Mittwoch, 22. Februar 2017

Herzog-Heden-Wege als Altstraßen über den Thüringer Wald?

Volker Schimpf aus Leipzig hat mal die möglichen Heden-Orte in Thüringen untersucht. Das war mir Inspiration, auch nach seinen Wegen zu fragen.
Die neuen Herren in Thüringen und Franken
Heden II. war als Herzog die erste historische Persönlichkeit, von der man nachweisen konnte, dass sie gleichzeitig in Würzburg und Thüringen das Sagen hatte. (Siehe Post: „Die Franken kommen nach Franken“) Manches deutet darauf hin, dass schon sein Urgroßvater Radulf - in anderen Quellen Hruodi - diese Achse betrieben hatte, aber darüber streiten die Gelehrten. Von letzterem wissen wir, dass er in Thüringen, wahrscheinlich auf der alten Königsburg von Herbsleben residiert hatte. Von dort aus legte er sich erfolgreich sogar mit dem Fränkischen König an. Sein Sohn Heden I. wird schon als Herzog in Thüringen und Würzburg genannt. Von seinem Nachkommen Gosbert wissen wir, dass er am Main regierte. Heden II. hingegen hat nachgewiesenermaßen  sowohl in Würzburg als auch im Thüringer Becken agiert. Dabei hinterließ er bedeutsame Spuren, doch dazu später. Wenn wir davon ausgehen, dass in jenen unruhigen Jahren der Boss immer mal nach seinen Schäfchen geguckt haben wird, musste er irgendwo auf bekannten, also noch älteren Wegen über den Rennsteig marschiert sein (Siehe Post: „Der Rennsteig als prähistorischer Höhenweg“ (*). Im Post "Altstraßen selber finden" (**) sind die Prinzipien beschrieben, nach denen solche Höhenwege fast zwangsweise entstehen. Nun gibt es zwar viele Wegebündel von Würzburg über das nördliche Mittelgebirge, im Wesentlichen aber nur drei Trassen, auf denen man schnell, sicher und weitestgehend trockenen Fußes mit Pferd, Ochs‘ und Wagen vorankam. Ich nenne sie Hedenweg 1, 2 und 3. (Bitte anklicken!) Bei Google-Maps kann man sie bis auf ein paar Meter genau nachvollziehen (Nicht vergessen: „Topographie“ einschalten, noch besser: KML-Dateien exportieren und bei Google-Earth öffnen!).
Die 3 Heden-Wege auf Google-Maps
Auf die Verzweigungen werde ich noch eingehen: Nach Häufigkeit und Tiefe der Hohlwege, sowie den geschichtlichen Zusammenhängen, scheinen das die Hauptrouten gewesen zu sein. Die ersten beiden mussten jeweils Fränkische Saale und Werra überwinden, der Dritte nur die Werra, unter Umständen noch die Schleuse. Dafür hatte er ein paar Bäche mehr auf seinem Weg. Alle drei Routen scheinen viel älter zu sein, weil neben den frühmittelalterlichen, sprich fränkischen Sicherungsburgen auch bronzezeitliche, keltische und altgermanische befestigte Siedlungen am Weg liegen. Die hier eingezeichneten Befestigungen scheinen bei Heden schon vorhanden gewesen zu sein. Wie man sie erkennen kann, siehe oben (**). Dort, wo keine archäologischen Funde vorliegen, kann das Alter nur an Flurnamen und Bodenstrukturen festmacht werden. Dementsprechend sind die markanten Punkte wie folgt grafisch dargestellt, bei bekannten Ausgrabungen auch mit Zeitangabe:
  • Bergspitzen: Wälle und Schanzen nach den noch heute sichtbaren Bodenstrukturen, aus Bronze-, Urnenfelder-, bis keltischer Zeit
  • Kleine Burgen: germanische und frühmittelalterlicher Befestigungen, die anfangs aus Holz, später aus Stein gebaut wurden.
  • Drei Punkte: Weitere Besonderheiten, die mit dem Weg in Verbindung stehen könnten.
Franken-Mode
Eigentlich sollte die Karte selbst erklärend sein. Aber die Art, wie sie die uns bekannte Historie ergänzt, lässt jeden Geschichteinteressierten frohlocken. Z. B. erklärt Heden-Weg Nr. 2, warum die Henneberger Grafen um 1000 zwangsläufig das Burggrafenamt in Würzburg einnehmen mussten: Mit der Lage seiner Burg hätte er leicht den Herzogsweg blockieren können.
Heden lebte in einer Zeit, da die Siedlungspolitik der Franken immer mehr Menschen zumindest in die fruchtbaren Regionen dies- und jenseits des Thüringer Waldes brachte. Deren Wege verliefen bereits fast ausschließlich in den Tälern. Fernwege aber scheinen weiter die langen und trockenen Höhenrücken genutzt zu haben, besonders wenn sie an das Mittelgebirge heranführten, wo man sowieso hoch musste.
Heden II. unterzeichnete 704 in Virteburch - dem heutigen Würzburg - eine berühmte Urkunde. Sie gilt als das älteste Schriftstück, das Thüringen betrifft. Darin vermacht er Güter in Arnstadt, Mühlberg und Monhore, wahrscheinlich Monraburg, an einen Bischof Willibrord. Bezeugt von seiner Frau Theotrada und Sohn Thuring. Noch einmal beurkundete Heden II., genannt auch der Jüngere, in Würzburg 716. Diesmal geht es um Besitz im mainfränkischen Hammelburg. Auch das liegt an unserem Weg. So kann man zumindest die partiellen Ziele unseres reisenden Würdenträgers gut ausmachen (Rot unterlegt).
Maienburg: Damals noch nicht aus Stein und ohne Brücke
Der Marienberg von Würzburg scheint, entsprechend jüngsten Ausgrabungen, ein keltisches Oppidum vergleichbar mit der Steinsburg in Thüringen gewesen zu sein. Nach der keltischen Südwanderung zwischen 300 und 50 v.Chr. müssen sich um die Zeitenwende die Sueben (später als Schwaben bezeichnet) breit gemacht haben. Diese werden auch gerne mit den Alemannen gleichgesetzt, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten. Gegen 250 unserer Zeit soll es dann ein zweihundertjähriges Intermezzo der germanischen Burgunden hier gegeben haben. Die Hermunduren, ebenfalls von der unteren Elbe, scheinen hingegen nördlich des Mains geblieben zu sein. Dort wurden sie um 400 von den Thüringern überrollt. Diese wiederum bekamen dann ja 531 von den Franken eins über die Mütze, die ein paar Jahre zuvor schon die Alemannen zermalmt hatten. So wird Würzburg auch eines ihrer Zentren für die Invasion ins Thüringer Reich gewesen sein, das sich damals vom Harz bis zum Main erstreckte. Es scheint also nicht verwunderlich, dass alles Land dazwischen auch ein einheitliches fränkisches Herzogtum hergeben musste (Siehe Post: „Die Franken kommen nach Franken“). Das Geschlecht der Hedenen scheint da eine maßgebliche Rolle gespielt zu haben. Seit dem Jahr 604 n. Chr. wird Würzburg ja als fränkischer Herzogssitz bezeichnet. Für unsere Hedenwege sollten wir uns noch die erste urkundliche Erwähnung Würzburgs 704 und die Erhebung zum Bischofssitz durch Bonifatius 742 merken.
In der Furt
Begleiten wir Heden II. also 716 auf eine seiner Reisen nach Norden. Ausgangspunkt wird seine damals noch hölzerne Residenz auf dem Marienberg gewesen sein, wo er gerade eine kleine Kapelle als Eigenkirche hatte errichten lassen. Irgendwo bei der Alten Mainbrücke scheint eine Furt gewesen zu sein. Mit zusätzlichen Vorspann-Pferden ging es den Rimpaer Steig hoch (Hohlwege) und dann immer den Höhenrücken entlang nach Norden. Die Orte und Burgen am Weg gab es natürlich noch nicht. Am Wolfsbühl informiert heute immerhin eine Tafel über die so genannte Hohe Straße als jahrhundertealter Fernweg und wichtigste Lebensader für Würzburg. Heden ließ hier seine in Mode kommenden Steigbügel kürzer stellen, die ihm ein fränkischer Gesandter aus Konstantinopel mitgebracht hatte. Die ihn begleitenden Ritter hingegen mussten immer noch ohne die Reithilfen auskommen. Als sich für Heden der Tag neigte, hatte er 25 Kilometer geschafft und stand kurz vor Arnstein. Die kleine Kirchenburg dort könnte damals schon eine Befestigung zum Schutz der notwendigen Werne-Furt getragen haben. Platz, Schutz und Wasser für die Übernachtung eines Heerzuges bot aber nur die alte Keltensiedlung auf dem Eulenberg (Durch Luftbilder und riesige Steinwälle erkennbar). Weiter ging es am nächsten Tag entlang der Wasserscheide, bei Vasbühl gab es Mittag und ein paar einheimische Bauern erzählten Heden von ihren keltischen Vorfahren. Nach dem üblichen Tagespensum steht Heden dann auf der Anhöhe zwischen Schweinfurt und Hammelburg. Beide Orte muss es damals schon gegeben haben, denn der Herzog besaß dort Grund und Boden. Nichts deutet hier oben zunächst auf eine Wachstation hin. Wer aber genauer hinschaut, erkennt in der von Feldern zerfressenen Anhöhe um den späteren Kützberger Wartturm die rundum führende Schanzabsätze. Dort müssen die müden Krieger geschlafen haben.
Thüringen als Ursprungsland  des Herzogtums Franken?
So geht es immer weiter: Große prähistorische, wahrscheinlich keltische Wälle, wechseln sich mit kleinen frühmittelalterlichen ab, der Mindestabstand 25 Kilometer. Das jeweils genaue Alter  könnte natürlich nur durch Grabungen ermittelt werden. Zum nächsten Mittag bei Eltinghausen hätte Heden beispielsweise konkrete Anweisung geben können, die Wachstation hier weiter auszubauen. Die Endung -hausen wird allgemein den Franken zugerechnet und hier gibt es sogar die urkundliche Jahreszahl 777. Bei der nächsten Übernachtung zwischen Nüdlingen und Münnerstadt konnte Heden zwischen mehreren Altsiedlungen wählen. An dem möglichen Abzweig zum Heden-Weg 2 erinnert heute nur noch eine kleine Kapelle. Wir wenden uns nach Nordwesten. Das Dreieck muss aber in frühen Zeiten von den vermeintlichen Schanzen am "Questenberg" bewacht worden sein, ein Name, den er  mit dutzenden anderen prähistorischen Höhensiedlungen im deutschsprachigen Raum teilt. Lassen wir Heden auf dem so genannten Höhenweg zur Saalefurt in Steinach weiterziehen, die ebenfalls rundherum seit Jahrtausenden gesichert scheint.
Fränkische Lebensart
Hier mussten für den weiteren Aufstieg zum Kreuzberg wieder zusätzliche Pferde vor die Karren gespannt werden. Denn bis zur „Eisernen Hand“ dominieren Anstiege und dafür waren die Vorspanndienste unentbehrlich. Den Flurnamen "Eiserne Hand" gibt es wieder Dutzende Male in Deutschland und er wird von einigen Sprachforschern als „aithan anned“, keltisch „Berghaus“, interpretiert. Andere Altwegeforscher sehen hier "Mehrfachgablungen des Weges, wie bei einer Hand". Die ganze Zeit beim Aufstieg bis fast auf die Spitze des Kreuzberges fragte sich Heden, warum es keinen einfacheren Weg gäbe. Oben erkannte er aber, dass nur diese Trasse zum Urhöhenweg Main-Spessart-Rhön-Rennsteig führt. Das Dreieck wird vom Arnsberg bewacht, altgermanisch „Adler, Herrscher“ (Auf dem alles überragenden Kreuzberg konnte ich keine Schanzen ausmachen). Drüben in der Hochrhön erwartet uns zunächst die Schwedenschanze, deren sternförmige Konstruktion aber ins 16. Jhd. verweist. Westlich davon findet man jedoch wieder ein wahres Portbury alter befestigter Bergsiedlungen. Deren mögliche Versorgung und Landwirtschaft so weit oben wurde beim Urweg Rennsteig (*) diskutiert. In diese Richtung zog Heden nun stetig weiter. Am so genannten Ellenbogen (altgermanisch "Wegabzweig", nach Obermüllers Keltenwörterbuch “Schafe Ecke“) musste der Tross abbiegen. Geradeaus ging es nach Vacha, ein wahrscheinlich noch älterer Urweg, der heute aber einen Umweg bedeuten würde. Heden schlug also einen kurzen Haken nach Osten, um den östlichen Rhön-Höhenzug Richtung Werra zu nutzen. Auch im weiteren Verlauf lagen sowohl prähistorische als auch frühmittelalterliche Wälle rechts und links seines Weges. Ob er die Furt beim damals schon existierenden Salzungen und die bei Breitungen genutzt hat, ist eigentlich egal. Beide führen trockenen Fußes zum heutigen Sallmannshäuser Rennsteig, einem Höhenzug, der auch den Vachaer Urweg über das Mittelgebirge führt. In der Nähe von Waldfisch übergab ihm einer seiner Mannen eine hübsche Bronze-Gewandt-Nadel (2500 v. Chr.), die er gerade aus einem der sichtbaren alten Hügelgräber ringsum ausgegraben hatte. Auch die folgenden kleinen Burgstellen Alter und Neuer Ringelstein könnten damals schon existiert haben, bewachen sie doch den eben genannten Sallmannshäuser Höhenstieg. Dieser kann als Verlängerung der Brabanter Straße aus Mainz und Frankfurt bzw. Marburg kommend, angesehen werden. Heden könnte als gewiefter Stratege schon damals die Bedeutung dieser alten Heerstraße vom Rhein ins Thüringer Becken erkannt haben (spätere Via Regia). Sein friedlicher Kontakt zu den Slawen an der Saale ermöglichte einen lukrativen Transit weiter nach Osten. Obwohl die Araber inzwischen fast die gesamte Iberische Halbinsel eingenommen hatten, schien der Warenfluss aus Südwesten nicht zu versiegen. Erst jüngst hatte ein Ritter von dort eine westgotische Bügelfibel mitgebracht. Heden wollte diesen Warenstrom sicher kontrollieren. Dafür waren die Ringelsteine prädestiniert.
Rennsteig: Grenze einer ursprünglich einheitlichen Region?
Oben auf dem Rennsteig zog der Tross dann ein paar Kilometer nach Osten, um wieder auf einem Bergrücken ins Thüringer Becken hinab stoßen zu können (Die Wartburg entstand erst 300 Jahre später, wird aber als keltischer Kultplatz eingeordnet.). Doch welches Ziel strebte er an? Wo stand Hedens Residenz, das thüringische Gegenstück zum Marienberg in Würzburg? Erfurt war ja damals noch ein unbedeutendes kleines Kaff. Die Hedenburg könnte in Herbsleben gestanden haben, wo der Historiker Reinhold Andert die alte Thüringer Königsburg mutmaßt. Wirklich deuten die kreisrunde Struktur der Burg dort, sowie die Städt- und -leben-Dörfer in eine noch fernere germanische Vergangenheit, weiter jedenfalls als 531, als Hedens Urahnen im Heerzug von König Theuderich die Thüringer an der Unstrut geschlagen hatten. Andere Forscher führen da aber Burgscheidungen oder die Runneburg in Weißensee an. Ich hingegen vermute den Heden-Sitz auf den Seebergen östlich von Gotha. Nur sie entsprechen hinsichtlich strategischer Lage, Befestigungspotential, früher und frühmittelalterlicher Geschichte dem Pedant in Würzburg (Der Berg von Schloss Friedenstein in Gotha ist zu flach.).
Burg Herbsleben: Altthüringer Residenz
zwischen Unstrut und Schlufer?
Heden, von mir aus in Herbsleben angekommen, war nun in 10 Tagen über 200 km gereist und freute sich auf ein warmes Bad. Durch die Täler, wie heute, hätte er sicher doppelt so viel Zeit gebraucht. In den nächsten Tagen inspizierte er erst mal seine Besitzungen um Mühlberg.
Zurück lasse ich Heden auf dem Weg Nummer 2 marschieren. Dazu könnte er einen der Höhenzüge westlich und östlich von Tambach benutzt haben. Wahrscheinlich waren damals die vielen „Herren“-Bezeichnungen dort für Wege und Berge aufgekommen. Unter Nutzung der Altschanzen Donnershauk und Mittlerer Höhenberg zog Heden jeweils ein Stück den Rennsteig entlang, um dann auf dem Bergrücken nördlich von Rotterode nach Süden bis an die Werra hinabzustoßen. Eine Ideallinie, die nicht ein einiges mal ins Tal abglitt. Heden könnte mit seinen Übernachtungslagern am Weg die vielen späteren Königsgüter hier begründet haben. (Eine Alternative macht die Strecke Schmalkalden-Wasungen auf.) Über die Werra wird es meist zwischen Meiningen und Walldorf gegangen sein, aber auch rechts und links davon sind jede Menge Furten angezeigt. Über dem Tal wimmelt es nur so von frühzeitlichen Befestigungen und Hohlwegen. Hinter Meiningen scheint der Verkehr zu Hedens Zeiten noch über die Bergkette zur Wallburg Warte geführt zu haben.
Henneburg: Schon vor der Zeitenwende besiedelt
Nach 1000 aber, als sich die Grafen von Henneberg zu regionaler Größe aufschwangen, muss sich der Weg weiter in den Osten verlagert haben (Auch die Variante: Rohr-Furt-Maßfeld ist denkbar). Die Stammburg der Henneberger liegt sicher nicht zufällig am alten Heerstrang nach Norden. Seine Kontrolle wird - wie gesagt - in engem Zusammenhang mit dem Burggrafenamt stehen, dass die Henneberger 300 Jahre lang in Würzburg innehatten. Die vielen tiefen Hohlwege zwischen Henneberg und Würzburg legen darüber beredtes Zeugnis ab. Auch an diesem Weg nach Süden liegen nicht wenige prähistorische und frühmittelalterliche Sicherungsburgen. Auffällig ist allerdings eine mehrfache Zwangsquerung von Zuflüssen der fränkischen Saale, wie sie sonst nur in Ausnahmefällen üblich war. Bis jetzt bin ich noch nicht auf die Hintergründe gekommen. Jedenfalls furtet der Henneberger Strang die Saale bei Niederlauter (hinter der späteren Königspfalz Salz), um oberhalb von Reichenbach wieder auf Hedenweg Nummer 1 zu stoßen.
Das spätere Schweinfurt - genau wie es der Name besagt?
Der 3. Hedenweg von Würzburg nach Norden muss sich frühzeitig vom ersten Richtung Osten gelöst haben, wahrscheinlich beim Dörfchen Hausen. Er scheint sich konsequent zischen Main und Wern gehalten zu haben, obwohl der Weg als Höhenzug schwer auszumachen ist. Schweinfurt, seit dem Neolitikum besiedelt, scheint damals regelrecht aufgeblüht zu sein. Trotz aller weitschweifenden Versuche den markanten Namen herzuleiten, wird die Erklärung ganz einfach sein. Die Thüringer mussten nach der verlorenen Schlacht 531 jedes Jahr 500 Schweine an die Franken als Tribut liefern. Das ging ein halbes Jahrhundert so. Die meisten Rüsseltiere sind vermutlich in die fränkische Hauptresidenz nach Würzburg gebracht worden und dazu mussten sie auch durch die nach ihnen benannte Furt.
Franken und Thüringen ein einheitliches Reich?
Heden wird von hier nach Norden nicht mehr über die alten Höhenwege von Haardt, Steinberg und Hochfeld gereist sein, sondern durch das Höllental. Die fränkischen "Hausen"-Dörfer dahinter reihen sich wie eine Perlenkette aneinander. Bei Stadt Lauringen aber ging es sicher wieder auf einen der Höhenzüge zu den Hassbergen hoch. Darauf deuten die Flurbezeichnungen und Hohlwege hin. Das Becken von Bad Königshofen könnte nämlich noch stark versumpft gewesen sein. Die ab hier immer öfter anzutreffenden „Königs“-Namen sind sicherlich erst nach dem 10. Jhd. entstanden, als die ersten Deutschen Könige hier durchzogen. Sie hatten zwar jede Menge Marschoptionen, aber die tiefsten Hohlwege führen westlich der Gleichberge zur Heerstraße hoch. Hier auf der Hochfläche zischen Werra und Jüchse eröffnen sich dem frühen Reisenden dann eine Vielzahl von Urwegen Richtung Mittelgebirgskamm. Davon künden nicht nur eine Unmenge von tiefen Wegkerben, sondern ein regelrechter Sperrgürtel frühzeitlicher und frühmittelalterlicher Wälle an Werra und Kleinem Thüringer Wald. Ich habe nur einige davon in die Karte eingezeichnet. Wie sollte man sich bei dieser Masse auf Heden festlegen können!? Wegen dem Heimatbezug lasse ich den Herzog die Strecke über Reurith, Suhl, Oberhof nehmen, wo die prähistorischen Bewegungen auch archäologisch gut belegt sind. Hinter dem Rennsteig führt dann wieder ein durchgehender Höhenzug bis Arnstadt, wo Heden ja ebenfalls Güter hatte.

Schloß in Gotha mit Seebergen
Jeder dieser drei Wege bot einige alternative Umwege an (Beispiel Wasungen), die dann aber immer mit zusätzlichen Bachquerungen verbunden waren. Natürlich gibt es nirgendwo ein Schild, auf dem sich Heden verewigt haben könnte. Aber wenn er nicht in Schlängellinie von einem zum nächsten versumpften Talgrund gehüpft ist, oder seine Herrscherzeit im Bett verschlafen hat, wird er auf diesen Pfaden entlang marschiert sein. Wie gesagt: Die Franken scheinen nur noch zur Querung des Mittelgebirges die alten Höhenwege benutzt zu haben. Damit lustwandelten sie auf den Urwegen, die schon in der Bronzezeit als effektiv gegolten haben müssen. Welche der sichernde Wallburgen auf diesen Strecken aber keltisch, welche nachgenutzt aus altgermanischer oder fränkischer Zeit stammt, können nur archäologische Ausgrabungen zeigen.

Donnerstag, 9. Februar 2017

Der Bauernkrieg im Hennebergischen (C.A.)

Im Zeichen des Bundschuhs
Es war die verhängnisvolle Verflechtung von weltlicher und kirchlicher Macht, die am Ende des Mittelalters zu einer schamlosen Ausbeutung der Bauern durch Fürsten und Klöster führte. Die Folge war eine katastrophale Verelendung der Bauern und Dörfer. Außerdem setzte eine enorme Besitzzersplitterung ein, die viele Bauern unter das Existenzminimum drückte.
Der Bauernstand hatte sich im Zuge des Sesshaftwerdens der Völker auf gerodetem Land entwickelt und die Gründung eines Staates hing fast ausschließlich davon ab, ob ein Bauernstand vorhanden war. Das römische Reich z.B. beruhte in seiner Blütezeit wirtschaftlich, sozial und militärisch auf einem freien Bauernstand. Die germanischen Bauern begaben sich dagegen nach der Völkerwanderung in der Mehrzahl in den Schutz und damit in die Abhängigkeit des Adels oder der Kirche, die den Grund und Boden als ihr Eigentum betrachteten und diesen an die Bauern verlehnten. Trotz dieser rechtlichen Abhängigkeit ging es im Mittelalter den Bauern wirtschaftlich relativ gut. Zu dieser Zeit fand der bäuerliche Bevölkerungsüberschuss durch Abwanderung und die Kolonisation des slawischen Ostens noch genügend neuen Siedlungsboden.
Ausbreitung der Aufstände
Erst mit Beginn der Neuzeit verschlechterte sich ihre Lage, weil die adligen Grundherren, vor allem in Mittel- und Ostdeutschland, viele Bauernstellen einzogen (Bauernlegen!), deren Feld ihren Gütern zuschlugen und zu deren Bewirtschaftung die Bauern an sich fesselten, bzw. erbuntertänig z. T zu Leibeigenen machten. Es begann eine erbarmungslose Ausbeutung der Bauernschaft, die sich bald in ihrer Verzweiflung nicht anders zu wehren wussten, als gegen ihre Peiniger vorzugehen. 1524/25 erschütterte ein ungestümer Aufstand der Bauern vor allem Süd- und Mitteldeutschland. Es kam zum Bauernkrieg. In Wirklichkeit handelte es sich nicht um einen Krieg. sondern um einen verzweifelten Hilfeschrei der unteren hart bedrängten Volksschichten.
Schon von der karolingischen Zeit an, als frühdeutsche und freie Bauern, von anmaßenden Adligen zielbewusst bedrückt wurden, bis zum Tag der Veröffentlichung der 95 Thesen von Luther, waren schon eine ganze Reihe von Empörungen ländlicher Volksschichten zum Ausbruch gekommen. Nicht nur auf deutschen Boden, sondern auch in Frankreich, sowie in den schweizerischen Bergen (Wilhelm Tell) . Aus all diesen bluttriefenden Aufständen hatten die vielen kleinen und größeren Machthaber nichts gelernt, kein Erbarmen, kein Mitgefühl, keine Menschlichkeit, keine Gerechtigkeit, bis endlich im ersten Viertel des 16. Jh. die bäuerlichen Heerscharen in ihrer letzten höchsten Not mit dröhnenden Schlägen an die Tore der Schlösser, Burgen und Klöster pochten.
Bauernhaufen
Die schwäbischen Bauern forderten in 12, die fränkischen Bauern in 7 Artikeln u.a. die Beschränkung des Zehnten, Freigabe der Jagd in den Gemeinden, Aufhebung der Leibeigenschaft und Einziehung des Kirchengutes. Es fanden sich auch Adelige und Städte, die die Forderungen der Bauern unterstützten. So u.a. Florian Geyer, Götz v. Berlichingen und Thomas Müntzer, Städte wie Meiningen und Rothenburg o.d. Tauber. Im Verein der Fürsten mit der Ritterschaft und der Kirche wurden der Aufstand der Bauern schon bald in Schwaben, Franken, Elsass und Thüringen erbarmungslos niedergeschlagen. Die Lage der Bauern verbesserte sich nicht.
Was nun unser Henneberger Ländchen, also die Grafschaft Henneberg – Schleusingen und die Grafschaft Aschach/Römhild, betrifft, so fließen die geschichtlichen Quellen über die Ereignisse hier nur sehr spärlich. Die Chroniken von Spangenberg, Heim usw. liefern in ihren Berichten keine Einzelheiten.
Schultes, schreibt in seiner „Diplomatischen Geschichte des gräflichen Hauses Henneberg“ von 1788 folgenden Bericht: „Diese Auftritte der Bauern sind so manigfaltig an verschiedenen Arten von Unglück und Verwüstungen, daß ich gewiß meinen Lesern keinen angenehmen Dienst erweisen würde, wenn ich mich in eine ausführliche Schilderung dieses sogenannten Bauernkrieges einlassen wollte.“ Kürzer konnte sich der gelehrte Mann wirklich nicht fassen. Da ist der Herausgeber der 1676 erschienenen „Poligraphia Meiningensis“, Sebastian Güth, bedeutend mitteilsamer, besonders in Bezug auf die bauernkriegerische Ereignisse in und um Meiningen. Eine ansehnliche Reihe von Briefen aus jener bewegten Zeit und die den hennebergischen Bauernaufstand betreffen, hat Ludwig Bechstein im 2. Band seines „Deutschen Museums“ (1843) veröffentlicht, während sein Sohn, Reinhold, in der „Neuen Folge“ des väterlichen Werkes (1862) noch einige Ereignisse aus dem Bauernkrieg beschreibt, die sich zum Teil auf Franken und Henneberg beziehen.
Wilhelm IV.
Für alle Überlieferungen ist bezeichnend, dass sie sich eingehend mit dem damaligen Herrscher der Grafschaft Henneberg–Schleusingen, den Grafen Wilhelm IV., beschäftigen, in dessen Regierungszeit (1485 - 1559) der Bauernaufstand fiel. Wilhelm war zweifellos eine der interessantesten Persönlichkeiten, die in der Bertholdsburg in Schleusingen residierten. Seinem etwas überfrommen Sinn, betätigte er durch die Begründung der Wallfahrten nach Grimmenthal, gegen die Luther bekanntlich heftig losdonnerte, und den Bau der schönen gotischen Kirche dort. Daneben suchte er durch sittenpolizeiliche Anordnungen der damals übertriebenen Kleiderpracht und den Fress- und Saufgelagen in seinem Ländchen entgegenzusteuern. Als strenggläubiger Katholik, war er gegen die neue Lehre Luthers, auch, weil er den schrecklichen Bauernkrieg mit derselben in Verbindung brachte. Ansonsten machte er mit seiner überzogenen Hofhaltung Schulden, wie seine Vorgänger auch. Verheiratet war Wilhelm mit Anastasia, einer Tochter des Markgrafen Albrecht Achilles von Brandenburg. Mit ihr hatte er 12 Kinder, von denen aber einige schon im Kindesalter starben.
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Und auch der Bauernkrieg war durch gewisse Ereignisse in den Dörfern angekündigt worden. Nur die Obrigkeit wollte davon nichts hören, sehen und wissen. Unter der Bauernschaft rumorte es schon längere Zeit. Die Signale aus dem Süden waren eindeutig.
Mittelalterliches Meiningen
Was Guth dazu in seiner Chronik über die Ankündigung des Aufstandes schreibt, ist allerdings ins Reich der Fabeln und Unwissenheit zu verweisen: „Bald nach Heilig Drei König -Tag hat man abermal, wie zuvor etlichemal im Herbst gesehen, wie große Mengen Krähen um die Stadt Meiningen sich versammelten, darnach in der Lufft wider einander ziehen und streiten gesehen, deren auch eine große Anzahl auf die Erden gefallen.“ Güth berichtet weiter: „Der baurische Aufruhr brach am 9. April 1525, nachdem, er in schwäbischen Landschaften schon längst gewütet hatte, im Norden des Hochstiftes Würzburg aus, zwischen den benachbarten Gebieten von Fulda, Henneberg und Thüringen. Aus einem Wirtshaus in Münnerstadt bewegte sich an jenem Tag ein kleiner Trupp unzufriedener Bauern, voran ein Trommelschläger, durch die umliegenden Ortschaften, ohne jedoch nennenswerten Zuwachs zu erhalten, während in Münnerstadt selbst, wo der Schreiner Hans Schnabel den bedeutsamen Vorsitz führte, schon ein reges Leben und Treiben herrschte, denn es hatten sich hier dreihundert Bürger in Waffen zusammengetan. Schnabel führte sie zum Bürgermeister, wo sie vorgaben, sie wollten draußen das Kloster Bildhausen unweit der Saale einnehmen. Das Kloster gehörte als Würzburger Lehen zu Henneberg. Das Kloster wurde, nachdem fast alle Mönche und der Abt Reißaus genommen hatten, von den Bauern eingenommen, in ein festes Lager umgewandelt und durch Verhaue sowie ausgestellte Posten, die die Zugänge verwahrten, gesichert. Jetzt bekam es auch der Fürstbischof, Konrad von Thüngen, mit der Angst, umso mehr, als auch in Rothenburg ob der Tauber ein unruhiger Bauernhaufe beschlossen hatte, Würzburg heimzusuchen. Da schrieb der geistliche Oberhirte in seiner großen Bedrängnis nicht nur an den Statthalter von Mainz, sowie an den bayerischen Pfalzgrafen Ludwig um Rat und Hilfe, sondern auch an die gesamte Ritterschaft seines Bistums, Grafen, Freiherren und Edelleute. Sie wurden aufgefordert, sich gerüstet zu halten.
Bauernwut
Infolge wachsender Gefahr wurden sie bald darauf an den Hof in Würzburg berufen. Der mächtigste des Hochstiftes, Lehensträger Fürstgraf Georg Wilhelm IV. von Schleusingen, kam, trotz Zusage, nicht und mußte mehrmals aufgefordert werden. Gerade auf ihn, der schon 12 Jahre zuvor einen Schweinfurter Bürgerauflauf strafend gedämpft und stets eine drohende Haltung gegen Luthers Lehre eingenommen hatte, glaubte Bischof Konrad am ersten rechnen zu können. Bald traf denn auch eine begründete Entschuldigung bei diesem ein, indem der alte Schleusinger schrieb, er wäre guten Willens gewesen, beneben der anderen Ritterschaft zu erscheinen, welches er aber nicht habe halten können, denn ohne bar Geld vermochte er keine Reisigen aufzubringen, und er begehre dieserhalb 4000 Gulden. Durch sieben Reiter, unter Führung von Paul Truchseß von Waldburg sandte ihm der Bischof die damals ansehnliche Summe. Als die reitende Gesandtschaft am 27. April 1525 vor den Toren Schleusingens anlangte, wollte man sie nicht einlassen. Graf Wilhelm war nicht anwesend, aber auch keine gerüsteten Dienstmannen. Schließlich nahm die Gemahlin des Grafen das Geld in Empfang und löste das Rätsel um den Grafen: Der von dem Bildhäuser Bauernhaufen bedrohte Henneberger Fürst stand bereits mit den Hauptleuten der Bauern in Maßfeld (Untermaßfeld) in Verhandlung und am 3. Mai bekannte er sich förmlich durch eine feierliche Urkunde zu den 12 Artikeln der Bauern. Dabei gelobte er, daß er mit gutem Willen zu Gott und seinen Heiligen sein Wort handhaben, schirmen und verteidigen zu wollen, alles frei, ledig und loszugeben, was Gott der Allmächtige gefreiet durch und in seinem Sohn Jesus Christus, und fürderhin seinen Glauben mit nachfolgenden Werken zu beweisen“
Arm und Reich, Oben und Unten
Fürstgraf Wilhelm sah sich also gezwungen, sich erst einmal dem aufständischen Bauern anzuschließen, er gelobte die 12 Artikel der Bauern anzunehmen. Er wusste von vorne herein, dass er dieses Gelöbnis brechen würde. Vorerst war er so gut wie wehrlos. In Schleusingen standen ihm fast keine Kriegsknechte zur Verfügung. Anfang April hatte er seinen Sohn Wolfgang mit einer Schar von 63 Rittern zu einem nahen Verwandten, dem Markgrafen Casimir von Fränkisch–Brandenburg nach Ansbach zur Hilfe gesandt. Dort war aber bereits die Gefahr gebannt und da die Unterhaltung seiner Pferde und Reiter hohe Kosten verursachten, wollte er wieder nach Schleusingen zurückkehren. Allerdings hatten die Bauern die meisten Wege nach Schleusingen gesperrt. So verzögerte sich die Ankunft in Schleusingen. Und dabei wuchs die kriegerische Gefahr durch die aufständischen Bauernhaufen mit jeder Stunde.
Burg Schleusingen
Allerdings konnte der kleine, vor die Tore Schleusingens gezogenen Bildhäuser Bauernhaufe der Stadt und Burg nichts anhaben, die Toren blieben zu, die Bürger von Schleusingen waren entschlossen, die Stadt zu verteidigen. Unterstützung bei den Bauern der umliegenden Dörfer fanden die Bildhäuser nicht. Obwohl die Bewohner der meisten Orte des Werratals das Programm der Bauern freiwillig ohne jede Gewaltanwendung angenommen hatten, hielten sich die Dörfer des Amtes Schleusingen in der Mehrzahl (auch Gethles) an ihren Treueschwur auf den Grafen und nahmen nicht an den Unruhen teil. Schließlich zogen die Bildhäuser wieder ab, ohne sich auf einen Kampf mit der befestigten Stadt und Burg einzulassen..
Auch bei Eisenach hatten sich 8000 hennebergische Bauern (der Werrahaufen), befehligt durch die Hauptleute Michael Sachs sowie den Brüdern Melchor und Hans Schippel, und in der Rhön 10 000 Bauern zusammengeschart. Von dieser Armee zweigte sich ein Teil ab und zog vor Hersfeld, während sich die anderen in Vacha a.d. Werra festsetzten. Aus diesem Lager verbreitete sich ein ganzes Fähnlein über die Gegend von Salzungen, wo sie besonders das Kloster Allendorf heimsuchten. Die Nonnen retteten sich in die Wohnung des Salzunger Amtmannes. Als die Bauern die Herausgabe der Klosterschwestern verlangten, verweigerte das der Amtmann mit eiserner Standhaftigkeit. Hierauf lagerten sich die Aufständischen auf einer Wiese vor Salzungen. Dessen bedrohter Rat musste ihnen nicht nur beipflichten, sondern auch Bier und Brot bereitstellen. Das kostete der Stadt 47 ½ Schock Groschen. Es ist aber bezeichnend, dass durch die Maßnahmen der Bauern im Werratal weder einem Mönch oder Pfarrer, noch einem Adeligen körperlicher Schaden zugefügt worden ist.
Tübke: Kunst und Kampf
Neben dem Bildhäuser Lager gab es ein anderes bei Breitungen. Diese hatten sich die zwölf Artikel der schwäbischen Bauern und nicht die sieben Artikel der fränkischen Bauern auf ihre Fahne geschrieben. Die schwäbischen Forderungen gingen weiter als die fränkischen. In ihnen wurden, neben der unbeschränkten Predigerwahl, freie Fischerei und Holzung, Abstellen des Wildschadens, Erleichterung der Frondienste, gerechtes Gericht, Ausschaltung römischer Rechtsbestimmungen und mehr allgemeine Freiheiten gefordert. Derweil bezeichneten sie sich als „Brüder aus dem Hennebergischen Land“ und hatten auf ihrer Bundesfahne ein Kruzifix, daneben einen Vogel, einen Hirsch und ein Stück Wald. Ihr Schwur lautete: „ Ich soll und will, indem ich mich in die Versammlung der Bauernschaft begeben habe, weder geistlichen, noch weltlichen Fürsten Zoll, Zins, Steuern und Zehnten geben bis zu Austragung und End dieser Sache und einen Gott und einen Herrn haben. Das helfe mir Gott und sein heiliges Evangelium. Im Namen des Allmächtigen.
Die oben beschriebenen Ereignisse zeigen, dass der gefürstete Graf in Schleusingen nicht in der Lage war, seine Herrschaft überall in seinem Länd gegen die Bauern ohne fremde Hilfe zu behaupten, als die Müntzer–Anhänger versuchten, die feudale Agrarverfassung radikal zu verändern und sich dabei mit den unzufriedenen Unterschichten der Städte zu verbünden, da ja verschiedentlich selbst städtische Führungskreise zur Rückgewinnung alter autonomer Rechte sich auf ihre Seite schlugen. So war es nicht verwunderlich, dass, angesichts der bäuerlichen Bedrohung, sich der hinterlistige Graf Wilhelm erst einmal auf die Seite der Bauern schlug. Der Fürst musste sich dem Gebot der Bauern auch deshalb fügen, weil ihm noch eine weitere Gefahr von dem Bildhäuser Haufen drohte, der seinen Einfluss von Süden her bis in die Meininger und auch Schleusinger Gegend ausgedehnt hatte.
Zerstörte Henneburg
Wie alles endete wissen wir. Nach kurzem revolutionären Höhepunkt zogen die Werrabauern in ihre Heimatdörfer zurück, z. T. gingen sie in der Schlacht bei Frankenhausen unter. Nach dieser Schlacht holte sich Wilhelm fürstliche Hilfe, den Kurfürsten Johann von Sachsen mit einer 1000- köpfigen Streitmacht in sein Land, mit der am 3. Juni auch die Bildhäuser bei Meiningen und Dreißigacker geschlagen wurden. Immerhin hatten die Bauern eine ganze Reihe von Burgen (u.a. auch Bibra, Reurieth, Landeswehr, Hutsburg, Wallenburg und die Henneburg, die Stammburg der Henneberger Grafen), zerstört und einige Klöster (z.B. Wasungen, Sinnershausen,Trostadt) das Ende bereitet. Zuletzt wurden auch noch im Kloster Veßra mehrere Gebäude angezündet, Grabdenkmäler zertrümmert und die Kirche geplündert. Nur ein Teil der prachtvollen Schätze des Gotteshauses vermochte man nach Schleusingen auf die Burg zu bringen. Nachdem das Kloster zweimal von den Bauern besetzt worden war, gab es bei der ersteren (Ostersonntag) keine Zerstörungen und Plünderungen. Eine zweite Aktion war schon zielgerichteter und diente der Verproviantierung des Bildhäuser Bauernheeres, (von dem ein Teil in Richtung Schleusingen zog, wobei es zu den vorstehenden Ausfällen kam). Andere auswärtige Höfe des Klosters kamen nicht so glimpflich davon. Sie wurden meist geplündert und niedergebrannt. Zwar ließ Wilhelm 1532 alles wieder aufbauen, aber viele Bücher und anderes wertvolle Schriftgut des Kloster war verloren und nicht wieder zu ersetzen. - Die fürstliche Rache fiel auch hier ungeheuer grausam aus.
Geplündertes Kloster Veßra
Noch während der Flucht der Bauern aus Meiningen, am 3. Pfingsttag, schickte Kurfürst Johann zwei adelige Herren in die Stadt. Sie überbrachten den Befehl, dass sich der Rat samt der Bürgerschafte ins Lager unterhalb des Drachenberges zu verfügen habe. Dort mussten sie ein förmliches Treuegelöbnis ablegen und außerdem hatte die Stadt 3000 Gulden Kriegskontribution an Johann zu bezahlen . Wie Güth bemerkte musste der Bauernführer Hans Schnabel ausgeliefert und dem Stockmeister übergeben werden. Nachdem Kurfürst Johann dem Grafen Wilhelm von Henneberg-Schleusingen die Stadt Meiningen, die ja noch zu Würzburg gehörte, bis zur Ankunft ihres rechtmäßigen Herrn, den Bischof zu Würzburg in Schutz und Schirm gegeben hatte, zog er am Donnerstag nach Pfingsten mit seinem Kriegsvolk und 800 Wagen ab. Er hatte Graf Wilhelm genügend Reiter und Fußknechte überlassen um, „die aufrührerischen Bauern folgendes zu vertilgen und auszurotten.“
Wilhelm berichtet an Bischof Konrad von Würzburg über den Stand der Dinge und teilte ihm mit, was man in Bezug auf seine hennebergischen Untertanen vorzunehmen gesonnen sei. Alles Unbill, das er bisher erlitten und erduldete, schob er auf die Stadt Meiningen und auf seine treulosen Bauern.
Bischof Konrad unternimmt nun von Würzburg aus, wo er 60 Anführer köpfen ließ, einen strafenden Vergeltungszug nach Meiningen. Begleitet wird er von Wilhelm und dessen Sohn Johann, damals Amtsverweser (Abt) der Abtei Fulda, 30 Reiter und 400 Fußknechte. Als diese ansehnliche Strafexpedition in Meiningen ankam, waren unterwegs bereits 62 weitere Köpfe gefallen.
Bauernführer Müntzer
In Meiningen werden Rat und Bürgerschaft vor die Burg beschieden, wo der bischöfliche Hofmeister eine strenge Strafrede hielt, in der er alle Missetaten der abtrünnigen Stadt aufzählte und beklagte, dass der kriegerische Tumult „10 mal 100 000 Gulden Schaden verursacht habe. Harte Strafen wurden gegen die Stadt ausgesprochen: sie hatte alle Vorrechte und Freiheiten verloren. So musste die Stadtmauer teilweise eingelegt werden, jeder Bürger hatte von seinem Vermögen 3 Pfennige zu entrichten, sofort waren 3000 Gulden zu erlegen, die Landwehren wurden eingezogen und alle Schranken um die Stadt mussten beseitigt werden, die Bürger durften zeitlebens keine Waffen mehr tragen, auf alle Vorrechte und Freiheiten hatte die Stadt zu verzichten, die aus den Klöstern zur Verschanzung herbeigeholten Grabsteine mussten wieder an Ort und Stelle gebracht werden. Es mussten außerdem 14 Gulden Siegelgeld an bestimmte Edelleute berappt werden.
Opportunist Luther
Das dicke Ende kam hinterher. Zuerst wurden 7 Anführer geköpft, dann nochmals 10. Auch der greise Pfarrer Kellermann, er flehte umsonst um Gnade, wurde hingerichtet. Das Richtschwert wird heute noch im Meininger Rathaus aufbewahrt. Hauptmann Schnabel, im Schloß Maßfeld eingekerkert, wurde mit anderen einflussreichen Männern des Bildhäuser Bauernlagers nach Mellrichstadt gebracht und dort im Beisein des Bischofs hingerichtet. Darunter war auch der Pfarrer von Kissingen. Auch in Dreißigacker, Maßfeld und anderen Dörfern fanden Hinrichtungen statt.
Der bluttriefende Rückzug des hasserfüllten Würzburger Bischofs führte über Fladungen, Neustadt, Bischofsheim, Münnerstadt, Aschach und anderen Gemeinden. Er dauerte 30 Tage und brachte noch 190 Männer um ihre Köpfe. Gegen 300 Hinrichtungen soll der gestrenge Seelenhirte angeordnet haben und Graf Wilhelm der IV. von Henneberg- Schleusingen und sein Sohn hatten dabei ihre Hände mit im Spiel . „In Münnerstadt, wo 20 Bauern hingerichtet wurden, schröpfte der Landesfürst die Stadtkasse zusätzlich um 16.000 Gulden.
Ein Teil des Bürgertums rechtfertigte diese Strafmaßnahmen. So schreibt auch Güth: „Wenn die wirklichen Rädelsführer über die Klinge springen mußten – vielmehr ihre Häupter - so war diese höchste Strafe eine wohlverdiente, denn es ist nicht zu beschreiben, was diese aufrührerischen Bauern mit Abbrennung und Verwüstung so vieler Schlösser und Klöster für unsäglichen und unersetzlichen Schaden getan.
Das Ende noch jeder Revolution
Man kann es daher auch Graf Wilhelm von Henneberg nicht verargen, wenn er die Strafaktionen mit durchführte, denn die rücksichtslosen „Schwarmgeister“ hatten diesen von Natur stolzen Fürsten wiederholt nicht nur schmählich gedemütigt, sondern seinem ausgedehnten Herrschaftsgebiet auch großen Schaden zugefügt. Indes, ein nicht geringer Anteil an dem im Hennebergischen zum Entfachen gebrachten Kriegsbrand dürfte auch seiner nicht immer in den nötigen Schranken verlaufenden Landesregierung beizumessen sein. Die Schuld lag wohl auf beiden Seiten. Ja, wie auch in anderen Gegenden Deutschlands, so wird auch im Hennebergischen nach dem entscheidenden Siege der weltlichen und geistlichen Herren das bedauernswerte Los des ländlichen und städtischen Nährstandes noch verschlimmert worden sein. Nur einzelne Fürsten erbarmten sich der armen Leute ihres Landes.“

Quelle: Henneberger Heimatblätter Nr. 6, Juli 1925