Dörfern, die sich eingedenk ihrer wilden Urahnen oder Überlieferungen, solche Spukgestalten ausdachten. Schließlich haben sich junge Burschen, Hirten, Holz- und Hofknechte in den Raunächten in Stroh eingebunden oder verkleidet wie sie eben konnten und ihr Gesicht hinter einer Maske versteckt. Man wollte nicht als armen Teufel erkannt werden. Mit ihrem materialistischen Auftreten sammelten sie Speck, Würste, Eier und andere Schleckereien von den reichen Bauern, die vor Weihnachten meist ein Schlachtfest feierten. Als Gegenleistung wurde das Böse aus den Häusern und Ställen der Bauern vertrieben. Diese nahmen diese „Dienstleistung“ in ihrem Aberglauben auch gerne an, ließen die wilden Gesellen ins Haus und belohnten sie reichlich. Schon um sie nicht zu verärgern. In jüngerer Zeit wurden hier die gespendeten Nahrungsmittel dann gemeinsam im Wirtshaus oder aber in der Lichtstube verzehrt.
Der Brauch war anfangs - man kann dabei bis ins 15./16. Jahrhundert zurück gehen - sozusagen eine legitimierte Form des Bettelns. In der Ursprünglichkeit derartiger Gepflogenheiten hatte der Nikolaus jedoch noch keinen Platz. Um den Forderungen der Kirche nachzukommen wurde der Brauch auch in Franken in den Advent verlegt und nannte vielerorts die maskierten ströhernen Gesellen einfach Herrschekloese, die nun für ihre „Dienstleistung“ nicht nur etwas forderten sondern als Nikolause auch die Kinder beschenkten oder – bestraften.
Ähnliche Gepflogenheiten gab es in Gethles bis ca. 1940 als Fasnachtsbrauch und wenn in der Nachbarschaft geschlachtet wurde. Verkleidete und maskierte Kinder oder Jugendliche – auch sie wollten nicht erkannt werden – gingen im Dorf umher und „erbettelten“ bei diesen Gelegenheiten mit einem kleinen Gedicht eine kleine Gabe. (Fleischbrühe, Schnitzfleisch, Würstchen, Plätzchen usw.) Dazu deklamierten sie: „Ich bin ein kleiner König, gebt mir nicht zu wenig....“
Ein heidnischer Brauch
Um diesen Brauch der Herrschekloese zu pflegen, als gelebtes Kulturerbe zu bewahren und an kommende Generationen weiter zu geben, hat sich 2007 ein örtlicher Verein unter Vorsitz von Ronny Köppen gegründet. Er hat gegenwärtig (2013) 10 Mitglieder. Der Verein will diese alte Tradition erhalten, aber auch attraktiver gestalten und möchte dabei einen Konsens finden zwischen Brauchtum und Moderne, ohne dass der Brauch vordergründig kommerziell vermarktet wird.
Leider sind heute die Orte, in denen er so oder so ähnlich aktiv gelebt wird, nur noch an einer Hand abzuzählen. Erfreulich ist deshalb, dass in den letzten Jahren ein Wiederaufleben von alten Bräuchen zu beobachten ist.

Anmerk. (1)
Der Fernsehfunk der DDR produzierte schon 1989 über den Brauch und das Spektakel der Herrschekloese einen ersten kleinen Film für das Mittagsmagazin. Redakteur war Hans- Joachim Heß, der aus Gethles stammt.

Dienstag, 12. Mai 2015

Anfänge der Besiedlung Südthüringens

Auf der Widderstatt
Die Besiedelung der Landschaft im Dreieck zwischen Rhön, Thüringer Wald und Main scheint sich von Anfang an vom Süden herauf vollzogen zu haben. Zwar fanden sich einige Feuersteinwerkzeuge aus der Altsteinzeit bei Untermaßfeld und Rohr, aber erst nach der letzten Eiszeit sind kontinuierliche Rastplätze der Jäger und Sammler bei uns anzunehmen. Mit dem Rückzug der Gletscher ist ihre Wanderungsbewegung klar.
Kleine Steingeräte dieser Nomaden wurden auf der Widderstatt bei Wachenbrunn und auf der Strick, gegenüber von Henfstädt an der Werra, ausgegraben.
Werratal
Die Anhöhen dort müssen schon damals wohlausgesuchte Plätze gewesen sein, denn beide sind bis zu Beginn unserer Zeitrechnung kontinuierlich besiedelt gewesen. Auch die ersten Bauern und Viehzüchter sollen ab dem 5. Jahrtausend v. Chr. von der Donau herauf gekommen sein und sich mehrheitlich rund um die beiden Gleichberge niedergelassen haben. Diese, die ganze Region beherrschenden Zwillingskegel bilden seit dem nicht nur geografisch das Zentrum einer anhaltenden und erfolgreichen Besiedlung Südthüringens bis ins 1. Jhd. v. Chr. Ursache dürften die nicht nur fruchtbaren, sondern vor allem feinkörnigen Böden hier sein. Später könnte so der Name "Grabfeld" für die Region westlich der Gleichberge entstanden sein - im Gegensatz zu den steinigen Böden ringsum. Das müssen schon die Menschen des Neolithikums erkannt haben. Die Reste ihrer Pfostenhäuser und der bandverzierten Keramik fanden sich z.B. bei Römhild, Milz und Haina. Von den Gleichbergen selbst sind nur Einzelfunde auf der Steinsburg bekannt, die von den Experten  nicht als dauerhafte Siedlungen anerkannt werden.
Gleichberge
Im 3. Jht. v. Chr. wechselt die Schmuckgravur der gefundenen Gefäße. Die neue Kultur der Schnurkeramiker weitete nun das Siedlungsgebiet bis in die Gegend von Hildburghausen und Helmershausen in der Rhön aus. Solch ein Kulturwechsel soll immer auch auf kriegerische Invasionen hinweisen: Die meisten Wissenschaftler bringen die Neuankömmlinge mit indogermanischen Reitervölkern vom Schwarzen Meer in Verbindung. Sicher ritten die nicht friedlich ein. Da Berge nichts für Pferde sind, werden auch sie aus dem Donautal herauf gekommen sein.
Den gleichen Weg scheinen nicht viel später auch die Glockenbecherleute genommen zu haben, ebenfalls mutmaßliche Okkupanten, die aber nicht aus dem Osten, sondern von der Iberischen Halbinsel stammen sollen. Sie hätten auch das Kupfer in unsere Gegend gebracht. Eine Fundkette von Steingeräten aus dieser Zeit zieht sich aus der Gegend um Bad Königshofen über Herbstadt, Milz, Haina, an den Gleichbergen vorbei nach St. Bernhard, Trostadt, Schleusingen und Suhl bis Arnstadt. Auch die wenigen Kupferartefakte aus dieser Zeit bei uns deuten kulturell in Richtung Süden.
Bipolare Bestattung
Glockenbecher und Schnurkeramiker benutzten beide die sog. bipolare oder geschlechterspezifische Bestattung, allerdings mit einem kleinen Unterschied: Die Toten blicken jeweils in eine andere Richtung.
Die ab 2300 v. Chr. überall um uns herum erfolgreiche Aunjetitzer-Kultur soll - folgt man den Archäologen - um Südthüringen einen Bogen gemacht haben. Warum, ist nicht nachzuvollziehen. Damit sind wir bei dem physisch und geistig eingeschränkten Blickwinkel der Altgeschichtler. Hier herrscht noch das Dogma entsprechender Lehrstuhlinhaber. Visionäre Archäologen haben einmal ausgerechnet, dass wahrscheinlich nur ein Tausendstel aller Siedlungsplätze in Europa überhaupt erfasst wurden. Gerade zwischen Donau und Rennsteig ist fast jeder zweite Berg künstlich deformiert, trägt Befestigungsstrukturen und Gräberfelder. Dem Autor sind persönlich alleine im Kleinen Thüringer Wald mehrere Hundert flache Steinhügelgräber bekannt, von denen zwei geplünderte auf die Becherleute hinweisen. Allerorts finden sich auch Konzentrationen künstlich bearbeiteter Steine, über deren Alter nur wissenschaftliche Grabungen Aufschluss geben könnten. Dafür hat aber niemand Geld.
Erst ab 1600 v. Chr. wird es wieder konkret: Von der Donau soll die Mode der Hügelgräber in der Bronzezeit über uns gekommen sein. Hunderte solcher reichlich mit Beigaben versehenen Bestattungen in unterschiedlich große Stein- und Erdaufwürfen zeugen von wohlhabenden Gemeinschaften. Ihr Siedlungsgebiet zieht sich jetzt von den Gleichbergen über das Grabfeld bis in die Rhön (Dingsleben, Meiningen, Streufdorf, Jüchsen, Einödhausen, Dörrensolz, Aschenhausen, Klings, Dermbach, Weilar und Wölferbütt). Ganze Sippenfriedhöfe konzentrieren sich um den Kleinen Thüringer Wald bei Schwarza, Grub, Dietzhausen und Kühndorf.
Hügelgräber
An all diesen Orten gruppieren sich die Gräber um mutmaßliche verschanzte Siedlungen auf Höhenrücken. Man schien sich mehr und mehr schützen zu müssen. Die Grabbeigaben zeugen von vielfältigen Kontakten dieser Siedler bis an Main und Rhein, über die Oberpfalz bis nach Böhmen, im Westen über das osthessische Bergland bis in die Lüneburger Heide, vor allem aber nach Norden ins Thüringer Becken.Um 1.200 v. Chr. aber war es mit dem Frieden wieder vorbei. Katastrophenartige Umwälzungen müssen ganz Europa erschüttert haben. Allerorts entstanden befestigte Höhenburgen, werden Schätze vergraben, tauchen erstmalig Lanzen und Helme in Mitteleuropa auf. Die Steinsburg  erhält jetzt sogar eine Basaltmauer. Auch der Zwillingskegel der Gleichberge, der Bernberg, wird jetzt befestigt. Wieder aus dem Donauraum sollen die Urnenfelderleute – die Gestorbenen werden jetzt verbrannt - bis in unsere Mittelgebirgszone und darüber hinaus vorgedrungen sein. Manche Wissenschaftler sehen sie als Invasoren, die meisten als  religiöse Heilsbringer, ohne die Motivation für solch einen Umbruch zu nennen.
Öchsen
Die Brandbestatter setzen sich meist in den gemachten Nestern der Unterworfenen fest: bei Haina, Gleichamberg, Streufdorf, Tachbach, Henfstädt, Belrieth, Oberkatz, Kaltenlengsfeld, Öchsen, Gumpelstadt und Schweina. Landwirtschaft wird nun selbst auf unwirtlichen Böden betrieben, die Wälder unverhältnismäßig stark abgeholzt. Manche Forscher bringen die großen Ackerterrassen, wie rund um die Geba, sowie die überstrapazierten Magerrasenabhänge vor allem in der Rhön mit ihnen in Verbindung. Überhaupt scheint sich damals irgendwie alles auf den Bergen abgespielt zu haben. Die großen Flussauen in Deutschland jedenfalls sollen damals menschenleer gewesen sein. Klimaforscher vermuten Küstentsunamis, Überflutung der Flussauen und Dauerregen auf Grund eines Vulkanausbruchs mit anschließender typischer Atmosphärenverstaubung (Siehe Blog "Prähistorisches Europa"). Krisen bringen aber wie immer enorme Innovationsschübe. Man lernte Eisen zu schmieden, den Pflug zu verbessern und Fibeln statt Gewandnadeln zu verwenden. Archäologisch gesehen, schien es wieder aufwärts zu gehen.
Die Urnenfelderkultur
Für Südthüringen aber sind sich die Historiker uneins: Während neuerdings eine Entwicklungskontinuität von Urnenfelder-, Hallstatt- und Latenekultur favorisiert wird, vermuteten Altgeschichtler ein Siedlungsloch zwischen Urnenfelder- und Hallstattzeit. Auch der in unserer Region so populäre Dr. Wölfing verweist auf die magere Fundsituation an den Gleichbergen, wohlwissend, dass kaum representative Grabungen vorliegen. Die Kontinuitätsanhänger hingegen stützen sich auf neueste archäologische Erkenntnisse und erklären den partiellen Fundmangel auf den Gleichbergen mit der geringen Witterungsbeständigkeit von Eisen im feuchten Basaltgebiet dort. Auch Klima und Gesellschaft gäben keine Anhaltspunkte für Abwanderungen. Die urnenzeitlich begrenzte Besiedlung des Bernberges könnte mit dem Machtzuwachs der Steinsburg begründet werden.
Wie dem auch sei: In der Hallstattzeit werden die Verstorbenen zwar weiterhin verbrannt, aber auch wieder in Grabhügeln bestattet, oft mit reicher Keramikbeigabe. Glanzlichter sind ein privilegiertes Frauengrab bei Henfstädt, der Fund eines Bronzeschwertes bei Römhild und der eines Halsringsatzes bei Welkershausen. Kulturell deutet sich wieder eine starke Verbindung nach Süden und Südwesten an. Ganze Gräberfelder wurden am Fuße der Gleichberge, bei Wolfmannshausen, Dingsleben, Jüchsen, Henfstädt, Ritschenhausen und Herpf gefunden.
So sahen die heutigen Steinwälle ursprünglich aus
Aus dieser Zeit - noch vor 500 v. Chr. - sind auch wieder Funde von der Steinsburg bekannt. Sie war jetzt dauerhaft und stark befestigt. Ebenso der Öchsen bei Vacha und die Diesburg bei Wohlmutshausen. Während der Latenezeit, ab 500 v. Chr., werden in den griechischen Schriften nun endlich die Kelten benannt. Auch die in Südthüringen und Franken lebenden Siedler muss man ihnen zurechnen. Auf der Steinsburg entwickelte sich eine stadtähnliche Anlage, ein so genanntes Oppida, mit vielleicht 6.000 Einwohnern. Viele Einzelfunde belegen hier ein bedeutendes keltisches Zentrum inmitten eines landwirtschaftlich florierenden Umfelds. Es finden sich jetzt Wohnstallhäuser, Handwerksstätten und natürlich wieder Bestattungsplätze bei Einhausen, Leimbach nahe Salzungen, auf der Widderstatt bei Jüchsen und am Fuß der Steinsburg oberhalb von Haina. Vladimir Salac, Archäologe aus Tschechien, sieht in jener Zeit einen Warenaustausch von Keramik nicht nur mit Mitteldeutschland und Böhmen sondern auch mit Hessen und sogar dem Rheinland. Reinhard Spehr erklärte nach dem Vergleich von Pflugscharen, dass die Bauern in Südthüringen zu den innovativsten weltweit zählten. Das alles kann im Steinsburgmuseum zwischen den Gleichbergen, im Archäologischen Museum Bad Königshofen oder im Heimatmuseum Jüchsen besichtigt werden.
Oppida
Dort zeigt sich auch, dass im gesamten Dreieck von Donau, Rhön und Thüringer Wald nicht nur eine ähnliche, sondern ab 1200 v. Chr. auch eine kontinuierliche Entwicklung stattgefunden haben muss. Dafür stehen so geschichtsträchtige Oppida wie die Milseburg in der Rhön, der Staffelberg am Obermain, oder die Ehrenbürg bei Forchheim. Dazu kommt eine Unmenge von Höhenwallanlagen, die selten erwähnt werden, wie auf dem Dolmar oder die nie archäologisch untersucht wurden, wie auf dem Bleßberg über Schalkau. Im damals so genannten herkynischen Wald, zu dem auch der Thüringer Wald und der Böhmerwald gehörten, verortet Cäsar noch vor der Zeitenwende den Stamm der Volcae. Vom größten keltischen Oppidum Manching, damals an der Donau, muss ein Handelsweg bis zu uns und weiter nach Norden geführt haben: der heutige Keltenerlebnisweg. Er kam über Schwäbische Alb, Ries, Steigerwald und Hassberge, um über den Thüringer Wald abzufließen (Siehe Post "Altwege durch Südthüringen").
Kelten vom hessischen Glauberg
Alle 20 Kilometer, dem Tagespensum eines Ochsenfuhrwerkes, ist heute noch eine befestigte Höhensiedlung oder ein anderer exponierter Ort aus dieser Zeit auszumachen. Übrigens gibt es weiter östlich noch eine zweite prähistorische Route von Manching entlang der fränkischen Alb mit Ehrenbürg, Staffelstein und Bleßberg, die den Sonneberger Raum tangiert (Siehe Post "Prähistorische Urwege durch Franken"). Ethnologen sehen unsere ganze Region in einer kulturellen Blüte.
Ab Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. aber wird es dann dünner. Bis 50 vor der Zeitenwende sind alle Oppida verlassen. Wissenschaftler vermuten, dass die keltische Macht zwischen Römern und Germanen aufgerieben worden sei. Bewiesen aber ist da nichts! Archäologen fanden nur wenige Hinweise auf Kampfhandlungen. Sie vermuten eher eine allgemeine Südwanderung der Kelten wegen Verschlechterung des Kimas. Es sollen auch nur die Kriegereliten mit ihren Familien abgezogen sein. Tatsächlich besetzten die den Balkan, zogen nach Italien und berannten Rom, fielen in Griechenland ein und gründeten in Kleinasien Galatien. Auch Ableger der Volcae tauchen in Südfrankreich und Anatolien auf.
Eine völlige Entvölkerung unserer Region wird neuerdings von der Wissenschaft abgelehnt.
Zeitgeist: Die Germanen kommen...
Beginnend noch vor der Zeitrechnung sollen mehrere Germanenstämme vom Unterlauf der Elbe bei uns durchgezogen sein, wie Sueben, Hermunduren, Markomannen und Quaden. Archäologen fanden nur wenige "jungfreuliche", unüberbaute germanische Siedlungen wie bei Sülzdorf, Altrömhild, Henfstädt, wo römische Altmetalle recycelt wurden oder in Trostadt, wo ein römischer Münzschatz aus dem 2. Jhd. unserer Zeitrechnung auftauchte. Schon damals also könnten Orte existiert haben, in denen wir heute wohnen. Viele Heimatforscher leiten die Namen der Städte und Dörfer mit der Endungen -ungen oder -ingen von den Alemannen ab, die auf ihrer Südwanderung nach Schwaben die Flussübergänge mit Siedlungen schützen wollten: Salzungen, Schwallungen, Breitungen, Wasungen und Schleusingen entstanden. Rund um diese Siedlungen findet man auch die meisten und tiefsten Hohlwege in unserer Region.
Völkerwanderung während der ersten 500 Jahre
unserer Zeitrechnung
Den Alemannen sollen um die Zeitenwende die Hermunduren gefolgt sein. Ihnen ordnen manche Hobbyhistoriker die Orte mit der Endung -stedt zu. Denn "-ing/-ung" müsse älter sein, weil bei der "Nachbenamung" von Ortschaften das Stammwort immer vor dem Bestimmungswort blieb. Es gibt nur ein Stedt-lingen in Deutschland, aber 12 Orte mit der Doppelendung -lingstedt. Das bedeutet: "-stedt" kann nur später entstanden sein. (Siehe http://www.ling.uni-potsdam.de/~kolb/DE-Ortsnamen.txt.)
Sicher scheint eigentlich nur das Suffix -leben, von den Thüringern. Die sollen ab etwa 400 eine lockere Hoheit auch südlich des Thüringer Waldes ausgeübt haben. Dabei könnte es bevölkerungstechnisch noch dünner geworden sein. Wissenschaftler sehen hier die Sogwirkung der massenhaft ins Römische Reich einfallenden Germanen.
Historische Darstellung der Gothen

Dazu passt auch die plausible Theorie von Heike Grahn-Hoek über die Entstehung der Thüringer: Wahrscheinlich aus dem Osten nördlich der Karpaten kommend, müssen sie das ganze Gebiet der Volcae um den Thüringer Wald herum vereinnahmt haben. Sie schufen ein Reich von der Saale bis an Donau und Rhein mit dem Machtzentrum im Thüringer Becken. (Siehe Post „Thüringer – die letzten Goten?) Ihre Hauptorte lagen nördlich des Mittelgebirgskammes und uns haben sie eigentlich nur die heutige Landesbezeichnung, den Ortsnamen Dingsleben und eine Zangenfibel in der Flur von Streufdorf hinterlassen.
Doch die Völkerwanderung bleibt eine dunkle Zeit. In den wenigen schriftlichen Quellen taucht der Begriff „Buchonia“ für Rhön und Thüringer Wald auf. Das bestärkt manchen Historiker in seiner Meinung einer "siedlungsfreien Zone". Dabei machen die archäologischen Funde eher ein Durchzugsgebiet mit nicht wenigen Siedlungsplätzen wahrscheinlich (Siehe Post "Als die Kelten abgezogen waren").
Gegen Ende der Völkerwanderung mehren sich dann endlich die schriftlichen Quellen. Wenn man die heutigen Orte mit ihren Namen aus der frühesten Erwähnung vergleicht und die archäologischen Befunde heranzieht, scheinen folgende Gründungszeiten für Südthüringen und Franken sinnvoll:


Name
Beispiele
Alter
Reine Eigennamen
Milz, Jüchsen, Geba, Werra
Vor der Zeitrechnung, ev. sogar  vorkeltisch, vor 600 v. Chr.
Endungen -ar, -a, -les, lis, -los, -las, -ach, -hall, -loh, -idi, 
Themar, Geisa, Gärthles, Hoher Loh,
keltisch, von 600 bis etwa 50 v.Chr.
Endungen -ing, -ung
Meiningen, Breitungen, Salzungen, Schleusingen
Alemannisch, von 50 vor bis 200 nach der Zeitenwende
Endungen -stätt, -städt, -stedt, etc.
Witterstatt, Henfstädt
Germanisch, ab Zeitenwende bis 400 n. Chr., ev. Hermunduren
Endung -leben,
Dingsleben
Thüringisch, von 400 bis 531 unserer Zeit
Endungen -heim, -hausen, -stein, -burg, -feld
Endungen -wind, -itz
Nordheim, Einhausen, Lengfeld
Fränkisch, ab 600 unserer Zeit bis 800
Slawisch, ab 800 unserer Zeit
Endung -bach, -dorf,
Fischbach, Rappelsdorf
Frühmittelalter, ab 800
Endungen -rod, -roda, -reuth, -rieth,  -schlag
Bischofrod, Biberschlag, Reurieth
Mittelalter, ab 1.000, Rodungsnamen auf unbesiedelten Anhöhen, könnten aber auch sehr viel älter sein

Bei den Jahreszahlen muss berücksichtigt werden, dass die Einwanderung der Germanen bei uns später erfolgte, als im Thüringer Becken. Logisch erscheint auch, dass die neuen Herren Altsiedlungen nicht nach ihrem Gutdünken bezeichneten, sondern vorhandene Namen aufgriffen. Auch wenn Namensforscher meist im Trüben fischen müssen, vielen Orte könnten so ihre Gründungszeiten deutlich nach hinten verschieben. Das bestätigen auch die neuesten Entwicklungen:  Da werden unbekannte wallartige Geländestrukturen über Herpf entdeckt, Flurnamen in Schleusingen wissenschaftlich interpretiert, vergessene Dokumente im Meininger Staatsarchiv entstaubt. Und immer mehr Laien beschäftigen sich intensiv mit der Materie. Ernst Fischer aus Suhl mit seinen prähistorischen Menhiren an der Lauter und dem kultigen Amphitheater auf dem Domberg ist hier ein beredtes Beispiel. Leider auch dafür, wie die etablierte Wissenschaft mit neuen Hypothesen umgeht. Man lachte den umtriebigen Forscher aus! Es gilt wie immer nur das geschriebene Wort!
Germanische Siedlung
Doch weiter: Die Thüringer wurden ja bekanntlich 531 an der Unstrut von Franken und Sachsen geschlagen, was in unserer Region das Machtvakuum zunächst weiter verstärkt haben könnte. Es soll nur noch wenige "Siedlungskammern" im Grabfeld sowie an Werra, Jüchse und Ulster gegeben haben. Die fränkischen Invasoren hätten nicht sofort einmarschieren können, weil sie sich noch mit anderen Völkern im Westen herum schlagen mussten. Jüngere Forschungen aber legen nahe: Sie sind sofort eingerückt und fanden jede Menge Ansässige vor (Siehe Post "Die Franken kommen nach Franken"). Als "offiziell" und "urkundengedeckt" gilt dann die planmäßige fränkische Staatskolonisation im 7. Jhd., größtenteils, wie üblich, vom Main herauf. Typisch wieder für diese Okkupation: Handels- und Heerstraßen, Pässe und Furten wurden mit Wachen und Burgen gesichert. Beispiele sind die frühmittelalterlichen Burgwälle in den Wäldern um Bibra, Sachsenbrunn oder Tachbach. An den sich langsam herausbildenden, heute namentlich bekannten Altstraßen reihen sich die "-hausen"-Orte wie an einer Perlenketten auf. Vielleicht waren das die ersten festen Steinbauten bei uns? Die fränkischen "-heim"-Orte breiteten sich hingegen sternförmig von einem Zentralort aus: Alleine in Südthüringen gibt es drei "Nester" mit Ost-, West-, Nord- und "Sund"-heim.
Ostheim vor der Rhön
In Kaltenwestheim und Kaltensundheim fand man auch die Gräber der ersten Franken, die von erheblichen sozialen Unterschieden zeugen. Aus den neuen Herren, den übrig gebliebenen Einheimischen, kriegsgefangenen Sachsen und Slawen soll unsere typische fränkische Mundart entstanden sein. Die hat nichts mit der thüringischen Sprache nördlich des Rennsteigs zu tun, welche heute als Sächsisch wahrgenommen wird, was wiederum nichts mit dem Stamm der Sachsen zu tun hat. Verwirrend? (Siehe Post "Thüringer - die letzten Goten") An den Variationen unseres fränkischen Dialekts ist auch zu erkennen, dass im Salzunger Raum zusätzlich Thüringer und Hessen eingesickert sein müssen. Jetzt erst, im Frühmittelalter, scheinen sich die dörflichen Strukturen herausgebildet zu haben, wie wir sie heute kennen. Ihre urkundlichen Ersterwähnungen aber sind stets zufällig! Die Straßendörfer könnten mit den ersten Germanenzügen entstanden sein (Zeitenwende), die Angerdörfer, als man sich noch verteidigen musste (Völkerwanderung). Der Historiker und Sänger Reinhold Andert will das Alter eines Dorfes an der Lage seiner jeweiligen Kirche ablesen: Steht sie am Rand des Ortskerns, muss die Siedlung vor der Christianisierung (also vor 800) entstanden sein, weil kein Platz mehr im Dorf war.
Rohr
Es gibt aber auch Überlegungen, die die Kirchtürme mit Schießscharten als Mittelpunkt frühmittelalterlicher Befestigung der fränkischen Kleinherrschaften interpretieren. Die sollen ja auch damals die ersten Gebetshäuser als "Eigenkirchen" geschaffen haben. Als dann aber die karolingischen Grafen diese lokalen Herrscher reihenweise vereinnahmt hatten, nutzten die Bewohner Teile der nun "offenstehenden" Kleinkastelle weiter: Die meisten alten Kirchenschiffe erkennen Architekten als "einfach nur an einen Verteidigungsturm angebaut". So könnten unsere ganzen Wehrkirchen entstanden sein.
Die fränkischen Reisekönige sollen uns an ihren Heerstraßen auch sicherungsfähige Lagerplätze hinterlassen haben, wie den Königshübel zwischen Suhl und Zella-Mehlis oder den Königshügel über Springstille. Ihre Tal-Höfe platzten sie nach politischen Gesichtspunkten in die Landschaft, wie das Beispiel Breitungen zeigt: „Altenbreitungen“ kann als vorfränkisch interpretiert werden, „Königsbreitungen" (später Kloster Frauenbreitungen) als neuer Königshof, bald geschützt durch eine Befestigung mit „Burg-", das spätere "Herrenbreitungen“. In diese neuen, das ganze Land beherrschende "feste Häuser" setzte der jeweilige fränkische Herzog (z.B. Heden II. von Gotha und Würzburg) als Finanzverwalter Grafen ein. Dass diese sich später selbständig machen sollten, lag am Untergang der Zentralgewalt im "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. In unserer Gegend dominierte ab der Jahrtausendwende die Dynastie der Henneberger. Doch das kann ja nun schon überall nachgelesen werden.
Herrschekloße
Die jüngsten Ausgrabungen in dem winzigen Dorf Harras an der Werra stehen symbolisch für die historische Kulturlandschaft Südthüringens. Hier, direkt an einer Werra-Furt, konnte eine kontinuierliche Besiedlung seit 6.000 Jahren nachgewiesen werden (Siehe Post "Die Harrasser Urweg-Route"). Selbst ein steinerner Turm aus dem Frühmittelalter durfte nicht fehlen. Auch andere Erkenntnisse deuten auf ein höheres Alter unserer Gemeinwesen hin, als bisher angenommen: In den letzten Jahren haben Archäologen herausgefunden, dass die mittelalterlichen Burgen auf der Henneburg, der Heldburg oder der Coburg auf alten Befestigungen der Hallstattzeit stehen. Die Dörfer zu ihren Füßen könnten also ebenfalls damals (800 v. Chr.) entstanden sein. Bei den Gleichbergen war das Alter ja wegen der Zufallsfunde beim Basaltabbau klar. Beim Dolmar aber, wo einem die Ringwallanlage förmlich ins Auge springt, mussten erst Ausgräber ran, um sie entsprechend zu datieren. Bei der Hohen Geba wird ebenfalls zeit Jahrzehnten debattiert. Dabei kennt jeder Heimatforscher dort die geplünderten Großsteingräber, Steinwälle und Schanzstrukturen. Legt man diese Muster zugrunde, könnten viele Ortschronisten über ihren Dörfer ehemals befestigte Höhensiedlungen identifizieren.
Oder denken wir an die zahlreichen heidnischer Bräuche bei uns, die weit in die Vergangenheit reichen müssen (Herschloße, Tanzbär etc.). Wir benutzen zwar eine germanische Sprache, die permanent südlichen Einflüsse unserer Kultur aber, können nicht geleugnet werden.
Das alles konnte sich wohl nur deshalb so gut erhalten, weil hier Urbanisierung und Industrialisierung vergleichsweise langsamer vonstatten gingen, als in den Ballungszentren. Zerstörung und Überbauung der alten Relikte finden erst heute in großem Maßstab statt. Die Ursachen solcher "Rückständikeit" lassen sich ebenfalls weit in unsere Vergangenheit zurückverfolgen: Im Grabfeld scheint seltener die Sonne, die Böden sind weniger ergiebig, wir liegen weitab der großen schiffbaren Flüsse, die Christianisierung kam nur schleppend voran. Was die Römer schon damals abgehalten hat, bei uns einzumarschieren, könnte man heute als Segnung begreifen.