Samstag, 9. September 2017

Altes und Neues vom Muppberg

Muppberg
Der Muppberg über Neustadt bei Coburg. Überall wird seine Schönheit, nicht aber seine Geschichte beschrieben. Dabei muss der dominierende Zeugenberg am Fuße des Thüringer Waldes schon immer Menschen angezogen haben. Seit über 100 Jahren vermuten Heimatforscher auf ihm eine prähistorische Wallanlage. Sie wurden aber nicht ernst genommen. 2015 endlich hat ein junger Archäologe den Nachweis erbracht. Phillip Schinkel von der Uni in Würzburg fuhr für seine Masterarbeit nicht nur reichlich Funde ein, er konnte auch mittels modernster Sondierungsgeräte Wallstrukturen nachweisen und ausgraben. Seine Analyse: Während der Spätbronzezeit haben Siedler der Urnenfelderkultur hier eine befestigte Höhensiedlung betrieben. Nun kann man Herrn Schinkel nur danken, dass er sich auch abseits der renommierten Fundplätze um Aufklärung bemüht, allein - das alles war schon bekannt. Es hätte sich nur mal ein Experte ans Zusammentragen machen müssen.
Bronzebeil
Denn immer wieder waren Keramikscherben auf dem Muppberg gefunden worden, die von der Steinzeit bis ins Mittelalter reichen. Sie lagen sogar gesammelt im Spielzeugmuseum Sonneberg. Außerdem waren im Umfeld des Berges mehrere Bronzebeile zu Tage gekommen. 1970 tauchte auf dem Berg sogar ein keltischer Silberdinar auf, aber der zählt bei Archäologen nicht, den könnte ja ein frühzeitlicher Wanderer verloren haben. Selbst eine Grabung des Bayrischen Amtes für Denkmalpflege, die 2013 Wallschüttungen gefunden hatte, konnte niemanden so richtig elektrisieren.
Für die Bewohner zu seinen Füßen aber war die keltische Belegung ihres Hausberges unbestritten. Sagen, Flurnamen, Monstersteine waren für sie ausreichende Belege. Die Silbe Mupp interpretieren Heimatforscher als keltisch für Schwein oder Mücke. Tatsächlich sind Lage, Struktur und Ressourcen der eindrucksvollen Erhebung typisch für die damalige Zeit.
Phillip Schinkel
Um 1200 vor Christus müssen kriegerische Völkerwanderungen Massen an Menschen nach Mitteleuropa getragen haben. Sie scheinen aus dem Westen gekommen zu sein und sich ausschließlich auf Bergen niedergelassen zu haben. Ursache muss ein von Wissenschaftlern ermittelte Klimakollaps gewesen sein, der zur gleichen Zeit stattgefunden hat. Dieser wird auf einen tektonischen Gau der Europäischen Platte zurückgeführt, der extreme Erdbeben, Vulkanausbrüche, Atmosphärenverseuchung und dadurch bedingten Dauerregen hervorbrachte. Jedenfalls änderten die Menschen damals bei uns schlagartig ihren Grabritus und verbrannten ihre Toten nur noch. Diese Rahmenbedingungen brachten einen einheitlichen Typ befestigter Höhensiedlungen hervor. Ein Berg wie der Muppberg mit weitsichtiger Insellage, trockener Hochfläche, weit oben liegender Quelle, steilen Abhängen und erhöht liegenden Ackerflächen ringsum erzeugte eine regelrechte Zwangssiedlung, wie die Experten sagen.
Topograpie am PC
Philipp Schinkel hat den Muppberg vorbildlich mit all seinen Höhenlinien kartographiert, mittels Infrarotscanning die Bäume am Computer „weggerechnet“ und dadurch den Waldboden sichtbar gemacht, durch Geomagnetische Prospektion Hohlräume und Steinkonzentrationen und damit die verfallenen Wallstrukturen der ehemaligen Pfostenmauern nachgezeichnet. All dieser teuren Verfahren, die sonst nur bei sensationsträchtigen Ausgrabungen zur Anwendung kommen, hätte es gar nicht bedurft. Welcher Archäologe aber getraut sich, eine künstliche Fläche auf einem strategisch günstigen Berg, mit einem eigentümlich fremd klingenden Flurnamen, dazu verwitterte ringförmige Steinwälle drum rum und diversen Zufallsfunden im Umfeld als frühzeitliche Siedlung zu klassifizieren?
Der Wall auf dem Muppberg
Dabei kann die zeitliche Einordnung grob aus Struktur und Größe geschlossen werden. Hier hätten sogar die Funde alleine eine genaue Datierung erlaubt. Die schmalen Streifen, an denen Archäologen dann immer graben, erlauben sowieso nur einen eingeschränkten Blick in die Vergangenheit. Schinkel fand z.B. keine speziellen Artefakte aus der Hallstatt- und Latenezeit. Waren die Siedler da oben also in keltischer Zeit wieder verschwunden? Möglich ist das: Um 500 v. Chr. postulieren die Historiker eine regelrechte Südwanderung der Kelten. Allerdings sprechen die im Sonneberger Spielzeugmuseum aufbewahrten Funde eine andere Sprache.
Vortrag imn Sonneberg
Dazu kommt der Kelten-Dinar! Und zur Beruhigung der Kelten-Fans: Die Urnenfelderkultur schuf die Grundlagen für die Kelten, kulturell, sprachlich und siedlungstechnisch. Dass die Menschen damals die Katastrophenzeit überlebt haben zeigt: Weit waren sie von ihren berühmten Nachfahren jedenfalls nicht entfernt.
Schinkel betont im Interview auch immer die Bedeutung von Handel und Verkehr damals für die Schaffung solcher Höhensiedlungen, eventuell als Versorgungsstationen. Tatsächlich wird der Muppberg auf den Höhenzügen ringsum von Urstraßen geradezu eingerahmt. Die alten Sicherheitsposten ziehen sich wie eine Perlenkette an ihnen entlang. Die Anlagen scheinen seit der Bronzezeit funktioniert zu haben, das jedenfalls legen entsprechende Grabhügel und Siedlungsfunde dort nahe. Die kleinen Wachen und Warten, vor allem aber die germanischen Flurnamen zeugen von ihrer Funktion bis ins Frühmittelalter.
Heunischenburg
Einige sind bekannt, wie die Heunischenburg über Burgstall, die vergangenen Burgen auf Kappel und Schlossberg in Sonneberg, aber auch der Alte Schlossberg über Kaltenbrunn, oder Burggrub selbst. Von den meisten aber wird noch niemand etwas gehört haben: Spitzener und Plestener Berg über Fürth, Altvater bei Kemmaten, Weinberg, Hohe Wart und Mahnberg über Rödental, Lauterberg über Oberlauter, sowie Taubelsberg und Görzenberg über Effelder. Dabei braucht man sie sich nur mal anzuschauen. Nach oben genanntem Muster lassen sie sich sogar ungefähr datieren.
Die Altwege, die sie begleiten, können schon als wahre Kontinentalwege bezeichnet werden. Sie kommen als Salzstraße, Hohe und Kupferstraße von Skandinavien herunter, teilen sich beim Aufstieg zum Rennsteig in mehrere Stränge, um von der Hohen Warte in Steinheid und über die Alte Heerstraße bei Spechtsbrunn rechts und links am Tal Sonneberg/ Neustadt vorbei zulaufen.
Urstraßen um den Muppberg
Bei Kümmersreuth treffen sich die beiden Höhenwege wieder mit dem Ziel, in Donauwörth Anschluss an die spätere Via Claudia Augusta Richtung Italien zu finden. Ich bin all diese Strecken metergenau mit dem Fahrrad abgefahren. Überall das gleiche Bild! Alle 20 - 25 Kilometer - dem Tagespensum der Zugtiere - eine prähistorische oder frühmittelalterliche Befestigung. Bei der Heidenstraße von Köln nach Leipzig ist dieses Stationsprinzip lange bekannt. Eine Ost-West-Verbindung existiert auch auf der Hügelkette südlich vom Muppberg: Heunischenburg-Fürth-Weinberg, quasi als Verbindung der beiden Nord-Süd-Hauptstränge. Die Gebrannte Brücke zwischen Neustadt und Sonneberg könnte mit ihrem im Namen enthaltenen Anti-Feuchtigkeits-Prinzip ein Äquivalent zum Knüppeldamm von Untermaßfeld sein. Auch der stammt aus der Bronzezeit!
Und so gibt es Hunderte vergessene Siedlungs- und Altwegestrukturen in Südthüringen und Franken dem einstigen Grabfeldgau. Alleine identifizierbar an Flurnamen, Geländestruktur oder Lage an Urweg. Ihre genaue Datierung können natürlich nur Ausgrabungen, wie die von Herrn Schinkel bringen. Doch wer soll das bezahlen? Wenn man aber kein Geld hat, sie alle auszugraben, könnte man zumindest anfangen, sie zur Kenntnis zu nehmen. Das betrifft vor allem so wichtige Streitobjekte wie die Geba über Bettenhausen oder der Vieretsknock über Hallstadt.
Damit also keine Missverständnisse aufkommen: Ich stelle hier nicht die Archäologie in Frage. Aber in Zeiten wo Rüstung zum Beispiel monetär wichtiger erscheint als Historie, könnte man ja Prioritäten setzen. Denn beide haben sich wechselseitig immer wieder ad absurdum geführt.