Freitag, 25. Dezember 2015

Ahlstädt und seine Geschichte von C. A.

Das Nachbardorf von Gethles konnte 2013 das 800 jährige Jubiläum der Ersterwähnung feiern. 1212 beurkundet Graf Poppo von Henneberg, dass er und sein Bruder dem Kloster Veßra bestimmte Güter entzogen haben. Diese Urkunde ist von einem Konrad von Alstat als Zeuge mit unterschrieben und mit ihr beginnt die Geschichtsschreibung für die heutige Feldsteingemeinde Ahlstädt.
Es wird damit fast 150 Jahre früher in einer Urkunde genannt als Gethles, das ja bekanntlich erst um 1360 in einem Fronbuch, dem „Urbar“, mit dem lat. Titel „liber dominorum neorum“ der Grafen von Henneberg-LaSchleusingen schriftlich erwähnt wird. Wann die Dörfer im Kleinen Thüringer Wald tatsächlich gegründet wurden, liegt im Dunkel der Geschichte. Laut Prof. Lorentzen „kann man es aber als sicher annehmen, dass die Zechsteindörfer Gethles, Ahlstädt, Bischofrod, Keulrod und Eichenberg, wie auch Neuhof, bereits im 11./12. Jahrhundert angelegt worden sind.“
Womöglich sind diese Dörfer, also auch Ahlstädt, aber noch viel älter. Bei der Identifizierung von 94 Ortschaften im Hessischen Staatsarchiv Marburg, die in einer lateinisch geschriebenen Urkunde aufgeführt sind und die zwischen 802 und 817 geschrieben wurde, tendierte man dazu, dass mit dem darin genannten Dorf „Altensteten“, die Gemeinde Ahlstädt im Kleinen Thüringer Wald (1) gemeint sein könnte. Der Suhler Autor und Heimatforscher Fischer vermutet ein viel höheres Alter auch für die anderen Zechsteindörfer. (1) Sie sollen eventuell als Einzelhöfe mit Vorspanndiensten für die Frachtwagen aus dem Maingebiet zur Eisernen Hand und zum Oberhofer Pass bereits um 800 vorhanden gewesen sein. Heimatforscher sind jedoch der Ansicht, dass es für das Umland Schleusingen keine Hinweise auf eine frühe oder gar prähistorische Besiedlung gibt. Auch in der Zechsteinflur sowie in und bei den Zechsteindörfern selbst, gibt es keine vorgeschichtlichen Bodenfunde.
Das Dorf Altstädt liegt im Durchschnitt 459 Meter hoch am Sandbach auf dem Zechsteinrand des Kleinen Thüringer Waldes, der einen verhältnismäßig guten Ackerboden abgibt. Dementsprechend war der Ackerbau bis in das 20 Jhd. hinein die Hauptbeschäftigung der zeitweise bis zu 150 Einwohner. Die Gemeindemarkung Ahlstädt wird begrenzt im Norden durch das Gebiet der Gemeinde Altendambach, im Osten durch die Flur Gethles, im Süden durch die Gemarkung der Gemeinde Lengfeld, im Westen durch die der Gemeinde Bischofrod. Die Gemeindemarkung umfasst eine Fläche von 232 ha, davon 95 ha Ackerland, 42 ha Grünland und 95 ha Wald. Die Wasserversorgung sicherte ein Laufbrunnen, Ende des 19. Jhd. entstand eine Wasserleitung, an die die Häuser angeschlossen sind, gespeist von einem Wasserbassin mit ergiebiger Quelle.
Während Gethles von Anfang an nach Schleusingen eingepfarrt gewesen ist, und den Kirchsnzehnten dorthin abzuliefern hatte, scheint Ahlstädt kirchlich dem Kloster Veßra angeschlossen gewesen zu sein. In einer Urkunde aus dem Jahr 1348 „verkauft Graf Johann I. an das Kloster Veßra „vier Pfund geldis in dem dorfe zu Alstat und ein Pfund geldis in dem dorfe zu Adeloldis (Neuhof)“.
Das heißt, von den an den Grafen in Schleusingen zu zahlenden Abgaben an Geld, gehen die vor genannten Beträge an das Kloster Veßra. Später gehört das Dorf zum Kirchspiel Bischofrod. Die Kinder gingen seit ca. 1725 nach Lengfeld in die Schule, ab 1886 nach Neuhof, bis deren Schule 1961 geschlossen worden ist.
In dem oben genannten „liber dominorum neorum“, das um 1360/62 von gräflichen Beamten für die unmündigen Söhne des Grafen Johann I., der 1359 gestorben war, geschrieben worden ist, ist Alstat nach Gethles und vor Eichenberg in diesem Fronbuch eingetragen. Es ist im Grunde ein Verzeichnis, in dem die Zugehörigkeit der Dörfer zu den Gerichtsbezirken (Centgerichte) , alle Abgaben (Geld und Naturalien) an die Herrschaft und kirchliche Einrichtungen sowie zu erbringende Fronleistungen eingetragen sind. Die Eintragungen auf der Seite 42 des vor genannten Buches betreffen die Dörfer Alstat und Eychenberg. Der Schriftsatz für Ahlstädt lautet: "Alstat suchet meiner herren geriechte nach gewohnheit. Sie (die Bauern) geben 4 Pfund heller zu zwen tziten. Sie geben 2 malter Slus(sunger) mazzes habern. Sie geben 1 malter habern für küchenholtz dem fryboden und solden für 21 fuder holtz. Sie geben notbete und dinst nach gnaden.
Die Rodungsbauern in Alstat lebten anfangs in einem Nachbarschaftsverband und es wurde schließlich, wie die meisten anderen Dörfer, um 1445 eine Gütergemeinde und damit eine politische Dorfgemeinde, die zum Amt Schleusingen gehörte. 1404 ist das Dorf mit anderen als Witwengut für die Gräfin Mechthild in einer Urkunde vom 2. Mai 1404 aufgeführt. Um 1500 gibt es in Ahlstädt 11 Güterbesitzer die sich in 4/4 Güter (Bauernwirtschaften) teilen müssen. Nach Bildung der Gütergemeinde müssen die Bauern in Ahstädt auf Einnahmen aus den Verkauf von Naturalien, Vieh und Holz jeden 10. Pfennig davon an die Obrigkeit abführen. Das sind für das Jahr 1520 6 1/2 Gulden. Mit dieser Steuer erfolgte eine buchstäbliche Zehntung der Einnahmen der Bauern. An Erbzinsen haben sie außerdem 14 Gulden, 5 Groschen sowie 2,5 Malter Hafer abzuführen und auf Weisung der Obrigkeit Frondienste auf deren Feldern zu leisten. (3 Gulden kostete zu dieser Zeit ein Mastschwein.) Ahlstädt durfte schon früh eine Schafherde halten. Die Schafstrift musste von der Obrigkeit genehmigt werden und selbst dafür wurden Abgaben gefordert. Die schamlose Ausbeutung der Bauern durch die Obrigkeit führte schließlich zu einer katastrophalen Verelendung der Bauern und Ortschaften. Die Konflikte mit den Herrschenden führte 1525 zum Bauernkrieg. In unserer Gegend besetzten Bauern aus Themar und anderen Orten am Ostersonntag 1525 das Kloster Veßra und machten ihren Unmut Luft. Geplündert wurde aber nicht. Unser Nachbardorf beteiligte sich jedoch, wie auch Gethles, nicht am Bauernaufstand.
Das beweisen die Unterlagen im Archiv Meiningen. 1578, so wird in der Orts-Chonik vermerkt, verletzte der Bauer Hans Amberg, auch Schrei-Hans genannt, den Schäfer Hans Rumpel im Streit mit einer Axt so schwer, dass dieser nach 5 Tagen stirbt. Wie das geahndet wurde ist nicht bekannt. Ansonsten ist über das Zusammenleben der Einwohner in der Frühzeit des Dorfes wenig überliefert worden.. Erst nach der Reformation und nach 1550 gab es einen ersten unregelmäßigen Schulunterricht für die Kinder der Dörfer (Küsterschule). Neben dem Auswendiglernen von Katechismen wurde bald auch Lesen und Schreiben gelehrt, so dass nun auch die Bauern eine bescheidene Bildung erlangten und etwas aufschreiben konnten.
1606 müssen auch die Güternachbarn des Dorfes Ahlstädt die Erbhuldigung auf die neue sächsische Herrschaft ablegen, zu der sie ab 1583 gehören. D.h. sie müssen einen Treueschwur auf die sächsischen Herzöge der Wettiner leisten. Um diese Zeit leben im Dorf 10 Güterbauern-Familien und 2 Witwen von Güterbauern, insgesamt 52 Einwohner. Noch um 1500 waren es lediglich 4 Familien von Güterbauern mit 19 Einwohner. Damit bestätigt sich auch in diesem Ort, das rasante Bevölkerungswachstum im 16. Jhd. In der Erbhuldigungsurkunde von 1606 sind folgende Güterbauern namentlich aufgeführt, die einen Eid auf die neue Obrigkeit geleistet haben:
Klaus Langgutt, Schulze
Hans Langgutt,
Hans Kellermann,
Hans Ebert,
Wendel ufn Berg,
Hans Wax,
Klaus Knott,
Bartholl Kellermann,
Hans Langgutt,
Hans Kellermann sowie die Witwen der Güterbauern
Klaus Haug und
Georg Diller
In einem Verzeichnis der Wehren und Waffen im Amt Schleusingen, das 1573 ausgestellt wurde, ist Ahlstädt mit 11 Mannschaften (Güterbauern) aufgeführt, die mit 5 Büchsen und 6 Federspießen bewaffnet sind.
Über den Bergbau bei Ahlstädt und Gethles erfahren wir schriftliches erst 1682, obwohl es Hinweise gibt, dass bei beiden Dörfern wahrscheinlich schon 1620 Bergbau betrieben wurde. Aus den Unterlagen des ehem. Bergbauamtes Suhl geht hervor, dass der Bergmeister Martin Fischerb im Jahre 1682 im Auftrag der Sächs. Herzöge die Gegend um Gethles und Ahlstädt untersuchte und auf etlichen Äckern nagelspältiges aber trefflich eisenreiches Gestein fand. Fischer vermutete, dass in der Tiefe besseres schmiedbares Eisen, also ein großer Landschatz bei Ahlstädt vorhanden sei und verständigte seine Auftraggeber. In deren Auftrag wurden nun neue Bergbauversuche unternommen. Der damit beauftragte Unternehmer war ein kleiner Mann, Zangenbartel genannt, der bald aus einem Karren Steine, zwei Zentner frisches Eisen schmiedete. Trotzdem wurde der Betrieb nicht lange fortgesetzt. Aber 1692 wurde am „Stein“ bei Ahlstädt in den Fundgruben „Unverhofftes Glück“, „Christbescherung“ und "Treue Freundschaft" wieder mit der Förderung begonnen. Es waren ältere Gruben und Stollen, deren Schächte man aufs neue aufwältigte. Auch wurde die Arbeit zumeist auf schon durchfahrenen Strecken betrieben, aus welchen die Alten bereits den besten Eisenstein weggenommen hatten. In Gethles ist es ähnlich gewesen. Vom Jahre 1744 an kam noch einmal Leben in den Bergbau bei Ahlstädt und Gethles. Allerdings gibt es über den Bergbau bei Ahlstädt ab 1750 keine Nachrichten mehr. Die dortigen Bergstollen, im Volksmund Berglöcher genannt, existieren heute noch. (Siehe Wilh. Höhn „Hennebergische Bodenschätze“ (1909)
Die Bevölkerungsentwicklung: (Nach Dr. Mauersberger)
Jahr / Familien / Einwohner:
1500 /  4 / 19
1572 / 11/ 52
1585 / 13 / 61
1606 / 11/ 5/2
1611 /  9 / 42
1626 /  9 / 40
1631 /  8 / 40
1649 /  4 / 18
1659 /  5 / 23
1700 /  9 / 28
1718 / 12/ 33
1734 / 20/ 46
1815 / 20/ 45
1852 / 32/ 71
1910 / 49/ 126
2000 /  ?/  150
Der 30-jährige Krieg war auch für Ahlstädt eine Zäsur: Vor dem Kroateneinfall hatte das Dorf 1631 8 Güterbauern-Familien , 40 Einwohner und 11 Häuser. Am Ende des Krieges 1648 waren es noch 4 Güterfamilien, 18 Einwohner und 6 Häuser. Das ganze 18. Jhd. hat nicht ausgereicht, um diesen Verlust wieder auszugleichen.
Wie in den meisten Ortschaften wurde schon unter den Grafen von Henneberg auch in Ahlstädt im Gemeindewald Harz gewonnen und in einer gemeindeeigenen Pechhütte verarbeitet. Noch in der Mitte des 19. Jhd. sind 6 Zentner Pech ausgekocht worden, für das die Gemeinde pro Zentner 9 Taler erhielt. Für die damalige Zeit ein guter Preis. Die Harzgewinnung musste von der Obrigkeit genehmigt werden und sie war mit Auflagen belegt, die die Förster durchzusetzen hatten. Pech war in der früheren Zeit ein viel gefragter Rohstoff. Man brauchte es vor allem zum Abdichten (Kalfatern) der Schiffe, der Wein- und Bierfässer Auch das heilkräftige Pechöl wurde durch Destillieren gewonnen und an Apotheken verkauft. Das Anreißen der Bäume zur Harzgewinnung ist Ende des 19. Jhd. eingestellt worden, die Pechhütte hat wahrscheinlich ihren Betrieb schon früher eingestellt und das Harz ist in Neuhof verarbeitet worden, wo die Pechhütte noch bis nach 1900 gearbeitet hat.
1815 wird die Grafschaft Henneberg, die reichsrechtlich bis zu diesem Zeitpunkt bestanden hatte und zu Sachsen gehörte, durch den Wiener Kongress dem Königreich Preußen zugesprochen und praktisch aufgelöst. Die bisherigen Ämter Schleusingen, Suhl, Benshausen, Kühndorf werden zum Kreis Schleusingen zusammengefasst. An der Spitze stand nun ein Landrat. Die Preußen nannten die ehemaligen sächsischen Gebiete „Provinz Sachsen.“ Preußen wollte ein fortschrittlicher Staat sein. (Verbesserung der Lebensverhältnisse, des Schulwesens, der Verkehrsverhältnisse usw.) Zur Vermehrung der Ackerbauflächen verkaufte der Staat 1852 an die Gemeinden kleine Waldflächen zum Roden. In der Gemeinde Ahlstädt ist es das Forststück „Stein“. Es wird abgeholzt und dort (sehr steinige) Felder angelegt.
In der zweiten Hälfte des 19. Jh. und nach Aufhebung des Feudalnexus können auch in Ahlstädt die Bauern den Grund und Boden, der bisher der Obrigkeit gehörte, für hohe Ablösesummen als Eigentum erwerben. Fortan müssen dafür Grundsteuern bezahlt werden. Die Gemeinde Ahlstädt muss durch ihren gewählten Steuereinnehmer von den Bauern jährlich 82 Taler, 12 Silbergroschen und 8 Pfennige eintreiben und an die Obrigkeit abliefern.
1866 wird Ahlstädt, wie auch die Hälfte des Kreises Schleusingen, von feindlichen Bayerischen Truppen besetzt. Es ist die 2. Kompanie des 2. Bayerischen Infanterie-Regiments mit 2 Offizieren und 156 Mann, die vom 29. Juni bis 3. Juli in Ahlstädt verköstigt werden müssen. Die Kosten belaufen sich auf 54 Taler. Als Entschädigung erhält das Dorf von der Preußischen Regierung erst im Herbst 1867 12 Taler.
1891 schafft sich die Gemeinde eine Dorfuhr an. Sie wird in einem kleinen Turm des Feuerwehrgerätehauses angebracht. Über eine Spritzenmannschaft oder Feuerwehr und deren Entwicklung gibt es keine Nachrichten. 1928 baut die Gemeinde ein Backhaus, das für alle Einwohner, die keinen Backofen haben, zum Brot- und Kuchenbacken zur Verfügung steht. Auch Backobst wird dort von den Bürgern hergestellt.
Der unselige 1. Weltkrieg forderte auch in Ahlstädt seine Opfer. 8 Männer und Söhne sahen ihr Dorf nicht wieder. Politische Parteien bilden sich Anfang der 1930-er Jahre. (SPD) Mit Wirkung vom 1. Mai 1933 wird zusammen mit den Dörfern, Gethles, Neuhof und Bischofrod eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet. An das elektrische Netz wurde Ahlstädt Anfang der 1920-er Jahre angeschlossen. Das Dorf schafft sich in den 1930- er Jahren einen idyllisch gelegenen Friedhof. Der Krieg 1939-1945 fordert auch in Ahlstädt seine Opfer. Gegen Ende des Krieges am 6. April 1945 wird das Dorf von einem Kommando des 41. Aufklärungsschwadrons der 11. US-Panzerdivision von Eichenberg- Bischofrod her besetzt. Es hatte die Aufgabe, die über Eichenberg – Bischofrod – Keulrod nach Suhl vorrückenden Einheiten von der Flanke her zu schützen. Sie wurden am 5.4. von deutschen Soldaten beschossen. Aus Vergeltung setzten die Amerikaner einige Scheunen und Stallungen in Brand. Wie überall wurden die Bürgermeister, die Mitglied der NSDAP waren abgelöst. Erster Bürgermeister nach 1945 wurde das frühere Mitglied der SPD Erich Hanft. Sein Nachfolger war Helmut Hanft.
Schon vor 1960 gründete sich eine LPG Typ II, die sich später durch die Schweinezucht einen Namen machte. Nach der Wende mussten die LPG aufgelöst werden. Die Felder sind heute meist an die Agrar-GmbH Weißbachtal Henfstädt verpachtet. Ställe und Scheunen wurden vielfach umgebaut, auch für Wohnzwecke. Das Dorf hat 38 Wohnhäuser, davon sind 14 nach 1949 erbaut worden. Schon 1965 bekam das Dorf unter Mithilfe vieler Einwohner ein großzügiges Kulturhaus und nach 1990 wurde daraus - nach einigen Umbauten und wechselnder Bewirtschaftung - eine Begegnungsstätte (Bürgerhaus). Während der DDR-Zeit kamen bis zu 200 Urlauber in den Ort, um hier ihre Ferien zu verbringen. Untergebracht waren sie in Privatquartieren. Geschätzt wurde die ruhige Lage des Dorfes, die herrliche Natur, die durch viele Wanderwege erschlossen ist. Nach 1945 wurde die politische Entwicklung des Dorfes, wie überall, durch die Sowjetische Besatzungsmacht in Verein mit den Funktionären von SED, aber auch der Blockparteien, vorgegeben. Das gesellschaftliche Leben war geprägt von Gängelung und Bevormundung. Auch die Ahlstädter suchten sich ihre Nischen und schafften sich durch fleißige Arbeit einen gewissen Wohlstand. Es wurde 1951 eine Kanalisation im Ort gebaut, die meisten Häuser hergerichtet und die Landstraße nach Gethles wird in den 1950-er Jahren ausgebaut und asphaltiert. Das doch abgelegene Dörfchen ist durch Buslinien mit den Städten Themar, Schleusingen und Suhl verbunden. Mit der Werrabahn (Bahnhof Themar) sind auch die Hauptstrecken der Deutschen Bahn und damit auch weit entfernte Reiseziele zu erreichen. Von 1979 bis 1989 ist als erste Frau in der Geschichte des Dorfes, Frau Irmtraud Albertus, Bürgermeisterin von Ahlstädt.
Nach der Wende 1990 eröffnen sich durch die Marktwirtschaft neue Möglichkeiten für die Gemeinde und Einwohner. Der Ort wird 1998 in das Dorferneuerungsprogramm aufgenommen und damit eine Voraussetzung geschaffen, die Lebensqualität der Einwohner weiter zu erhöhen. Auch für die Rekonstruktion ihrer Häuser können Eigentümer Fördergelder beantragen. Des weiteren entsteht durch Eigeninitiative für die Kinder des Dorfes ein liebevoll eingerichteter Kinderspielplatz. Vorschulkinder gehen gegenwärtig nach Lengfeld in den Kindergarten. Die Grundschule befindet sich in Lengfeld und Marisfeld, die Regelschule in Themar, ein Gymnasium in Schleusingen. Die Turmuhr wird seit 2002 funkelektrisch angetrieben. Zwar gibt es ein Recht auf Arbeit nach 1990 nicht mehr, aber die Arbeitslosigkeit hält sich in Grenzen. Die Bauern sind heute in Ahlstädt aber eine absolute Minderheit. Die Ortsrandbereiche sind durch Reste von Streuobstwiesen und begrünte Ackerterrassen geprägt. Die zu DDR-Zeiten gebaute Handelseinrichtung (Konsum) wurde geschlossen, die Versorgung übernehmen mobile Bäcker, Fleischer usw. So zeigen sich auch zu der 800-Jahrfeier die Gäste über das Geschaffene tief beeindruckt. 800 Jahre konnte das Dorf, in Gegensatz zu Gethles, seine Selbständigkeit bewahren und ist sogar ohne Schulden. Die Gegenwärtige Bürgermeisterin ist Annette Haupt.

 Anmerkungen:
(1) Kleiner Thüringer Wald/ Zechsteindörfer: Ein Höhenzug der nahe der Haardt bei Schleusingen beginnt und sich in wechselnder Breite von 1,5 bis 2 Km ungefähr 10 Km weit nach Nordwesten, bis über Eichenberg hinaus erstreckt. Er weist Gesteine wie große Teile des Thür. Waldes auf und wird wegen dieser Gleichartigkeit als „Kleiner Thüringer Wald“ bezeichnet.. (Zechstein, Granit, Porphyr) Auf diesem Streifen kulturfähigen Bodens liegt Ahlstädt, zusammen mit den Dörfern Gethles, Bischofrod, Keulrod und Eichenberg, denen der im Jahr 1631 drei Häuser zählende und ca. 1792 aufgegebene Ziegelhof zwischen Gethles und Ahlstädt hinzuzufügen ist. Geographisch und auch siedlungsgeschichtlich schließt sich, obwohl auf Buntsandstein gelegen, das Dorf Neuhof dieser Gruppe an. Nur diese Ortschaften werden von Geologen und Heimatkundlern als „Zechsteindörfer“ bezeichnet.
Die heute von Kommunalpolitikern großzügig ausgelegte Bezeichnung „Kleiner Thüringer Wald“ von Themar bis Suhl und von Schmeheim bis Grub, also auch weite Gebiete des Buntsandsteins und des Rotliegenden, entsprechen nicht den geologischen Gegebenheiten, aus denen sich die Namen „Kleiner Thüringer Wald“ und „Zechsteindörfer“ herleiten.

Quelle: - Veröffentlichungen der Gemeinde Ahlstädt im FW
             - Eigene Recherchen

Sonntag, 6. Dezember 2015

Als die Kelten abgezogen waren

Ausbreitung der Kelten
Nicht wenige Archäologen waren bisher von einer weitgehenden Entvölkerung Südthüringens, ja des ganzen Obermain-Gebietes beginnend ab 500 vor bis 500 nach Christi ausgegangen. Sie machten das an dem mageren Fundaufkommen zwischen der Kelten- und der Germanenzeit fest. Diese Sicht revidiert sich aber in den letzten 20 Jahren mehr und mehr.
Ausgangspunkt im 1. Jahrtausend v. Chr. scheint - nach der Katastrophenzeit um 1200 v. Chr. - eine weitgehend homogene Bevölkerung in Mitteleuropa gewesen zu sein, die sich nahtlos von der Urnenfelder-, Hallstatt bis zur keltischen Latènekultur entwickelt hatte. In dieser Zeit sollen die alteuropäisch sprechenden Menschen bei uns durch Vermischung auch die indogermanische Sprache von unseren östlichen Nachbarn übernommen haben. Das  Zentrum dieser sich entwickelnden Hochkultur könnte irgendwo in Süddeutschland gelegen haben, vielleicht um das spätere Oppidum Manching an der Donau herum. Wir lagen mit unseren vielen großen Wallanlagen an Werra, Fränkischer Saale und Obermain mittendrinn, nicht als innovativer Impulsgeber, aber auch nicht in einflussloser Randlage. Diese muss sich weit nördlich des Rennsteigs befunden haben. Wo genau, darüber streiten die Gelehrten. Die Verbindung von dort in den Süden scheint aber so schwach gewesen zu sein, dass sich sprachlich bei ihnen eine so genannte Lautverschiebung vollziehen konnte. Diese wurde fürderhin zum wichtigsten
Altes Weltbild
Unterscheidungsmerkmal zwischen Kelten und Germanen. Obwohl sich die Kulturen südlich und nördlich des Rennsteiges kaum unterschieden haben können, vermeiden es die Archäologen, dort späterer von Kelten zu sprechen.
Anfangs - bis 500 v. Chr. - scheinen beide Gruppen friedlich in einer Art Mischzone nebeneinander her gelebt zu haben, was sich sowohl im Thüringer- als auch im Leipziger Becken archäologisch gut nachweisen lässt. Die nördlichen Nachbarn werden dabei als so genannte Jastorf-Kultur beschrieben. Bei deren Gebrauch von Drehscheibenkeramik beispielsweise wird deutlich, dass sie der Laténekultur im Süden zivilisatorisch unterlegen war. Auch mit der sog. Oppida-Kultur (gesellschaftliches Zentrum auf einer befestigte Höhensiedlung mit vielen Gehöften drum herum) sollen sie nichts am Hut gehabt haben. Trotzdem tauchten diese Germanen noch vor der Zeitenwende südlich des Rennsteigs auf. Warum?
Bei römischen und griechischen Geschichtsschreibern zu jener Zeit lesen wir von heftigen Völkerbewegungen im Norden. Nach einer Studie der Uni Göttingen fand um 500 v. Chr. in Europa ein starker Kälteeinbruch statt.  Das muss eine generelle Bewegung der landwirtschaftlich abhängigen Kulturen jeweils in wärmere Regionen ausgelöst haben. Die Archäologen vermelden ab der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends vor Christi eine vorsichtige Diffusion der Germanen Richtung Süden: Auf der Steinsburg und der Widderstatt in Südthüringen wurden neben den keltischen auch solche Fibeln gefunden, wie sie eigentlich nördlich des Thüringer Waldes modern waren. Ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. wird dann in den schriftlichen Quellen explizit eine Südwanderung der Kelten vermerkt. Sie strömten zunächst auf den Balkan, fielen 279 v. Chr. in Griechenland ein und gründeten später in Kleinasien Galatien. 380 v. Chr. hatten die Kelten unter Brennus bereits das noch junge Rom geplündert. Es erscheint logisch, dass sowohl die keltische als auch die germanische Südwanderung gleichzeitig stattfanden.
Natürlich waren damals nicht alle Kelten ausgewandert. In unserer Gegend sind sie archäologisch bis etwa 50 v. Chr. fassbar. Im Gebiet zwischen Rhein, Main und Leine soll der keltische Großstamm der Volcae gelebt haben. Auch um den Thüringer Wald herum! Nach der keltischen Auswanderung wurden um 120 jetzt unserer Zeit deren Abkömmlinge sowohl in Anatolien als auch in Südfrankreich gesichtet. Damals schon unter den Römern. Denn um die Zeitenwende war Cäsar nach Norden in Gallien eingefallen - übrigens zeitgleich mit einer Klimaerwärmung bei uns.
Deckungsgleich mit dem Abzug der Kelten von ihren Wallburgen scheinen auch die Germanen mit Kind und Kegel südwärts marschiert zu sein. Dafür stehen die historisch belegten Züge der Sueben, Semnonen, Markomannen, Hermunduren, Quaden, Langobarden und Kimbern. Von den Sueben sollen die ganzen -"ingen und -ungen"-Orte abstammen, die sie auf ihren Zügen, besonders an Furten gegründet hatten. Die meisten Historiker postulieren so generell einen Rückzug der Kelten vor den nach Süden und Südwesten strömenden Germanen. Das berühmte Oppidum auf dem Staffelberg weist um 350 v. Chr. einen Brandhorizont auf, was auf Kampfhandlungen schließen lässt. Es soll danach aber wieder keltisch aufgebaut worden sein. In Südthüringen fehlen solche Hinweise auf kriegerische Auseinandersetzungen prinzipiell. So gehen manche Archäologen davon aus, dass die Germanen lediglich in die witterungsbedingt verlassenen Regionen der Latène-Kelten vorgestoßen waren. Tacitus berichtet allerdings von Galliern am Rhein, die vor Germanen geflohen waren. Auch Cäsar macht den Schicksalsfluss zur Kulturscheide zwischen Germanen und Kelten. Selbst für Böhmen wird erst ein langsames Einsickern, dann eine Invasion aus dem Norden diskutiert.
Formelle Einteilung der Germanen
Als Nachfolger der Kelten verortet die Geschichtsschreibung nördlich und südlich des Thüringer Waldes ab der Zeitenwende die Hermunduren. Alle anderen scheinen in den 500 Jahren zuvor nur durchmarschiert zu sein. Spuren hinterließen sie kaum. Die Hermunduren waren als Elbgermanen die Nachfolger der Jastorfkultur und nahmen kurz nach Christi Geburt genau jene Gegenden in Besitz, die vordem von den Volcae besiedelt waren. Historiker streiten über ihre Wechselbeziehung mit jenen Germanen zischen Weser und Rhein. Im Thüringer Becken sollen sie im Heiligen See von Niederdorla ein "Rundheiligtum" angelegt und auf dem Jechaberg bei Sondershausen Opfer dargebracht haben. Mit befestigten Höhensiedlungen, wie bei den Kelten, hatten sie nichts am Hut. Die vielzitierte "germanische" Funkenburg bei Westgeußen wäre also die große Ausnahme: Alle Funde stammen vom 3. Jahrhundert vor, bis zum 1. Jahrhundert nach Christi. Wahrscheinlich ist es also eine germanische "Nachnutzung". Bei Großromstedt zwischen Jena und Apolda wurde ein großes germanisches Brandgräberfeld der späten vorrömischen Eisenzeit (2. Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr.) und der frühen Römischen Kaiserzeit entdeckt. Die Forschung bestätigt, dass die darin enthaltenen Artefakte nur von den Hermunduren stammen können. Und genau die gleichen Kulturgüter kommen um die Zeitenwende in Gräbern von Böhmen und Mainfranken zum Vorschein. Und natürlich in Südthüringen! Große Ausgrabungsstätten in unserer Gegend sind das Gräberfeld von Aubstadt im Rhön-Grabfeld, im oberfränkischen Altendorf, in Hopferstadt, Gaukönigshofen oder zu Füßen des Staffelberges. Beim fränkischen Aubstadt hat man nahe des antiken Friedhofes auch die dazugehörige Siedlung gefunden. Dabei kam heraus, dass die neuen germanischen Herren sich friedlich neben den Alteingesessenen niedergelassen hatten. Zu dieser Zeit aber waren die bekannten Keltenoppida von Steinsburg, Dolmar, Milseburg usw. von ihren Bewohnern bereits verlassen gewesen. Das muss die Kriegerelite gewesen sein, die sich inzwischen im Süden neu angesiedelt hatte. Aber nach und nach gingen nun auch bei uns in der Breite die keltischen Scherbenfunde - und damit die Kultur - zurück.
Alles deutet darauf hin, dass die Hermunduren, wie ihre Kumpels in Böhmen, nach zögerlichem Einsickern zur Annexion übergegangen waren. Tacitus berichtet außerdem, dass im Jahr 1 n. Chr. Teile der Hermunduren durch die Römer in das von den Markomannen verlassene Gebiet am Main umgesiedelt worden waren. So etwas konnte nur geschehen, wenn man die Hermunduren vordem auch besiegt hatte. Es gehörte zur Expansionspolitik der Römer, vorpreschende Germanen nicht nur zurückzuschlagen, sondern auch umzusiedeln. Die Markomannen jedenfalls zogen nach Böhmen. Manche Forscher glauben, da seien sie auch hergekommen. Um 51 n. Chr. sind dann noch mal Kämpfe der Hermunduren an der Donau belegt, in denen sie unter ihrem Fürsten Vibilius erwähnt werden.
Die ersten Stämme zeichnen sich ab
In Südthüringen direkt hat man aus der so genannten Römischen Kaiserzeit germanische Artefakte in den Niederungen bei Henfstädt, Sülzdorf und Altenrömhild gefunden. Nach Lage der Dinge scheinen sie also auf den alten Pfaden der Kelten lustwandelt zu sein. Deren große und verlassene Oppida auf den Gleichbergen und in der Rhön jedenfalls geben keine germanischen Überbleibsel her. Wahrscheinlich existierte in der Gegend  niemand mehr, vor dem sie sich fürchten mussten. Wenn wir davon ausgehen, dass die meisten Dörfer mit keltischem Fundhorizont und "sinnfreien" Eigennamen, wie Jüchsen, Vacha, Herpf oder Milz bereits bestanden haben, und die suebischen Flussfurten mit -ing und -ung im Aufbau begriffen waren, könnten die Hermunduren die Endung -städt mitgebracht haben. Salzungen beispielsweise könnte der Ort sein, den Tacitus 58 mit einer Schlacht zwischen Chatten und Hermunduren um Salinen beschreibt. In Breitungen herrschte wegen der Landfülle rundherum geradezu Siedlungszwang, Schwallungen gilt als alter Flussübergang, südlich von Wasungen wimmelt es geradezu von historischen Hohlwegen zur Werra hinab und auf der anderen Seite wieder hoch. Meiningen lag an einer alten Nord-Süd-Route (Weinstraße), wo ständig die Werrafurt wechselte und auch hinter Schleusingen zog sich ein Urweg über das später Thüringer Wald genannte Mittelgebirge. Doch das sind Spekulationen. Heimatforscher ordnen -ing und -ung gerne den Alemannen zu, was auf das gleiche hinaus läuft. Diese - ebenfalls - Elbgermanen sollen noch vor der Zeitrechnung über den Thüringer Wald ins heutige Baden-Württemberg gezogen sein. Als sich ab 58 unserer Zeit hinter Rhein und Donau die Römer breit machten, werden sie bereits im Limes-Grenzgebiet verortet. Sie selbst scheinen sich als Suebi bezeichnet zu haben, denn später setze sich der Name "Schwaben" durch. Noch im 4. und 5. Jahrhundert werden sie um Würzburg herum festgemacht. Es deutet also einiges darauf hin, dass zunächst die Alemannen und später erst die Hermunduren aus dem Thüringer Becken nach Süden vorgerückt waren. Den ersteren weisen Altnamenforscher entsprechend "-ing" zu, den anderen "städt". Die Historiker halten sich da bedeckt. Sie versichern nur, dass ab 50 v. Chr. südlich des Rennsteigs die Keltenelite verschwunden war, ab 400 ein paar Thüringer "durchsickerten" und ab 600 die Franken in Massen kamen. Es blieb immerhin ein halbes Jahrtausend und da können eine Menge Ingen, Ungen und Stedt entstanden sein.
Die Hermunduren jedenfalls bewegten sich durchweg im Dunst- und Interessenkreis des Limes. Sie waren übrigens die einzigen Germanen, denen die Römer Handelsfreiheit in Reich gewährten. Der Main galt als römisches Einfallstor nach Osten. Handelsfahrten
entgegengesetzt sind auch von Germanen belegt. Das  östlichste römische Legionslager Marktbreit am Main zeigt nicht nur, dass der ehemals keltische Marienberg über dem späteren Würzburg germanisch eingenommen war, sondern auch, welchen Einfluss man auf das Grabfeld gehabt haben könnte. Die Römer zählten den Thüringer Wald damals zum so genannten Herkynischen Wald. Einige Historiker sehen in dem vergleichsweise geringen Fundaufkommen jener Jahre auch die Durchsetzung jener römischer Befehle, die große germanische Stammesverbände im Vorfeld des Limes nicht duldeten. Bei Trostadt kam ein Münzschatz zutage, der zumindest den Kontakt mit den Römern beweist. Damals waren die großen Raubzüge der Germanen ins Römische Reich schon an der Tagesordnung. Man hört auch von wechselnden Koalitionen der Hermunduren, mal gegen Römer, mal mit ihnen gegen andere Germanen.
Das letzte Mal werden unsere Hermunduren zwischen 166 und 180 heutiger Zeitrechnung in den Markomannen-Kriegen erwähnt. Dann gibt es 300 Jahre keinerlei Nachricht über unsere Heimat. Tatsächlich brechen Mitte des 4. Jhd. auch die archäologischen Funde ab. Das bringt nicht wenige Geschichtsschreiber zu der Überzeugung, dass niemand mehr da war. Nonsens, sagen andere, es gab nur niemanden mehr, der sich für die Gegend interessierte. Die schriftkundigen Römer hatten andere Sorgen: Immer mehr germanische Völker berannten das Reich. Im 3. Jhd. musste die Weltmacht bereits Teile des Limes aufgeben und sich hinter Rhein und Donau zurückziehen. In der Neujahrsnacht 406/7 überschritten große Verbände von Vandalen, Sueben und Alanen das Eis des Rheins und begannen sich Schritt für Schritt Westeuropa untertan zu machen. Zu den gegen die Römer marschierenden Sueben werden auch die Hermunduren gezählt. 487 schließlich besiegte der germanisch-fränkische König Chlodwig den letzten römischen Befehlshaber in Gallien, Syagrius. Solche Heerzüge sollen auch im Dreieck zwischen Rhön, Thüringer Wald und Main ihren Niederschlag gefunden haben. Die Fundsituation erkläre sich, so Altgeschichtler, eher durch Leute auf Wanderung. Tatsächlich könnte Südthüringen als Durchzugsgebiet für Burgunden, Langobarden oder Vandalen gedient haben. Jedenfalls lag unsere Region auf deren Marschroute Richtung Südwesten und Wanderer hinterlassen nun mal keine Dörfer und Gräberfelder. Trotzdem werden in den letzten Jahren immer mehr germanische Siedlungsreste bei uns ausgegraben. Schon sind einzelne Archäologen zu der Überzeugung gekommen, dass in den Tausend Jahren nach Abzug der Keltern südlich des Rennsteiges gar kein wesentlicher Siedlungsrückgang stattgefunden hat. Detaillierte Ausführungen dazu liefert das Internationale Kolloquium zur keltisch-germanischen Besiedlung im Mittelgebirgsraum 1990 in Weimar aus der Digitalen Bibliothek Thüringen.

Doch noch bleibt die Völkerwanderung eine dunkle - sprich schriftlose - Zeit. Dennoch können wir davon ausgehen, dass auch damals niemand Haus und Hof aus Jux und Tollerei aufgegeben hat. Kriegszüge beutegieriger Kämpen ja, aber wenn fast alle losziehen, muss ein elementares Drama vorausgegangen sein. Das kann um 500 v. Chr. nur das Klima angerichtet haben. Denn nach der "Warmzeit" der römischen Okkupation deutet sich in Mitteleuropa ein erneuter Kälteeinbruch mit Südwanderung der Völker an. Im Thüringer Becken sollen spätestens im 3. Jahrhundert Angeln und Warnen in das Siedlungsgebiet der Hermunduren eingesickert sein. Gemeinsam hätten sie "irgendwie" das Thüringer Reich gegründet. Höchst spekulativ (Siehe Post „Thüringer - die letzten Goten?“)! Besser überzeugt die neue Theorie von Heike Grahn-Hoek über die Herkunft der Thüringer. Demnach sollen die gotischen Terwingen mit den späteren Thüringern identisch gewesen sein. Um 400 wären sie aus den Karpaten heraus nördlich des Erzgebirges ins Thüringer Becken vorgestoßen. Das korreliert auch bestens mit den Karieren der Thüringer Heerführer Edekon, Hunulf und Odoaker. Immerhin war das Thüringer Reich wieder fast identisch mit dem des Hermunduren-Gebietes, respektive dem der Volcae. Also dürften sie auch bei uns gewesen sein! Bei Streufdorf wurde sogar eine thüringische Fibel gefunden. Von Angeln und Warnen südlich des Rennsteiges ist nichts bekannt. Historiker rechnen den Thüringern Gründungen mit der Endsilbe -leben zu, manche auch mit -feld. Während wir für erstere in Franken nur wenige Orte, bei uns nur das Beispiel Dingsleben finden - immerhin an den Gleichbergen - verbreitet sich damals -feld geradezu explosionsartig in ganz Deutschland. Das lässt uns "-feld" eher als fränkisch erkennen. Denn die Thüringer haben sich nur eineinhalb Jahrhundert gehalten, bis die Franken kamen. Doch das ist schon der nächste Post…

Freitag, 20. November 2015

Der Große Dolmar (von C. A.)

Zu beiden Seiten des malerischen Werratales, in dem sich als Frankenpforte, die Stadt Meiningen ausbreitet, ragen zwei ehrwürdige „Bergriesen“ empor. Es sind dies die GEBA in den Höhenzügen der Vorderröhn und der DOLMAR, der den grünen Wellenlinien des Thüringer Waldes vorgelagert ist. Jedem dieser beiden hohen Hügeln ist ein kleiner Genosse beigestellt, weshalb man von einer „Großen GEBA“ und von einem „Großen DOLMAR“ spricht. Wie es eben auch einen „Großen und Kleinen Gleichberg“ gibt. Fast majestätisch erhebt sich der Dolmar über seine Umgebung heraus, wie mit einem Mantel von dichtem Wald umhüllt. Von fast allen Höhen des Thüringer Waldes aus ist diese Kuppe zu sehen, von der aus den Besuchern ein schöner Rundblick über die Landschaft gewährt wird.
Am besten weiß das der Thüringer Wandersmann August Trinius zu schildern, indem er schreibt:

 „Von den Bergen Hessens bis über Coburg, Banz und Vierzehnheiligen hinüber zum Fichtelgebirge reiht sich von Nordwesten bis Süden das prächtige Bild des Werragrundes mit seinen Städten, Burgen, Dörfern und blitzenden Teichen auf, dahinter die blauen Kuppen und Häupter der Rhön, vom majestätischen Kreuzberg oberhalb Kissingen überragt. Dazwischen verfallene Ruinen und Schlösser, deren Fensterreihen im Sonnenglanze funkeln. Und schweift der Blick nach Osten hinüber so zeigt sich die malerische, dunkelgrüne Kette des Thüringer Waldes , voran die Bergriesen, die sich um den Schneekopf drängen, die charakteristischen Bergköpfe oberhalb Zella- Mehlis: Gebrannter Stein, Ruppberg, Hermannsberg, die Burgruine von Steinbach- Hallenberg, der Domberg bei Suhl, die lachenden Täler der Schwarza, Lichtenau und andere Bäche mehr, während nach Nordosten hin Liebenstein, sowie die Ortschaften des Schmalkaldener Kreises herübergrüßen, hochübertürmt vom buchenbedeckten Inselsberge.“

Unsere Altvorderen wussten unsere Landschaften noch überschwänglich zu beschreiben Natürlich - Romantik ala 19. Jahrhundert!
Da nachweislich einst KELTEN ihre Siedlungen auch in der Gegend um den Dolmar hatten, so ist sein sonderbarer Name nur mit Hilfe ihrer Sprache zu erklären. Für unseren Begriff Berg hatten die keltischen Volksstämme aber eine ganze Reihe von unterschiedlichen Bezeichnungen, mit denen sie nicht nur die mehr oder weniger emporragende Anhöhen benannten, sondern auch deren charakteristischen Eigenheiten wie Lage, Gestalt, Ausdehnung, Bodenbeschaffenheit, Bewaldung oder Blöße usw. Beim Dolmar käme zunächst die Silbe „dol“ in Betracht, die dasselbe besagt, wie das irische Wort „tula“, nämlich: Hügel, und zwar handelt es sich dabei um einen, der hoch und langgestreckt ist. Das keltische „mar“ - irisch „mör“ - bedeutet gross und es wäre mithin „Dolmar, der große längliche Hügel“. Nach den Messungen beträgt seine Höhe 737,5 m. Nach den Ermittlungen des preuß. Generalstabes aber 740 m.
Seine Entstehung verdankt der Dolmar einem Basaltausbruch, der sich zur Zeit der Tertiärperiode ereignet hat. Alle unter der Basaltoberfläche des Dolmar lagernden Steinmassen sieht man als sandige, mergelige, tonige oder kalkige Schichten in einem Wasserriss am westlichen Abhang zutage treten. Die Muschelkalkflächen sind reich an Kalkpflanzen, während die dem Buntsandstein zugehörigen Flächen meist mit Laubwald bewachsen sind. Auf der kahlen Fläche des breitspurigen Riesen wurden früher Feldfrüchte, insbesondere Kartoffeln, angebaut. Am Nord- und Ostabhang dehnen sich Weideflächen aus, die früher der damaligen staatlichen Domäne Kühndorf gehörten.
Die Bewohner von Christes klagen, dass der alte, wolkensammelnde „Hückel“ in der kalten Jahreszeit ein böser Nachbar sei und bis in den Spätfrühling hinein noch Schneefälle verursache. Die Anwohner halten diesen Berg für einen Wetter- Propheten, „obwohl seine Merkzeichen nicht immer untrüglich sind“, vermerkt 1720 der Ortschronist. Um 1520 schreibt ein gewisser Anschütz aus Suhl:

„Bereits im grauen Altertum scheint der keltisch benannte Dolmar bewohnt gewesen zu sein, denn auf seinem Rücken verläuft ein alter prähistorischer Ringwall aus zusammengetragenen Feldsteinen, der einen Flächenraum von 20 Morgen umschließt. Auch Hünengräber („Dolmen – dol = Langhügel, wälisch maen, men = Stein) mit vielerlei Inhalt aus früh-, bzw. vorgeschichtlicher Zeit, sind dort oben vorhanden gewesen. Bei ihrer Aufdeckung 1838 fand man mehrere Ohrringe, einen kleinen Bronzeschatz, bestehend aus einem sog. „Celt“ (Dolch), der in der Mitte mit einem durch flache Ringfurchen verzierten Halse versehen ist. Auch eine bronzene Nadel mit flachem Kopf, eine Dolchklinge mit zwei Nietlöcher, eine Pfeilspitze und andere Sachen aus Metall sind in diesen urwüchsigen Begräbnisstätten vorgefunden worden. Bei einer Ausgrabung 1842 fand man unter einem Hügelgrab auch Menschenknochen bei denen ein stark erodiertes Messingkettchen aus 5 Ringen beigelegt war. Diese Hügelgräber sollen aus der Zeit von 1500 bis 1200 vor Christus stammen.. Eine ganze Reihe heidnischer Totenhügel „aus Olims Zeiten“ sind noch am südlichen Abhang des Dolmar, westlich von Kühndorf, anzutreffen, ebenso auch auf dem „Homers“, oberhalb Schwarza“.

Der „Bergk Tholmar“ wird zuerst in einer Urkunde aus dem Jahr 1315 genannt. Da der hochragende Dolmar eine weite Aussicht gestattete, so hat man auf seinem geräumigen Scheitel im frühen Mittelalter, ein burgähnliches Gebäude errichtet. Von hier aus wurden viele verkehrsreiche Straßenzüge beherrscht. Dieses feste Berghaus befand sich im Besitz der „Herren von Cundorff“, die im 12. bis 14. Jahrhundert urkundlich als Vasallen der Grafen von Henneberg genannt werden. Sie sind danach mit Otto von Kundorf ausgestorben. Ruinenhafte Spuren dieser „Burg“ sind noch im 19 Jh. vorgefunden worden.
Unterhalb der heutigen Ortschaften lagen noch einige andere, die aber eingegangen sind. 1259 werden genannt: Unter- Tholmarsdorf, das bei Utendorf lag, Ober- Tholmarsdorf, das in der Flur Kühndorf lag, Taubendorf, Diemersheim, Schwadendorf erstreckten sich zwischen Kühndorf und Schwarza, Gerod oder Rödles zwischen Kühndorf und Christes. Diese Dörfer werden in einer Urkunde vom 20. März 1455 bereits als „Wüstenungen“ aufgeführt, die Jörg Truchseß mit dem vierten Teil des Schlosses Kühndorf an den Grafen Georg zu Henneber- Römhild verkaufte. Nach Aussterben der Henneberg- Römhilder kam das Gebiet an die Grafen von Henneberg – Schleusingen.
Der Dolmar fiel nach dem Tod des letzten Grafen Georg Ernst von Henneberg- Schleusingen durch den Erbverbrüderungsvertrag von Kahla an die sächs. Wettiner. Bei der Landesteilung 1660 kam er als Zubehör des Amtes und Schlosses Kühndorf an die Albertinische Linie unter Herzog Moritz von Sachsen- Naumburg- Zeitz.
Der Hohe Herr kam jedes Jahr nach Kühndorf aufs Schloss um große Jagden zu veranstalten und ließ sich schließlich ein Jagd- und Lustschloss auf den Dolmar bauen. Schon im Jahr 1668 wurde mit dem Bau des herzoglichen „Brackhauses“ (Jagdhaus) begonnen. Für das aus Eichenholz zu errichtende Fachwerkgebäude wurden die beiden Italienischen Baumeister Alberto und Carlo Moreni, sowie der Zimmermeister Balthasar Gerbig aus Suhl beauftragt.. Die Bewohner der umliegenden Ortschaften mussten die erforderlichen Hand- und Spanndienste leisten. Die zum Bauen benötigten Eichen wurden auf der nördlich hinter dem Dolmar, im Kühndorfer Forst gelegenen Dietmarshöhe gehauen. Kühndorfer, Rohrer und Virnauer Geschirrhalter schafften sie im Juni 1669 auf den Bauplatz. Weiterhin brachten sie 400 Karren Sand, jeder mit zwei Pferden bespannt von den flachen Ufern der Hasel und Schwarza hinauf zum Dolmar. Am Steinbusch und in der Hellfurt wurden die zum Bau benötigten Steine gebrochen. Ziegelsteine mussten von Gethles (Ziegelhof), Sülzfeld, Schwarza und Dillstädt herbeigeholt werden.. Der für die Dachdeckung benötigte Schiefer kam aus Lehesten.
Im Jahr 1674 wurden Erweiterungsbauten am Brackhaus vorgenommen. Zum Ausheben des Grundes hatte Rohr allein vom 4. bis 7. Mai 240 Mann zu stellen. Im Juli scheint der Bau bereits fertig zu sein. Die fürstlich- sächs. Amtsbehörde zu Kühndorf forderte die Gemeinde Rohr unter dem 20. Juli auf, „am folgenden Tag 8 Mann und 6 Frauen mit Besen, Waschlappen, Schaufeln, Hacken und Gelten zur Verrichtung von Aufräumungs- und Reinigungsarbeiten ins Jagdhaus zu schicken“.
Der Herzogliche Hofstaat hielt sich nun alljährlich in den Sommermonaten eine geraume Zeit im Jagdschloss und weiterhin auf dem Schloss in Kühndorf auf. Schon monatelang vorher wurden die Bewohner der umliegenden Ortschaften aufgefordert, für den „Besuch“ Butter und Eier zu sparen, auch Betten für das landesherrliche Gefolge bereit zu halten. Zu den Jagden, „die auch zur Verminderung schädlichen Raubgetiers, wie wilde Schweine, Wölfe und Luchse abgehalten wurden,“ mussten die umliegenden Ortschaften einen bedeutenden Anteil an Mannschaften und Spannvieh stellen. Zusammen kamen so jedes Jahr ca. 180 Mann und 210 Pferde und Ochsen, die tagelang den Bauern bei der Feldarbeit fehlten.
Am 4. September 1724 schlug bei einem Gewitter der Blitz zweimal in das Jagdschloss ein und richtete beträchtlichen Schaden an. Am 6. Juli 1725 wurde das Gebäude erneut vom Blitz getroffen und ging in Flammen auf. Nach dem Feuer blieb es eine Ruine. Schon in den vergangenen Jahren war das Jagdschloss durch Wind und Wetter bereits stark in Mitleidenschaft gezogen worden. „Kein Kalk wollte mehr an der Fassade haften.“
Da der Berg schon Mitte des 19. Jh. immer häufiger von vielen Menschen aufgesucht wurde, beschloss der Thüringer Waldverein wenigstens eine einfache bewirtschaftete Holzbaude zu errichten, in der auch übernachtet werden konnte, um den Sonnenaufgang auf der Bergeshöhe erleben zu können. Es wurden Anteilsscheine ausgegeben und Geldsammlungen in die Wege geleitet. 1882 stand schließlich ein Gebäude aus roten und weißen Quadern gefügt. Es stand wie ein kleines Schlösschen neben den alten verwitterten Gemäuerresten und halb verfallenen Gewölben, die vom ehemaligen Jagdhaus des Herzogs Moritz übrig geblieben waren. Man taufte das neue Bauwerk „CHARLOTTENHAUS“, zu Ehren der Meininger Herzogin, der Schwester Kaiser Wilhelms.
Für die zahlreichen Gäste, die nun zu den Volksfestveranstaltungen im Sommer kamen, war das Haus bald zu klein, was bei einsetzenden Regenschauern besonders übel empfunden wurde. Man begann deshalb 1888 die Westseite des Charlottenhauses durch einen auf den Überresten des Jagdschlosses stehenden Anbau mit Aussichtsturm zu erweitern.
Am 18. September 1890 fand die feierliche Einweihung dieses neuen Flügels statt. Er war im Baustil eines oberbayerischen Gebirgswohnhauses errichtet worden und beherbergte nun drei behagliche Gast- und Logierzimmer. Im Sommer 1892 musste auch die Küche vergrößert und der Eingang verlegt werden. Es entstand außerdem eine einfache Unterstellmöglichkeit aus Holz. Das alles machte dem Thüringer-Waldverein wegen der anfallenden Baukosten nicht wenige Kopfschmerzen. Aber die „Geldbeschaffungskommission“ meisterte auch diese Hürde, „hatte doch die Zentralkasse des Vereins 2161 Mark und verschiedene fröhliche Geber (!) namhafte Beträge beigesteuert“, so der Vereins- Chronist, der auch mit Begeisterung die Einweihung des Charlottenhauses am 10. September 1882 auf dem Großen Dolmar beschreibt. Zum Schluss seiner Ausführungen vermerkt er:

„So verlief die Feier hoch da droben bis zum Schluß in wahrhaft erhebenden Weise, und als die feuerige Pracht des Sonnenuntergangs dem hohen Dolmar mit seinen unzähligen Gästen die letzten Scheidegrüße aus dem fernen Westen herübersandte und die hier zusammengeströmten Scharen sich trennen und wieder talwärts wanderten, hat gewiß jeder Festteilnehmer das Gefühl innerster Befriedigung mit hinab genommen“.

Eine letzte Umbaumaßnahmen am Charlottenhaus wurden 1933 durchgeführt. Das Gebäude übernahm eine Flugsportgemeinschaft, die am Dolmar eine Flugzeughalle errichtete. Allerdings übernahm dann die Flieger- HJ den Flugplatz samt Anlagen und bereitete hier kommende Flugzeugführer auf ihre Ausbildung bei der Luftwaffe vor, führte sie in die Grundlagen der Fliegerei ein.
Nach 1945 übernahm die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) das Fluggelände. Das Charlottenhaus wurde als Unterkunft für Flugschüler genutzt. Der Bezirk Suhl hatte damals 3 Segelflugplätze mit Motorschleppwinde: Dolmar, Apfelberg und Pennewitz bei Ilmenau. 1967 wurde der Flugsport am Dolmar wahrscheinlich wegen seiner Nähe zur Grenze (DDR/BRD) untersagt. Ein neuer Flugplatz wurde in Goldlauter angelegt. Im Nachhinein ist aber als sicher anzunehmen,, dass die Sowjettruppen der Garnison Meiningen den Dolmar als Übungsgelände nutzen wollten. Er wurde dazu weiträumig abgesperrt. In dieser Zeit wurde das Charlottenhaus fast völlig zerstört. Allerdings nicht durch sowj. Soldaten, sondern es fiel dem Vandalismus zum Opfer. Trotz Warnungen der sowj. Kommandantur wurde der Berg scheinbar immer wieder von „verwegenen Leuten“, besser „Vandalen“ ( heute „Freiheitskämpfer“ !?) heimgesucht.
Anfang 1990 erfolgte eine demonstrative Wanderung aus allen Bevölkerungsschichten zum Dolmar mit der Forderung zum Abzug der Sowjettruppen. Die haben denen aber vorerst was geschissen. Nach deren (freiwilligen) Abzug 1994, dann wieder erste Segelflüge, auch Flüge mit Drachen, Motor- und Ultraleichtflugzeuge auf dem ehemaligen Flugplatz. Auf dem Gelände befindet sich heute eine private Flugschule, wo ein Führerschein für allerlei Fluggeräte erworben werden kann. Der Berg wurde nun wieder zu einem beliebten Ausflugsziel.
Auf den alten Fundamenten des Charlottenhauses wurde 1999 nach langen Querelen und unterstützt von vielen umliegenden örtlichen Vereinen und Spendern, ein neues Gebäude errichtet und am 1. Mai 2000 mit einer Sternwanderung eingeweiht. Das Charlottenhaus ist verpachtet und wird von Privat als Gast - und Logierhaus betrieben. Durch viele Besucher, aber auch mit vielerlei Veranstaltungen, die die Massen auf den Berg locken, ist das Überleben der Einrichtung gesichert.
Nach anfänglicher Sperrung der Straße zum Dolmar, ist es heute wieder möglich, bis auf den Gipfel mit dem Auto zu fahren, was besonders für ältere Leute von Vorteil ist. Viele „Kraxler“ halten es wohl aber eher mit jenem Münchner, der ins Gästebuch schrieb:

Nun bin ich glücklich oben!
Den Dolmar will ich loben.
Hab alles schön gefunden.
Wär' ich nur erst wieder unten.!


Anmerkung (1)
Gott liebt fröhliche Geber. Hintergrund dieser christlichen Aussage ist: Der Apostel Paulus wollte die Christen in Korinth animieren eine Hilfsaktion für ihre bedürftigen Glaubensbrüder in Judäa zu unterstützen. Ohne Druck auszuüben. Er schrieb: „Jeder tue so, wie er es in seinem Herzen beschlossen hat, nicht widerwillig oder aus Zwang, denn Gott liebt einen fröhlichen Geber. (2. Korinther Vers 9 u. 7.)
„Fröhliche Geber.“ Über eine solche Formulierung wird man heute schmunzeln oder sich doch wundern. Zur damaligen Zeit gab es sie noch die fröhlichen Geber. Wann freut man sich über ein Geschenk am meisten? Nur wenn Liebe dahintersteht und nicht Pflichtgefühl oder Zwang. Und die damaligen Sponsoren gaben Geld aus Liebe zum Dolmar und den Vorhaben des Thüringerwald- Vereins.
Heute sind nur noch wenige „fröhliche Geber“ zum Spenden bereit. Sponsoren gibt es zwar auch noch, aber das geschieht aus anderen Gründen. Man steigt im Ansehen und kann die Spende noch dazu von der Steuer absetzen. Die Spendenbereitschaft bei bestimmten Anlässen ist zwar noch immer sehr hoch, aber der Ausdruck „fröhliche Geber“ ist wahrscheinlich nur noch den bekennenden Christen geläufig.

Anmerkung (2)
Zum Apfelberg: Auch hier ist die Legende weit verbreitet,, dass der Flugbetrieb wegen der Nähe zur Grenze, eingestellt werden musste. „Es sei auch schon ein Flieger samt Fluggerät vom Apfelberg in den Westen geflogen“ so das weitverbreitete Gerücht in den Dörfern rings um den Apfelberg. Anfang der 1930-er Jahren gab es am Apfelberg erste private Flugübungen mit einem sog. Gleiter, der mit Gummiseilen in die Luft katapultiert wurde und der in geringer Höhe nur wenige 100 Meter weit flog. Es war vor allem der Schleusinger KFZ- Meister Dobberkau mit seinen 4 Söhnen, die mit ihrem Schulgleiter am Apfelberg mit Begeisterung übten und bei schönem Wetter viele Besucher anlockten. Vielfach wurden sie, wenn Not am Manne war, einfach in die Mannschaft an den Gummiseilen zum Katapultieren der Fluggleiter eingereiht.. Nach 1934 und bis 1945 war es vor allem die Flieger- Hitler Jugend, die die Begeisterung der Jungen für die Fliegerei ausnutzte und den Apfelberg für sich in Anspruch nahmen. Auch eine Flugzeughalle wurde gebaut. Hier sind für die Kriegsvorbereitungen der Nazis Junge Menschen in die Grundlagen der Fliegerei eingeführt worden. Einige von ihnen wurden im Krieg ausgezeichnete Jagdflieger. Darunter auch der ältere der Dobberkau- Brüder Karl Heinz. Er war es, der nach 1945 als Fluglehrer der GST (Gesellschaft für Sport und Technik) die Verantwortung, die Ausbildung und Schulung am Apfelberg übernahm. In den nachfolgenden Jahren kamen moderne, auch zweisitzige Segelflugzeuge („Baby IIb) hinzu, mit denen auch Kunstflüge möglich waren. Ein Könner auf diesem Gebiet war Arno Dobberkau, ein Bruder von Karl- Heinz. Dazu kam eine 150 PS starke Motorschleppwinde, mit der die Flugzeuge auf 200 bis 300 Meter Höhe geschleppt werden konnten. Auch die Anzahl der Flugschüler stieg. Sie kamen aus dem ganzen Bezirk Suhl. Als Fluglehrer kam 1954 der bekannte Segelflieger Dieter Schuhmann aus Suhl zum Apfelberg und Dolmar. Er trug das silberne Segelfliegerabzeichen (silberne Möwe auf blauen Grund.) Weiterhin der aus Themar stammende Hermann Wustman, der schon vor dem Krieg am Apfelberg geflogen war. Auch die Flugzeughalle für 2 Segelflugzeuge, nach Ende des Krieges abgerissen, wurde mit Hohlblocksteinen vom Themarer Betonwerk auf altem Fundament neu aufgebaut.  Vor allem am Wochenende war für Interessierte -meist junge Leute- , der Apfelberg ein beliebtes Ausflugsziel.
Als die Motorschleppwinde am Dolmar seinen Geist aufgab, musste die von Pennewitz an den Flugplatz Dolmar abgegeben werden. Der Flugbetrieb von Pennewitz wurde 1960 bis 1962 mit auf den Apfelberg verlegt. Da aber Pennewitz nachweisen konnte, dass sie mehr Flugbetrieb und auch mehr Flugschautage mit Publikum hatten, musste der Flugplatz Apfelberg seine Herkules Schleppwinde abgeben. Und damit war das Ende des Flugbetriebes besiegelt. Der letzte Flug fand am 22. Juli 1962 statt. Eine neue Schleppwinde am Anfang der 1960-er Jahre zu beschaffen, war einfach nicht möglich.
Von allen damaligen Verantwortlichen auf den Flugplätzen Apfelberg und Dolmar wird dem Gerücht widersprochen, dass der Flugbetrieb wegen der Nähe zur Grenze auf Anordnung der Stasi eingestellt werden musste.

Quelle: Henneberger Heimatblätter 1926- Presseveröffentlichungen

P.S. Administrator: Schade, dass der Artikel nichts über die bronzezeitlichen Gräber am Dolmar und die hallstattzeitliche Wallanlage auf seinem Plateau berichtet.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Die Widderstatt

Vergessenes prähistorisches Kleinod

Wer die Flur Widderstatt auf der Hochfläche zwischen Werra und Jüchse besucht, wird zunächst nichts Besonderes finden: Felder, Wiesen, Büsche, ein bisschen Wald. Und doch stellt die kleine Senke bei Wachenbrunn selbst im historienschweren Südthüringen ein außergewöhnlich geschichtsträchtiges Fleckchen Erde dar. Hier haben über Jahrtausende immer wieder Menschen gesiedelt. Anziehungspunkt war eine auch heute noch sprudelnde Quelle, die sich nach Süden über den Sülgrund in die Jüchse ergießt. Die Fernsicht gab einige Sicherheit und das Umland eignete sich für die Landwirtschaft. Nach eben diesem Prinzip wurden übrigens die meisten Dörfer in der Gegend angelegt. Archäologische Funde belegen, dass schon mittelsteinzeitliche Jäger hier ihre Beute zerlegten, Glockenbecher-Bauern ihre Toten begruben, Urnenfelderkrieger Pfeile schärften und bronze- wie eisenverarbeitende Handwerker einen üppigen Alltag gestalteten. Höhepunkt der Siedlungstätigkeit soll ein keltisches Dorf während der Latène- und Hallstattzeit gewesen sein, also etwa von 500 vor Christus bis an die Zeitenwende heran. Mehrfach wurde in der DDR auf der Widderstatt offiziell und fachgerecht ausgegraben: Pfostenhäuser mit Herdstelle gruppierten sich um einen Quellsee, Vorrats- und Abfallgruben scheinen reichlich gefüllt gewesen zu sein, die Felder begannen gleich hinter dem Dorf, sogar eine Eisenfeinschmiede konnte identifiziert werden. Keramikscherben und verrostetes Handwerkszeug lassen keine soziale Differenzierung erkennen, hier müssen die einfachen Leute gewohnt haben, selbst eine wie auch immer geartete Befestigung fand man nicht. Auch die Ausdehnung der alten Siedlung ist unklar. Wahrscheinlich aber war die Höhe gleich hinter der Quelle einbezogen und der Berg "Knorr" nebenan - heute als Flächendenkmal ausgewiesen.
Archäologen verweisen auf die Nähe der berühmten Gleichberge, wo ähnliche, aber viel reichhaltigere Artefakte im keltischen Oppidum Steinsburg auf ein übergeordnetes Zentrum schließen lassen. In der Widderstatt also sollen zu jener Zeit die Untertanen irgendeines Gleichberg-Fürsten gewohnt haben. Da wir über die sozialen Strukturen damals wenig wissen, belassen wir es lieber bei einer vermuteten Arbeitsteilung mit der heutigen Wüstung. Bei Eisenwaren nämlich lässt sich eine kontinuierliche Besiedlung der Widderstatt nachweisen, auf der Steinsburg hingegen nicht. Das interpretieren einige Forscher als zeitweise Abwanderung von der Steinsburg, andere lediglich als ungenügendes Fundaufkommen, wegen der stärkeren Verwitterung des Metalls zwischen den Basaltblöcken dort.
Gleichberge
Die Steinsburg und die Witterstatt verbindet zudem der Urweg von Süddeutschland ins ebenfalls dicht besiedelte Erfurter Becken. Er lässt sich vom Oppidum Manching an der Donau über die Wallanlage Alteburg bei Zeil am Main bis zur Alteburg südlich Arnstadts an Hand von aneinandergereihten Wallanlagen nachweisen. Auch prähistorische Funde entlang der Strecke, wie ein Eisenbarren aus jener Zeit am Oberhofer Pass, können das belegen. So geben allein schon die wissenschaftlichen Veröffentlichungen genug Spielraum für die Phantasie geschichtsinteressierter Mitmenschen. Doch da ist mehr: Neben der Widderstatt liegt der so genannte Rittersrain. Auf der nicht sehr mächtigen Erhebung wurden u. a. Hügelgräber aus der bronzezeitlichen Glockenbecher-Kultur gefunden. Das waren jene Altvorderen, deren Heimat man bis nach Spanien zurückverfolgen kann und die die Bronze mitgebracht haben sollen. Der Rittersrain kann aber nicht bloß ein exponierter Friedhof gewesen sein, denn rund um den Hügel zieht sich ein deutlicher, etwa zwei bis fünf Meter hoher künstlich angelegter Absatz herum. Das können nur Verteidigungsanlagen gewesen sein, etwa mit Palisaden bewehrt, denn eine Interpretation als Feldterrasse schließen Experten aus. Sie verweisen auf die vielen großen Steine auf dem Areal und die Struktur der Kante. Ein solch hoher Aufwand nur für ein Hügelgräberfeld ist nirgendwo bekannt. Die verdächtige Stufe in der Landschaft umfasst sogar den Bereich des ehemaligen Mittelwellensenders Wachenbrunn. Das kann man trotz der enormen Geländedeformation beim Bau der erst jüngst gesprengten Sendemasten auch heute noch deutlich erkennen. Die Verteidigungsanlage passt auch zum Bild der Glockenbecherleute als eine handwerkliche und kriegerische Elite der Bronzezeit, die nach Mitteleuropa vorstößt. immer mehr Historiker sagen sogar mit Pferden! So würde auch der Name Rittersrain passen, obwohl die Bezeichnung erst von den germanischen Siedlern später stammen kann. In der Widderstatt, zu Füßen des Ritterrais, wird dann wohl das Bruttosozialprodukt für die Herren erwirtschaftet worden sein. Dafür hatte das Bauerndorf länger Bestand: Etwa 500 Jahre soll das Dorf mit seiner keltischen Hochkultur durchgehalten haben.
Museum Jüchsen

Da kommen eine Menge zerbrochener Töpfe und verlorener Fibeln zusammen. Die schönsten Keramikfragmente und Gewandtspangen sind im Steinsburgmuseum bei Römhild und im Museum für Frühgeschichte in Weimar ausgestellt. Aber auch Jüchsen hat der Widderstatt eine kleine aber feine Sammlung gewidmet. Faszinierend welcher Fortschritt in den Fundstücken zum Ausdruck kommt: Da wurden mit einem Skalpell medizinische Eingriffe vorgenommen, Pinzetten können nur der Kosmetik gedient haben, ein Schlüssel dokumentiert feststehendes Eigentum und die vielen Bruchstücke der damals modernen Glasarmringe künden vom Schönheitsideal jener Tage. Dererlei Dinge fand man in Süddeutschland noch häufiger - über den Thüringer Wald hinaus kaum. Neben dem so dokumentierten Fernhandel wird auch das kulturelle Nord-Süd-Gefälle deutlich, das mit der Katastrophentheorie um 1200 v. Chr. erklärt werden kann (Siehe Blog Atlantisches Europa). So lässt sich auch das Siedlungsverhalten der aus dem nichts entstandenen Urnenfelderkultur deuten. Die Menschen scheinen sich auf Hochflächen zusammengezogen zu haben, wie die zwischen Werra und Jüchse. Es finden sich nämlich hier noch andere Plätze, die durch prähistorische Funde und Hügelgräber belegt sind oder der Widdersatt in der Geländestruktur ähneln: der Ermelsberg nördlich von Dingsleben, der Weitberg nordöstlich von Beinerstadt, Steinbruch und Kirchberg bei Exdorf, die Kuppe der Ehemaligen Großsendeanlage Wachenbrunn, der Michelsberg zwischen Belrith und Vachdorf, der Steinerne Berg südlich von Henfstädt, nur um die Größten zu nennen. Ähnlich stark prähistorisch besiedelte Höhenplatten gibt es übrigens dutzende südlich des Rennsteigs...
Doch diese Gefüge dürften sich mit dem Anmarsch der Elbgermanen Mitte des 1. Jhd. v. Chr., zunächst bis ans Mittelgebirge, langsam aufgelöst haben. Trotzdem endet die keltische Widderstatt - wie auch das Oppidum Steinsburg nicht durch Zerstörung, sondern die Siedlungen scheinen friedlich aufgegeben worden sein. Nach Lage der Dinge werden ihre Bewohner nach Süden gezogen sein. In dieser Zeit nämlich wird nicht nur Manching zum größten Oppidum Deutschlands ausgebaut, sondern es tauchen verstärkt auch Kelten im Mittelmeerraum auf. Höhepunkt: 387 v. Chr. erobern sie unter ihrem Anführer Brennus Rom.
Jüchsen - ältester Ort im Grabfeld
Bliebe nur noch die Frage zu klären, was aus unserer Widderstatt wurde. Es ist kaum anzunehmen, dass alle Menschen auswanderten, zumal die Germanen nur zögerlich über den Rennsteig kamen. Die Widderstatt wird erstmals im Jahre 800, in der Schenkung der Äbtissin Emhilt von Milz an das Kloster Fulda unter dem Namen „Widarogeltesstat“ erwähnt. Das bedeutet dreierlei: Erstens hat die Ortsbezeichnung nichts mit Schafen zu tun. Zweitens können Orte mit der Endung -stat, -statt, -städt, entgegen gängiger Lehrmeinung getrost in die Zeit vor der Zeitrechnung gelegt werden. Zweitens muss die Widderstatt auch im Mittelalter noch von gewisser Bedeutung gewesen sein. Tatsächlich fanden sich eine Münze von Kaiser Constantinus II (337 – 361), Glasperlen und eine Zwiebelknopffibel, was auf die späte römische Kaiserzeit verweist. Dazu tauchte am Rand der Grabungsfläche in einer Hausgrube mit ansonsten latènezeitlichem Fundmaterial Kammreste aus dem 6. Jhd. auf. Auch weitere Knochenkammfragmente, die Scherbe eines Knickwandtopfes und Perlen müssen eindeutig den neuen fränkischen Herrschern im Frühmittelalter zugeordnet warden. Es müssen also nach den Kelten auch erste Germanen und Franken dagewesen sein!
ehemaligen Sendemasten - dahinter Rittersrain 

Und warum hatte das Dorf, wie, sagen wir mal Harras, mit gleicher Zeitstellung, keinen Bestand bis heute? Die Archäologen halten sich mit Spekulationen wie immer zurück. Dabei scheint die Ursache eindeutig: Die alte Heer- und Handelsstraße auf der Nord-Süd-Trasse muss sich verlagert haben. Denn die mittelalterlichen Altwege mit ihren tiefen Hohlwegebündeln an den Rändern der Höhe verliefen jetzt weiter werraauf- bzw. abwärts. Das könnte mit veränderten geopolitischen Interessen der Franken zu tun gehabt haben, oder gezwungenermaßen mit dem Werradurchbruch bei Henfstädt. Hier hatten sich Jahrtausende lang vor der felsigen Flussschleife bei der heutigen Agrar GmbH Sandbänke gebildet, die einen leichten Werra-Übergang bei der so genannten Zwick ermöglichten. Das scheint sich geändert zu haben, als der Fluss durch den Felssporn „Burkhart“ bei der heutigen Gärtnerei brach. Spätestens am Ende des 1. Jahrtausends, als die meisten Handelsstraßen nur noch im Tal verliefen, waren die alten Höhenwege sowieso passé. Die lange noch genutzte „Heerstraße“ bei den Gleichbergen führte nun durch die Werra-Furten bei Themar, Trostadt und Reurith. Doch wie in alten Zeiten zog es sie zum Rennsteig hin. Doch lassen wir das Spekulieren! Das "Wüstfallen" so mancher alten Siedlungen am Urweg wird im Mittelalter dann schon durch Urkunden aufgegriffen: Die seit der Bronzezeit genutzte, nun aber germanische Siedlung „Strick“ nordöstlich von Henfstädt, der Steinshaug mit seiner erst später errichteten Kapelle über Themar, die fränkische Siedlung Gärtles nordwestlich von Henfstädt und sicher nicht zuletzt auch die Widderstatt. Viel Stoff also zum Träumen und Fabulieren…

Wer mehr wissen möchte über die Widderstatt, kann das im Jahrbuch 1991 des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Der Dreißigjährige Krieg im Henneberger Land (von C.A.)

Während Herzog Ernst der Fromme von Sachsen Gotha- Weimar und seine Brüder, Albrecht und Bernhard, der spätere Heerführer, schon 1631 mit Gustav Adolf von Schweden ein festes Schutz- und Trutzbündnis in Erfurt geschlossen hatten, bewahrte sich Herzog Johann Casimir von Sachsen- Coburg bis zu diesem Zeitpunkt seine Neutralität. Casimir hielt fest am Luthertum und übte die Schirmherrschaft über die evangelische Landeskirche konsequent aus. Trotz seiner Neutralität konnte er jedoch nicht alle Drangsale des Krieges von seinem Herzogtum abhalten.
Die fast endlosen Truppendurchzüge hatten die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Gemeinden bereits sehr stark in Anspruch genommen, aber Blut war kaum geflossen. Außer in einzelnen Fällen, wo sich Bauern mit Spießen, Dreschflegeln und Flosshaken gegen kleinere Truppenschwärme auf eigene Faust gewehrt und Recht verschafft hatten, wobei es dann auch Mord und Totschlag gab. Als aber nach dem Fürstentag in Leipzig (Februar 1631) und nach dem Mord- und Brandinferno in Magdeburg (Mai 1631) Herzog Casimir sich dem Bündnis mit Schweden anschloss und sogar schwedische Truppen als Besatzung in seine Veste Coburg aufnahm, brachen alle Schrecken des Krieges auf sein Land herein. Nun waren seine Gebiete von
Nordfranken und Südthüringen den schlimmsten Verwüstungen ausgesetzt. Die Heerstraßen, die durch sie und über den Thüringer Wald ins Thüringer Becken und nach Sachsen führten, die katholische Nachbarschaft in den angrenzenden Bistümern Würzburg und Bamberg und die drei Festungen Kronach, Coburg und Königshofen, auch wenn diese nur unbedeutende feste Plätze waren, zogen jeden Feind magisch an. Und je tapferer und länger sie sich wehrten, desto schlimmer war es für das umliegende offene Land, zumal die ersten Truppendurchzüge den Wohlstand der Bevölkerung schnell wahrgenommen hatten und diese Kunde von einer Truppe zur anderen getragen wurde. In den folgenden Jahren brach das Unheil über Franken sowie Südthüringen und damit die Mitte Deutschlands herein.
„In diesem Jahr, so beginnt die Coburger Chronik das Jahr 1632, wurde hiesiges Land durch kaiserliche Truppen durch Mord, Raub, Plünderungen, auch Verheer- und Verwüstungen aller Häuser und Schlösser und andere unzählige Unthaten und wilder Barbarenart in einen erbärmlichen Zustand versetzt.“
Schon 1631 hatte der kleine Grenzkrieg in Franken zwischen katholischen und lutherischen Gebieten begonnen. Im großen Stil wurde er nur von der katholischen Veste Kronach aus geführt, deren Besatzung ihre Streif- und Raubzüge meilenweit über das Herzogtum und selbst bis nach Steinheid auf dem Thüringer Wald hinauf ausdehnte. Auch diese durch ihren Bergbau auf Gold einst blühende Bergstadt fraß dieser Krieg, die Bergwerke verfielen und erst nach Friedensschluss 1648 erhob sich um die alte Kirche ein armer Markflecken.
Um die Kronacher zu bestrafen, rückten die Coburger mit zwei halben und zwei Viertel- Karthaunen (Kanonen) unter der Führung eines schwedischen Obersten, vor Kronach. Jedoch bekam diesen die Belagerung recht übel. Die Coburger mussten mit dem Verlust von drei Kanonen, aller Munitions- und Bagagewagen abziehen und die Kronacher wüteten schlimmer als zuvor. „Der schwarze Leutnant,“ einer ihrer Führer, war noch lange nach dem Krieg ein Schreckensname in der Bevölkerung geblieben.
Wenige Wochen zuvor schon hatte Tilly mit 8.000 Mann die Stadt Königsberg i. Franken berannt und sie auch genommen. Sie wurde angezündet und der Plünderung übergeben. Gleich darauf fielen die Kroaten von Lichtenfels aus in den Itzgrund ein und brannten und plünderten die reichen Dörfer Buch und Siemau aus. Von allen Seiten kam die fliehende Bevölkerung nach Coburg um Schutz und Brot zu suchen. Und doch war das alles erst der Anfang und das Vorspiel zum großen Drama, das nun folgte. Es begann als Wallenstein Anfang September 1632 über den Thüringer Wald, auf der sog. Frauenstarße (Schleusingen-Ilmenau) nach Sachsen ziehen wollte. Sachsen-Coburg war das erste ketzerische Land, das vom Kaiser und damit vom katholischen Glauben abgefallen war. Es sollte seinen ganzen Zorn fühlen. Um den Weg nach Schleusingen freizumachen musste er Coburg einnehmen. Als sich die Veste Coburg nicht ergab und seine stürmenden Söldner zurückschlug, loderten am Abend desselben Tages die Flammen im ganzen Land auf. Von der Veste aus sah man die Feuersäulen der Städte Rodach, Heldburg, Ummerstadt, Eisfeld, Schalkau, Neustadt und vieler Dörfer die ganze Nacht gen Himmel lodern. Während der Belagerung der Veste Coburg durch kaiserliche und bayerischen Truppen, war für die Soldateska jedermann vogelfrei und bald begann nach der allgemeinen Plünderung der umliegenden Dörfer bis in die Gegend um Eisfeld und Hildburghausen, eine allgemeine Flucht.
Der ev. Pfarrer Bötzinger aus Poppenhausen bei Heldburg hat schriftlich hinterlassen, was sich damals abspielte. Auf Bitten seiner Angehörigen und um sein Leben zu retten, war er aus seinem Dorf geflohen. Doch 8 Kroaten griffen ihn auf, zogen ihn bis aufs Hemd aus und als sie ihn als „Pfaff“ erkannten, wollten sie ihm „die Testiculos nehmen“ (Kastrieren). Ein gefangener schwedischer Söldner, den die Kroaten mitführten, konnte sie davon abhalten. „Ich lief ihnen davon, bis ich in eine Wasserrunse fiel und da liegen blieb bis es Nacht wurde. Dann schlich ich nach Seidlingstadt, fand dieses Dorf ganz leer, aber hinter einem Stadel traf ich den Rest der Gemeinde, die gerade beraten wollte, wohin man flüchten sollte. Man schenkte mir, den halb erfrorenen und halbverhungerten Pfarrer, einen Topf Milch, eine alte Lederhose voll Wagenschmiere, einen grauen und einen weißen wollenen Strumpf und ein Paar Riemenschuhe ohne Sohlen. In diesem Aufzug floh ich nach Hildburghausen, das durch ungeheure Geldzahlungen vor der Brandfackel bewahrt worden war, aber wo gleichwohl alles, was laufen konnte, zur Flucht rüstete, zumal über Tausend fremde Flüchtlinge sich dort angesammelt hatten. Ich und mein Hauff kamen um 12 Uhr Mitternacht nach Themar, welche Stadt sich mit uns aufmachte und abermals etliche 1000 mehr wurden. Der Marsch ging auf Schwarza und Steinbach zu, wo wir gegen Morgen in ein Dorf kamen, da wurden die Leute erschreckt, daß sie Haus und Hof zurückließen und mit uns fortzogen, um uns in den tiefen Wäldern zu verstecken.“
Als der Pfarrer im Jahr 1634 endlich nach unzähligen Leiden, sich nach Poppenhausen zurück wagte, war dort der größte Mangel, „ so daß wir den dodten Leuten ähnlicher sahen als den lebendigen. Viele lagen schon aus Hunger darnieder, und mußten gleichwohl alle Tage etliche Mal Fersengeld geben, um uns vor herumziehenden Söldnern zu verstecken. Obwohl wir unsere Linsen, Wicken und andere Speiß in die Gräber und alter Särge, ja unter die Todtenköpfe versteckten, wurde uns doch alles genommen.“ Evangelische Geistliche und Schullehrer waren der besonderen Verfolgung ausgesetzt. Sie sind es auch, die in Kirchenbüchern und Schulbibeln aufzeichneten, welche Gräueltaten von beider Seiten in den Ortschaften verübt wurden, wie das letzte Getreidekorn oder das letzte Stück Vieh weggenommen wurden. Der Pfarrer von Bürden starb damals am Hunger in Hildburghausen. Der Schulmeister von Veilsdorf entwich nach Thüringen, um „von gutherzigen Leuten ein Stück Brot zu erbetteln.“ Den Superintendenten von Eisfeld führten Soldaten auf den Markt, zogen ihn bis aufs Hemd aus und jagten ihn aus der Stadt. Das Dorf Stelzen, hoch am Thüringer Wald, wurde auf Michaelis 1632 bis auf Kirche, Schule und Hirtenhaus abgebrannt. Der Pfarrer meldete seine Not nach Eisfeld. Er klagt, „daß ihm nichts geblieben sei, als seine acht kleine, arme nackte, hungrige Kindlein. Er unterschrieb seinen Brief: Unterdienstwilliger und gehorsamer armer verbrannter Pfarrer daselbst.“
So war das Brennen und Morden bis 1634 durch das ganze Land gegangen, vom Itzgrund an bis in die letzten Dörfer des Thüringer Waldes, wo der Feind eingebrochen war und alles Erreichbare verwüstete. Bernhard von Sachsen -Weimar, nunmehr Heerführer unter Gustav Adolf, belagerte dreimal die Festung Kronach, um diese katholische Hochburg im Coburger Herzogtum auszulöschen. Es gelang ihm nicht. Dafür ging die Raub- und Mordlust, die Beutezüge der siegreichen Kronacher Besatzung im Land weiter. Es traf auch Königshofen, das in diesem Krieg abwechselnd bald in den Händen der Schweden (ev.) bald in denen der Kaiserlichen (kath.) war.
Coburg
Nachdem 1632 Wallenstein die Coburger Veste nicht bezwingen und er damit auf seinem Weg nach Sachsen die Frauenstraße über den Rennsteig nicht benutzen konnte, marschierte er mit seinen Truppen durch die Saalepforte nach Leipzig, um in der Schlacht bei Lützen von Gustav Adolf und Bernhard von Sachsen - Weimar geschlagen zu werden. In diesem Kampf verlor der Schwedenkönig sein Leben.
Noch höher stieg in den nachfolgenden Jahren das Elend des Landes, als die Veste Coburg selbst in die Hände der Kaiserlichen fiel. Nach einer erneuten Belagerung am 20. Oktober 1634 wurde sie am 28. März 1635 dem kaiserlichen General von Lamboy übergeben. „Not und Elend, schreibt im Jahr 1635 die Chronik, waren nun aufs Höchste gestiegen. Das Land war ganz mit fremden Soldaten überschwemmt.. Im Amt Römhild lagen die tunischen, gallischen, hatzfeldischen und andere Regimenter, in Heldburg adelshofisches und anderes Volk, in Neustadt und Eisfeld lagen Ungarn und des Oberst Forgatsch Kroaten, in den Coburger Dörfern die Lambboysche Reiterei. Dazu kam noch Feldmarschall Piccolomini, der mit vielen Geschützen aus der Veste Coburg nach Königshofen zog, um die Stadt den Schweden, die sie mittlerweile eingenommen hatten, wieder zu entreißen. Generalfeldzeugmeister Marchese de Grana brach von Kronach her ins Land. Wer noch fliehen konnte, suchte in der Fremde, die meisten in Thüringen, das Leben zu fristen. Fast alle Schulen blieben leer, weil keine Kinder mehr vorhanden waren.. Viele Pfarrer mussten sich von Tagelöhnerarbeiten, von Holzhacken und Dreschen ernähren, wo es überhaupt noch was zum dreschen gab, denn auch das meiste Land blieb öde liegen, überwucherte mit Dornen und Disteln. Die meisten Häuser wurden verwüstet, die Scheunen selbst rings um die Stadt Coburg abgerissen und von Freund und Feind als Brennholz genutzt. Außerhalb der Stadt Coburg war im ganzen Land kein ganzes Haus mehr zu finden und sind damals mehr als fünfhundert Kinder auf den Gassen todt gefunden worden, ohne die alten Leute, die der Hunger gefressen. Es war auch sonderlich erbärmlich, daß eine Frau von Roßfeld eingebracht wurde, welche ihren Nachbarn ermordet hatte, um ihn zu essen.“
Johann Georg, Herzog von Sachsen und sein Feldherr, hatten während des ganzen Jahres 1634 versucht, mit Kaiser Ferdinand Frieden zu schließen und das sehr zum Ärger der Schweden und Länder, die bisher gegen den Kaiser gekämpft hatten. Auch Ferdinand war bereit, wogegen er sich vor vier Jahren noch gesträubt hatte, das Restitutionsedikt (Verbot des Protestantismus) aufzuheben. Auf protestantischer Seite zeterten vor allem der Kurfürst von der Pfalz und der von Brandenburg über den Verrat der Sachsen. Jedoch war deren Abfall unausbleiblich.
Als endlich der Abschluss des Prager Friedens zwischen dem Kaiser und Sachsen, auch dem Coburger Land einige Ruhe brachte, kehrten viele der noch lebenden Flüchtlingen in ihre Dörfer zurück. Johann Casimir war 1633 gestorben und die Regierung hatte sein Bruder Johann Ernst übernommen. Er setzte alle Mittel ein, um den Anbau der verödeten Fluren wieder zu bewerkstelligen. Er hatte im Jahr 1636 bedeutende Getreidevorräte in Thüringen angekauft und forderte nun die Ämter und Ortsgerichte auf, den Bedarf jeder Gemeinde anzumelden. Auch sollten sie angeben, welche Transportmittel sie zum Herbeischaffen des Getreides aus Thüringen stellen könnten und über den Zustand der Fuhrwerke und anderer Transportmittel in den Dörfern berichten.
Trotz mehrfacher Mahnung der Regierung in Coburg verging das ganze Jahr 1636, ohne dass die Gemeinden reagiert hätten. Erst im April 1637 werden die Transportmittel angemeldet. Es war so gut wie nichts mehr an Fuhrwerken vorhanden und die Bauern sahen sich auch körperlich und gesundheitlich nicht in der Lage, das Getreide in Thüringen abzuholen. Ein vorhandenes Verzeichnis in Coburg aus der damaligen Zeit lässt den entsetzlichen Zustand des Landes ahnen.
In den fünfzehn Dörfern des Cent Hildburghausen sind nur vier Karrenführer aufzutreiben, außerdem sechsunddreißig Schubkarren und zweiundsiebzig Träger. In 13 Dörfer des Gerichts Heldburg gar nur eine Karre und außerdem 36 Schubkarren und 70 Träger. Dazu wird aus Hildburghausen berichtet: „Die Leute werden so urplötzlich krank, als daß dieselben dahin sterben ohne das neue Korn genießen zu können, auf das sie sich lange gefreuet. Der liebe Gott wende es zum Besten!“ Seuchen und Krankheiten verbreiteten sich durch das Kriegsvolk rasend schnell.
Ein anderes Aktenstück beinhaltet den Bestand an Pferden und Mannschaften und was Wüst steht in den Gemeinden. Dort kann man lesen: „In Colberg ist kein Pferd noch sonst lebendig Vieh allda. Es sind noch 4 Männer und 3 Wittweiber am Leben und stehen 28 Wohnhäuser leer. In Rieth ist nicht mehr als ein Pferd in der Gemeinde. Daselbst stehen 60 Häuser ledig und es sind noch 20 Einwohner, davon 11 Männer am Leben. In Lindenau sind noch in Allem 12 Männer und 3 Wittwen vorhanden und stehen noch 58 Häuser leer.“ Am allerschlimmsten sah es in vier anderen Dörfern des Heldburger Gerichts, in Poppenhausen, Käßlitz, Schweikershausen und Seidingstadt aus. In Seidingstadt lebten noch 1 Mann und 2 Wittweiber, in Poppenhausen noch 3 Männer, in Käßlitz noch 4 Männer und in Schweikershausen lebte noch ein einziger Mann. Im ganzen Gerichtsbezirk Heldburg sind lediglich 177 Acker mit Wintergetreide, 75 Acker mit Sommergetreide bestellt. Für 49 Acker fehlt das Saatgut. Es sind insgesamt vorhanden: 8 Pferde, 116 Männer, 54 Wittweiber und 550 leere Häuser.
Im Centgerichtsbezirk Hildburghausen sieht es nicht anders aus. 2/3 der Bevölkerung ist verschwunden. Im Ganzen sind nur 713 Acker angebaut, 3228 Acker sind als Ödfeld bezeichnet, liegen also brach. 345 Häuser stehen leer und wo einst 6000 Menschen lebten, sind noch 313 vorhanden (1 Acker = ca. 0,21 ha).
Für die Verwüstungen und die allseitige Not sind beide Kriegsparteien verantwortlich zu machen. Auch die Schweden und ihre Verbündeten hausten am Ende des Krieges in den protestantischen Ländern ohne Gnade. Sie begingen zum Teil wildere Gräuel und Menschenmarter (Schwedentrunk= den Leuten wird zur Folter zwangsweise Jauche eingetrichtert) als die Kroaten. Die Jugend hatte noch keinen Frieden gesehen und verrohte in diesen wilden Zeiten.
Der schwedischer Oberst Phuls berichtet 1648 vom Lande Coburg: „Es ist durch die ausgestandene schwere Kriegslast dahin gediehen, daß Hunde, Katzen, Ratten, Mäuse todtes Aas, um das sich die Menschen schlagen, und andere abscheuliche Dinge dem armen Landvolk zur Speise dient. Sie ernähren sich mit Trebern, Leinkuchen, Kleie und Eichelbrod, gleich den unvernünftigen Tieren. Aber auch davon ist nicht genug vorhanden und so wollten die Mütter ihre Kinder angehen und schlachten. Und wirklich hat eine Frau zu Roßfeld, Anna Hessin, zwei Kinder ermordet, Würste davon gemacht und dann gegessen. Man hielt sie für eine Hexe, brachte sie ins Gefängnis und wollte sie eben mit glühenden Zangen zerfetzen und dann verbrennen, als sie noch zur rechten Zeit im Gefängnis starb. Ihr Körper wurde dennoch auf der Gerichtsstätte verbrannt. So wütete der Hunger bis zum Wahnsinn.!“
Tatsächlich umgibt den 30-jährigen Krieg eine Legende, die ihn in der deutschen, wenn nicht gar in der europäischen Geschichte einzigartig macht. Jedes Übel damals wurde bereitwillig dem Dreißigjährigen Krieg zugeschrieben. Es war bis zur Mitte des 19. Jh. keine Schätzung der Verluste an Leben und Gütern zu übertrieben, um nicht geglaubt zu werden. Man nahm an, dass die Bevölkerung um drei Viertel gesunken und der Verlust an Vieh und an sonstigen Gut noch weitaus größer gewesen sei, dass die Landwirtschaft in einigen Gegenden erst nach 2 Jahrhunderten wieder zur vormaligen Blüte gebracht und der Handel in vielen Städten ganz vernichtet worden sei. Wie übertrieben die Berichte und Zahlen der Zeitgenossen auch sein mögen, sie vermitteln uns doch wenigstens einen allgemeinen Eindruck von den Zuständen, die während des Krieges herrschten. Sicher ist, ob nun Deutschland drei Viertel oder einen kleineren Teil seiner Bevölkerung verlor, die Verluste und Schäden in allen Bereichen waren enorm. So waren zum Beispiel die Städte Minden, Hameln, Göttingen und Magdeburg nach ihren eigenen Angaben nur noch ein Trümmerhaufen.

Schweden allein wurde beschuldigt, fast Zweitausend Schlösser, Achtzehntausend Dörfer und über Fünfzehnhundert Städte in ganz Deutschland zerstört zu haben. Die kaiserliche Seite hat nie eine Erhebung durchgeführt. Auch die Verluste der Söldnerarmeen ist nie ermittelt worden. Der tatsächliche Bevölkerungsverlust lässt sich auch nur schwer und genau feststellen,, da aus vielen Regionen die Menschen nicht nur flohen, sondern für immer Abwanderten und nicht wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Historiker gehen heute davon aus, dass zwei Fünftel in den Stä
dten und fünfzig Prozent der Bevölkerung auf dem Land den Krieg nicht überlebten. Der Verlust an Ackerboden und Vieh ist kaum abzuschätzen, da verlässliche Zahlen für die Zeit vor und nach dem Krieg selten sind. Dem Kriegsvolk (beide Seiten zeitweise bis zu 200.000 Mann), gelang es, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung, bis zum Kriegsende aus dem Land zu leben. Kaum ein Wunder, dass nach 30 Jahren Deutschland meist kahl gefressen war.
Viel Arbeit, um Deutschland wieder aufzubauen. Dabei machte sich der Geldmangel in einigen Gebieten stark bemerkbar. Allerdings waren die Verluste an Geld niemals so groß, wie man aus den Klagen der Behörden schließen könnte. Viel von dem Geld, das an Kriegskontribution den Städten und Gemeinden abgenommen wurde, wechselte lediglich den Eigentümer und floss als Zahlung für die Bedürfnisse der Söldner in die Taschen der Bevölkerung besonders der Händler zurück.
Wie in jedem Krieg gab es auch Landstriche und Städte, die kaum einen Rückschlag erlitten und einige wenige zogen sogar aus dem Krieg ihren Vorteil und machten Gewinne. Während Leipzig schon 1625 bankrott ging, gelang es z. B. Bremen den englischen Leinwandmarkt für sich zu gewinnen. Hamburg hatte den Zucker und Gewürzhandel seiner Rivalen an sich gerissen und war aus dem Dreißigjährigen Krieg als eine der angesehensten und reichsten Städte Europas hervorgegangen. Die Grafschaft Oldenburg konnte, dank der Wendigkeit seiner Obrigkeit, die ihre Bündnisse ständig wechselten und damit meist auf der Seite des Siegers stand, eine Besetzung des Landes vermeiden. Auch Frankfurt a. Main war nach einige Jahren der Besetzung wieder aufgeblüht. Dresden nahm viele Flüchtlinge auf und hatte am Ende des Krieges bevölkerungsmäßig weder zu - noch abgenommen.
Vorübergehend konnte auch die Bauernschaft ihre Lage etwas verbessern. In der Vorkriegszeit durften sie ja nicht so ohne weiteres ihre Dörfer verlassen. Soweit sie nicht Leibeigene waren, hatten sie ein persönliches Abhängigkeitsverhältnis zu den Grundherren, die sie schamlos ausplünderten.. In den Wirren des Krieges waren viele Bauern in die Städte geraten, wo sie meist ein Gewerbe erlernten. Einige kehrten in die Heimat zurück und konnten mit ihrem Können auch ihre Einkünfte verbessern. Der Adel musste im Krieg und einige Zeit danach Zugeständnisse an die Bauern machen, da es fast keine mehr gab, die ihnen die Arbeit auf ihren Grund und Boden sowie auf ihren Güter machten und die ihnen Abgaben zahlen konnten. Solange das dauerte, war der Landadel hilflos diesen Vorgängen ausgeliefert. Aber bald nach dem Krieg, als sich die Bauernschaft zu erholen begann, änderte sich das. In Sachsen zwangen die Landedelleute den Kurfürsten eine Reihe von Gesetzen ab, die dem Bauer erneut das Verlassen seines Dorfes verbot. So wurden auch anderenorts die Besserungen, die der Krieg gebracht hatte, zunichte gemacht.
Ganz eindeutig: Für Deutschland war der Krieg ein restloses Unheil; er war es auch für das übrige Europa, wenngleich auf eine andere Art. Der Friede, der die Streitigkeiten in Deutschland verhältnismäßig erfolgreich beendet hatte, weil die Leidenschaften abgekühlt waren, versagte bei der Lösung der europäischen Schwierigkeiten völlig. Die Abtretung des Elsasses führte geradewegs zu einem neuen Krieg; die Besitzname von halb Pommern durch die schwedische Krone war ein einziges Desaster. Das Anwachsen des französischen Einflusses am Rhein und die Besetzung strategisch wichtiger Grenzpunkte, untergruben die Friedensvereinbarungen. Die Mündungen vier großen Flüsse waren in fremden Händen, das Rheindelta unterstand Spaniern und Holländern, die Elbe den Dänen, die Oder den Schweden und die Weichsel den Polen.. Der westfälische Friede, der in der europäischen Geschichte als epochemachend beschrieben worden ist, legte, wie die meisten Friedensabschlüsse, durch die Umgestaltung der Landkarte Europas, die Keime zum nächsten Krieg.
In Polen schrieb ein geflüchteter protestantischer Kirchenfürst: „ Sie haben uns in den Verträgen von Osnabrück hingeopfert...“ Der Vatikan verdammte feierlich den Frieden als „null und nichtig, ungültig, unbillig, ungerecht, verdammenswert, verwerflich, nichtssagend, inhalts- und wirkungslos für alle Zeiten.“ Nach 30 Jahren Krieg waren die extremen Protestanten und Katholiken noch immer nicht zufrieden. Wir sehen, nachdem so viele Menschenleben für einen so blödsinnigen Zweck vergeudet worden waren, hatte selbst die kirchliche Obrigkeit und andere Staatenlenker noch nicht begriffen, dass Glaubensstreitigkeiten nicht durch einen Krieg gelöst werden können. Sie waren aber verblendet genug, um immer wieder andere Kriegsgründe zu finden.
Die vielfache Behauptung, der deutsche Militarismus sei auf den Dreißigjährigen Krieg zurückzuführen, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Tatsächlich haben die Deutschen schon immer eine große Zahl militärischer Abenteuer hervorgebracht. Von den Kreuzzügen bis zu den beiden Weltkriegen im 20. Jh.. Wobei immer das Volk sklavisch ihr Geschick erduldete, auf die Schlachtbank geführt zu werden. Glaubte man nach dem 2. Weltkrieg, dem sei nicht mehr so, belehrt uns die Gegenwart das Gegenteil, Natürlich, die Generation, die den 2. Weltkrieg mit über 50 Millionen Toten erlebten, ist im Wesentlichen ausgestorben.
Die Verdummung der Massen, die extensiv und wissentlich betrieben wird, trägt Früchte. Ein großer Teil der Deutschen (2014 über 40%) befürwortet ein militärisches Eingreifen in Konflikte außerhalb Deutschland, um den Einfluss (sprich Größenwahn der Deutschen) wieder geltend zu machen. Man spielt bewusst mit dem Feuer. Man hat selbst nach zwei verheerenden Weltkriegen, nach Afghanistan, Irak Ukraine und dem sog. „Arabischen Frühling“, bei dem die Geheimdienste - wie überall - ihre Finger mit im Spiel hatten, nicht gelernt, dass Krieg nur Krieg hervorbringt. Die enormen Flüchtlingszahlen (2014/15) sollten eine ernsthafte Warnung sein.

 Quelle: „Der 30jährige Krieg“ v. C.V. Wedgwood -List Verlag

Henneberger Heimatblätter 1924